Der Mythos Gustav Klimt

Wieso war er eigentlich der Meinung, an ihm sei nichts „extra interessant“? Es existiert wohl kaum ein Künstler an der für uns so spannenden Epochenschwelle, der derartig neugierig macht: einerseits wegen seiner sensationellen Kunst, andererseits aufgrund der zahlreichen Geheimnisse um seine Person. Gustav Klimt ist die Ausnahmeerscheinung der Malerei um 1900 und ein unmittelbarer Wegbereiter der Moderne. Seine Rolle innerhalb eines der wichtigsten Zentren des Jugendstils gibt Einblicke in die Paradigmenwechsel dieser Zeit, und bis heute umweht seine Kunst der Mythos des Genialen. Nicht zuletzt wegen der exorbitanten Preise, die seine Werke auf dem internationalen Kunstmarkt erzielen. Ein Blick in die Zeit vor den großen Erfolgen zeigt interessanterweise bereits eine Karriere des „Klimt vor Klimt“.

Begabter Junge

Gustav Klimt wurde 1862 in der Wiener Vorstadt Baumgarten in die vielköpfige Familie eines böhmischen Goldgraveurs geboren, zwei Jahre später folgte der Sohn Ernst, und 1867 kam Georg zur Welt. Mit seinen beiden Brüdern verband Gustav Klimt eine enge Beziehung, die sich später auch in einer fruchtbaren Zusammenarbeit äußerte. Das außerordentliche Talent von Gustav wurde sehr früh entdeckt, und so durfte der 14-jährige Junge bereits an der Wiener Kunstgewerbeschule lernen und wurde  unter anderem von Ferdinand Julius Laufberger unterrichtet. Dort begegnete er auch seinem späteren Mitstreiter Franz Matsch. Keine zwanzig Jahre alt, gründeten die Brüder Klimt und Franz Matsch 1881 eine Ateliergemeinschaft, in welcher sie unter dem werblichen Titel „Künstler-Compagnie“ aktiv nach Aufträgen Ausschau hielten. Über die Vermittlung des Lehrers Laufberger, der das Talent der jungen Männer erkannte, kamen sie schnell an Möglichkeiten, zu zeigen, was in ihnen steckte. Das Kunsthistorische Museum in Wien und die so genannte Hermesvilla waren neben zahlreichen Theatertreppenhäusern solche Projekte, für die es in der k. u. k. Gesellschaft viel Beifall gab. Obwohl er durchaus der Tradition Hans Makarts verpflichtet schien, erkannte man bald, dass Klimt zu größerer Leistung fähig sein würde. 1891 traten die Mitglieder der „Compagnie“ dem Künstlerhaus bei und bewegten sich einträglich auf der Welle damaliger Salonkunst.

Nachdem sich im Leben Gustav Klimts alles so überaus positiv entwickelt hatte, traf ihn das Schicksal im Jahre 1892 besonders hart. Der plötzliche Tod seines Vaters setzte ihn an die Spitze einer Familie mit noch minderjährigen Kindern, für die er nun der Ernährer sein musste. Als im selben Jahr auch noch der geliebte Bruder Ernst starb, schien für Gustav Klimt eine Welt zusammenzubrechen. Auch hier fühlte er sich der jungen Witwe – Helene, die Schwester seiner Freundin Emilie Flöge – und dem gerade geborenen Töchterchen verpflichtet. Man kann mit einiger Berechtigung sagen, dass Gustav Klimt, hätte er weiter im Fahrwasser der Künstler-Compagnie bleiben können, irgendwann einmal das Erbe Makarts angetreten hätte. Allerdings wäre aus ihm so niemals der alles überragende Künstler geworden, der er nach diesen Ereignissen wurde.

Skandal!

