Henry van de Velde

Der Gedanke einer neuen Kunst breitete sich über Europa aus und wurde getragen von einem Netzwerk von Kunstschaffenden. Ein Künstler stand dabei an vorderster Front und wurde herumgereicht von Brüssel über Berlin nach Paris, weiter nach Weimar, mit Zwischenstation in Holland und wieder zurück in die Provinz – schließlich auch die Schweiz erreichend. Das waren die zentralen Stationen, die das Leben des Künstlers Henry van de Velde strukturierten. An jedem Ort hinterließ er markante Spuren. Seine Rolle in der Entwicklung des Jugendstils zur Moderne war die eines Pioniers. Selbst ständig mit schwierigen Lebenssituationen kämpfend, um Anerkennung ringend, gegen Depressionen angehend, war van de Velde der Katalysator eines neuen Weges in Architektur und Kunsthandwerk, der Maßstäbe im 20. Jahrhundert setzte.

Die Bekehrung des Malers

Die künstlerische Laufbahn Henry van de Veldes begann als Maler, der gegen den Willen der Eltern die Akademie der Schönen Künste in Antwerpen besuchte. Dort war er 1863 in eine gutbürgerliche Apothekerfamilie hineingeboren worden und nun, 1880, schickte er sich an, ein Anhänger des Nachimpressionismus zu werden. Nach einem Parisaufenthalt initiierte er 1887 die Antwerpener Association pour l’Art Indépendant, und ein Jahr später wurde er Mitglied der Gruppe „Les XX“. Diese Gemeinschaft, die sich 1883 in Brüssel formiert hatte, besorgte zahlreiche Ausstellungen, die Zeugnis gaben vom Schaffen der aktuellen künstlerischen Avantgarde. Allerdings befand van de Velde schon 1889, dass es „wenig Aussicht“ haben würde, seine Arbeiten für die Ausstellungen einzureichen; allenfalls würde ihn „ein ironisches, spöttisches oder wütendes Publikum“ desavouieren. Diese Einschätzung führte zu einem grundlegenden Wandel in seiner künstlerischen Laufbahn, die er – nicht zuletzt beeinflusst durch die Lektüre von Ruskin und Morris – zunehmend im Zusammenhang einer „neuen sozialen Gesellschaftsordnung“ sah. Ihn interessierte die Entwicklung der Malerei nicht mehr. 1893 übernahm er die graphische Gestaltung der Zeitschrift Van Nu En Straks und beschäftigte sich mit der Gestaltung eines Teppichs, den seine Tante in Applikationstechnik ausführte. Im selben Jahr begegnete er über den Maler Théo van Rysselberghe dessen Schülerin Maria Sèthe, die er 1894 heiratete und die sein Interesse an der Erneuerung des Kunstgewerbes teilte, ja sogar aktiv förderte, indem sie von einer Englandreise entsprechendes Anschauungsmaterial mitbrachte.

Neubeginn Bloemenwerf

Die Wandlung zum Entwerfer nach englischem Vorbild schien vollends vollzogen, als Henry van de Velde 1895 sein Haus Bloemenwerf im Brüsseler Nobelvorort Uccle erbaute. Dank der Unterstützung seiner vermögenden Schwiegermutter konnte er hier die Idealvorstellung eines modernen Hauses verwirklichen, welches er von den ersten Zeichnungen bis zum kleinsten Detail der Innenausstattung aus einem Guss entworfen hatte. Es wurde eine kühne und seinen Vorstellungen von einfachen Formen entsprechende neue Art des Wohnhauses. Van de Velde ging – ohne jede Vorbildung als Architekt – fast naiv an die Arbeit; und der Erfolg des Entwurfes war für ihn eine Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein. Das Heim des Künstlers wurde in der Folgezeit zu einem wichtigen Treffpunkt all jener, die sich für die Erneuerung der Kunst und speziell des Kunsthandwerks interessierten. Sogar Toulouse-Lautrec besuchte van de Velde in der Bloemenwerf. Viel wichtiger sollten jedoch zwei Besucher werden, die im Juli des Jahres 1895 unabhängig voneinander zur Besichtigung des Hauses anreisten: Samuel Bing und Julius Meier-Graefe. „Père Bing“ sah sofort die Qualität und Besonderheit der Entwürfe für die Innenräume und säumte nicht, den Künstler für seine eigenen Zwecke zu rekrutieren. Die vier Zimmereinrichtungen, die van de Velde für die Kunsthandlung in Paris entwarf, wurden zum Sprungbrett des belgischen Künstlers in die europäische Kunstszene. Bei der Eröffnung der Maison Bing noch vom französischen Kunsthändler Edmond de Goncourt als „Yachting Style“ eher kritisch aufgenommen, war die Begeisterung anlässlich der Präsentation der Zimmer auf der Dresdner Kunstausstellung 1897 ungebrochen. In der Folgezeit erhielt van de Velde zahlreiche Aufträge aus Deutschland.

