Die Abtei von Villers-La-Ville

Vor fast 40 Jahren unternahm ich mit meinem damaligen Freund eine erste gemeinsame Reise. Sie führte uns zu Tante Heidi, die in dem kleinen Örtchen Ceroux etwa 50 Kilometer außerhalb von Brüssel lebte. Wir fuhren mit meinen quietschgelben VW-Käfer dorthin und waren einigermaßen beeindruckt von der französisch angehauchten Lebensart in der belgischen Provinz. Tante Heidi schickte uns auch nach Villers. „Das müsst ihr sehen“, rief sie und ihre Begeisterung hatte nicht zu viel versprochen. Stundenlang schlichen wir total beeindruckt in den Klosterruinen umher, die gigantische Ausmaße hatten. Wieder zurück in Köln begannen wir – wir waren damals sehr romantisch unterwegs – uns Gedichte und Geschichten rund um fiktive Geschehnisse in der Abtei zu schreiben. Damals natürlich nicht auf WhatsApp sondern in ein blaues Notizbuch, dass wir uns gegenseitig aushändigten, jeweils mit neuen Inhalten (und Zeichnungen) versehen. (Ich weiß, dass ich es irgendwo noch habe, aber ich finde es gerade nicht!!)

Nun war ich auf der KultourWallonie wieder in Villers-La-Ville. Als ich diesen Ort auf der Kultur-Route sah, die als Serviervorschlag auf den Seiten von Belgien-Tourismus Wallonie steht, war mir sofort klar: da will ich unbedingt hin. Wunderbar, dass mir sofort alles organisiert wurde und ich sogar einen perfekten Guide an meine Seite bekam. Vielen Dank an dieser Stelle schon einmal an André Schreiber für die tolle Führung mit Herzblut!

Die Abtei wurde von den Zisterziensern gegründet, die einst von Bernard von Clairvaux ausgesandt wurden, ein beeindruckendes Netzwerk über ganz Europa zu ziehen. Was da alles dran hängt und wie diese und andere Klöster organisiert waren, wird einem im Eingangsbereich didaktisch gut vermittelt.

Vor ca. 5 Jahren hat man den ganzen Komplex umfassend saniert, Vieles barrierefrei gemacht und sehr klug ein Besucher*innenleitsystem ersonnen, das einen am Anfang mit Informationen versorgt und mit kleinen künstlerischen Installationen sowie einer spannenden Zeitleiste durch das Gelände unterhält. Nebenbei glaube ich auch, dass dies eine ganz gute Möglichkeit sein wird, die Gruppen ein bisschen zu entzerren, die zu Stoßzeiten hier mit Busladungen ankommen. Vorbei an einigen wunderbaren Gartenanlagen geht es dann rüber zur Abtei selbst. Schon auf dem Weg dorthin fällt mir auf, dass es hier neben dem natürlich massiven (im wahrsten Sinne des Wortes) romanischen bzw. gotischen Baustil auch viele andere Zeitschichten zu sehen gibt. André kann seinen ursprünglichen Beruf als Ingenieur nicht verleugnen und weist mich auf unterschiedliche Bauphasen und auch die Restaurierungsbemühungen aus dem späten 19. Jahrhundert hin.

Gigantisches Bauvorhaben – die mittelalterliche Abtei Villers

Im Jahr 1146 kamen die Zisterziensermönche in das Herzogtum Brabant gezogen und beschlossen, hier ein Kloster zu errichten. Unter dem aus Himmerod in der Eifel nach Villers entsandten Abt Karl wurde der ehrgeizige Plan umgesetzt, hier eine der größten Klosteranlagen der Zisterzienser zu bauen. Mit einer Kirche, die zunächst romanisch begonnen und 1267 im gotischen Stil vollendet wurde. Noch heute steht man still vor Staunen vor den Überresten dieses 94 m langen, 23 m hohen und 40 m breiten Baus. Mich fasziniert es immer wieder: Zu sehen, zu welch enormen Leistungen die Menschen damals fähig waren. Das Kloster bot in seiner Blütezeit rund 100 Mönchen und weiteren 300 Laienbrüdern Platz. In der Architektur der Kirche spiegelt sich auch die Spiritualität des Klosterlebens wider. Dort gibt es zum Beispiel sogenannten Okuli. Durch diese runden Öffnungen in den Wänden des Chores und des Querhauses fiel im Tageslauf unterschiedlich das Licht auf die versammelten Mönchen, die dort still im Gebet vereint waren. Über die Lichtmystik gotischer Architektur gibt es viel zu erzählen, es genügt aber eigentlich auch, mit offenen Augen mal in solcher Architektur zu verharren.

Im Jahr 1796 wurde die Abtei Villers aufgelöst (die französische Revolution!!!) und es gehört zu einem der traurigen Kapitel dieses wertvollen Kulturerbes, dass es in den Jahren danach als Materialien-Steinbruch benutzt wurde. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde abgetragen und für den Häuserbau an anderer Stelle verwendet. So dümpelten die Überreste dieser einst so stolzen Anlagen vor sich hin. Bis zu dem Zeitpunkt, als in Folge der romantischen Bewegung eine neue Begeisterung vor allem für die mittelalterlichen Ruinen durch Europa zog. Man weiß u.a. von Victor Hugo, dass er nach Villers pilgerte und dort Zeichnungen anfertigte. Mittlerweile gab es auch eine Eisenbahnlinie, bei der man aber gottseidank verhindern konnte, dass sie quer durch die Klosteranlage führte.

