Kippenberger in der Villa Hügel

Eingang zur Ausstellung Künstlerbücher und Plakate von Martin Kippenberger in der Villa Hügel. Schriftzug und ein Foto mit der Villa Hügel

„Ich geh jetzt in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald!“ Das ist das Erste, was mir in den Kopf kommt, wenn ich an Martin Kippenberger denke. Ich sah seine gleichnamige Installation 1998 in der Kunsthalle Köln. Die Kunsthalle ist Geschichte, Kippenberger ist posthum zum Superstar der Kunstszene geworden. Und jetzt habe ich eine fabelhafte Ausstellung mit seinen Künstlerbüchern und Plakaten in der Villa Hügel besucht, die gemeinsam mit der Arbeit „The Happy End of Kafka’s Amerika“ im Museum Folkwang 2xKippenberger präsentiert. Der Besuch in der Villa Hügel war ein sehr feines, kleines und vor allem coronakonformes Blogger*innen-Treffen, zu dem die Kulturstiftung Ruhr nach Essen eingeladen hatte.

„Vergessene Einrichtungsprobleme der Villa Hügel“ – so hatte Martin Kippenberger 1996 einen Katalog betitelt, der eine Ausstellung in der Esslinger Villa Merkel begleitete. Ich bin mir fast sicher, Kippenberger hätte heute an dieser Stelle schnell eine Assoziation zur Kanzlerin eingebaut. Das ist es, was mich immer schon für Kippenberger eingenommen hat. Dieses schnelle assoziative Spielen mit Worten, Bedeutungen und Referenzialität. Und so war es ein großes Vergnügen, in seinen Kosmos über die zahlreichen Plakate und Künstlerbücher einzutauchen. Es ist sicher so, als seien diese Medien perfekt für sein Mitteilungsbedürfnis und für sein künstlerisches Konzept. Verorten können wir das zwischen einer starken Ich-Bezogenheit und dem großen Wir-Gefühl einer jungen Kunstszene, die in den 80er und 90er Jahren nach ihrer Identität suchte.

Es geht bei Kippenberger ganz klar auch um die gesellschaftlichen Bezüge, die im Alltäglichen gespiegelt werden. Aber immer wieder treibt ihn Suche nach der eigenen Künstlerpersönlichkeit um. Auch wenn er schon früh wusste, dass er Künstler sein wollte, stellte er sich selbst doch auch immer wieder infrage. Zeigte trotz allem Heavy-Burschi-Getue auch eine ganz verletzliche Seite. Deswegen sind es eben nicht nur die markigen Sprüche, die die Faszination für ihn bis heute ausmachen, sondern auch Brüche und Zweifel, die man hier und da zu spüren bekommt.

Heute denken – morgen fertig. Rund 100 Plakate von Kippenberger in den ehemaligen Wohnräumen der Familie Krupp

Ich kenne kaum einen Künstler, der mehr Plakate geschaffen hat, als Kippenberger. Wobei, Picasso! Aber den Übervater wollte Kippi wohl auch übertreffen in seinem Schaffensdrang. Seine Plakate sind geprägt vom Remix-Gedanken, der eigentlich erst mit dem Internet so richtig aufgetreten ist. Aber dessen Wurzeln unter anderem auch in der Dada-Bewegung liegen. Von dieser führt eine direkte Linie in die künstlerische Arbeit Kippenbergers. Apropos Dada: 1984 liefen Kippenberger und Co. übrigens zur Ausstellungseröffnung im Museum Folkwang mit Nudeln auf dem Kopf auf. Hier auf dem rosafarbenen Plakat sieht man sie noch wie brave Schuljungs im Anzug stehen. Aber wehe, wenn sie losgelassen …

Provokation, Grenzen austesten, das konnte er! Und obwohl ich in den 80ern im Dunstkreis seiner Kölner Präsenz (er residierte damals im Hotel Chelsea) Kunstgeschichte studierte, hätte ich mich nie getraut, mich seinem inneren Zirkel in einer der bekannten Locations zu nähern. Coole Socke, aber auch arrogant und gefährlich, so dachte ich damals. Heute lese ich mich in „Kippenberger. Wie es wirklich war“ ein. Ein sehr schönes Buch, 2007 herausgegeben von Diedrich Diedrichsen, das ich nur empfehlen kann. Aber zurück zu seinen Plakaten, die in der Villa Hügel aus den reichen Beständen des Folkwang Museums präsentiert werden.

