Anni Albers in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Es ist dieses haptische Gefühl beim Betrachten gewebter Stoffe, das mir eine besondere Ausstellungs-Erfahrung beschert hat. Und die Begegnung mit einer sehr spannenden Künstlerin. Denn obwohl mich textile Kunst grundsätzlich begeistert, war bei mir Anni Albers bislang doch eher als Ehefrau von Josef abgespeichert. Jetzt hat mir die Ausstellung in der Kunstsammlung NRW gezeigt, was mir da entgangen ist und wieso man mehr als nur ein Auge auf ihre Ideen und Ausführungen werfen sollte. Bis zum 9. September sind die Werke dieser Bauhaus-Künstlerin noch in Düsseldorf sehen und auch wenn man sich vorher noch nicht so sehr um das textile Metier gekümmert hat: es gibt viel zu entdecken, was die Entwicklung der Moderne befeuert hat. Übrigens auch für Archiekturfans. 

Aus der Fülle der ausgestellten Textilien greife ich mir gleich mal eine Arbeit heraus, die besondere Betrachtung verdient. Die schalldämpfende Wandbespannung, die Anni Albers für die Aula der Bundesschule des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau im Jahre 1929 schuf. Ein Gewebe aus Zellophan, Baumwolle und Chenille! In dieser fast ein bisschen unscheinbar wirkenden Arbeit findet der berühmte Bauhausimpuls “Form follows function” Anwendung und man muss sich die Ideen von Anni Albers noch einmal genau ansehen, damit man versteht, wie genial ihr Entwurf gewesen ist. Es handelt sich hier um eine doppelte Gewebestruktur, die ganz auf die Nutzung in einem öffentlichen Gebäude ausgerichtet war. Er dämpft den Schall und reflektiert das Licht. Darin unterstützt er die umgebende Architektur, die von Hannes Meyer entworfen wurde. Später schreibt sie über ihren Entwurf: Wir werden hier einmal mehr von einer ausgeprägten Linienführung und Kontur weg- und zu einer Oberfläche hingeführt, die nur durch ein leichtes optisches Vibrieren der einander überschneidenden angehobenen und abgesenkten Fäden agiert: glänzend und stumpf, heller und dunkler, lohfarben und weiß. Dieses Material wird ruhig, aber lebendig sein (…)

Als sie kurz nach ihrer Emigration in die USA 1933 sofort am legendären Black Mountain College unterrichten kann, ist dieser Stoff ihr “Pass für Amerika”. Mit ihrem Mann Josef war sie unmittelbar nach der Machtergreifung nach Amerika gegangen, wo beide zu wichtigen Figuren der Kunstszene der Nachkriegsmoderne wurden. Anni Albers widmete das MoMA als erster Textilkünstlerin bereits 1949 eine erste Einzelausstellung.

Das Beitragsbild zeigt übrigens Anni Albers in ihrem Studio im Black Mountain College, 1937, Fotografie von Helen M. Post, Courtesy Western Regional Archives, State Archives of North Carolina. @Kunstsammlung NRW

 

 

 