Ein ambitionierter Baumeister und die Restaurierung der Abtei

Die Abtei ging in das Eigentum des belgischen Staates über und als solches war sie natürlich von nationalem Interesse. Als dann noch durch einen Sturm große Teile des Kirchenschiffes eingestürzt waren, war klar: es muss etwas getan werden, um die Überreste zu sichern. Mit Charles Licot nahm sich ein junger Architekt der Sache an und ab 1893 wurden umfangreiche Sicherungs- aber auch Erneuerungsarbeiten in Villers durchgeführt. Dabei gab es oft hitzige Diskussionen, ob und in wieweit man „Ruinen“ restaurieren sollte, welchen Wert die originale Substanz habe und bis zu welchem Ausmaß man mit neuen Bauteilen eingreifen dürfe. Im Laufe der Zeit veränderte sich auch die Einstellung zu Fragen des Erhalts von Denkmälern. Man weiß heute längst, dass sämtliche Annahmen, wie es früher einmal gewesen sein müsse, immer in den nächsten Generationen als überholt gelten werden. Deswegen versucht man heute auch nicht mehr, anzugleichen und auszubessern. Sondern lediglich den aktuellen Zustand zu erhalten und zu sichern. Für solche interessanten Diskussionen bietet die Anlage der Abtei Villers reichlich Anschauungsmaterial. Allein das Nebeneinander von alten und neuen Fenster-Fassungen spricht Bände.

Durch die kenntnisreiche Begleitung von André Schreiber wurden meine Blicke beim Besuch auf einzelne bauliche Details gelenkt, die vor allem deswegen so gut nachvollziehbar sind, weil wir heute vor den unverputzten Steinmauern der Abtei stehen.

Besonders das ehemalige Gästehaus der Abtei hat mich in seinen Bann gezogen. Angeblich – so geht die Legende – entstand es innerhalb von nur zwei Wochen und die Bauleute zogen von dannen, ohne ihren Lohn zu verlangen. Wer da wohl seine Hand im Spiel hatte? Mir gefällt übrigens das Prinzip der klösterlichen Herbergen, die jeden willkommen hießen, der hier vorbei wanderte. Wobei, das stimmt leider auch nicht wirklich. Denn Frauen wurden hier nicht aufgenommen. Nun ja, sie wären damals wahrscheinlich auch nicht auf Wanderschaft gegangen.

Steht man im ehemaligen Speisesaal des Gästehauses, so hat man freien Blick auf die Kreuzgewölbe, eine technische Meisterleistung des Mittelalters. Die Ende des 13. Jahrhunderts fertig gestellte Halle ist 40 Meter lang und ihre Gewölbe lagern auf großen Säulen. Nach außen wird der Druck der massiven Bauteile (oben waren die Schlafsäle) über Stützen abgeleitet. Im 16. Jahrhundert hatte man das Gästehaus übrigens in eine Brauerei umgewandelt.

Die Gärten des Klosters Villers-La-Ville

Neben einem wunderschönen Ziergarten – dem Jardin de l’Abbé gibt es einen Apothekengarten und auch einen Garten, der von Hildegard von Bingen inspiriert wurde. Gärten gehören ja immer zu den Klöstern, denn das Wissen um die heilenden Wirkungen der Pflanzen wurde von den Mönchen und Nonnen gewahrt. Oft fungierten sie als Ärzte und Apotheke für die Region. Heute hat man die alten Anlagen wieder hergestellt und besonders der Apotheken-Garten wird mit viel Liebe gepflegt und züchtet sogar in einem Beet Pflanzen, die bei Krebserkrankungen hilfreich sein sollen.

Besonders zu erwähnen ist aber auch der Weinberg der Abtei, der von einem Verein betrieben wird. Ich hatte das Glück, dass André Schreiber ein Mitglied dieses Vereins ist und mir exklusive Einblicke gewährte. Der Weinberg präsentiert sich an der Stelle, wo schon vor 800 Jahren die Mönche ihren eigenen Wein anbauten (der Import von Moselweinen war ihnen nämlich zu aufwändig geworden). In biodiverser Anbauform wird hier auf die gegen so manche Krankheit sehr widerstandsfähige Rebsorte Regent gesetzt. Auf mehreren Terrassen und gutem Boden entsteht ein schöner Wein, der allerdings nur zu besonderen Gelegenheiten verkostet wird. Ein wunderbarer Abschluss dieses tollen Rundgangs endete mit der Erkundung des Weinkellers. Es lohnt sich auf jeden Fall zu einem der vielen öffentlichen Events wiederzukommen und dann vielleicht auch in den Genuss eines Gläschens zu kommen. Ich machte mich mit diesen vielen neuen Erinnerungen auf zu meiner nächsten Station: ins ca. 25 Kilometer entfernte Charleroi. Darüber berichte ich dann in meinem nächsten Blogpost.


Transparenz: Ich wurde zu dieser Reise von Belgien Tourismus Wallonie eingeladen und all meine Kosten (Übernachtung, Verpflegung, Führung und Eintritt) wurden übernommen. Ich habe ein Honorar für die Blogbeiträge erhalten.

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3 Comments

  1. Oh, das ist schön. Das würde ich auch mal gerne besichtigen. Ich war ja in den Ruinen von Orval und fühlte mich dort auch verzaubert.
    Eine Eisenbahnlinie durch die Klosterruinen zu bauene – was für eine Schnapsidee!

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