Was ist Kunstvermittlung?

Degenfechter

Du liebe Güte, ich weiß gerade gar nicht so recht, wo ich zuerst anfangen soll! Es entwickelt sich gerade eine sehr spannende Diskussion zur Kunstvermittlung, in deren Zentrum ein Artikel des Kunstwissenschaftlers Wolfgang Ullrich in der ZEIT steht. Beziehungsweise nahm da etwas den Anfang. Denn erfreulicherweise hat sich die Diskussion auf Blogs verlagert. Und das Tolle ist: der Autor klinkt sich in die Diskussion (bei Let’s talk about arts und auch bei Tanja Praske) ein. Das verspricht, relevant zu werden.

Zeitgleich habe ich meinen Lehrauftrag am Institut für Kunstgeschichte der Uni Düsseldorf angefangen. Dort diskutiere ich mit Studierenden über “Kunstvermittlung im digitalen Raum”. Das ist ungeheuer spannend für mich. Ich freue mich sehr, wenn die Teilnehmer meiner Übung sich einlassen und auch gute Ideen entwickeln. Doch sehe ich auch noch sehr viel Nachholbedarf. Und zwar nicht nur, was das Digitale angeht, sondern auch, was die Frage der Kunstvermittlung betrifft.

Wegen all der Wortmeldungen und Glaubensbekenntnisse zum Thema Kunstvermittlung, die momentan um mich herumschwirren, schien es mir richtig, mich hier als “berufsmäßige Kunstvermittlerin” einzubringen. Vor allem auch, um ein paar grundsätzliche Aspekte beizutragen. Zur Frage, was Kunstvermittlung eigentlich ist bzw. was sie kann und auch soll!

Zielgruppen-Dinge

Als ich am Samstag in der Uni die verschiedenen Sinus-Gruppen mit den Studierenden durchdekliniert habe, hatte ich kurz ein schlechtes Gewissen. Wir haben eigentlich nicht genug Zeit, die vier Block-Samstage sind schnell um und eigentlich sollten jetzt dringend die Fingerübungen für eine Vermittlungsstrategie im digitalen Raum drankommen. Aber ich erlebe es immer wieder, dass rein von den Inhalten her gedacht wird. Wir wollen diese und jene Fakten unbedingt an den Mann bringen. Maximal taucht dann noch die verschwommene Idee vom jungen Publikum am Horinzot auf. Denn – ja, ja – man muss ja auch an die Zukunft denken. Es ist so wahnsinnig schwer, die Perspektive umzubiegen! Und von den Bedürfnissen der Rezipienten auszugehen.

Wunderbar, wenn Wolfgang Ullrich in seinem oben verlinktem Kommentar schreibt: “Mir scheint es von Bedeutung, dass man Besucher von Museen und Ausstellungshäusern heute als Zielgruppen begreift.” Jaaaaaaaaaaa! Ich möchte spezifizieren! Man = Kunstvermittler! Natürlich auch das Marketing, die Museumsleitung sowieso. Aber wenn wir Kunstvermittlung nicht nur als schwammige Haltung begreifen, sondern als Profession, dann sind die Museumspädagogen, Bildungsverantwortlichen oder Vermittler (wir haben immer noch keinen richtig gut funktionierenden Begriff!) doch diejenigen, die sich um die Verbindung zum Besucher sorgen.

Leider ist es vielfach noch gängige Praxis, dass hier Fachwissenschaftler bevorzugt werden, die irgendwie noch sowas mit Pädagogik im Nebenfach studiert haben. Oder so. Oft ist es dann die Berufserfahrung, die in die Vermittlungsstrategien einfließen. Und Zufall, ob das gut oder weniger gut funktioniert! Da ändert sich langsam was und Museumspädagogik, Kunstvermittlung etc. tauchen schon in den Curricula auf.

Da die unterschiedlichen Zielgruppen jeweils eigene vernetzte Communities darstellen, ist es in der Praxis selten möglich, breitgefächert aufgestellt zu sein. Da sehen wir dann das Gießkannen-Prinzip in der Anwendung. Mehr Zielgruppen-Spezialisten in der Kunstvermittlung wären toll.

Kunstautonomie

Kunst ist Kunst. Da will ich gar nicht dran rühren. Und ich verwehre mich gegen jegliche Art der Kunstvermittlung, die Kunst als Projektionsfolie für andere Zwecke nutzt. Was aber nicht bedeutet, dass Kunst im hermetisch abgeriegelten Terrain verbleiben muss. Schon gar nicht in Zeiten einer Kunstproduktion, die per se ja diesen “Schutzraum” verlassen hat. (Eigentlich müsste ich hier nochmal auf die 60er Jahre verweisen, aber Entwicklungsgeschichten dauern jetzt zu lange und lenken ab. Ich nenne nur als Stichwort: Kunst und Leben!)

Jetzt kommen wir also zum eigentlichen Kern der professionellen Kunstvermittlung. Die ist nämlich mehr als Kunstpädagogik (künstlerische Praxis) oder Kunstgeschichte (Lehre, Wissen, Fakten). Ich leihe mir mal den lateinischen Begriff dafür aus: Mediation. Ok, da geht es meist um einen Streit und um Einigung und so. Aber mir gefällt dieser Aspekt: in der Wiki-Erklärung wird von einem strukturierten Verfahren gesprochen, in welchem zwei Parteien”zu einer gemeinsamen Vereinbarung gelangen, die ihren Bedürfnissen und Interessen entspricht”. Was wäre, wenn wir diese beiden Parteien als Kunst auf der einen Seite und Rezipient auf der anderen Seite ansehen würden? Dann käme das meinem Modell von Kunstvermittlung sehr nahe. Wenn wir oben über die Bedürfnisse der Zielgruppen gesprochen haben, so hat selbstverständlich auch die Kunst ihre Bedürfnisse.

