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1919. Das Jahr der Frauen.

Ich habe dieses Buch schon länger auf dem Schreibtisch liegen. Als Rezensionsexemplar war es mir zugedacht worden und ich hatte große Lust, es zu lesen. Allein, immer kam etwas dazwischen. Jetzt nähert sich aber 2019 mit schnellen Schritten und ich fand es an der Zeit, reinzuschauen. Denn es berührte mich, dieses eine Jahr vor hundert Jahren aus der Perspektive vieler großer Frauen zu erleben. Käthe Kollwitz, Rosa Luxemburg, Hannah Höch, natürlich auch Marie Curie und viele andere werden hier vorgestellt. Auch Coco Chanel. Ich war entsprechend neugierig. Und wurde nicht enttäuscht. Im folgenden Beitrag sind fünf Gründe aufgelistet, warum ich euch das Buch „1919. Das Jahr der Frauen“ von Unda Hörner (ebersbach & simon) ans Herz legen möchte. Besser kann man sich nicht auf den bevorstehenden Jahreswechsel einstimmen. 

1. Historische Ereignisse werden mit persönlichen Schicksalen verknüpft

Ich konnte mir nie historische Daten einfach so merken und auch die Chronologie wichtiger Ereignisse bekommt für mich erst Relevanz, wenn ich sie mit dem Erleben von einzelnen Menschen verbinden kann. Natürlich ist da der einschneidende Weltkrieg. 1914 – 1918. Das hat man abgespeichert. Aber das, was dann folgte, gewinnt eine solche Fahrt. Ich finde, die Autorin hat das fabelhaft gelöst und eine besondere Teilnahme bei mir als Leserin erreicht. Sie schildert die Biographien der berühmten Frauenfiguren sehr nahbar und mit einer emotionalen Qualität, die einen mitnimmt in die jeweiligen Erlebnisse. Lebendig erzählt sie uns, wo die Frauen herkommen, welche Werte sie mit sich tragen und wie sie zu starken Persönlichkeiten wurden, wie sie ihre Rolle in der Geschichte einnehmen.

2. Spannendes Storytelling

Eigentlich hatte ich erwartet, dass in dem Buch die Porträts der Frauen nacheinander und voneinander abgegrenzt erzählt werden. Aber der Autorin gelingt es, durch verbindende Elemente die Schicksale der Frauen miteinander zu verweben. So erwähnt sie zum Beispiel die Bedeutung der Schere. Für die eine wird sie zum Symbol ihrer Unabhängigkeit. Coco Chanel schneidert sich nicht nur zu einer taffen Geschäftsfrau hoch, sondern sie kürzt auch noch ihre Haare – ein Akt der Befreiung! Und für Hannah Höch ist die Schere das wichtigste Arbeitsinstrument überhaupt.

„Marie Curies Radium-Institut öffnet seine Pforten, Sylvia Beach gründet Shakespeare and Company und Coco Chanel kreiert ihren unsterblichen Duft Chanel No. 5.“ Der Klappentext bringt die Dichte der Erzählung auf den Punkt.

3. Heroinen mit Schwierigkeiten

Auch wenn 1919 als das Jahr der Frauen in die Geschichte eingehen sollte – und das Wahlrecht ist natürlich ein Quantensprung der Emanzipation – so wird doch in den Einzelschicksalen sehr deutlich, wie sehr die Wahrnehmung der Frau immer noch von der Präsenz der Männer abhängt. Das wird an vielen Stellen im Buch thematisiert und auf anrührende Weise deutlich. „Die Dada-Freunde sehen in ihr weniger die Künstlerkollegin als die Mamsell, die dem Hausmann’schen Genie den Rücken freihält“ heißt es da beispielsweise zu Hannah Höch.

4. Unterschiedliche Charaktere – eine Mission

Mir gefällt die Auswahl der Figuren. Coco Chanel, Käthe Kollwitz, Alma Mahler-Gropius, Hannah Höch, Marie Juchacz, Rosa Luxemburg, Sylvia Beach, Marie Curie, Else Lasker-Schüler, Clara Grundwald, Anita Aguspurg, Hedwig Dohm, Suzanne Lenglen, Caroline von Heydebrand, Gunta Stölzl und Gertrud Grunow, Mary Wigman. Der Reigen der vorgestellten Damen zeichnet ein schönes Bild, alles scheint möglich für die Frauen. Gleichzeitig folgen wir den Ereignissen durch das Jahr von Januar bis Dezember.

In einem Brief, den Rosa Luxemburg 1918 schrieb heißt es: „schreibe etwas vielleicht über Frauen, das ist so wichtig jetzt, und niemand von uns hier versteht etwas davon.“ Sie kann es nicht mehr vollenden. Aber in kleinen Schritten sind sie alle nach vorne gegangen.

5. Blick zurück nach vorn

„Schon weit vor dem Jahreswechsel zu Mitternacht sind überall auf Berlins Straßen Knallfrösche und das laute Krachen sogenannter Scherzbomben zu hören, ein Lärm, der viele Menschen schmerzlich an die Ereignisse im vergangenen Januar erinnert.“ Mit dem Blick auf das zurückliegende Jahr wird noch einmal rekapituliert, was erreicht wurde. Klar, es war ein Meilenstein, dass Frauen jetzt endlich mitbestimmen dürfen und auch die Errungenschaften in Kultur und Wissenschaft – der Anteil der Frauen an den Reformbestrebungen und Aufbrüchen stimmt hoffnungsfroh.  Allein, wir wissen es ja besser. Was dann folgte, war ein Rückschritt in so Vielem und eine schreckliche Zeit für alle. Mir ging der Schluss des Buches besonders nahe. Auch, weil die letzten Worte von einem Mann kommen. Kurt Tucholsky zieht in seiner unnachahmlich ironischen und doch glasklaren Art eine nicht so positive Bilanz. Und dann:  „Bleibt, in der Mitte schließlich -: nur die Frau.“

1919 war also ein Jahr der Frauen. Schauen wir mal, was uns 2019 bringen wird, in das ich mich jetzt weiter lesend hineinbegeben werde. Euch allen einen guten Start ins neue Jahr und vielen Dank für eure Treue.

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5 Kommentare

  1. Liebe Anke, lieben Dank für diese inspirierende Rezension von „1919 – Das Jahr der Frauen“. Danke, dass Du uns auf dieses Buch aufmerksam gemacht hast. Es wandert jetzt gleich auf den anwachsenden Lesestapel für mein neues Literatur-Theater-Projekt. denn es ist, glaub ich, eine gute Quelle für Else Lasker-Schüler, der ich bei meinem 2019er-Projekt sicherlich auch begegnen werde … Auf diesem Wege einen guten Rutsch, Anke und einen schwungvollen Start in ein hoffentlich verheissungsvolles Jahr 2019!

    1. Lieber Michael, das freut mich aber sehr! Umso mehr bin ich gespannt auf dein Projekt. Dafür und für alles, was da 2019 noch kommen mag, wünsch ich dir das Allerbeste.
      Herzlichst,
      Anke

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