Abenteuer in Charleroi

Während ich verfolgte, wie Ute und Wibke durch ein idyllisches Örtchen nach dem anderen flanierten, gab ich mir die volle Breitseite urbanen Lebens mit einer mehr als fünf Stunden dauernden Stadterkundung unter der Leitung des Künstlers Nicolas Buissart. Charleroi Adventure – da habe ich sofort hier gerufen, als mir Barbara von Belgien Tourismus Wallonie diese ungewöhnliche Tour vorschlug. Denn ich mag das sehr, dieses Entdecken abseits der üblichen Touristenpfade. Und gerade das angeblich so hässliche Charleroi zog mich magisch an. Die Nummer mit dem Strukturwandel nach dem Niedergang der Kohle kam mir natürlich auch sehr vertraut vor. Mit der Aussicht auf Streetart und weiteren Überraschungen am Wegesrand steigerte sich meine Vorfreude. Hier berichte ich euch von der City-Tour und von weiteren Highlights, weswegen ich einen Besuch in der drittgrößten Stadt Belgiens (mit ca. 200.000 Einwohnern) nur jedem empfehlen kann.

Dankenswerter Weise durfte ich mich einer Gruppe von Architektinnen und Architekten anschließen, die die Tour als Betriebsausflug gebucht hatten. Alle – wie ich auch – mit Wanderstiefeln bestens gerüstet und mit vollen Rucksäcken. Leider hatte ich versäumt, mir ein ordentliches Picknick einzupacken und dachte am Bahnhof vor dem Snack-Angebot noch, ein Apfel wird schon reichen. Gottseidank kehrten wir auf der Tour in einer Kneipe ein und ich konnte mich mit einer Charcuterie-Platte einigermaßen stärken. Die Tour ist nämlich nichts für Schwache. Wer allerdings gut zu Fuß ist und auch ein bisschen unwegsames Gelände gewohnt, der wird mit wirklich tollen Blicken belohnt.

Zunächst einmal ging es aber in einem kleinen Bogen durch die Innenstadt und Nicolas machte sich zu nutze, dass an verschiedenen Stellen in der City historische Stadtansichten zu sehen sind. So erfuhren wir erst einmal als Grundlage etwas über die Entstehung der Stadt, die auf den Habsburger Karl II. zurückgeht und von den Einwohnern angeblich Carolo genannt wird.

Im 17. Jahrhundert gab es hier ein ziemliches Hin und Her – von den spanischen Niederlanden über die Franzosen unter Ludwig XIV. bis es wieder zurück in die spanischen Niederlande ging. Dann kam Napoleon, der hier noch einmal einen letzten Triumph feierte, bevor er bei Waterloo endgültig geschlagen wurde. Richtig spannend wird es aber in Charleroi, als die dortigen Kohlevorkommen im späten 19. Jahrhundert die Stadt zu einem prosperierenden Zentrum des Industriezeitalters machten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog es viele Gastarbeiter nach Charleroi, besonders aus Italien. Bereits in den späten 60er Jahren begann sich allerdings der Strukturwandel mit dem Niedergang der wallonischen Stahlindustrie bemerkbar zu machen und viele wurden wieder arbeitslos. Daraus entstanden Probleme, die bis heute nachwirken.

Monumentale Zeugnisse der Industriekultur

Fährt man durch die Innenstadt von Charleroi, so sind sie überall sichtbar: Die riesigen Industrieanlagen, aus denen bisweilen noch etwas zischt und quietscht. Sie sind Monumente einer vergangenen Epoche, die wie geheimnisvolle Riesen oder Monster nur zu schlafen scheinen. Wir folgen Nicolas durch einen Trampelpfad und eine kleine schmale Arbeitsbrücke über den Kanal, um diesen ein paar Kilometer entlang zu wandern. Im Vorbeigehen nehmen wir ganz eigentümliche Konzerte mit. Hier ein ohrenbetäubendes Krachen, als gerade Stahlschrott in den offenen Schlund einer Weiterverarbeitungsmaschine geladen wird. Oder dort das Rauschen einer wasserfallartigen Kühlung. In der Ferne sieht man Kühltürme und Hochöfen. Eigentlich eine perfekte Kulisse für dystopische Filmaufnahmen und tatsächlich kommt es gar nicht so selten vor, dass Produktionen bei Nicolas anfragen.

Während unserer Tour gibt es immer wieder Streetart zu sehen und ich erfahre, dass Nicolas mit einem Freund einen heute oft als Keyvisual für Berichte über Charleroi genutzten Schriftzug geschaffen hat. Nicolas kennt die Szene der Urban Art hier sehr genau. Er ist hier geboren und hat die Stadt verinnerlicht. Deswegen kann er auch mit sarkastischem Witz auf die Schwachstellen hinweisen. Leider bekomme ich seinen Humor nicht komplett mit. Dafür ist mein Französisch zu schlecht. Aber das macht nichts – ich lasse alles auf mich wirken.