Komplexität

Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch. Die schlechte zuerst: Ihr werdet es NIEMALS schaffen, die komplexe Bedeutung eines großartigen Kunstwerkes ganz und bis zum letzten Detail zu vermitteln. Die gute Nachricht: das müsst ihr auch nicht! Ja, ich weiß, das tut weh. Denn jeder, der sich mit Kunst beschäftigt erlebt dieses gewisse Dilemma. Es gibt so viel, das wichtig wäre. So viel Wissen, das genannt werden will. Ganz zu schweigen von Geheimnissen und Anekdoten. Im Seminar am Samstag viel mehrfach der Begriff “Arbeit”, wenn es um die Kunstvermittlung ging. Witzigerweise habe ich gestern auch so etwas von Olafur Eliasson in einem Fernsehbeitrag gehört. Warum klang das bei ihm nur völlig anders? Vielleicht ersetzen wir den Begriff mal mit Bereitschaft. Mit Offenheit, sich Einzulassen.

Tatsache ist, man muss loslassen! Wenn man nicht mehr vom Druck getrieben ist, ALLES vermitteln zu wollen, dann wird es einfacher. In der Frage der Vermittlungsstrategie. Nicht dass wir uns falsch verstehen. Von der professionellen Kunstvermittlung erwarte ich schon eine gewisse Arbeit 🙂 Die liegt natürlich auch darin, sich möglichst umfassend in die Kunst einzulesen, Informationen zu sammeln. Dann aber besteht ihre Aufgabe im Filtern! In der didaktischen Reduktion. Und vor allem auch – jetzt schlagen wir mal den Bogen in das Digitale – in der Überlegung, welches Format für welche Ziele. Ihr merkt schon, das Ding wird immer größer. Das passt dann so auch nicht mehr in einen Blogbeitrag. Ich hab das mal als Idee skizziert – schnell hingworfen.

schaubildKunstvermittlung

Was ich damit zeigen wollte: Kunstvermittlung ist nicht losgelöst, sondern hängt an so vielen Dingen. Als Kunstvermittlerin bin ich natürlich auch Anwältin der Kunst. Aber ich vertrete auch die Institution, für die ich arbeite. Mit all ihren Zielen. Und alles ist Teil der Gesellschaft. Wäre schlimm, wenn man den Kunstbetrieb davon ausnähme. Oder anders herum: eine Gesellschaft, die der Kunst nicht einen zentralen Wert zuspricht, hat wenig gute Zukunftsaussichten. Denn Kunst ist schon längst nicht mehr l’art pour l’art. Sondern in der Auseinandersetzung mit Kunst wird so viel erlernt. Das kreative Denken geschult. Perspektivwechsel eingeübt. Über Geschichte nachgedacht. Es wird das Sprachvermögen gefördert und so viel mehr! Lasst uns alle gemeinsam daran arbeiten, dass Kunst noch viel mehr Raum in unserer Gesellschaft einnimmt. Und vor allem: dass es jedem ermöglicht wird, diese Erfahrungen mit Kunst machen zu dürfen.

Unten habe ich einen Acker gedacht, in den ich ein paar Samen gelegt habe, aus denen Impulse für die Kunstvermittlung werden könnten.

komplexität

Kunstvermittlung im digitalen Raum

Was ist da anders? Erstmal unterliegt sie aus meiner Sicht denselben Bedingungen wie im Analogen. Es geht um die Vermittlung zwischen Kunst und Betrachter. Es geht um Menschen, um Kommunikation. Die sozialen Netzwerke sind keine Geheimbündnisse mit komischen Nerds. Sondern es sind neue Kanäle für Informationsbeschaffung und Austausch. Auch für Öffentlichkeitsarbeit und Selbstdarstellung. Und wie bei allen Kommunikationsvorgängen – auch hier muss man sich Gedanken machen über Sender und Empfänger. Über Sprache und Bilder.  Bislang sind dort noch so gut wie keine Kunstvermittler aktiv. Mit aktiv meine ich, dass sie sich in den Kommunikationsprozess und in die digitalen Strategien einklinken. In der Regel kümmern sich Social Media Manager um die Bespielung. Die kommen aber selten aus der personalen Vermittlung. Zumindest weiß ich von kaum jemandem.

Beim Thema digitale Kunstvermittlung ist das oft ein bisschen anders. Ja genau, ich mache einen kleinen aber durchaus wichtigen Unterschied zwischen der Kunstvermittlung im digitalen Raum und der digitalen Kunstvermittlung. Letzters sind für mich z.B. Apps oder Games oder sonstige Digitalisierungen. Da steckt oftmals ein umfassend finanziertes Projekt dahinter. Und dann werden erst mal alle an einen Tisch geholt, jeder gibt seine Kompetenz ein und man arbeitet so ungefähr zwei Jahre an einem fantastischen Endprodukt. Das konnte man beim Leuchtturm-Projekt der Digitalen Sammlung des Städel Museums sehen. Für mich eine äußerst gelungene Zusammenarbeit von diversen “Gewerken”.

Wie läuft das z.B. im Zusammenhang mit einer Strategie für die sozialen Netzwerke? Werden da alle zusammengetrommelt? Überlegt die Marketingbeauftragte gemeinsam mit der Kunstvermittlerin und dem Social Media Management, was wie und wo funktioniert?

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Jetzt kommt wieder Herr Ullrich zu Wort. “Damit wird das Internet zum zunehmend wichtigen Ort der Inszenierung von Kunst. (…) Zum anderen aber – und das ist vielleicht letztlich sogar noch wichtiger und folgenreicher – findet diese Einbindung dadurch statt, dass auch die Besucher selbst Fotos von Exponaten, Ausstellungsansichten oder im Museum beobachteten Szenen anfertigen und hochladen. Statt nur passiv etwas vermittelt zu bekommen, können sie es sich in eigener Initiative aneignen und dabei ihren individuellen Interessen und Empfindungen anpassen.”     \O/     Yay!!!!!