1892 – noch in  Allianz mit Matsch – gelangte ein Auftrag an Klimts Adresse, der seine Entwicklung maßgeblich bestimmen sollte. Die Artistische Kommission der Universität Wien fragte nach Entwürfen für die Deckengemälde der Aula. Matsch legte vor – wohl auch in der Absicht, Klimt auszustechen –, wurde aber abgelehnt. Er musste weitere Entwürfe einreichen und holte nun endlich auch Klimt an seine Seite. Das neue Konzept sah vor, um ein zentrales Deckengemälde, das das Licht der Aufklärung symbolisieren sollte, die vier Fakultäten Medizin, Philosophie, Jurisprudenz und Theologie zu arrangieren. Es wurde angenommen, und Klimt machte sich an die Vorschläge für die Medizin, Philosophie und Jurisprudenz. Was dann folgte, war einer der wirklich einschneidenden „Kunstskandale“ der Neuzeit, welcher deutlich machte, wie sehr sich die Auffassung Klimts, nicht mehr den traditionellen Weg der historisierenden Allegorie zu beschreiten, von der allgemeinen Kunstrichtung entfernt hatte. Insbesondere die in den Vordergrund gestellte Nacktheit, die Klimt in die Bilder als überzeitliches Moment eingebracht hatte, lieferte den Stein des Anstoßes. Klimt arbeitete mehr als zehn Jahre an den Fakultätsbildern. Zunächst wollte man ihm auferlegen, seine Entwürfe dem konservativen Stil von Franz Matsch anzugleichen. Dann mischten sich antisemitische Stimmungen („jüdische Unverschämtheit“) und nationalistische Hysterien („Verlogenheitsorgien“, so etwas als österreichische Kunst anzusehen) in die Aufregung um die Fakultätsbilder. Gustav Klimt versuchte, sich so gut es ging auf seine Kunst zu konzentrieren und sich nicht auf die Auseinandersetzungen einzulassen. Am Ende jedoch kapitulierte er. Obwohl er sich das Geld von einem Mäzen leihen musste, gab er das bereits gezahlte Honorar für den Auftrag zurück und erhielt seine drei Bilder wieder, die er dennoch  der Öffentlichkeit vorstellen wollte. Bereits 1902 hatte er in seinem Gemälde „Goldfische“ das provozierend ausgestreckte Hinterteil einer Frauenfigur mit dem Zusatz „an meine Kritiker“ untertitelt, und auch das Gemälde „Nuda veritas“ (1899) hätte die Grundhaltung des Künstlers deutlicher kaum darstellen können: „Allen gefallen ist schlimm“ lautete nach Schiller die Inschrift auf dem Bild. Den Problemen zum Trotz, die Klimt durch die kunstpolitischen Aufregungen um seine Kunst gemacht wurden, lässt sich festhalten, dass diese durchaus auch zur Weiterentwicklung seiner Kunst beitrugen. Die Auseinandersetzung mit der „Nacktheit“, die immer wieder auch zu einer provozierend offenen Darstellung geriet, war weiterhin ein zentrales Thema für Klimt.

Der goldene Klimt

Mit einer Sezessions-Ausstellung 1903 hatte Klimt dem Wiener Publikum seine Aufwartung gemacht und mit 48 Gemälden und etlichen Zeichnungen seinen neuen Stil gezeigt. Auffällig – und durchaus dem Geschmack des Publikums entgegenkommend – zeigte sich die „goldene Phase“ des Künstlers, in welcher er seine Begeisterung für byzantinische Mosaike demonstrierte, die er auf einer Italienreise kennenlernen durfte. Daneben machte sich auch ein deutlicher Einfluss des allseits rezipierten Japonismus bemerkbar. Klimt hatte in seinem Atelier zahlreiche Rollbilder hängen und liebte die Stoffmuster der Kimonos. Besonders die extremen Hochformate der Phase ab 1900 scheinen auf die Beeinflussung durch die  japanischen Vorbilder zurückzuführen zu sein.

