Die Revolution

Hamburg 1918 / 1919 – hat das jemand von euch auf dem Schirm, wenn es um das Thema Revolution nach dem ersten Weltkrieg geht? Sicher denken die meisten eher an das, was in Berlin passiert ist. An die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und all die dramatischen Ereignisse damals. Ich war im Museum für Hamburgische Geschichte zu einem Meetup eingeladen und bin kurz in die Zeit vor 100 Jahren hinabgetaucht. Dabei bin ich den Menschen damals sehr nahe gekommen, denn die Ausstellung “Revolution! Revolution? Hamburg 1918/19 zeigt viele Exponate, die einen Einblick in das Alltagsleben der Zeitspanne gewähren, in der viel passiert ist. Was haben die Menschen damals gefühlt? War es eine riesige Erschütterung oder gingen die Umwälzungen zum Teil auch ganz ohne Drama? Wenn man mir Geschichte so serviert, hat man mich!

Dieser Blogbeitrag entstand im Rahmen des Meetup #hamburg18_19, zu dem ich eingeladen wurde. Er stellt somit WERBUNG dar, die ich für diese Ausstellung sehr gerne mache.

La Revolution

Mit festem Schritt kommt sie auf mich zu. Die Frau, die durch einen roten Vorhang zu schreiten scheint. Sie trägt eine Fahne, die sich in einem äußerst eleganten Schwung an ihrer Seite windet. Ihr Blick geht zur Seite. Fast als wolle sie sich versichern, dass ihr auch andere folgen. Das Bild, das in der Ausstellung unter vielen anderen Originalplakaten hängt (so sah es damals in den Straßen der Stadt aus) hat eine magische Wirkung. Barfüßigkeit gepaart mit weiblichem Schwung – sieht so Revolution aus? Klar! In meinem Kopf erscheint sofort das Bild “Die Freiheit führt das Volk” – kennt ihr das auch? Die Freiheit zieht sogar blank. Mit freien Brüsten und ebenfalls barfüßig – so hat sich DAS Revolutionsbild in unser kollektives Gedächtnis eingegraben.

Gerade wenn ich noch einmal auf dieses Bild von Eugène Délacroix blicke, wird mir klar, wie oft Revolution mit dem Tod verbunden ist. Mit der dramatischen Bedrohung des nackten Lebens. Wie sieht das mit den Ereignissen in Hamburg aus? Während der intensiven und ausführlichen Führung, die wir durch Hans-Jörg Czech, den Chef des Hauses und Anne Lena Meyer, eine der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen genossen haben, lernte ich auch dies: in Hamburg ging es vergleichsweise friedlich zur Sache. Ver-gleichs-weise!!! Denn es gab Tote zu beklagen (wenn ich mich richtig erinnere, waren es insgesamt 10 und viele davon gerieten zufällig in die Auseinandersetzungen). Und es lebten viele Menschen damals in unvorstellbarer Not. Man darf nicht vergessen, dass gerade der Erste Weltkrieg beendet worden war. Eben erst schwiegen die Waffen und der Kaiser hatte abgedankt. Aber nichts weniger als die erste demokratische Republik in Deutschland wurde jetzt verhandelt. Soldaten und Arbeiter erzwangen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft! Der unvorstellbar bedeutende Epochenwechsel stand vor der Tür. Und in Hamburg wurde die erste demokratische Stadtverfassung aus der Taufe gehoben.

Heinrich Laufenberg und Wilhelm Heise, Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrats, 1918 Foto: Staatsarchiv Hamburg

Ich muss gestehen: die genauen Abläufe – also wer wann wo wie einmarschiert ist, welche Marinestreiks wann waren – das sind Dinge, die sicher wichtig waren, um die Ereignisse einzuordnen. Aber so etwas vergesse ich stante pede wieder! Mich interessieren die Geschichten der Menschen dahinter. Ich mag es, Heinrich Laufenberg und Wilhelm Heise in die Augen blicken und vielleicht ihren heiligen Ernst bei der Sache erspüren zu können. Deswegen war ich auch sehr angetan von den lebensgroßen Fotografien, die die Ausstellungsszenografie bestimmt haben. Wie die beiden Protagonisten der Revolution dastehen, das rührt mich an. Ja, man hatte seinen Triumph gehabt und die rote Fahne am Hamburger Rathaus gehisst!! Aber verdammt, schon bald kamen sie die Revolutionäre in Bedrängnis, weil die Kreditfähigkeit der Stadt in Gefahr geriet. So wurden Senat und Bürgerschaft flugs wieder eingesetzt. Aber man behielt sich als Arbeiter- und Soldatenrat ein Vetorecht vor. Jawoll!