Das höre ich natürlich super gerne. Vor allem, weil ich der Meinung bin, dass die partizipative Kunstvermittlung viel zu wenig Beachtung findet. Aber warum nur im Digitalen? Ganz richtig wird darauf hingewiesen, dass man doch hier viel mehr Möglichkeiten habe. Man kann etwas heranzoomen, man kann eigene Kommentare in Form von Foto-Details hinzufügen und vieles mehr. Ich möchte an dieser Stelle einmal ganz klar darauf hinweisen, dass es auch in der analogen Kunstvermittlung eine ganze Reihe von Praktiken gibt, die dem partizipativen Gedanken folgen. Die eigenes Sehen beim Publikum anregen, eine emotionale Bindung zwischen Kunst und Betrachter ermöglichen. Das ist für mich sowieso der erste Schritt in eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Werk. Die emotionale Berührtheit führt dazu, dass ich mehr wissen will. Auf welche Weise dieses Bedürfnis dann weiter erfüllt wird, ist wieder eine neue Diskussion. Digital, analog. In mehreren Schritten, auf diversen Plattformen, transmedial, über Geschichten, die weiter geschrieben werden. Es gibt so viele Möglichkeiten. Man muss das nur mit Leben füllen. Und es braucht ein paar Standards, mit denen Qualität gewährleistet wird.

Wo ist das Rezept?

Es sind viele kleine Zutaten, die zu einem zufriedenstellenden Endergebnis führen. DAS Rezept gibt es nicht. Es kommt immer darauf an, für wen was vermittelt werden sollte. So wenig, wie ich denke, dass Kunstvermittlung sich vor allem um das “junge” Publikum kümmern sollte, so wenig bin ich der Meinung: alle ab ins Netz. Ich bin aber ganz klar dafür, sich alle Optionen anzuschauen. Und weil man viele Menschen mit den Möglichkeiten des Digitalen schneller und vielleicht auch niederschwelliger erreichen kann: na, dann muss man sich schleunigst da hineinbegeben und gucken, was Sinn macht. Gesellschaftlicher Wandel findet statt. Die Informationsgesellschaft stellt andere Anforderungen. Die Kultur des Teilens greift Raum. Andere Tendenzen der Selbstvergewisserung greifen um sich. Da muss man ran. Es geht darum, zu analysieren, Rückschlüsse zu ziehen und eine eigene Position zu finden. Sonst wird man überrollt. Und steht irgendwann kopfschüttelnd draussen. Ok, jetzt baue ich ein wenig Druck auf!

Es ist längst noch nicht alles erschöpfend gesagt. Diskussionsbedarf aller Orten. Ich setze auf eine inhaltliche Diskussion, die nicht immer wieder ins Ideologische abschweift. Es wäre toll, wenn wir so gemeinsam gestalten könnten. Im Netz. In der Gesellschaft! Weltherrschaft der Kunst 🙂

 

 

 

 

 

 

32 Comments

  1. Juhu! Weltherrschaft der Kunst! 🙂 Auf jeden Fall.
    Danke für diesen Beitrag, Anke! Ich bin aus der Kunstvermittlung heraus plötzlich – aus eigenem Interesse – im Social Media Marketing/Vermittlung gelandet. Ich würde mich sehr gerne auch anders als nur per Kommentare austauschen.

    Es liegt in unserer Natur alles erklären zu wollen, aber gleichzeitig sollen wir als Kunst-MediatorInnen/KunstvermittlerInnen nicht vergessen, wen wir wo abholen und dass Zeit das beste Gut ist um sich mit Kunst auseinander zu setzen. Vor allem die Geschichte soll stimmig sein, meiner Meinung nach. Sprich, das große Ganze – in welchem Raum startet die Ausstellung und welche Fragen stelle ich, um wohin zu kommen?

    Der digitale Raum eröffnet ganz neue Möglichkeiten, solche die ich noch nicht ganz fassen kann und die ich manches Mal etwas zu kompliziert angehe,…

    LG Lucia

  2. Liebe Lucia,
    ich bin für jeglichen Austausch – auch auf anderer Ebene – parat. Freue mich aber auch sehr, wenn ich Kolleginnen finde, die online sind. Z.B. habe ich mit zwei anderen Kolleginnen drüben bei XING so eine Gruppe Museumspädagogik. Da geht gar nichts, was Austausch anbelangt. Vielleicht wäre ne Facebook-Gruppe besser? Was denkst du?
    Zeit ist ein wertvolles Gut. Das merke ich gerade auch bei meinem Lehrauftrag. Ich hab nur 22 Stunden. Das ist eigentlich nichts, um Grundlagen zu vermitteln.
    Die Möglichkeit, schneller in den Austausch zu kommen und auch digital bestimmte Dinge unkomplizierter herzeigen zu können, birgt noch jede Menge Potenzial.
    Kleine Schritte in die richtige Richtung sind schon mal super. Und ich freue mich, wenn sich noch mehr Kunstvermittler im digitalen Raum bewegen. Das wäre fantastisch für die Diskussion.

    Viele Grüße von Anke

  3. Liebe Frau von Heyl,

    so, heute klinke ich mich mal bei Ihnen in unsere blogübergreifende Diskussion ein. Danke für Ihre Beiträge und das Werbetrommeln, wirklich gut, dass dieses aus meiner Sicht zu lange im Schatten stehende Thema endlich mal Aufmerksamkeit erfährt.

    Besonders interessant finde ich Ihr Verständnis der Kunstvermittlung als Mediation zwischen RezipientInnen und Werk. Man muss sich dabei nur der grundsätzlichen Asymmetrie bewusst sein: Der eine Part – die BesucherInnen – sind in ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten höchst präsent, können sie und sich jeden Moment artikulieren, während das Kunstwerk stumm ist. Seine Ansprüche drohen allein deshalb in der konkreten Vermittlungssituation unterzugehen, man verrät es zugunsten eines (schnellen) Erfolgs beim Publikum.

