Femme fatale – der erotische Jugendstil

Aus dunklen Augen trifft den Betrachter ein melancholischer Blick, das Profil ist klassisch fein gezeichnet, und eine Kaskade von lockigem Haar umrahmt das bleiche Gesicht. Die Projektion des Idealbildes „Frau“ schlechthin. Dem gegenüber steht die gefährliche Frau, eine zeitgeschichtlich beeinflusste Interpretation des Frauenbildes, die es seinerzeit zu einem regelrechten Kult brachte. Das Femme fatale-Fieber brach aus! Dämonische Frauen blickten einen von überall her an. Das Beitragsbild zeigt die Schauspielerin Tilla Durieux von Franz von Stuck 1893 gemalt als Circe (Berlin, Alte Nationalgalerie).

Es ist sicher kein Zufall, dass das dekadente Frauenbild der Femme fatale seinen Höhepunkt in der Kunst und Literatur des späten 19. Jahrhunderts fand. Mit ihrem Gegenpart, der Femme fragile, bevölkert die Femme fatale die Bilder und Buchseiten der Jahrhundertwende und scheint sich in der Atmosphäre des Fin de Siècle, in den luxuriösen Salons und im Schmuck der Belle Époque, besonders wohlzufühlen. Dieser Zeit haftete der Zauber des Mystischen an, der gepaart mit dem Flair des Verfalls eine seltsam schwere und schwarze Stimmung zu begünstigen schien. Gleichzeitig befinden wir uns in einer Epoche, die geprägt ist vom Wertewandel, was Familie und Rollenverständnis angeht, und in einer Zeit der beginnenden Emanzipation. Über allem schwebt der Geist der Psychoanalyse, die sämtliche Lebenszusammenhänge einzig und allein auf den sexuellen Trieb reduzieren möchte. Das Verhältnis zwischen Mann und Frau ist gestört und treibt seltsame Blüten der Fantasie.

Starke Frauen

Nicht nur in der bildenden Kunst, auch „im wirklichen Leben“ tauchten Frauenfiguren auf, die als Paradebeispiele der Femme fatale gelten dürfen – Lou Andreas-Salomé zum Beispiel. Allein ihr Name evoziert die Erscheinung einer männermordenden Intellektuellen; die engen Beziehungen zu Geistesgrößen wie Nietzsche, Freud und Rilke würzen die Geschichten um das Leben der Autorin, Psychoanalytikerin und Feministin. Wie aufgeheizt die Stimmung zwischen den Geschlechtern im Fin de Siècle gewesen sein muss und wie sehr auch die Kunstbetrachtung jener Jahre dadurch geprägt war, zeigt eine schon fast grotesk anmutende Interpretation des Lächelns der Mona Lisa. Der Dichter Théophile Gautier beschrieb es als Ausdruck von sich windender Wollust gepaart mit dem Wissen um deren Verderben bringende Wirkung.

Die Kunst oder Die Liebkosungen, 1896, Musées Royaux des Beaux-Arts, Brüssel

„Salome“ und „Sphinx“

Was auffällt, ist eine Häufung von Bildmotiven à la „Salome“ oder „Die Sphinx“ mit Frauengestalten, die den Betrachter zwischen Faszination und Schrecken bewegten. Besonders im prüden wilhelminischen Dunst wirkten die lasziven Frauenbilder auf- und anregend. Salome, die biblische Gestalt, durch deren Verführungskünste Johannes der Täufer den Tod finden musste, wurde von Künstlern wie Klimt oder Stuck exemplarisch als Beispiel für die „unheilvolle“ Frau dargestellt. Die pure Sinnlichkeit der Frauenleiber – hier gern mit Gold und Geschmeide gesteigert – wurde dadurch legitimiert, dass man einen moralisch motivierten Stoff aus der Bibel zitierte. Die Tatsache, dass ein Gemälde Erotik und gleichzeitig den Tod darstellt, liefert eine perfekte Vorlage für die Kunstbetrachtung der Décadence. Bei Franz von Stuck wird die Wirkung des Bildes durch die Darstellung des Tanzes akzentuiert, der als Symbol eines rauschhaften Zustands gilt. Stuck interessiert sich für den Geschlechterkampf als Teil des menschlichen Daseins und behandelt diesen in verschiedenen Motiven.

