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Biennale auf den letzten Drücker

Schon seit vielen Jahren fahre ich gerne im Herbst zur Biennale nach Venedig. Als ich 1986 zum ersten Mal dort war, zuckelte ich noch mit meinem R4 über die Alpen. (Er war goldfarben und hatte einen Batman-Aufkleber. Deswegen nannte ich ihn liebevoll „Batmobil“.) Ich war kurz vor dem Abschluss meines Studiums und sehr neugierig auf die Biennale. In München war eine kunstinteressierte Freundin zugestiegen, mit der ich über das Gelände wanderte. Damals übrigens noch ohne Arsenale – diesen Teil der Biennale gibt es erst seit 1999. Ich kann mich noch an Polkes Farbexperimente im deutschen Pavillon erinnern. Er hatte damals den Goldenen Löwen gewonnen. Nein, keine Angst, Omma erzählt jetzt nicht weiter vom Krieg. Eigentlich wollte ich euch meinen Eindruck von der diesjährigen Biennale schildern.


Klar, das Wesen der Biennale ist das Nebeneinander von sehr unterschiedlichen Positionen. Man hatte sich die Weltausstellungen zum Vorbild genommen. Seit 1895 gibt es die Biennale schon! In diesem Jahr war es demnach schon Nummer 56! In den Giardini geht es um die Länderpositionen. Eine Art Kunst-Leistungs-Schau. Und jahaa: ich fand auch den japanischen Pavillon ganz toll. Am liebsten hätte ich mich dort in eine Ecke gesetzt und mich ein bisschen im Kreativen Schreiben geübt. Diese poetische Installation hätte mit Sicherheit sehr anregend gewirkt. Aber man hat ja schließlich zu tun!

Ich mag auch die Architektur der Länderpavillons sehr. Da kann man sicher auch eine Menge ablesen und mir gefällt es, wenn die Künstler sich auch mit der vorhandenen Architektur des jeweiligen Pavillons auseinandersetzen. Da der deutsche Pavillon immer noch die Züge der Umgestaltung unter den Nationalsozialisten trägt, muss sich der deutsche Beitrag immer daran reiben. Besonders ist mir Isa Genzkens Idee in Erinnerung, den Pavillon einfach mit der typischen orangenen Baustellen-Plane abzudecken (2007). In diesem Jahr finde ich es schwierig, einen Zugang zum deutschen Beitrag zu finden. Wunderbar, was Roland Nachtigäller darüber auf dem Marta-Blog schreibt: „Deutschland – ehrbar, aber Hito Steyerl frisst sie alle“. Sehr lesenswert, seine Einschätzung der Biennale. Und ich bin ein bisschen froh, dass er auch nicht von allem überzeugt ist bei der diesjährigen Präsentation. Man hat ja immer ein bisschen ein schlechtes Gewissen, wenn man nichts so richtig toll findet. So, als ob man sich nicht genug angestrengt hätte!! Seinem Beitrag entnehme ich aber auch, dass ich doch einiges verpasst habe. Es gab bestimmt noch viel, das mir gefallen hätte!

Arsenale

Es ist jedes Mal wieder ein sinnlich-haptisches Erlebnis, durch die alten Werftanlagen zu gehen (Baubeginn um 1104!!). Ich mag den Geruch, den Blick auf das z.T. offen gelegte Gemäuer, die monumentalen Säulen, die Rundbogenfenster. Und mir gefällt auch die Idee einer kuratierten Schau, die sicher ein Gewinn für die Biennale insgesamt ist. 2015 ist Okwui Enwezor hier verantwortlicher Kurator. Sein Thema „All the World’s Futures“ meint eigentlich alles und am Ende meines Rundgangs blieb mir doch nichts so wirklich in Erinnerung. Halt doch: einen Favoriten habe ich doch ausgemacht: Qiu Zhijie war spannend. Seine kalligraphischen Arbeiten boten wahre Entdeckungsreisen durch Mikro-Landschaften und seine fulminante Installation „Jingling Chronicle Theatre Project“ hatte etwas von einem Wunderland mit fliegenden Teekesselchen. Mittendrin ein runder Spiegel wie aus einem barocken Gemälde – der perfekte Selfie-Point. Mahnend lag ein riesiger Tierschädel in einer anderen Ecke, auf dem „No Photos“ stand.

Der Goldene Löwe

Konzeptkunst schreit meistens nicht laut „Hallo, hier bin ich“ und so war es auch ein bisschen schwierig, sich auf den Beitrag von Adrian Piper einzulassen, die den Goldenen Löwen als beste Künstlerin erhalten hat. Irgendwie konnte ich mich auch nicht durchringen, an einem der drei Schalter einen Kontrakt abzuschließen, der mich zum Teil der Performance „The Probable Trust Registry: The Rules of the Game #1-3“ hätte werden lassen. Die Kreidetafeln von Piper, die ein paar Räume weiter gezeigt wurden, erinnerten mich natürlich sehr an Joseph Beuys.

Erfreulich aber, dass eine Frau den Goldenen Löwen erhielt. Ich habe nicht nachgezählt, aber gefühlt war auf dieser Biennale ein recht großer Prozentsatz Künstlerinnen.

Fazit

Venedig ist immer eine Reise wert und ich liebe die Stadt im Herbst. Ich finde es spannend, die Biennale auch als Spiegel der Zeit zu sehen. Gerade, wenn man in Abständen immer wieder einen Blick darauf wirft, entsteht meistens in der Rückschau noch mal eine neue Sichtweise auf die Dinge. Außerdem habe ich gerne Rituale, mag es, wenn Orte mit besonderen Erlebnissen verbunden werden. Wenn ich das mit lieben Menschen teilen kann. Insofern war die 2015 Biennale zwar nicht meine Lieblings-Biennale. Aber ich werde sie an einem besonderen Ort in meinen Erinnerungen ablegen. Und mich freuen, wenn ich sie bei meinem nächsten Besuch wieder hervorziehen kann.

 

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