Der Kunsthistoriker Meier-Graefe, der in jenem Sommer 1895 ebenfalls den Weg zur Bloemenwerf  fand, war ähnlich begeistert wie Bing. Er eröffnete 1899 in Paris La Maison Moderne und erreichte parallel zu Bing einen ebenfalls nicht unbescheidenen Erfolg, indem er van de Velde die Gestaltung der Fassade und die Innendekoration seines Ladens überließ.

Tropon und die Folgen

Für den Belgier wurde Meier-Graefe aber vor allem ein wichtiger Vermittler weiterer Auftraggeber. Die zentrale Begegnung für die weitere Entwicklung Henry van de Veldes war der Kontakt zu Eberhard von Bodenhausen, der für die Tropon-Werke arbeitete, die dem englischen Grafen Douglas gehörten und deren Nahrungsergänzungsprodukte nunmehr in Deutschland bekannt gemacht werden sollten. Voller Begeisterung schlug Bodenhausen vor, Henry van de Velde für die Firma zu engagieren, und so begann der Künstler  im Juni 1897 mit der Arbeit für den Tropon-Konzern, der sich in Köln-Mülheim angesiedelt hatte. Er entwarf vom Briefpapier über Werbeplakate bis hin zu verschiedenen Verpackungsmodellen als hauseigener Designer erstmals das, was man heute als die Corporate Identity einer Firma bezeichnet – eine durchgängige Linie in der Außenpräsentation. Diese enge Zusammenarbeit zwischen Kunst und Industrie setzte einen Meilenstein in der Entwicklung modernen Designs.

Über Meier-Graefe gab es zeitgleich in Berlin zahlreiche Aufträge, und dort traf van de Velde auch auf Harry Graf Kessler, der ihm ein wichtiger Mentor wurde. Meier-Graefe bat van de Velde, ihm seine Pariser Wohnung einzurichten. Hier wurde zum ersten Mal der legendäre bohnenförmige Schreibtisch aufgestellt, der in seiner konsequent körpernahen Gestaltung seinesgleichen suchte. Auch Bodenhausen und Douglas bestellten ihn, und weitere Interessenten standen auf der Warteliste.

Henry van de Velde G.m.b.H. Kunstwerkstätten

Bei so vielen Aufträgen, zumal oft gleichzeitig nebeneinander, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich aus der wirtschaftlichen Notwendigkeit eine Werkstattgründung entwickeln würde. Es war bekannt, dass van de Velde – ganz künstlerisches Genie – überhaupt nicht mit Geld umgehen konnte. Die Abwicklung der Aufträge mit den entsprechenden Zulieferern empfand er als Zumutung. Und so entschieden sich Eberhard von Bodenhausen und Graf Douglas im Verbund mit Curt Hermann und van de Veldes Schwiegermutter, die wieder einmal als Geldgeberin auftrat, zur Gründung einer Gesellschaft. 1899 konnte van de Velde ein eigenes Werkstattgebäude in Ixelles eröffnen. Nun schien er sein Ideal, Leben und Arbeiten nicht voneinander zu trennen, erreicht zu haben. Alles sah wunderbar aus! Leider blieb die Situation nicht lange so rosig. Zum einen war der Meister nicht gewohnt, wirtschaftlich zu arbeiten, und zum anderen rechneten die Investoren mit einem schnellen Gewinn. Van de Velde brach unter dem Druck der Erwartungen zusammen und musste zur Erholung in ein Sanatorium. Doch Rettung nahte: Die bankrotte GmbH wurde vom Kunsthändler Hermann Hirschwald aus Berlin übernommen, der anbot, van de Veldes Werkstätten mit seinem Unternehmen Hohenzollern-Kunstgewerbe zu fusionieren. Im Oktober 1900 zog van de Velde schweren Herzens mit seiner Familie nach Berlin. Dort hatte er schon vorher eine ganze Reihe von Ausstattungsaufträgen übernommen und durch die Vermittlung Hirschwalds wurde er nun weitergereicht. Beim Durchblättern einer van de Velde gewidmeten Sonderausgabe der Zeitschrift Dekorative Kunst wurde der Hagener Kunstförderer Karl Ernst Osthaus auf den Künstler aufmerksam. Daraus resultierte ein Auftrag für den Neubau des Folkwang-Museums, der 1902 fertiggestellt wurde. Das 1907/1908 erbaute Wohnhaus (siehe Beitragsbild) von Osthaus wurde mit seiner radikalen Einheit von Architektur und moderner Innenausstattung zu einem Treffpunkt der Avantgarde, die den  „Hagener Impuls“ ausmachte. Während der Arbeiten am Museum kam es jedoch zu Problemen zwischen Osthaus und Hirschwald über angeblich falsche Materiallieferungen – inwieweit eine antisemitische Haltung Osthaus‘ eine Rolle spielten, lässt sich heute nicht mit letzter Sicherheit sagen. Neuerliche Streitereien um die GmbH führten zu einem wiederholten Nervenzusammenbruch van de Veldes. 1901 wurde die GmbH aufgelöst – allerdings behielt Hirschfeld bis einschließlich 1906 das Recht an allen bis dahin entstandenen Entwürfen van de Veldes.