    Andererseits ist mir nicht daran gelegen, die Kunst zu mystifizieren oder gar für sakrosankt zu erklären. Es bedarf weniger einer Einweihung in irgendwelche Geheimnisse, um sie zu begreifen, als vielmehr einer hermeneutischen Begabung. Und das ist vielleicht der Knackpunkt unserer Auseinandersetzung. Es geht um die Frage: Ist Kunstrezeption lehrbar bzw. erlernbar? In gewisser Weise, würde ich sagen, natürlich schon. Aber eben auch nur in gewisser Weise. Man kann ein Grundverständnis vermitteln und so z.B. ein paar Vorurteile abbauen. Doch für mich braucht es zu einer angemessenen Kunstrezeption genauso eine spezifische Begabung wie zum Kunstmachen. Oder wie zum Musizieren. Und eben deshalb glaube ich, dass es nichts bringt und letztlich vielleicht sogar mehr Frust erzeugt, wenn man versucht, möglichst viele – idealerweise alle – Menschen dazu zu bringen, sich mit Kunst zu befassen. So wie es unmusikalische Menschen gibt (mich z.B.), gibt es eben auch unkünstlerische Menschen.

    Gerade weil Kunst eine Sache der Begabung ist und Begabungen bekanntermaßen eine leider recht seltene Angelegenheit sind, ist sie aber auch nicht ganz so wichtig, wie Sie suggerieren. Vielmehr bleibt sie zwangsläufig die Angelegenheit einer Minderheit. (Die natürlich dazu neigt, das eigene Metier als wichtiger darzustellen, als es ist und für die meisten je sein kann.)

    Ich halte es also für übertrieben, wenn Sie etwa schreiben, „eine Gesellschaft, die der Kunst nicht einen zentralen Wert zuspricht, hat wenig gute Zukunftsaussichten. Denn Kunst ist schon längst nicht mehr l’art pour l’art. Sondern in der Auseinandersetzung mit Kunst wird so viel erlernt. Das kreative Denken geschult. Perspektivwechsel eingeübt. Über Geschichte nachgedacht. Es wird das Sprachvermögen gefördert und so viel mehr!“ Glauben Sie wirklich, dass die meisten Menschen nicht eher bei einer gut gemachten Fernsehdoku zu einem historischen Thema über Geschichte nachdenken als in einer Kunstausstellung? Dass sie nicht eher bei einer Fernreise, einer Familienaufstellung, der Lektüre der Autobiographie einer prominenten Persönlichkeit, einem Kinofilm Perspektivwechsel einüben als in einem Museum? Dass ihr Sprachvermögen nicht eher beim Einkaufen von Kleidung, in Gesprächen über Freunde, beim Lesen von Songtexten oder intelligenten Blogbeiträgen als in einer Kunstausstellung gefördert wird? Dass die Zukunft der Gesellschaft wirklich davon abhängt, wie viele Menschen ins Museum gehen und sich mit Kunst befassen?

    Was ich sagen will: Alle die Kulturtechniken, die Sie erwähnen und die auch ich für höchst wichtig halte, scheinen mir anderswo öfter und für viele Menschen auch besser einübbar zu sein als gerade im Umgang mit etwas so relativ Speziellem wie der Kunst. Ich würde hier auch strikt zwischen Kunst und Kultur trennen (was leider kaum einmal gemacht wird): Ohne Kultur geht gar nichts, hier kann man nicht genug üben, vermitteln, arbeiten, hier geht es nicht um das Ausleben einer Begabung, sondern um Lebensfähigkeit – aber Kunst ist etwas, das, gerade weil es für einige dafür disponierte Menschen enorm wichtig ist, für viele andere gar nie wirklich wichtig werden kann.

    Das braucht natürlich nicht zu heißen, dass man auf alles, was sich als Kunstvermittlung entwickelt hat, verzichten soll. Nein, gewiss nicht. Mir wäre es nur wichtig (wie auch schon in einem anderen Blogbeitrag angemerkt), Grenzen anzuerkennen. Einzusehen, was Kunstvermittlung leisten kann und was nicht. Die ersten Versuche in den Social Media erscheinen mir dabei als interessant, da hier, so mein Eindruck, den Usern ziemlich viel selbst überlassen bleibt. So können sie unterschiedliche Aneignungsformen ausprobieren und vielleicht auch auf bisher unerkannte Begabungen stoßen. (Das übrigens ohnehin eine wichtige Aufgabe von Kunstvermittlung: Begabungen zu entdecken!) Ich staune manchmal, wie sensibel und originell in einigen Tumblr-Blogs mit Kunst umgegangen wird, ja wie hier Aneignungen von Kunst stattfinden jenseits von Worten oder Wissen.

    Soweit mal. Und bitte keine Weltherrschaft der Kunst! Sie würde viel zu viele Menschen ausschließen.

    Herzlich

    Wolfgang Ullrich

    • Lieber Herr Ullrich,
      vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar jetzt auch hier. Überhaupt ist das fantastisch, wenn sich über die Kulturblogger ein Netz entwickelt, in dem man aktuelle Themen weiterdiskutieren kann. Wieder mal ein Pro für die Aktivitäten im Netz.

      Ich bemühe mich, ihre Perspektive einzunehmen. Und finde mich in dem ein oder anderen Argument auch auf Ihrer Seite. Zum Beispiel bewundere ich Ihr kompromissloses Eintreten für die Kunst. Die hermeneutische Begabung – das kann man durchaus einmal näher betrachten. Aber ich meine, das ist ein wirklicher Spezial-Fall.

      Sie haben ganz recht erwähnt, dass es hier um einen Knackpunkt geht. Und da wäre jetzt meine Frage: sind Sie dafür, dass Kunstvermittlung gar nicht stattfindet? Das ist mir noch nicht so ganz klar geworden aus Ihren Bemerkungen. Wenn ja, dann verstehen Sie sicher, dass ich da als berufsmäßige Kunstvermittlung komplett anderer Meinung bin!

      Wenn es allerdings darum geht, über das WIE der Kunstvermittlung zu verhandeln, dann interessiert mich Ihre Meinung. Was würden Sie für angemessen halten? Sie sprechen davon, Begabungen zu erkennen. Welche? Die, die zu einer künstlerischen Praxis führen? Wo sollte man Sie erkennen? In der Schule?

