Das beste Buch

Das beste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe! Ist „Spukhafte Fernwirkung“ von Ulrike Anna Bleier. Ich bin schon lange Fan der Autorin. Was ich besonders liebe, ist die Virtuosität ihrer Sprache, die einen herausfordert und mitnimmt in die jeweiligen Bücher. Voller Freude klatsche ich über sprachliche Kapriolen und liebe ihre oft schrägen (im besten Sinne) inhaltliche Wendungen. Ihr müsst einfach auch unbedingt „Schwimmerbecken“ und „Bushaltestelle“ lesen. Aber jetzt kommt mit ihrem neuen Roman ein wahrlich genialer Wurf daher, der mich in Erstaunen versetzt hat. Erstaunen darüber, wie viele Protagonist*innen man in einem Buch versammeln kann. Erstaunen darüber, wie unendlich viele Erzählstränge sich auftun können, ohne das die Leserin den Faden verliert. Weil man der Autorin einfach voller Faszination folgt. Über jede neue Wendung, jedes liebevolle Detail und jede Gleichzeitigkeit von so vielen Geschichten in den gut 400 Seiten. Leute, ich sag euch: Spukhafte Fernwirkung gehört unter jeden Weihnachtsbaum!

Physik

Als ich zur Lesung von Ulrike Anna Bleier ins Literaturhaus kam, lagen dort an manchen Stellen Häkelnadeln und Wolle aus! Dazu gab es eine Anleitung, hyperbolische Formen zu häkeln. Ausprobiert, gescheitert, aber gleichzeitig schon mitten drin in der „Spukhaften Fernwirkung“ und in der Idee dieses Buches. Die Geschichten und Erlebnisse (lieben, leben, lachen, Amoklauf, Redaktionskonferenz, Busfahren und so viel mehr) sind nur durch die Struktur des Buches miteinander verbunden. An manchen Stellen titschen sie kurz aneinander, dann geht es in die eine oder andere Richtung weiter. That’s Life. Unser kleines Leben von oben betrachtet. Einstein hatte die Einflussnahme ortsunabhängiger Quantenteilchen einst als „spukhafte Fernwirkung“ bezeichnet. Und jetzt gab es in diesem Jahr für den Nachweis dieses Phänomens sogar den Nobelpreis für den Physiker Anton Zeilinger und Kollegen. Das war natürlich ein Fest für die Autorin – und wer weiß, was da aus der Ferne gewirkt hat. Gibt doch keine Zufälle, oder?

Mit neugierigem Blick hat sich die Autorin mit dem Roman auf ein ihr eher fremdes Feld (Physik) begeben und ein spannendes Setting entworfen. „Mit der Zeit“, „Reset“, „Bahnen“, „Gegen den Raum“, „Freie Weglängen“ und ∞ – so sind die einzelnen Kapitel des Buches überschrieben. Übrigens buchgestalterisch super schön gemacht mit schwarzen Seiten. Innerhalb dieser einzelnen Kapitel gibt es Überschriften, die mal Uhrzeiten, mal mathematische oder sonstige Formeln aber auch Blutdruckwerte, Jahreszahlen, Kilometerangaben und andere Maßeinheiten sein können. Es kitzelt ein wenig im Kopf, macht aber auch Spaß, sich darauf einzulassen.

Leselust

Bei der Dichte und Fülle an Geschichten, an nicht zählbaren Haupt- und Nebenfiguren kann ich euch natürlich nicht den Inhalt von „Spukhafte Fernwirkung“ zusammenfassen. Aber ich werde zwei Figuren herausgreifen, die mir ein bisschen mehr ans Herz gewachsen sind als vielleicht andere. Die eine ist Irma. Mit ihr fängt der Roman auch an. „Warum werde, denkt Irma, ich bloß diese, und schaut aus dem Fenster, Konfi-Angst nicht los.“ Irma arbeitet in einer Zeitungsredaktion und wird im ganzen Buch durch diesen Kunstgriff der verschränkten Satzbauten charakterisiert. Ich habe sofort die Verbindung von diesem sprachlichen Spiel zu der etwas komplizierten, schüchternen und doch klugen Irma verstanden. Beim ersten Lesen bin ich drüber gestolpert (hoppla) und dann hab ich mich einfach jedes Mal wieder gefreut, wenn es kam. Irma hat gute Ideen, möchte erkannt werden. Ist eine Geiselnahme in der Redaktion ihre Chance, groß rauszukommen?

Bei der anderen Protagonistin, die mich besonders interessiert hat, ging es lange gleichförmig und sehr traurig zu. „Silvana möchte jetzt auch gerne weg, aber wie, wenn sie keine Beine hat?“ Sie sitzt vor dem Einkaufszentrum (wo sich später ein Amoklauf ereignet) häkelt und kategorisiert Menschen und Schuhe. Und dann plötzlich passiert etwas Unglaubliches. Das Fernsehen will über sie berichten und ihre Häkeleien werden zu Kunst erklärt. Sie wohnt jetzt in der Wohnung des Museumswärters und muss dafür jeden Tag vor dem Museum sitzen und häkeln. Wo Jakub abgeblieben ist, weiß sie allerdings nicht. Er hatte jeden Tag ihre Gelddose geleert. Und mit den Gedanken an Jakub müssen wir uns von Silvana verabschieden. Ihre Geschichte wird nicht weitererzählt. Das kann auch passieren, dass ein Faden sich in den anderen Geschichten auflöst.

Das Buch ist ein Ereignis. Ich bin eingetaucht und weil ich für ein paar Tage das Bett hüten musste, konnte ich es in einem Rutsch lesen. Ich wollte es gar nicht mehr aus der Hand legen und es kam mir vor, als wenn sich mein Aggregatzustand beim Lesen veränderte. Ich wurde magisch angezogen und bewegte mich mit dem episodenhaften Erzählrhythmus. „Sind wir wirklich alle miteinander verbunden? Oder glauben wir das nur?“ Lest das Buch, dann sind wir es zumindest darüber! Verbunden! In diesem Sinne: Frohe Festtage und einen guten Start in 2023.

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