Zum Beispiel steckt viel Potenzial in verlassenen Hallen. In einer laufen wir in Proben für eine Aufführung hinein und begutachten einen angesagten Club, der sich anscheinend auch in Corona-Zeiten hat retten können. Das ist ja immer derselbe Kreislauf: Künstler entdecken verlassenes Terrain, die Grundstückpreise sind bezahlbar und mit dem Engagement einiger Akteur*innen wird etwas Neues und Wertvolles geschaffen. Wollen wir hoffen, dass das in Charleroi auch gelingt. Auch wenn ich das Unfertige, Dreckige und Rohe immer sehr gerne mag.

Am Ende der Tour erklimmen wir noch eine der Halden, die für den Kohleabbau so typisch sind und die hier in Charleroi zum Teil zu grünen Oasen geworden sind. Von dort oben gibt es einen atemberaubenden Rundumblick. Eine wahrhaft außergewöhnliche Urban Safari und ich war glücklich, das mitgemacht zu haben.

Die Haldenerklimmung ist übrigens eine perfekte Überleitung zu einem weiteren Highlight meines Charleroi-Trips (neben dem Jugendstil natürlich). Denn zum Abschluss meines Aufenthaltes besuchte ich noch das Musée de la Photographie. Centre d’art contemporain de la Fédération Wallonie-Bruxelles. Dort ist auch ein Foto von Roger Anthoine zu sehen, das ein junges Paar (ca. 1955) beim Besteigen einer Halde zeigt. Unten kocht der Pott, sie trägt ein helles Sommerkleid und er zieht sie die letzten Meter rauf auf die Halde. Das hat mir gefallen. Obwohl alles grau in grau ist und nach schwerer Arbeit riecht: die beiden sind happy dort oben. Frisch verliebt und blicken voller Zuversicht in die Zukunft.

Architektonisches Highlight und eine tolle Sammlung: das Photomuseum in Charleroi

Die Sammlung besteht aus 100.000 Fotografien lese ich in dem Pressekit, das mir an der Kasse ausgehändigt wird. Wow, auch wenn immer nur so um die 800 ausgestellt werden, ist das beeindruckend. Ende der Siebziger fand sich mit Photographie Ouverte ein Verein um das Engagement von Jeanne und Georges Vercheval zusammen und begann die Idee eines Museums für Photographie zu entwickeln. Über eine erfolgreiche Triennale der Photographie in den 80er Jahren sammelte man Unterstützer*innen in der Stadt und brachte eine Galerie an den Start. Im ehemaligen Karmeliterkloster Mont-sur-Marchienne konnte dann tatsächlich 1987 das Musée de la Photographie eröffnen. Heute zeigt sich der Komplex mit einem Umbau und einem spannenden Anbau (2008, Escaut Architecture) als großartige Anlage, von der mir auch der kleine Park besonders gut gefallen hat. Im Außenbereich sind einige zentrale Fotoarbeiten im Großformat als Installationen zu sehen, die den Rundgang noch einmal besonders machen. Eigentlich muss man mehrmals kommen, um die ganzen Ikonen der modernen Fotographie zu verarbeiten. Es sind alle versammelt und mich freuten Wiederbegegnungen wie die mit August Sander aber auch manche Überraschungen wie die Fotos von Magritte.

Michel Vanden Eeckhoudt

Und dann hat mich noch die Sonderausstellung mit Arbeiten von Michel Vanden Eeckhoudt umgehauen. Ich verlinke euch mal einen Zeit-Artikel, der einen Einblick in seine Arbeit gibt (bin immer unsicher, mit zeitgenössischer Fotokunst und der Veröffentlichung, hatte das nicht final mit dem Kassenpersonal diskutieren wollen). Seine Fotos sind schwarzweiß und zeigen vor allem Tiere. Nicht sonderlich inszeniert, aber immer aus einem besonderen Blickwinkel aufgenommen, der die Meisterschaft des Fotografen deutlich macht. Denn diese scheinbaren Momentaufnahmen in alltäglichen Situationen kondensieren eine derart starke Emotion, dass sie sofort über die Augen ins Herz übergehen. In diesem Augenblick hab ich es sehr bedauert, dass ich ganz alleine dort war, denn ich wollte eigentlich sofort mit jemanden darüber reden, was mich so sehr bewegte.

Das war also mein erster Besuch in Charleroi. Aber ich möchte gerne bald wieder hin. Es gibt noch viel zu entdecken. Die Stadt ist auch Comic-Metropole, was man an überlebensgroßen Skulpturen wie dem Marsupilami und anderen Gestalten im Stadtbild erkennen kann. Das Magritte-Haus in Châtelet möchte ich gerne auch noch besuchen. Und die Maison dorée steht noch in meinen Notizen. Das Photomuseum verträgt unbedingt einen zweiten Besuch. Mein nächster Kurzurlaub in der Wallonie ist also fest eingeplant. Dann geht es auch zu den bezaubernden Örtchen, von denen Ute und Wibke berichten. Ich hoffe, ich konnte euch auch neugierig machen und vielleicht plant ihr ja auch mal einen Ausflug. Anregungen habt ihr jedenfalls mit #KulturWallonie genug.


Transparenz: Ich wurde zu dieser Reise von Belgien Tourismus Wallonie eingeladen, sämtliche Kosten wurden übernommen und alles auf wunderbar für mich organisiert. Zudem erhielt ich ein Honorar für die Blogbeiträge.

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