Rettung aus der Provinz

In dieser aussichtslosen Lage half die Freundschaft zu Harry Graf Kessler, mit dem van de Velde in Berlin enge Bande geknüpft hatte. Kessler war schon länger mit Elisabeth Förster-Nietzsche befreundet. Die beiden planten, den angeschlagenen van de Velde nach Weimar zu holen. Am 15. Januar 1902 erhielt van de Velde einen Anstellungsvertrag vom Weimarer Großherzog Wilhelm Ernst. Van de Velde sollte die Kunsthandwerker der Region in Fragen der Produktgestaltung und Produktwerbung zu beraten. Für diese Aufgaben schien es ihm sinnvoll, eine Anlaufstelle zu gründen, aus der das kunstgewerbliche Seminar und später die Kunstgewerbeschule und das Staatliche Bauhaus hervorgehen sollten. Van de Velde entwarf einen Bau, der 1907 eröffnet wurde. Unter der Anleitung Kesslers fand sich van de Velde nunmehr in einem Zirkel geistiger Elite wieder, die sich vorgenommen hatte, aus Goethes Weimar ein modernes Zentrum der Kunst zu machen. Doch die visionären Pläne ließen sich nicht durchsetzen, und der Großherzog entzog dem Künstler seine Gunst. Nach jahrelangem Druck reichte Henry van de Velde im Juli 1914 seine Entlassung ein. Seine Situation wurde mit dem Kriegsausbruch immer unerträglicher, und wieder schien er – von Depressionen geplagt – kaum zur Arbeit fähig.

Holland und die späten Jahre

„Der Auftrag der holländischen Mäzene erschien mir […] als die einzige Rettung.“ Diese kam in Gestalt des holländischen Unternehmer-Ehepaars Kröller-Müller. Helene Kröller-Müller war den schönen Künsten zugeneigt, ließ sich von einem Kunstlehrer in die Geheimnisse der Moderne einweisen und war gerade dabei, eine bedeutende Kunstsammlung aufzubauen. Einer ihrer Lieblingskünstler war Vincent van Gogh. Ab 1920 war Henry van de Velde für die Kröller-Müllers als persönlicher Architekt tätig. Seine Hauptaufgabe war der Entwurf eines Museum für die neue Sammlung, dessen Grundstein am 21. Juni 1921 im Naturpark „De Hoge Veluwe“ gelegt wurde. Die eigentliche Umsetzung der Pläne van de Veldes wurde allerdings erst 1936 – in stark reduzierter Form – in Angriff genommen. Van de Velde, der inzwischen eine Professur an der Universität in Gent angenommen hatte, wurde in die Planungen zum belgischen Pavillon auf der Weltausstellung in New York 1939 einbezogen und avancierte zum künstlerischen Ratgeber der belgischen Regierung. Er, der so viel Angst davor gehabt hatte, in sein Heimatland zurückzukehren, schien dort nun als Experte anerkannt. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1943 siedelte er 1947 in die Schweiz über, wo er begann, seine Memoiren zu schreiben. Zehn Jahre später starb er in Zürich im biblischen Alter von 94 Jahren.

Henry van de Velde sah sich als Vater des Werkbundgedankens: „Die Kölner Tage bestätigen meine Rolle als Haupt der Bewegung in Deutschland.“ (Die Deutsche Werkbund-Ausstellung fand 1914 in Köln statt). Eine Förderung der gewerblichen Arbeit war für ihn jedoch nicht gleichbedeutend mit der Produktion für die Masse, die ja gerade in späteren Gestaltungsideen eine wichtige Rolle spielte. Er blieb stets ein künstlerischer Entwerfer, der seine individuellen Eigenheiten pflegte.

„Ich möchte glauben, dass viele Industrielle zuweilen an die sichere […] Kundschaft denken, für die ihre Großväter arbeiteten […]. Was wissen sie heute von ihrer Kundschaft, die die Masse ist, von der Masse, die ihre Kundschaft ist, der riesigen Masse, der der Nachbarländer, der der fünf Erdteile; der Masse, die sich verliert, sobald man sie gewonnen hat; […]?“

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