Happy Birthday, Gala!

Fast hätte ich es vergessen. Aber ich muss unbedingt einer der faszinierendsten und kaprizösesten Frauen der Kunstgeschichte huldigen, die heute vor 125 Jahren in Russland geboren wurde. Gala Éluard Dalí! Gala! Die Muse der klassischen Moderne. Femme fatale, Rabenmutter, Geliebte, Ehefrau und Inspiration für viele große Künstler. Im Museum Ludwig hängt das Bild „Rendezvous der Freunde“, das Max Ernst 1922 malte. Dort versammeln sie sich alle, die Surrealisten, Dadaisten und Erneuerer der Kunst nach dem ersten Weltkrieg. Verrückt: es sind auch Dostojewski und Raffael auf dem Bild zu sehen. Aber nur eine einzige Frau! Wie eine Säulenheilige blickt Gala einen vom rechten Bildrand aus an. Und man weiß im selben Moment um ihre Bedeutung! Heute möchte ich diese nicht unumstrittene Frau hochleben lassen und euch die Romanbiografie von Unda Hörner aus dem Verlag ebersbach&simon ans Herz legen.

„Sie ist dominant, fordernd und ehrgeizig. Die schöne Pose hat sie perfekt bedient und für sich ausgenutzt – aber würde man ihr das auch vorwerfen, wenn sie ein Mann wäre?“ Unda Hörner verweist hier in einem Interview auf die Rolle der bösen manipulierenden Frau, die Gala in der Kunstgeschichte zugewiesen wurde. In ihrem Roman aber beschreibt sie eine Frauenfigur, die ihren Weg geht in einer Umbruchsituation, die alle Welt nach dem ersten Weltkrieg erfasst.

In der Romanbiografie lernen wir kurz ihr russisches Elternhaus kennen und folgen der gerade mal 18-jährigen Gala nach Davos, wo sie den jungen Paul Éluard in einem Lungensanatorium kennen- und lieben lernt. Ausgeprägte Zauberberg-Romantik erfasst die beiden und Gala sieht die Möglichkeiten, die vor ihr liegen, wenn sie alle bürgerliche Last hinter sich lassen. 1916 reist sie zu ihm nach Paris, wo sie zunächst bei seinen Eltern wohnen. 1918 kommt Tochter Cécile auf die Welt, doch Gala spürt keinen Mutterinstinkt. Die Autorin beschreibt hier sehr feinfühlig und überhaupt nicht verurteilend, wie sich in der jungen Frau das Bedürfnis entwickelt, sichtbar zu sein und zu „Gala“ zu werden. Das Kind überlässt sie lieber den Eltern von Paul.

Die weitere Entwicklung Galas verbindet Unda Hörner immer wieder mit der Kunstgeschichte. Sie beschreibt Gala als aufmerksame Beobachterin dessen, was die Männer da untereinander verhandeln. Ein bisschen wirkt sie wie ein Spielball. Vor allem in der unglückseligen Menage à trois, die sie und Paul mit Max Ernst eingehen. Ich habe diese Geschichte schon aus der Perspektive von Lou Straus gelesen. Jetzt kommt die Version von Gala hinzu. Bis aus der jungen Frau die mächtige Strippenzieherin wird, die sie dann später in ihrer Beziehung mit Salvador Dalí wird, muss Gala noch durch einige Erweckungen hindurch. 1929 begegnen sich die beiden erstmals.

»Salvador Dalí«, stellte er sich mit einer gespielt unterwürfigen Verbeugung vor, »willkommen in Cadaqués.« Vor Gala, die ihr Kleid doch besser wieder über ihre entblößten Schultern gezogen hatte, stand ein Faun mit diabolisch blitzenden schwarzen Augen und dem spektakulären Moustache wie versprochen; er verströmte den verlockenden Duft eines Ziegenhirten und brach bei ihrem Anblick unvermittelt in schallendes, anhaltendes Gelächter
aus. Gegen das, was dieser zu heiß gebadete Katalane hier abzog, waren die Aktionen der Dadaisten der reinste Kindergarten gewesen.

So beschreibt Unda Hörner die legendäre Begegnung von Gala mit Dalí. Und was dann folgt, ist Geschichte. Überraschenderweise endet nach 300 Seiten der Roman im Jahre 1933 mit der Heirat von Gala und Dalí. Das war für mich ein etwas zu schnell und ich hätte liebend gerne noch mehr erfahren von dem verrückten Leben der beiden. Denn so ganz ohne Brüche war die Beziehung keinesfalls und so lässt mich der letzte Satz des Romans leicht unbefriedigt zurück: „Endlich war sie zu Hause angekommen, bei sich selbst, sichtbar und frei.“

Es gäbe sicher noch so viel zu sagen zum Mythos Gala, zu ihrer Funktion als Muse und als Managerin eines der erfolgreichsten Maler der Welt. Gerne hätte ich auch Mäuschen bei den legendären Dinner-Veranstaltungen gespielt, die das Paar als surrealistische Meisterwerke inszeniert haben.

Aber vielleicht war es auch gut, nur die Anfänge von Gala näher zu beleuchten, um zu verstehen, warum sie zu der mächtigen Muse und Kunstfigur wurde, die alle Welt feierte und fürchtete.

Mein Fazig: Eine wirklich lesenswerte Romanbiografie, die ich allen empfehle, die sich für die klassische Moderne interessieren. Aber auch jenen, die sich für starke Frauenfiguren des 20. Jahrhunderts begeistern können. Und jetzt hebe ich mein Glas und trinke auf Gala!

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