      Ein Aspekt noch: ich spreche vor allem über eine Kunstvermittlung in einem institutionellen Rahmen. Aus meiner Warte vor allem über die in einem Museum. Und da steht dann auch ein gesellschaftlicher Auftrag dahinter.

      Übrigens: das mit der Weltherrschaft ist so ein kleiner Netz-Witz 😉 Immer mal wieder reklamiert das jemand für sich. Und IMMER ist da ein Augenzwinkern dahinter. Und natürlich ein Fünkchen Wahrheit. Denn mit der Aussage, dass Kunst eben nur etwas für eine begabte Minderheit sei, mit der komme ich definitiv nicht klar. Da werden wir wohl auch auf keinen gemeinsamen Nenner kommen.

      Aber ich freue mich außerordentlich über die gehaltvollen Kommentare und bin immer gerne bereit, neue Perspektiven auf das Thema zu nehmen.

      Herzliche Grüße
      Anke von Heyl

      • Liebe Frau von Heyl,

        danke für Ihre Antwort! Fein, dass wir zumindest darin übereinstimmen, wo der Knackpunkt der Diskusison liegt 😉

        Nein, ich bin nicht grundsätzlich gegen Kunstvermittlung. Es gibt relativ etablierte Formate wie z.B. Audio-Guides, die ich oft für sehr hilfreich halte, aber ich gab ja auch schon zu verstehen, dass ich einigen Experimenten in den Social Media sehr neugierig und hoffnungsfroh gegenüberstehe. Meine Skepsis beginnt, wenn ich das Gefühl habe, es wird mehr über die Zielgruppen, an die vermittelt wird, als über die Kunst nachgedacht, die vermittelt werden soll. Dann ist es ja kein Vermitteln mehr, sondern geht darum, Leute irgendwie zufriedenzustellen. Und das ist mir zu wenig! Bzw. dafür sind die Museen meiner Meinung nach nicht da.
        Ich glaube aber, es führt kein Weg daran vorbei, dass man auch mal eingestehen muss, dass sich eben nicht alles an jeden vermitteln lässt. Ob nun nur eine Minderheit oder doch eine Mehrheit grundsätzlich dazu begabt ist, Kunst zu verstehen bzw. von Kunst bereichert zu werden, sei mal dahingestellt. Aber würden Sie wirklich so weit gehen, zu sagen, Sie könnten ALLEN Menschen ein bestimmtes Kunstwerk näherbringen, ohne dass dieses dabei zu sehr trivialisiert wird? Oder gab es schon einmal eine Situation, in der Sie an Ihre Grenzen als Kunstvermittlerin gestoßen sind?

        Mit dem Erkennen von Begabung meinte ich in dem konkreten Fall das Entdecken einer hermeneutischen Begabung. Ich habe das in Seminaren öfter erlebt: Plötzlich wird deutlich, dass jemand sehr sensibelk und treffend über Kunstwerke sprechen kann. Die Person selbst stellt es auch erst fest und fasst dadurch Selbstvertrauen.

        Soweit mal in aller Kürze.

        Herzlich

        Wolfgang Ullrich

        • Lieber Herr Ullrich,

          ich glaube, Sie denken zu sehr aus der Sicht des einzelnen Kunstwerks. Ich sage natürlich nicht, dass ich jedes Kunstwerk auch an jede Zielgruppe vermitteln kann. Denn ich sehe meinen Job als Kunstvermittlerin auch in der Auswahl bestimmter Kunstwerke für bestimmte Zielgruppen.

          Interessant ist, dass Sie immer da, wo “technische Hilfsmittel” ins Spiel kommen, die Kunstvermittlung sinnvoller zu finden scheinen als wenn es um Kunstvermittler in persona geht.

          Ich sehe übrigens Vieles, wo wir übereinstimmen. Zum Biespiel auch in der Ansicht, dass es nicht darum geht, die Leute irgendwie zufrieden zu stellen.

          ich wünsche einen schönen Feiertag und sonniges Wochenende.

          Herzliche Grüße von Anke von Heyl

  4. Ich bin doch sehr erstaunt, welche Dynamik diese Diskussion um die Kunstvermittlung annimmt, vor allem aber, mit welch einer Geschwindigkeit ein Beitrag in den analogen Medien plötzlich im Social Web seine Kreise zieht – und zwar weitgehend frei von Trollen, dafür aber mit großem inhaltlichen Engagement. Allein das sollte uns in Hochstimmung versetzen! Und wenn man die verschiedenen Blog-Beiträge und Kommentare liest, weiß man auch als Verantwortlicher für ein Museum kaum, wo genau man ansetzen soll. Es ist ein riesiges Feld, und allein die Tatsache, dass wir dieser Auseinandersetzung so viel Raum und Leidenschaft widmen ist ein höchst ermutigendes Signal (bin ich doch noch in einer Zeit sozialisiert worden, in der „Kunstvermittlung“ getrost auch als Schimpfwort gereichte, selbstredend ohne anschließenden Shitstorm).

    Zwei, drei Anmerkungen aus der Museumspraxis möchte ich an dieser Stelle aber doch gerne noch fallen lassen. Es ist eine nicht zu unterschätzende Bemerkung von Anke von Heyl, dass der „Fachwissenschaftler“ oft – auf welchen (Um)Wegen auch immer – in der Vermittlungsarbeit landet. Tatsächlich aber macht man häufig die Erfahrung, dass hier nicht die irgendwie pädagogisch fortgebildeten Kunsthistoriker die Richtigen sind, sondern künstlerisch interessierte Menschen mit pädagogischer Begabung oder Ausbildung, Quereinsteiger, die als Erfahrungshintergrund die eigenen grundsätzlichen Fragen noch im Kopf haben und damit den Ausgangspunkt der unmittelbaren (unvermittelten) Begegnung mit Kunst bestens kennen. Die Talente guter Kunstvermittler sind nicht im Fachwissen zu suchen, sondern in der Fähigkeit des sich Zuwendens – dem Werk wie dem Menschen gegenüber.