Die Sprache der Fäden

Was ist das mit dem Weben? Gut, die Aufhebung zwischen Kunst und Kunsthandwerk war ja Programm des Bauhauses. Das hatte Anni Albers verinnertlicht. Wo aber finde ich den Punkt, an dem sich das Künstlerische der Textilien festmachen lässt?  Das habe ich mich gefragt beim Gang durch die Ausstellung? Man merkt irgendwie sofort, dass die dort ausgestellten Stoffe eine eigene Realität in sich bergen. Auch wenn Anni Albers immer wieder etwas für das Zusammenspiel mit der Architektur entworfen hat. Interessant ist an dieser Stelle auch ihr Sammeln von Stoffen fremder Kulturen. Anni Albers entwickelte die Idee einer universellen Sprache, wie sie zum Beispiel in der Form des gewebten  Fadens schon in frühen Kulturen festgelegt wurde. “Ancient Writing” – nennt sie zum Beispiel eine Reihe von Bildgeweben, in denen das thematisiert wird.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Arbeit “Six Prayers”, die sie in den sechziger Jahren für das Jüdische Museum in New York geschaffen hat. Wie Zeilen hebräischer Schriftzeichen formieren sich die Fäden auf dem Gewebe. Die aus Baumwoll- und Leinenfäden bestehende Arbeit ist ein Mahnmal für die im Holocaust ermordeten Juden, eine meditative Gedenkstätte. Ganz sparsam akzentuiert mit Silbergarn. Stefan Lüddemann hat in der Osnabrücker Zeitung gerade einen wunderbaren Artikel darüber geschrieben. Er macht sehr deutlich, welche Gedanken und Hintergründe in diese Textilien eingewoben ist! Anni Albers selber beschreibt ihr Vorgehen so:Ich benutze die Fäden wie ein Bildhauer oder Maler sein Material einsetzt, um eine Schriftwirkung hervorzurufen, die an heilige Schriften erinnern sollte (…).

 

Anni Albers, Six Prayers, 1965-66, Baumwolle, Leinen, Bast, Metallgarn, 186,1 × 297,2 cm, ©The Jewish Museum, New York. Foto: The Jewish Museum, New York © Kunstsammlung NRW

 

In ihrem Buch “On Weaving” hat Anni Albers über die Ansätze berichtet,  Webarbeiten im Sinne von Bildwerken zu verstehen – sie vergleicht sie mit Skulpturen. Im Katalog schreibt Ann Coxon, dass die Arbeiten von Albers im Kontext der “Fiber Art” stehen, einer Kunstrichtung die sich im Amerika der sechziger Jahre entwickelte. Neben besonderen Wertschätzung des Handwerklichen emanzipierte sich hier der Faden quasi als rein strukturelles Element.

Anni Albers, Camino Real, 1969, Siebdruck auf Papier, 59,7 x 55,9 cm, © 2018 The Josef and Anni Albers Foundation/Artists Rights Society (ARS), New York/VG Bild-Kunst, Bonn. Foto: Tim Nighswander / Imaging4Art. © Kunstsammlung NRW

Interessant fand ich, dass Albers sich in ihrem Spätwerk auf das Drucken verlegt hat. Hier steht dann die Idee des Prozesses im Vordergrund, den man schon in den Webereien nachvollziehen konnte. Mir ist in diesen Arbeiten die Nähe zu Paul Klee besonders aufgefallen, von dem ja auch ein kleines Werk in der Ausstellung zu sehen ist. Und hier schließt sich der Kreis von der Albers-Ausstellung zur Sammlung des Hauses. Natürlich ist die Präsentation jetzt auch im Zusammenhang vom bevorstehenden Bauhaus-Jubiläum zu sehen. Aber ich finde es immer gut, wenn Sonderausstellungen an das anknüpfen, was ich mit dem Haus allgemein verbinden kann.

Mein Tipp

Zum Schluss habe ich noch zwei Dinge, auf die ich euch gerne aufmerksam machen möchte: der Katalog ist ein Schätzchen für Buchliebhaber! Die gelbe Fadenheftung fand ich sehr passend und das Blättern darin ein Genuss. Und am 5.9. gibt es einen ganzen Abend, der sich Anni Albers widmet. Wer also noch nicht in der Ausstellung war: hier bietet sich eine super Gelegenheit. Neben Führungen und Gesprächsangeboten wird es einen spannenden Vortrag von Briony Fer geben. Sie ist Professorin für Kunstgeschichte am renommierten University College in London und eine der Kuratorinnen der Ausstellung. Fer spricht über die Textilmuster, die in ihrer ungeheuren materiellen, strukturellen und farblichen Vielfalt wie eine Mikroretrospektive des Werks der Künstlerin, Weberin, Designerin, Lehrerin und Autorin Anni Albers gelesen werden können.

Ich bedanke mich an dieser Stelle herzlich bei der Kunstsammlung NRW für die Einladung in die Ausstellung und die Überlassung des Katalogs. 

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