Dem Paradies so fern. Ein Roman über das Leben der Martha Liebermann

Liebermann Villa

Als ich letztes Jahr an einem sehr trüben und kalten Tag im März die Liebermann-Villa am Wannsee besuchte, hat mich das Schicksal von Max Liebermanns Frau Marta schon sehr berührt. Max, der berühmte deutsche Impressionist, musste die Schmach der Enteignung und der Verfolgung nicht mehr ertragen. Er war 1935 gestorben. Ich wanderte im berühmten Garten umher, der zu dieser Zeit noch nichts Prächtiges zu bieten hatte. Und musste immer wieder an Martha denken. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, dass mir vom Verlag ebersbach & simon ein Rezensionsexemplar des Romans von Sophia Mott zugedacht wurde.

In meinem kurzen Osterurlaub habe ich das Buch in einem Zug durchgelesen. Das literarische Muster der Autorin ist so gut lesbar, weil sie in geschickter Verschränkung die Geschichte der Familie Liebermann erzählt und die Leser gleichzeitig an den letzten dramatischen Lebensjahren Marthas teilhaben. Eine absolute Leseempfehlung zum heutigen Artbookfriday.

Max Liebermann: Die Rasenbleiche. Ölgemälde aus dem Jahr 1882/83. Zu sehen sind mehrere Wäscherinnen, die weiße Laken auf einer Wiese unter Obstbäumen in der Sonne zum Trocknen ausbreiten. Im Vordergrund steht ein Waschzuber. Rechts sind ein Haus und einige Hühner zu erkennen.,

https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Liebermann#/media/File:Max_Liebermann_-_Die_Rasenbleiche.jpg

Max Liebermann mag ich als Künstler sehr. Mein Lieblingsbild ist übrigens die Rasenbleiche (1882/83) aus dem Wallraf-Richartz-Museum. Hier lässt sich so fabelhaft studieren, was den deutschen vom französischen Impressionismus unterscheidet. Max Liebermann komponiert mit Bedacht ein Stück bäuerlicher Idylle. Es ist schön, wie wohl überlegt er Naturschilderung gegen das Motiv häuslicher Arbeit abwägt – beides ja zentrale Themen in dieser Zeit. Er verzichtet auf schnell wandernde Sonnenflecken auf dem Boden oder flatternde Wäsche auf der Leine. Und ist eher dem holländischen Genrestil verpflichtet als der Augenblicksmalerei der Franzosen.

Ich wusste natürlich schon Einiges über Liebermann. Angeblich sagte er Dinge wie „Die gut gemalte Rübe ist besser als die schlecht gemalte Madonna“ oder „Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte“ (zur Machtübernahme der Nazis). Letzteres ist nicht belegt, beide Zitate zeigen aber viel von seiner Art.

Im Buch spielen interessante verwandtschaftliche Verbindungen Max Liebermanns eine Rolle. So war er beispielsweise der Cousin von Emil Rathenau, dem Begründer der AEG. Die Familie war sehr vermögend und nach allem, was Sophia Mott recherchiert hat, war es nicht unbedingt eine Liebesheirat mit Max. „Es war zwar eine Ehre, aber kein Vergnügen, mit dir verheiratet zu sein“ – soll Martha nach vierzig Ehejahren verkündet haben.

Der Fischotter, den August Gaul geschaffen hat. Er steht im Garten der Liebermann Villa.
Der Fischotter von August Gaul, eine kleine Begegnung, die mich ein bisschen melancholisch stimmte. Er wirkte an diesem regnerischen Tag, als weinte er über das Schicksal!

Der Roman erzählt zwar auch vom berühmten Künstler, aber die wahre Hauptfigur ist Martha, mit der man im Laufe des Buches immer vertrauter wird. Vor allem auch, weil wir über ihre innersten Gedanken Bescheid wissen. Auch hier bringt Sophia Mott mit leichter Hand zeithistorische Aspekte ins Geschehen. Etwa, wann Martha darüber nachdenkt, warum sie nie einen eigenen Beruf ergreifen wollte. „Als Martha anfing, Max Leben zu teilen, da teilten sie sich sein Leben und nicht ihres.“ Sicher kein Einzelfall in der damaligen Zeit. Und umso schmerzlicher fühlt man mit Martha Liebermann, als sie am Ende ihrer Tage so alleine den schlimmen Umständen ausgeliefert ist.

Das Buch endet kulminiert in einem Wettlauf mit der Zeit. Es hat mich ganz schön mitgenommen, wie man dort mit hineingezogen wird. Vor allem, weil ich eigentlich den Ausgang schon kannte. Da wird einem die Dramatik noch stärker bewusst. Martha Liebermann hatte sich lange gegen das Verlassen Deutschlands entschieden. Ihre Tochter Käthe lebte schon in den USA. Und als die Bedrohung der Deportation immer näher kam, versuchten viele Freunde (vor allem aus dem Solf-Kreis) ihr zur Ausreise zu verhelfen. Was mich dabei besonders erschüttert hat, ist dieses Schulterzucken verschiedener Menschen, die leider nichts für sie tun können/wollen. Und natürlich die ekelhafte Kaltschnäuzigkeit eines Nazi-Schergen, der unerfüllbare Auflagen festlegt. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, ich fühlte mit Martha Liebermann bis zuletzt die Hoffnung und war ganz nah bei ihr, als sie zum letzten Schritt ansetzt.

Ein unglaublich intensives Lese-Erlebnis, eine tolle Mischung aus Kultur- und Geschichtsvermittlung und ein wunderbar geschriebener Roman, den ich gerne weiter empfehle.

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