    Was wollen und müssen wir eigentlich im Museum an erster Stelle unseren Besuchern vermitteln? Lange Zeit dachten wir, es seien die Bilder selbst, die Inhalte, die Querbezüge und historischen Rahmenbedingungen; eben das – wie man das gerne so gruselig benennt – „Herunterbrechen“ von Fachwissen (Forschung) auf Allgemeinverständlichkeit. Ich habe gerade auch in meinen eigenen Rundgängen mit Besuchern immer wieder festgestellt, dass es eigentlich noch um etwas ganz anderes geht: Um das Sehen und das Vertrauen in die eigenen Fragen.

    Es ist immer wieder verblüffend, wenn man mit einer Besuchergruppe ganz schlicht das Hinschauen übt, erst einmal ganz ohne externe Zusatzinformationen: Ich befrage das Bild. Was sehe ich? Was sticht ins Auge, wo komme ich nicht weiter, was verstört mich? Und was „erkenne“ ich, indem ich diese Beobachtungen und Fragen schlicht formuliere – da sind wir dann ganz profan wieder bei der klassischen Bildbeschreibung. Und was ist daran neu? Vielleicht gar nichts, außer den Rahmenbedingungen. Wir kommen nicht an der Tatsache vorbei, dass bei aller Popularisierung der Kunst, bei aller Öffnung des Museums viele Besucher nach wie vor höchst eingeschüchtert vor der Kunst stehen (was sich bei der zeitgenössischen oft auch als brüske Ablehnung „dieses Quatsches“ Bahn bricht).

    Es geht aber heute mehr denn je darum, den eigenen Fragen zu vertrauen, diese ernst zu nehmen und ihnen als einem Weg der Erkenntnis zu folgen. Ich fürchte, in der Kürze hier lässt es sich nicht ganz die Banalität des Pathos formulieren: Wir müssen unser Publikum darin stärken, das erste Unverständnis als Chance zu begreifen, indem Fragen zu Beobachtungen und Betrachtungen zu Antworten führen und diese wiederum zu neuen, tiefer gehenden Fragen. Hier kann ich Wolfgang Ullrichs Kommentar nur noch verstärken: „Ist Kunstrezeption lehrbar bzw. erlernbar? In gewisser Weise, würde ich sagen, natürlich schon.“ Nein, nicht nur in gewisser Weise, sondern ganz eindeutig: Ja!

    Aber genau deshalb auch kann ich als Museumsdirektor seinem nächsten Schluss nicht folgen: „Und eben deshalb glaube ich, dass es nichts bringt und letztlich vielleicht sogar mehr Frust erzeugt, wenn man versucht, möglichst viele – idealerweise alle – Menschen dazu zu bringen, sich mit Kunst zu befassen.“ Das spielt auf dieses unsägliche „Kunst für alle“, eine parteipolitisch gefärbte Forderung vergangener Jahre an, deren missionarische Absurdität immer schon mehr Politikerpoesie als Museumsprosa war. Aber es geht doch um etwas Anderes: Die Besucher in meinem Haus haben doch schon eine Entscheidung getroffen, nämlich, dass sie sich interessieren, dass sie Fragen und Erwartungen an die Kunst haben. Und das bedeutet: Wir haben ein kleines Zeitfenster, ihnen in diesem Anliegen entgegenzukommen, etwas aufzuschließen – mehr vielleicht in ihnen selbst als hinsichtlich der Kunst. Ich will nicht zwangsläufig „alle“ Menschen ins Museum holen, aber ich will allen Menschen im Museum etwas anbieten, das ihre Entscheidung für den Besuch als lohnend erweist.

    Und hier teile ich durchaus diesen emphatischen Glauben an die Kunst: Das Museum kann ein Raum sein, in dem der Perspektivwechsel, das offene Zugehen auf erst einmal Fremdes und Unverständliches unter besonderen Bedingungen erprobt werden kann, anders auch als im Kino, mit einem Buch oder auf Reisen. Denn das Museum ist ein Schutzraum, nicht nur für die Kunst, sondern gerade auch für den Besucher: Wer es betritt, kann sich auf ein Abenteuer einlassen, dessen Verlauf man selbst bestimmt, wo Grenzüberschreitungen ohne negative lebenspraktische Konsequenzen möglich sind, wo man sich ausliefern kann an etwas, dem man „draußen“ noch keinen Raum geben kann oder will. „Du musst Dein Leben ändern“ wurde von Rilke seinerzeit nicht ohne Grund angesichts einer Skulptur niedergeschrieben, nicht als er ein Buch zur Seite legte …

    • Lieber Herr Nachtigäller,

      wunderbar! Danke für Ihre Meinung. Und es tut gut, von einem Museumsdirektor solche Worte zu hören.” (…) diesen emphatischen Glauben an die Kunst: Das Museum kann ein Raum sein, in dem der Perspektivwechsel, das offene Zugehen auf erst einmal Fremdes und Unverständliches unter besonderen Bedingungen erprobt werden kann, anders auch als im Kino, mit einem Buch oder auf Reisen.”

      Dass Offenheit ein wichtiger Faktor ist, wenn es um zukünftige Konzepte für Museen geht, ist ja in den angelsächsischen Ländern schon längst erkannt worden. Ich will nicht immer wiederholen, dass das in Deutschland noch längst nicht überall der Fall ist. Sondern freue mich, wenn ich auf positive Beispiele verweisen kann. Und das Marta Museum gehört auf jeden Fall dazu!

      Es geht um Angebote, das ist doch der Dreh- und Angelpunkt unserer Diskussion. Und natürlich auch um die Frage, wie eine Institution sich da aufstellt. Das ist vielleicht aus der Sicht der Kunstproduktion erst mal etwas anderes. Aber ich meine auch, dass ein Künstler sich heutzutage nicht mehr im Elfenbeinturm verkriechen kann.