Will man sich intensiver mit den Vorbildern in der Kunst Klimts beschäftigen, so stellt man fest, wie wichtig für den Künstler die Ausstellungen der Sezession gewesen sind. Diese waren ja mit einem gewissen Vermittlungsanspruch angetreten und zeigten beispielsweise europäische Malerkollegen wie Fernand Khnopff und Jan Toroop. Beide hinterließen eindeutige Spuren im Werk Gustav Klimts. Die Einzelausstellung 1903 machte auch endlich die hinter Abdeckungen versteckten Wandbilder des „Beethovenfries“ sichtbar. Hier hatte Klimt sich in der ein Jahr zuvor stattfindenden Ausstellung der Sezession, die nach dem Konzept eines Gesamtkunstwerkes entstanden war, selbst übertroffen. Was für ein Glück, dass sich niemand getraut hatte, nach Ausstellungsende die Klimt-Malereien zu entfernen. In der radikalen Reduziertheit der Malerei und dem persönlich motivierten Ansatz der Allegorien zu Beethovens Neunter Symphonie ist der „Beethovenfries“ einzigartig. Über 34 Meter, verteilt auf eine Höhe von 2 Metern, stellt Klimt drei Themenkomplexe vor, die er analog zur Musik entwickelt hatte: Genien, leidende Menschheit und Ritter – Feindliche Gewalten: Gorgonen, Gigant, sündhafte Leidenschaften, Elend – Genien und Poesie, Künste, Chor und Umarmung. Besonders eindrucksvoll geriet der Gigant, den Klimt als Affen darstellte und mit den Schicksalsgöttinnen zur feindlichen Gewalt vereinte. Diesen gegenüber entwickelte er hier erstmals das Motiv des Kusses, welches für die „Ode an die Menschheit“ stand und einen weitreichenden symbolischen Charakter offenbaren sollte. 1907 schuf Klimt mit dem monumentalen Gemälde „Der Kuss“ schließlich die absolute Inkunabel der Sezessionskunst – ein Bild, das die Vereinigung von Mann und Frau auf mystisch-lyrische Weise präsentierte. Dieses Motiv findet sich  auch auf einer mit Diamanten gesäumten Brosche wieder, welche Gustav Klimt Emilie Flöge zum 34. Geburtstag schenkte – ein Beweis dafür, dass die Beziehung der beiden doch mehr als rein platonisch gewesen war.

Diesen Kuss der ganzen Welt

Die sensationelle Darstellung im „Beethovenfries“ hatte auch Adolphe Stoclet beeindruckt, einen reichen Bankier aus Brüssel, der sich 1902 mit seiner Frau in Wien aufhielt. Zurück in Brüssel, beauftragte er Josef Hoffmann mit dem Bau eines Stadtpalais und bat Gustav Klimt hinzu, damit er für  das Speisezimmer einen ähnlich beeindruckenden Fries entwickeln sollte. Bedingt durch die enge Zusammenarbeit mit dem Entwerfer Hoffmann schien Klimt die Entwicklung abstrakter Formfindungen zu gelingen, die näher am Kunsthandwerk als an der Malerei lagen. Die Stirnwand des Frieses ziert eine amorphe Komposition: Bilder wie der Lebensbaum sowie  ein weiteres „Kuss“-Motiv orientieren sich an den allgegenwärtigen geometrischen Formen, die in der Technik des Mosaiks haptisch erfahrbar scheinen. Beim Stoclet-Fries zeigte sich einmal mehr eine fruchtbare Allianz mit einem potenten Auftraggeber. Die begleiten auch die späteren Schaffensjahre des Künstlers, in denen Klimt vor allem zum Porträtisten der „haute Juiverie“, des reichen jüdischen Bürgertums von Wien, avancierte.

Die Konzentration auf die Porträtmalerei war zum einen ein Ergebnis aus dem Rückzug nach den enttäuschenden Erfahrungen mit dem öffentlichen Auftrag der Universität. Auf der anderen Seite zeigten sich hier aber auch deutlich die individuellen Bezüge, die immer wieder im Werk Klimts auftauchen. Neben vielen Affären mit seinen Modellen, die in den Bildern reflektiert werden – einschließlich der daraus entspringenden Kinder des Malers –, schien vor allem die neue Schicht aufgeschlossener moderner Frauen der Gesellschaft reizvoll für Klimt. Adele Bloch-Bauer war so eine Frau. Verheiratet mit einem deutlich älteren Mann, kinderlos nach zahlreichen Fehlgeburten, leidend, gleichzeitig intellektuell,  elegant und immer auf der Suche nach geistiger Inspiration. In den Bildern Klimts, mit dem sie eine innige Freundschaft verband, tauchte sie erstmals als Judith im gleichnamigen Gemälde von 1901 auf. Fast ist man versucht, diese mit ihren Reizen spielende, arrogant blickende Frau als Salome zu interpretieren, so eindringlich wirkt ihre Präsenz als Femme fatale.

