Au weia – Brillo!

Skandal! Skandal! Die Brillo-Boxes sind nicht echt! Einige zumindest. Sie wurden von einem schwedischen Tischler 1990 angefertigt. Pontus Hultén wollte sich wohl eine Kleinigkeit hinzu verdienen zum kargen Ausstellungsmacher-Gehalt! Warhol hatte eine Ausstellung 1968 auf Einladung Hulténs im Stockholmer Moderna Museet mit unzähligen Brillo Kartons bestückt. Aus Ermangelung genügender „ready mades“ ließ er dann einfach einige hundert in Sperrholz fertigen und mittels Siebdruck angleichen.
brillo.jpg


Natürlich kann man jetzt nicht hergehen und beliebig neue Sperrholz-Brillos fertigen. Obwohl: eigentlich doch! Man darf nur nicht behaupten, es seien Warhol-Originale und dafür Hundertausende kassieren. Die Spirale der Frage nach einem Original-Kunstwerk im Falle Warhols ist allerdings jenseits der Geldfrage wieder einmal neu zu drehen. Im Grunde offenbart sich in diesem Akt etwas, das Warhol in seiner sarkastischen Art ebenfalls oftgenug skizziert hatte, die falsch verstandene Geilheit nach „echten“ Warhols.
brillo_boxes.jpg
Und wie ist es mit dem tiefen Verständnis dieser angeblich „berühmten Kunstwerke der neueren Kunstgeschichte“? Immer wieder sah ich mich einem aggressiven Unverständnis gegenüber, wenn ich Menschen durch das Museum Ludwig führte und vor den Brillo-Boxes stehen blieb. Und das ging durch sämtliche Gesellschaftsschichten. Pubertierende Schüler ebenso wie „kunstinteressierte“ Rechstanwälte.
„In the Future, everyone will be famous for fifteen minutes.“
Wer diesen Satz auf der Zunge zergehen lässt und die gesellschaftskritischen Ansätze dahinter erkennt, auch wenn sie nicht offenbar gemacht werden durch direkte Kommentare, der kann sich auch der Bedeutung der Brillo-Boxes nähern. Alltägliches wird berühmt, so wie es hier präsentiert wird. Die Kartons, die wie im Supermarkt um die Ecke aufgestapelt sind, wirken außerhalb ihres normalen Umfeldes völlig anders und plötzlich „besonders“ und „wertvoll“. Sollte man nicht die Anekdote um die nachgemachten Boxes auch noch in diesen Bedeutungszusammenhang nehmen? Warhol hätte die Sache bestimmt entsprechend für sich genutzt!

Ähnliche Beiträge

  • Na ja

    8,4% der freiberuflich arbeitenden Künstler wollen ihren Beruf an den Nagel hängen. Deutscher Kulturrat gibt Studie zur Selbstständigkeit von Künstlerinnen und Künstlern in Deutschland heraus Die meisten freiberuflichen Künstler sehen auch für die Zukunft die Freiberuflichkeit als den richtigen Weg für ihre künstlerische Entfaltung. Bemerkenswert ist, dass immerhin 21,1% der befragten freiberuflichen Künstlerinnen und Künstler…

  • Berliner Bahnhof

    Er ist einer der größten Kreuzungsbahnhöfe Europas und steht auf einer Art „grüner Wiese“ mit viel Platz um sich herum: der neue Berliner Hauptbahnhof, der im Mai diesen Jahres triumphal zum Wohle der Reisenden eröffnet wurde. Die Homepage der Deutschen Bundesbahn feiert das filigrane Bauwerk, das für sie eine logistische Herausforderung darstellte und immer noch…

  • Desperate Housewives

    Eine von vielen Serien, die aus dem fernen USA auf unsere heimischen Fernsehbildschirme flimmern – aber schon der Vorspann verheißt mehr als nur langweilige Massenware. Na ja, die altbekannten Inhaltsstoffe von serientauglicher Suchtwirkung sind natürlich schon enthalten und die Themen zwischen Sex and Crime sind dann zugegebener Maßen hollywoodesker Mainstream. Dennoch: gut gemachte Unterhaltung. Aber…

  • Simone und Jean-Paul

    Sie siezten sich lebenslang und sie führte ihm angeblich immer die jungen Geliebten zu! Was für eine exzentrische Beziehung, die sämtliche bürgerliche Beziehungskonzepte komplett über den Haufen warf. Sicher waren Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre als Paar ein Vorläufer der 68-er Bewegung und haben in ihrer kompromißlosen Art tatsächlich Maßstäbe gesetzt. Aber waren…

  • I want Kitsch

    Kunst muss immer wieder auch an Grenzen stoßen und Fragen nach Ästhetik, Sinn und Bedeutung ausloten. Das kann auf der einen Seite geschehen, indem man sich provozierend gegen alles stellt, was schön ist. Aber auch, indem man das Schöne bis an die Grenzen des Kitsch hin auslotet – und sogar darüber hinaus geht. Jeff Koons…

  • Traurige Songs

    Kora Jünger, Hamburger Künstlerin mit eindeutig amerikanischem Einschlag, findet mit Bleistift und Papier zu Bildern, die den Zustand zwischenmenschlichen Agierens in der heutigen Zeit einzufrieren scheinen. Mit bedrückend traurigen Zeichen, die einen zum Lachen bringen und absurd-pointierten Bilduntertiteln blättert sie ein Agieren von Menschen auf, die allesamt entrückt oder betrunken oder sonst irgendwie irritierend abseits…

Kommentar verfassen