Das mythologische Motiv der Sphinx lieferte Künstlern wie Dichtern einen neuen Aspekt in der Geschlechter-Thematik. Am eindringlichsten hat der Belgier Fernand Khnopff diesem Wesen Leben eingehaucht zu haben. Khnopff, der bekannt war für seine ausgeprägte Vorliebe für den Okkultismus. Zudem liebte den androgynen Frauentypus, hinter dem sich seine Schwester Marguerite verbarg. Deutlich stellte er das Katzenhafte – hier gepaart mit der sinnlichen Exotik eines Leoparden – in den Vordergrund. Die Sphinx schmiegt sich an, zeigt sich mit geschlossenen Augen zärtlich, gleich wird sie den Jüngling leidenschaftlich küssen. Aber dieser Kuss, diese Verführung wird zu keiner Erfüllung gelangen, denn die Tatsache, dass die Sphinx vom Bauch abwärts kein Mensch ist, macht ihr ein normales Lieben unmöglich. Wenn man sich in so eine Frau verliebt, so ist man verloren – sie kann nicht zurücklieben. Ein Topos, den auch Oscar Wilde in seiner Novelle von der Sphinx aufgegriffen hatte. Franz von Stuck gelingt es sogar, diese Eigenschaft der Sphinx psychologisch zu vermitteln, ohne dass er auf die Darstellung der Zwitterhaftigkeit angewiesen ist – allein durch die Körperbewegung der nackten Frau.

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Franz_von_Stuck_-_Die_S%C3%BCnde_1893.jpg

Franz von Stuck und die Frauen

Am augenfälligsten wird die Rolle der Frau als Femme fatale allerdings in den Gemälden (hier eines aus der Alten Pinakothek in München), die Franz von Stuck ab 1893 schuf. Immer wieder setzte er sich mit dem Thema „Die Sünde“ auseinander. Seine Femme fatale präsentiert ihren weißen Leib in einem anregenden Kontrast vor dunklem Hintergrund und steigert die triebhafte Atmosphäre durch einen animalischen Pelzumhang. Die bösen Augen der gefährlichen Schlange blitzen kurz aus dem Dunkel auf. Die erotische Brisanz der Verführung, die mit diesem biblischen Thema verbunden ist, stellt Franz von Stuck in einer äußerst gewagten Kombination von „Frau“ und „Schlange“ dar, die er in der Version von 1895 kaum eindeutiger als Phallussymbol hätte verweisen können. Die Schaulust der Gesellschaft bedenkend, präsentierte er seine „Sünde“ dem Publikum in einer altarähnlichen Inszenierung im Gesamtensemble seiner Malerfürsten-Villa. Franz von Stuck zeigte sich fasziniert von der erotischen Anziehungskraft des Themas und verzichtete in späteren Darstellungen auf die Rechtfertigung durch das biblische Thema. Nun zeigte er die pure „Sinnlichkeit“.

Der Geschmack der Zeit

Gerade in einer Zeit, in der die vorherrschende Moral eher restriktiv mit Themen wie Eros und Lust umging, schien die Fantasie beflügelt. Die Sinne „verschwülten“ sich geradezu, wie Stefan Zweig es einmal passend ausdrückte. Charles Baudelaire griff bei seiner Beschreibung der Femme fatale zu äußerst drastischer Sprache: „Das Weib hat Hunger, und es will essen.“ Er zeigte damit, wie sich der Mythos der alles verschlingenden Frauengestalt im Fin de Siècle vor allem durch die literarischen Vorbilder umsetzte. Während im wahren Leben die Arbeiterinnen in den Fabriken schufteten und die Suffragetten für das Frauenwahlrecht demonstrierten, entstand in einer künstlerischen Parallelwelt das Motiv der Femme fatale. Die Fantasiebilder gehen in späteren Bildfindungen über in die Figur des „Vamps“, deren Küsse an die Vorbilder blutsaugender Monster erinnerten. Die schwarze Romantik der Jahrhundertwende delektiert sich genüsslich an dieser Thematik.

Verglichen mit den eindeutigen Darstellungen seiner masturbierenden Modelle, die Klimt eine Menge Ärger einbrachten, oder der Art wie Egon Schiele die Sexualität ausdrückte, sind die erotischen Konnotationen auf den Bildern mit dem Motiv der Femme fatale zurückhaltend. Wie die Schleier der Salome zeigen sie nicht alles, aber gerade hierin geben sie Impulse für eine ausufernde Fantasie.

Lulu, in grünseidenem Morgenkleid, steht regungslos vor dem Spiegel, runzelt die Stirn, fährt mit der Hand darüber, befühlt ihre Wangen, trennt sich vom Spiegel mit einem missmutigen, halb zornigen Blick, geht nach rechts, sich mehrmals umwendend, öffnet auf dem Schreibtisch eine Schatulle, zündet sich eine Zigarette an, (…), legt sich auf die Chaiselongue, dem Spiegel gegenüber, (…).

Schwarz (…) Mir ist täglich, als sähe ich dich zum allerersten Mal.

Lulu Du bist schrecklich.

Schwarz sinkt vor der Chaiselongue in die Knie, (…) Du trägst die Schuld.

Lulu ihm die Locken streichelnd Du vergeudest mich.

Schwarz Du bist ja mein. (…) Ich habe nichts mehr, seit ich dich habe – Ich bin mir vollständig abhanden gekommen…

Lulu Nicht so aufgeregt.

Auszug aus: F. Wedekind, Erdgeist, 1895 – Zweiter Aufzug – Erster Auftritt

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