      Wir haben es hier mit so vielen Bezügen zu tun, die man im Blick haben muss. Deswegen bin ich doppelt froh, dass auch die Museums-Sicht dazugekommen ist. Jetzt wäre es natürlich spannend, wir bekämen einen Künstler in die Diskussion 🙂

      Irgendwie mag ich das Engagement und die Leidenschaft, mit der hier verschiedene Akteuere für ihre Sache eintreten. Bei allen unterschiedlichen Argumenten – irgendwie denke ich, eint uns doch alle die Begeisterung für die Kunst. Und da wird dann auch schon mal ein bisschen gekämpft. Wie Sie sagen, Herr Nachtigäller, es ist schön, dass das ohne Trollerei geht!

      Ich bin mal gespannt, was noch folgt. Schön, wenn wir uns irgendwann auch mal analog darüber austauschen können.

      Herzliche Grüße nach Herford
      Anke von Heyl

      • Liebe Frau von Heyl,

        vielen Dank für Ihre begeisterte Rückmeldung. Und auch Ihr Text hat mir nochmal deutlich gemacht, wie vielschichtig dieses Thema ist und dass da durchaus auch zwei Herzen in meiner Brust schlagen. Manches von Wolfgang Ullrichs Plädoyer für den Eigenwert der Kunst trifft bei mir auch auf fruchtbaren Boden. So werden zum Beispiel von den Landesregierungen mittlerweile so viele Fördermittel in die Vermittlung geleitet, dass ich mal bei einer Diskussion etwas polemisch zurück gefragt habe, ob man sich sicher sei, dass am Ende auch noch relevantes Zeitgenössisches da sei, was es denn zu vermitteln gäbe. Deutlicher gesagt: Wenn der Kunst- und Ausstellungsproduktion mehr und mehr die Luft abgeschnürt wird, steht auch die Vermittlung trotz guter Rahmenbedingungen mit ziemlich kurzem Hemd da …

        Und noch etwas: Das Bild vom Künstler im Elfenbeinturm ist eigentlich ein rhetorisches Klischee wie die auch gern zitierten neuen Kleider des Kaisers. Das sperrig minimalistische Kunstwerk ist nicht automatisch Zeugnis für die Weltabgewandtheit seiner/s ProduzentIn. Und vor der “splendid isolation” stehen für die Meisten nur zu deutlich wirtschaftliche Notwendigkeiten.

        Aber das macht schon wieder neue Fässer auf. Schön wäre es, wenn man diese notwendige Diskussion tatsächlich auch noch ins analoge Leben übertragen könnte. Wenn wir in diesem Jahr nicht bis über die Ohren mit unseren Jubiläumsaktivitäten beschäftigt wären, würde ich umgehend die Vorbereitung einer diesbezüglichen Konferenz in Angriff nehmen. Schon allein, um einigen Zuträgern dieser Debatte (und Ihnen ganz besonders) auch einmal jenseits der virtuellen Aktivitäten zu begegnen – und natürlich, um Sie alle mal (wieder) nach Herford zu locken 😉 . Denn da stimme ich Ihnen absolut zu: Die Leidenschaft dieser Diskussion fasziniert und begeistert – welche Funken würden da erst in der direkten Begegnung sprühen …

        Mit besten Grüßen

        Roland Nachtigäller

        • Lieber Herr Nachtigäller,
          oh ja, es sind so viele Schichten. Und gar, wenn es um die Frage der Mittel geht. Ich hoffe, dass wir da nicht das eine gegen das andere ausspielen. Denn ich sehe eine Notwendigkeit, dass alle Teile des Kulturbetriebs unterstützt werden.

          Da ich glaube, dass die Diskussion weiterhin wichtig bleibt, können wir das Thema ja mal im Hinterkopf behalten. Vielleicht ergibt sich ja irgendwo eine Möglichkeit, das aufzugreifen. Und ein Forum für analogen Austausch zu schaffen. Ich für meinen Fall werde gerne auch mal wieder den Weg nach Herford auf mich nehmen und vorbeischauen, wenn sich eine Gelegenheit bietet.
          Bis lese, teile und kommentiere ich gerne die Aktivitäten des Marta im Netz.

          Viele Grüße von Anke von Heyl

        • Lieber Herr Nachtigäller, liebe Frau von Heyl,

          meines Wissens bereitet Herr Hartinger von den Geschichtsmuseen in Erfurt für das nächste Treffen der Museumsakademie Museion 21 im September eine Podiumsdiskussion zu unserem Thema vor. Vielleicht bietet das eine erste Chance zur analogen Fortsetzung unserer Diskussion?

          Herzlich

          Wolfgang Ullrich

          • Das klingt interessant. Ich würde mich gerne fürs Panel zur Verfügung stellen.

  5. P. B. bildender Künstler , parteilos , http://www.art-peter-berresheim.de

    Zur Situation der Kunstvermittlung kann ich nur von meinen Arbeiten sprechen . Hier wird eine Vermittlung nicht stattfinden , weil die Vorzensur durch KuratorInnen zu Ausstellungen oder Wettbewerben meine Arbeiten ( siehe obige Website ) bis auf die Ausnahme in Wien , ausschliessen .
    Für eine positive Entscheidung ist der Mut nicht da , sein Image durch eine Fürsprache für einen im Kunstgeschehen Unbekannten zu schwächen .

    Ich gehe seit Jahren zwei andere Wege :

    1. die Vermittlung meiner Bildinhalte erfolgten auf Kunstmärkten , bei denen meine Bilder die einigen mit gesellschaftsbezogenen Themen und das Problematisieren zu Alltagssituationen waren . Hier kam es zu einem sehr fruchtbaren Gedankenaustausch mit Menschen , die nie zu Ausstellungen oder Museen gehen – ANALOG – .

    2. vor ca. 3,5 Jahren habe ich die obige Website erstellt und regelmässig mit meinen neuen Arbeiten ergänzt . Bis jetzt gab es ca. 50.000 Besuche aus der ganzen Welt . Das wäre analog nicht möglich .
    Der Versuch über die Mail – Adresse , also digital , Gedanken auszutauschen geht leider gegen null . Da mache ich sicherlich etwas “falsch” .