Essen auch in der größten Not

Ein Thema in der Ausstellung hat mich besonders interessiert. Und ich fand es großartig, wie es inszeniert wurde. Nicht nur, dass ein veritables Kaffeehaus eingerichtet worden war (ich liebe Kaffeehäuser. Aus Gründen 🙂 In den Tischen konnte man kleine Stillleben eingelassen finden, die einem die kargen Rationen damals sinnlich vor Augen geführt haben. (Das hat mich übrigens das anschließende Abendessen im fantastischen Museums-Restaurant noch mehr genießen lassen.) Man muss sich vorstellen, dass bereits nach dem ersten Kriegsjahr die Lebensmittel dramatisch knapp wurden und natürlich unerschwinglich teuer. Zur Abhilfe sollten sogenannte Massenspeisungen beitragen. Es gab öffentliche Kochvorführungen, auf denen die Zivilbevölkerung geschult wurde, wie man sparsam und mit wenigen Zutaten kochen kann.

Und ich konnte sogar einige Rezepte ergattern, die zum Mitnehmen in diesem Teil der Ausstellung hingen. Einerseits sind sie natürlich vom Mangel geprägt. Aber es gibt auch überraschende Entdeckungen. Ich bin eh der Meinung, dass man sich mehr auf heimische Zutaten, alte Sorten und auch am Wegesrand zu findendes Essbares konzentrieren könnte. Wer will, kann ja mal etwas Nachkochen. Z.B. die Gemüsesülze. Ich probiere das vielleicht auch mal.

Gemüsesülze

Salzwasser – verschiedene fein geschnittene Gemüse – Essig und Pfeffer – Bouillonwürfel (sic!) – weiße Gelantine

Verschiedene fein geschnittene Gemüse kocht man in Salzwasser weich und gießt das Kochwasser ab. Von diesem Kochwasser würzt man einen Teil mit Essig und Pfeffer und löst darin Bouillonwürfel und weiße Gelatine auf. (Auf 1 Liter Flüssigkeit 2 Würfel und 20 g Gelatine.) Diese Brühe gießt man zum Gemüse, mischt es damit und füllt das Ganze in eine mit Wasser umgespütlt Schüssel, damit die Sülze nach dem Erkalten gestürzt wird. Kalte Soße als Beigabe.

Guten Appetit.

Zum Schluss

Ich muss noch eine Sache erwähnen, die mir in der Ausstellung richtig gut gefallen hat. Bevor man diese verlässt, gibt es die Aufforderung, eigene Gedanken zu den Themen der Ausstellung zu formulieren. Da hier auch viele Schulklassen geführt werden, ist dieser interaktive Part eine sehr bereichernde und auch berührende Dokumentation, wie junge Menschen sich mit den Fragen auseinandersetzen, die sich aus dem Gesehenen ergeben können. Ich fand die Impulsfragen besonders gelungen – sie hatten wenig vom Abfragen von Lehrwissen. Vielmehr merkte man genau an dieser Stelle, welche existentiellen Themen mit der Ausstellung der Ereignisse vor 100 Jahren berührt wurden. Und wie viel Verbindung zur heutigen Lebenswelt darin steckt – auch der der jungen Menschen.

Apropos, junge Menschen. Ich fand es großartig, in der Superbude untergebracht worden zu sein. Dieses lockere WG-Feeling gepaart mit kleinen Gimmicks auf dem Zimmer und einem wirklich total netten hilfsbereiten Personal, das rund um die Uhr ansprechbar war (sogar via Facebook, als ich schnell nochmal das W-Lan-Passwort haben musste). Ich hab mich gleich um Jahre jünger gefühlt!! Danke dafür.

 

Das Beitragsbild zeigt: „Die Revolution“, Plakatentwurf: HWR, 1918, Museum für Hamburgische Geschichte

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3 Comments

  1. Guter, wichtiger Beitrag! (y) Bin gerne mit auf die Zeitreise gegangen und froh – obwohl wir in ANDERS unfriedlichen Zeiten leben – bisher von direkten Kriegszuständen verschont geblieben zu sein…

    • Liebe Sabine,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, das ist auch ein wichtiger Aspekt der Ausstellung: das Heute in den Blick zu nehmen. Ja, man muss sehr dankbar sein, dass man in einer Zeit geboren wurde, wo man nicht direkt mit dem Krieg zu tun hat. Aber klar, die Auswirkungen von Kriegen überall um uns herum, die sind auch zu spüren.

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