20-mal Room Service

Gregor Weber ist Tänzer, Performer, Choreograph, Regisseur und hat vor 16 Jahren das Konzept zu „Room Service“ entwickelt, dessen 20. Staffel in diesem November im Kunsthaus Rhenania gelaufen ist. Ich war insgesamt vier Mal dabei und habe diese spezielle „Sinneserfahrung“ in verschiedenen Räume immer sehr genossen. Um mehr über das Format zu erfahren, durfte ich mit Gregor Weber ein Interview führen.

Das fantastische Ensemble von „Room Service“ 2019. Foto: Patric Prager

Anke von Heyl

Lieber Herr Weber, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu der diesjährigen Staffel und zum Jubiläum. Das ist toll, dass es „Room Service“ schon so lange gibt. Die Idee, eine Aufführung so zu strukturieren und in „Häppchen“ zu servieren, finde ich genial. Ich beobachte auch immer, wie so ein ganz spezieller Nervenkitzel beim Publikum entsteht, weil man „wählen“ muss. Eigentlich passt dieses Format perfekt zur viel beschworenen Digitalität. Darüber hat man sich vor 16 Jahren noch keine Gedanken gemacht. Aber was war Ihr Impuls damals, eine solche Form zu wählen?

Gregor Weber

Am Anfang ging es darum, das Thema Entscheidung in einer Produktion zu platzieren. Dann begann ich, eine geeignete Örtlichkeit zu suchen, denn wir wollten auch den Raum mit einbeziehen und fanden ein normales Theater eher unpassend. So sind wir dann auf das ehemalige GEW (jetzt Rheinenergie) Umspannwerk in der Annostraße gestoßen, was zu der Zeit, also 2004, leer stand. Wir konnten es dann besichtigen und sehr schnell entstand dadurch die Idee, mehrere Ebenen mit je einer Entscheidung zu definieren. Ich habe es dann jeweils für 6 Monate gemietet, insgesamt 2 ½ Jahre. Es gab dort tatsächlich 6 Ebenen, allerdings war der zweite Raum auf einer Ebene so klein, dass nur zwei Zuschauer hinein konnten. Heute wäre das kaum noch möglich. Damals hatte wir aber auch noch nicht soviel Publikum. So ist „Room Service“ entstanden.

Dana Mikhail und Jessica Sinapi in #machtfressenseelenauf
Foto: Patric Prager

AvH

Inhaltlich bekommt man bei „Room Service“ sehr unterschiedliche Themen serviert. Wie muss ich mir die Phase der Auswahl der Stücke vorstellen? Ich hatte das Gefühl, dass es immer auch eine Reflektion dessen ist, was die Gesellschaft aktuell bewegt. Dennoch meine ich eine Struktur zu erkennen, die über dem Ganzen liegt und die immer unterschiedlich befüllt wird, oder liege ich da falsch? Es gibt ja auch bestimmte Formate, die immer wiederkehren.

GW

Die Mischung macht’s, würde ich sagen. Zum einen gebe ich schon seit längerem je 4 – 7 Themen vor, was zwar nicht bindend für die Teams ist, ich aber schon klar mache, dass ich es für wichtige aktuelle Themen halte und meistens werden auch mindestens 3 – 5 davon genommen oder aufgegriffen. Es gibt wohl bestimmte Formate, die sich ähneln, allerdings vermeide ich es eher – mit der Ausnahme von Blind Date – Formate zu wiederholen. Was mir wichtig ist: Dass immer wieder neue Teams entstehen, damit die Spieler*innen sich nicht zu sehr aneinander gewöhnen und immer wieder neue Energien und Kombinationen entstehen. Für mich ist es schon jedes Mal irgendwie neu.

AvH

Es gibt am Ende der „Room Service“ immer so ein wunderbares Ritual, bei dem die Besucher*innen von den Akteuren zu einer Art sozialen Skulptur zusammengefügt werden. Wie wichtig ist diese gemeinsame Erfahrung für das Gesamtformat? Sehen Sie die Bewegungen im Treppenhaus, das Auf und Ab in den verschiedenen Etagen auch als eine Art „Performance“?

