Bushaltestelle. Der neue Roman von Ulrike Anna Bleier.

Auf dem Buchcover eine Straße. Irgendwo im Nirgendwo. Nebel lässt die Grenzen zwischen Fahrbahn, Rasenstück und Horizont verschwinden. Das ist gut ausgesucht, das Bild, denke ich. Denn im neuen Roman BUSHALTESTELLE von Ulrike Anna Bleier geht es auch um das Verschwinden.

Auf der Buchrückseite erscheint dann die traurigste Bushaltestelle der Welt. Und so ist dieses neue Buch von Bleier tatsächlich auch sehr sehr traurig. Ich will nicht verhehlen, dass es mich auch ein Stück weit deprimiert hat. Weil das mit dem nicht gesehen werden auch so ein Thema ist, das mich beschäftigt.

Sprachlich ist BUSHALTESTELLE sehr außergewöhnlich! Was die Geschichte an sich angeht, so hat sie mich diesmal nicht so sehr gepackt, wie die vom SCHWIMMERBECKEN, Bleiers letztem Werk, mit dem sie dann auch auf die Hotlist der besten Bücher aus unabhängigen Verlagen landete. Aber ich habe ganz stark das Gefühl, dass die Autorin mich als Leserin auch herausfordert. Es geht um ein viel komplexeres Gebilde. Es gibt mehrere Zeitebenen, ein viel größeres Aufgebot an komplizierten Figuren, sprachliche Herausforderungen.

“Im ersten Moment hast du so getan, als hättest du nichts gesehen, und bist weitergefahren. Dann ist dir klar geworden, dass das keine Lösung ist. Du hast einen Gang heruntergeschaltet, aber den Wagen nicht zum Stehen gebracht. Ich habe das Kind nicht gefunden, hast du dich schon sagen gehört, denn das hättest du dem Sepp gesagt, dass du das Kind einfach nicht finden konntest.”

Schon der Anfang des Buches versetzt einem so einen kleinen Schock. Das mit dem “Du” ist sehr ungewöhnlich. Und man fühlt sich gleich so angefasst. Vielleicht ein bisschen mit schuldig? Eine Mutter, die ihr Kind nicht liebt, der es egal ist, die nichts empfindet, beim Gedanken, dass das arme Ding im Schnee verloren ging. Eiskalt!

Wir sind direkt drin im familiären Konflikt, ahnen, dass da so einiges im Argen liegt. Der Sepp – dessen rote Haare  sich durch den Roman ziehen – ist kein geliebter Ehemann und Vater, sondern nur die zweite Wahl. Eigentlich liebt Theresa, so heißt hier die Mutter, ihren Bruder Martin. Doch der hat Selbstmord begangen. Abgründe, die sich hier auftun. Und das Motiv der Geschwisterliebe kenne ich ja auch schon aus Schwimmerbecken. Obwohl es da nicht benannt wird.

Wie würde man die Konstellationen der Figuren bei “Bushaltestelle” in einer Familienaufstellung hin und herschieben? Das habe ich mich tatsächlich beim Lesen gefragt. Irgendwie geht es um das Konstrukt Familie, um Gefühle, Verdrängungen, enttäuschte Hoffnungen, Ablehnung, Anerkennung. Und immer wieder um eine sehr beklemmende Leere.

Nichts. Elke ist nicht zuhause, aber das kannst du nicht wissen. Ihr habt euch seit Jahren oder sind es schon Jahrzehnte nicht mehr gesehen, weder gesehen noch gesprochen. Weder gehört noch geschrieben. In einer Märznacht hat sie ihre Sachen gepackt und ist verschwunden, sie hat keine Nachricht hinterlassen, weder an dich noch an den Sepp. Doch, einmal hat sie ihm eine Karte geschrieben. Aber auch das kannst du nicht wissen, denn der Sepp hat die Karte nie erwähnt. Ohnehin ist er bald danach gestorben.

Was ich wirklich an Bleiers Schreibstil mag, das sind diese lakonisch dahinfließenden Sätze, die einem aber so richtig tief ins Herz gehen. Die Kombination von ohnehin und gestorben – die macht mich fertig! Deswegen habe ich BUSHALTESTELLE richtig gerne gelesen, auch wenn ich manchmal ein bisschen hinterher hinkte und nicht sofort mitkam, wenn es mal wieder eine andere Zeitebene gab. Auch die Einschübe in Tschechisch waren mühsam. Aber:

Duch, sagte Boris, prizrak, und irgendwann ergab das Ganze einen Sinn für Elke, die schnell verstand, dass es aussichtslos war, einzelne Wärter zu übersetzen. Es geht darum, das Ganze zu kapieren, es ist die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas zu verstehen.”

 

 

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