Ein Phänomen Kippenbergers war das Einbinden von vielen seiner Weggefährten in so manche Arbeit. So rief er einige dazu auf, Bücher für seine Installation „The Happy End of Franz Kafka’s ‚Amerika'“ beizusteuern. Oder er regte Künstlerinnen (ja, auch) und Künstler an, für eine seiner Ausstellungen oder andere Gelegenheiten Plakate zu entwerfen. Und so kann man heute seine internationale Vernetzung nachvollziehen und ihn mit den Blicken anderer noch einmal neu entdecken. Und plötzlich ist Kippenberger Sammler und Kurator, stellt Mappenwerke aus den Beiträgen zusammen („Pop it out“ zeigt zum Beispiel Positionen zeitgenössischer Kunst Anfang der 90er Jahre mit u.a. Christopher Wool oder Cosima von Bonin). Ein Plakat hat es mir besonders angetan und mich überkommt ein sehr nostalgisches Gefühl, wenn ich unten vom Broadway Café lese. Dann fühle ich mich plötzlich so alt. Denn das legendäre Broadway Kino auf der Ehrenstraße vis à vis von der Buchhandlung König gibt es schon ewig nicht mehr.

Das Künstlerbuch

Und Buchhandlung König ist auch schon das Stichwort für den zweiten Teil der Ausstellung in der Villa Hügel. Die trägt also den Untertitel „Vergessene Einrichtungsprobleme der Villa Hügel“. Eines der Highlights der Ausstellung ist dann auch folgerichtig ein Möbel. Die „Berliner Mauer“ ist ein besonderes Bücherregal mit einer fetten Leselampe. Das Objekt hatte Kippenberger für das Schaufenster eben jener Buchhandlung König entworfen und Walther König lieh es jetzt erstmals für die Ausstellung wieder aus. Es findet im imposanten Gartensaal seinen Platz und man denkt fast, dass es auch dahin gehört. Auf der Leselampe finden sich übrigens Fotos von Kippenbergers Kippen. Im Bücherregal stehen einige seiner Bücher. Unter anderem auch „Hotel Hotel“ und „Hotel Hotel Hotel“. In diesen Bänden sind Zeichnungen vereint, die er auf Hotelpapier aus aller Welt angefertigt hat. Die Kombination von weiter Welt und persönlichen Assoziationen zu den unterschiedlichen Logos der Hotels ist genial. Es ist ein großes Vergnügen, diese Zeichnungen zu betrachten. Fast, als habe er eine Art zweite Weltkarte über die real existierende gezogen. Ähnliche Konzepte der Vermessung der Welt verfolgte er auch bei „Input – Output“, einem Künstlerbuch, in welchem er sämtliche Grundrisse seiner Wohnungen oder Ateliers auf Hotelrechnungen (Hotel Chelsea) zeichnete.

Kippenberger fand ich schon immer gut

Und seine Künstlerbücher sind wirklich beeindruckend. Sein erstes war direkt ein Coup! 1978 brachte er mit 25 Jahren „Vom Eindruck zum Ausdruck. 1/4 Jahrhundert Kippenberger“ heraus. Das Buch enthielt zwar leere Seiten, wurde aber mit Bildern aus dem Leben des jungen Kippenberger geliefert , die man sich selber einkleben konnte. Panini lässt grüßen. Zwei Jahre zuvor war seine Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen und hatte ihm eine hohe Summe Geld hinterlassen. Sofort setzte Kippenberger dieses in „Projekte“ um, die ihn künstlerisch voranbringen sollten. Eine frühe Selbstbehauptung als Künstler, die in der Villa Hügel auf anrührende Weise präsentiert wird.