GW

Ja, das hängt schon alles zusammen, es geht ja damit los, dass das Publikum zu Beginn getrennt wird. Da gab es zu Anfang immer wieder lange Diskussionen, jetzt wissen die Meisten ja schon, was sie erwartet. Es ging erstmal einmal darum, den Zuschauer aus seiner gewohnten Umgebung – man geht ja doch gerne mindesten zu zweit ins Theater – herauszubewegen, daher die Laufkarten.

So entstehen neue Gruppen, die sich erst im Laufe der Performance kennenlernen, man ist also mehr auf sich allein gestellt aber gleichzeitig offener für Begegnung. Im Treppenhaus sind noch zwei Sachen wichtig, zum Einen trifft man ja immer mal wieder seinen Partner*in und kann sich kurz austauschen. Zum Anderen gibt es ja die Zwischentexte, die unser Treppenhauspersonal auch die Möglichkeit für eine kurze Performance sehr nah am Publikum bietet. Dadurch wird das Treppenhaus auch zu einer performativen Fläche und so findet mehr Aufladung statt.

Am Ende ist mir durch das „Ritual“ sehr wichtig, alle, die ja sehr unterschiedlich unterwegs waren und eben auch ganz verschieden aufgeladen sind, wieder zusammenzubringen. Deshalb verknüpfen wir alle zu einem großen Gruppenkörper.

AvH

Ich habe gesehen, dass Sie zu der Eintrittskarte auch eine Umfrage beigefügt haben. Das interessiert mich sehr. Auch, was Sie über das Publikum wissen, das zu „Room Service“ kommt. Ich habe in diesem Jahr auch einmal genauer hingesehen und festgestellt, dass es ein durchschnittlich jüngeres Publikum ist, das sich durch das Format angesprochen fühlt. Glauben Sie, dass das auch etwas mit der Generation „YouTube“ zu tun hat? Will sagen, entspricht Ihrer Erfahrung nach die Kürze der einzelnen Performances den Bedürfnissen der jungen Menschen?

GW

In diesem Jahr war tatsächlich sehr viel jüngeres Publikum da, was aber auch daran liegen kann, dass der Vorverkauf über rausgegangen organisiert wurde. Im letzten Jahr sind wir bei denen  auch schon als Tagestipp aufgetaucht, vielleicht hat dies dazu beigetragen.

Wir haben allerdings auch ein recht stabiles Stammpublikum, was altersmäßig recht durchmischt ist. Aber natürlich ist klar, das Format spricht sicher junge Leute sehr an, was auch in den Umfragen so notiert wird. Aber es ist eben auch ein Gesamtkonzept: Trennung, Entscheidung, Performance, Weg, Entscheidung etc.

AvH

Während der Performances gilt striktes Handyverbot! Das macht auch Sinn. Aber mich würde interessieren, wie Sie grundsätzlich zur Kommunikation in den sozialen Netzwerken stehen? Gibt es aus Ihrer Sicht strategische Überlegungen, den digitalen Raum zu nutzen?

GW

Soweit würde ich zur Zeit noch nicht gehen, denn für mich ist es schon sehr wichtig, dass wir analog sind, spür- und greifbar und man sich zu uns auf den Weg machen muss. Wir nutzen natürlich die sozialen Netzwerke, um über die Performance zu informieren, aber darüber hinaus sehe ich uns mit „Room Service“ noch nicht im Netz.

Mit der Wand durch den Kopf. Jonglage-Variationen aus dem Fluchtpunkt: Roxana Küwen, Tobias Dohm, Jonas Schiffauer. Foto: Patric Prager

AvH

Wenn Sie sich etwas für die Zukunft von „Room Service“ wünschen dürften, was wäre das?

GW

Wir werden erstmal so weiter machen wie bisher, allerdings ist geplant, „Room Service“ in kleinere oder auch größere Städte auf Tour zu schicken, die daran Interesse haben und uns dafür ein passendes Gebäude zur Verfügung stellen. Wir werden dann dafür vor Ort mit unseren eigenen Leuten Workshops anbieten, an denen die Leute teilnehmen können, die bei „Room Service“ als Performer*in in einem Raum mitmachen wollen. Aus diesen Workshops bilden sich dann die Hälfte bis zwei Drittel der Räume, die anderen Räume werden von unseren Leuten übernommen.

AvH

Vielen Dank für das Interview und ich bin schon sehr gespannt auf „Room Service“ 2020

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