Das Jahrhundertbild

Eine völlig neue Auffassung von Porträt demonstrierte Klimt in dem Bild, das er acht Jahre später von Adele in der Rolle der Judith malte. Er sieht nicht die Frau als Motiv, sondern arbeitet ihre Darstellung in ein ornamentales Motiv hinein. 1912 vollendete eine Darstellung der selbstbewussten Frau in einer dekorativen Umgebung, die eindeutig von japanischer Formgebung beeinflusst war, die Porträtreihe. Den Höhepunkt sollte jedoch ein Bildnis bilden, das  als „Goldene Adele“ wesentlich zur Feier Gustav Klimts als Jahrhundertkünstler beigetragen hat. Nachdem Ferdinand Bloch 1903 den Auftrag, seine Gattin zu porträtieren, an Klimt vergeben hatte, machte sich der Künstler an die Komposition. Die Grundstruktur stand schnell fest, und mit einem gewagt angeschnittenen Motiv der zentralen Figur war diese überaus spannend angelegt. Es dauerte jedoch noch ungefähr 100 Skizzen, bis 1907  das fertige Porträt präsentiert werden konnte. Angeregt durch die Impulse der Wiener Werkstätte, die ihm vor allem die Zusammenarbeit mit Hoffmann in Brüssel vermittelt hatte, konzentrierte sich Gustav Klimt vor allem auf das Zusammenspiel des Porträts mit abstrakter Ornamentik. Dabei stand das ausladende Cape im Vordergrund, in welches die stehende Adele gehüllt war. Es verlieh ihr eine statische Erscheinung, die an die Formelhaftigkeit sakraler Darstellungen erinnerte.

Die Fülle der Damenporträts in der Nachfolge der „Adele“ zeigt, wie Gustav Klimt in der Wiener Gesellschaft „herumgereicht“ worden ist. Oftmals entrissen ihm die ungeduldigen Auftraggeber die Bilder in einem Zustand, den der Künstler selbst nicht unbedingt als fertig beschrieben hätte. Klimt galt nicht als glatter Plauderer auf dem gesellschaftlichen Parkett. Konversation strengte ihn an. Er, der sich in einem sehr breiten Wiener Dialekt und nur unwillig äußerte, galt als schüchtern und verschlossen. Nur allzu gerne entfloh er zusammen mit Emilie Flöge in die sommerliche Idylle an den Attersee. Hier entstanden die wunderschönen Landschaften, die das späte Œuvre des Meisters um ein wichtiges Genre bereicherten. Auch wenn sie neben den berauschenden Erfindungen der goldenen Bilder oder den Wagnissen der abstrakten Anklänge in den Friesen ein wenig unspektakulär dastehen – die späten Landschaftsbilder des Gustav Klimt sind ebenfalls experimentelle Bildfindungen, die ungewöhnliche Perspektiven im  beliebten Quadratformat präsentierten. Ob mit einem Fernrohr oder mittels Schablone – Klimt suchte nach extravaganten Perspektiven. Es wäre ihm nie eine Panoramamalerei klassischer Prägung in den Sinn gekommen. Vielmehr lieferte er Auf- und Untersichten der mittels kleinteiliger Farbflächen strukturierten Natur – ganz so, als wolle er in ihr aufgehen. Nach all den Aufregungen in der Wiener Szene scheint die Sehnsucht nach Entspannung und Rückzug groß gewesen zu sein. Das tragische Ende Klimts nach einem Schlaganfall 1918 wirkt in angesichts des Kriegsendes noch stärker als Ende einer Ära, der Ära „Klimt“.

1862   Gustav Klimt wird am 14. Juli als Sohn eines Goldgraveurs geboren

1876   Klimt besucht mit Bruder Ernst die Schule des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie

1883   Gründung der Künstler-Compagnie mit Bruder Ernst und mit Franz Matsch

1891   Klimt tritt in der Genossenschaft Bildender Künstler Wiens bei (Künstlerhaus)

1892   Tod des Vaters und des Bruders

1894   Auftragsvergabe für die Fakultätsbilder

1897   Präsidentschaft der neugegründeten Secession (bis 1899)

1902   Gestaltung des Beethovenfries

1905   Austritt aus der Secession, Rückzug vom Auftrag für die Fakultätsbilder

1907   Adele Bloch-Bauer I

1907-1908 Der Kuss

1909 -1911   Arbeit am Stoclet-Fries

1912   Präsidentschaft beim Österreichischen Künstlerbund (gegründet 1906)

1916   Ausstellung in der Berliner Sezession gemeinsam mit Schiele und Kokoschka

1918   Gustav Klimt stirbt infolge eines Gehirnschlags

Share

Kommentar verfassen