Was aber hat es mit „Dieses Leben kann nicht die Ausrede für das nächste sein“ auf sich? Eine Buch aus dem Jahr 1991, das aufwendig gestaltet mit Goldschnitt und Pergament-Anmutung einzig und allein den Brief des Sammlers Ira Wool an Gisela Capitain auf allen Seiten wiederholt. Dort lobt Wool Kippenberger wegen seiner Künstlerbücher und vergleicht ihn mit dem aus seiner Sicht Besten auf diesem Gebiet, mit Dieter Roth. Die Bestätigung von außen ist ihm so viel wert, dass er sie auf diese Weise beschwören muss. Das Unternehmen Künstler Kippenberger als ganz fragiles Konstrukt.

Die Ausstellung in der Villa Hügel zeigt viele Facetten von Kippenberger, wer aufmerksam seine Botschaften liest, der erfährt viel über ihn. Ein kleines Begleitheft gewährt einen ersten Einblick. Aktuell ist die Ausstellung leider nicht zu besuchen, was den aktuellen Coronamaßnahmen geschuldet ist. Wir erleben traurige Zeiten, aber auf der Webseite gibt es mehrere Möglichkeiten , die Ausstellung zu erleben. Besonders ans Herz legen möchte ich euch die kleinen Audiofiles, in denen Dr. Tobias Burg einen mitnimmt zu einzelnen Künstlerbüchern und René Grohnert zu einigen der Plakate. Der Besuch der Villa Hügel ist und bleibt natürlich etwas Besonderes. Auch diese kluge Intervention, die den Blick auf Kippenbergers Arbeiten lenkt und mit dem speziellen Ort so viele Assoziationen beim Betrachter auslöst, ist ein Erlebnis. Besonders gelungen fand ich die Präsentation der Künstlerbücher in den Vitrinen, die sich frech und selbstbewusst vor die altehrwürdigen Folianten der bildungsbürgerlichen Bibliothek gestellt haben. Ich bin froh, dass ich die Gelegenheit zum Besuch wahrgenommen habe und habe dennoch viel Verständnis für die Schließung. Hoffen wir sehr, dass bald bessere Zeiten kommen und wir alle die Pandemie überstanden haben.

Dieser Blogbeitrag entstand im Rahmen einer bezahlten Kooperation mit der Kulturstiftung Ruhr.

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6 Comments

  1. Hi Anke,
    besten Dank für diesen schönen Artikel und den damit verbundenen Tipp zum Ausflug an den Baldeneysee und ins Folkwang-Museum.

    • Hallo Nikolai, freut mich, wenn ich dich dazu animieren konnte, mal nach Essen zu fahren. Wenn es wieder geht, solltest du UNBEDINGT auch die Villa Hügel besuchen. Ein absolutes Highlight in der Region. Ich hätte stundenlang dort verweilen können.

  2. Liebe Anke, wunderbar persönliche Sicht auf die Ausstellung und auf Martin Kippenberger. Bereichernd 🙂 DANKE dafür!

  3. Liebe Anke von Heyl, vielen Dank für den netten gemeinsamen Vormittag in der Villa und Deinen tollen Beitrag. Die „Kippenberger-Infektion“ wird dadurch wunderbar gefördert und wir hoffen – trotz Corona bedingter aktueller Schließung – doch in absehbarer Zeit wieder Besucher in der Villa Hügel begrüßen zu können.
    Ute Kleinmann

    • Danke, liebe Ute Kleinmann, es war wirklich ein Highlight, Kippenberger bei euch zu sehen. Und ich wünsche mir für die Ausstellung viele weitere Besucher*innen. Denn das MUSS man gesehen haben.

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