    Es fragt sich doch welche “Kunst” und welche Inhalte an wen vermittelt werden ?

    Hier gibt es gute Ansätze mit Themenausstellungen Menschen neugierig zu machen , die aus welchen Gründen auch immer , weder Museen noch Ausstellungen besuchen .
    Dies ist auch digital zu gestalten .

    Peter Berresheim

  6. Liebe Anke,

    ich habe den bisherigen Verlauf der Diskussion um die Kunstvermittlung in den verschiedenen (Blog-)Beiträgen und Kommentaren aufmerksam verfolgt und war mir bisher nicht sicher, ob ich kommentieren soll. Prinzipiell war ich häufiger versucht, Stellung zu beziehen – besonders da die Debatte sich in Blogs entfaltet, die ich gerne und regelmäßig lese und ab und an kommentiere.

    Der Grund, warum ich mich bisher zurückgehalten habe, ist tatsächlich der “Troll-Aspekt”. Die bisherige Abwesenheit trollinger Kommentare wird hier zu Recht positiv betont – in “unserem” Blogumfeld ist es glücklicherweise eher die Regel und nicht die Ausnahme. Ich fasse mir also ein Herz und “trolle jetzt dennoch kurz:
    Mir erscheint die Debatte um Kunstvermittlung als Luxusproblem. Auch Geschichtsmuseen und Gedenkstätten sind mit der Problematik einer möglichen Banalisierung von Vermittlung vertraut – diese habe jedoch nicht den Luxus zu sagen, es sei nicht Anspruch oder Ziel Inhalte vollumfänglich zu vermitteln. Im Gegenteil.

    Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich ursprünglich aus dem Bereich der erinnerungskulturellen Vermittlungsarbeit komme. Die Problematik ist hier die “Vermittlung des Unbegreiflichen” (so auch der Titel meines Buches) – also dass Inhalte und Hintergründe Besuchern näher gebracht werden müssen, die schwer zu erfassen sind. Auch wenn hier auf den ersten Blick eine Parallele zur Kunstvermittlung zu bestehen scheint – eine Banalisierung wäre in der erinnerungspädagogischen Vermittlungsarbeit deutlich problematischer, wenn nicht sogar fatal.

    Was die mögliche Banalisierung in der Kunstvermittlung angeht, kann ich vor diesem Hintergrund zur aktuellen Debatte nur fragen: So what?

    Viele Grüße
    Angelika

    • Liebe Angelika,

      sicher ist zwischen Kunstvermittlung und Geschichtsvermittlung ein Unterschied. Und wenn es um die Frage des “Unbegreiflichen” geht, müssen sich die Vermittler sicher auch noch mal ihrer besonderen Verantwortung bewusst sein. Aber ich möchte gerne den Begriff der Banalisierung wieder wegbekommen von der Vermittlung. Das war ja ein “Einwurf” (ich schreibe bewusst nicht “Vorwurf”) von Herrn Ullrich. Ich halte Banalisierung für einen falschen Dreh in unserer Diskussion. Auch weil sich die wenigsten wirklich Gedanken darüber machen, was sie eigentlich damit meinen. Da wird sehr viel in einen Topf geschmissen.

      Mir geht es darum, dass man sich in der Vermittlung sehr genau die Frage stellt, was man wem und wie vermittelt. Das wird ja bei der Gedenkstätten-Vermittlung auch gemacht. Dort wird es doch auch um die Frage gehen, was kann ich in einer Führung, die maximal eine Stunde dauert, einer Schulklasse mitgeben. Da müssen wir uns doch alle einig sein, dass man da dann nicht das Wissen weitergeben kann, dass man nach jahrelangem Studium angesammelt hat.

      Ich wünsche mir, dass man mehr in die Frage des Wie investiert. In der Kunstvermittlung kann ich dazu Antworten geben. Bei der Geschichtsvermittlung seid ihr gefragt 🙂

      Herzliche Grüße
      Anke

  7. Oha, liebe Anke, liebe Diskutanten,

    endlich finde ich die Zeit, die aufflammende Diskussion zur Banalisierung durch Kunstvermittlung wieder zu verfolgen. Tatsächlich bin ich geplättet. Vor allem beeindrucken mich die inhaltlich gehaltvollen und wichtigen Kommentare, da sie dialogische Artikel in meinen Augen sind. Ja, es war von Herrn Ullrich richtig gut, in dem Zeit-Artikel zu polemisieren, ja, es war von ihm gut, sich in den Blogartikeln zum Thema einzubringen. Ja, mir gefallen seine Hoffnungen zur digitalen Rezeption von Kunst und digitalen Formaten, die diese befördern. Hier erkennt er mehr, als so manche Institution, die sich den digitalen Chancen verschließen und es als nerdige Modeerscheinung abtut, eine Haltung, die schon vor 20 Jahren dem “Internet” gegenüber gezeigt wurde. Ich glaube nur, dass diese Haltung, wenn nicht in der Gegenwart, so doch in der mittelbaren Zukunft für das Haus sehr fatal sein wird.

    Zurück zum Thema: Wie Anke auch, tue ich mich damit schwer, eine Trennung von analoger und digitaler Kunstvermittlung zu ziehen: Analog = schwierig, negativ belastet, wenn sie für “alle” gedacht ist; “Digital” = positiv, da eine unmittelbare Rezeption der Kunst, vielleicht auch ihre Aneignung mit der Gefahr der Trivialisierung. Ein Selfie in einer KZ-Gedenkstätte ist nicht nur trivial, sondern gefährlich, da unreflektiert dem “Unbegreiflichen” gegenüber, wie Angelika zurecht trollt. War die Person da nicht einfach nur fatal alleingelassen mit der Usability der “Neune” Medien? Und genau hier sehe ich die Rolle der Museen, sich auf neue Wahrnehmungsstrukturen einzulassen und vielleicht auch so etwas wie eine Ethik zu formen, ohne jetzt in Korsette zu zwängen. Tatsächlich geht es um aktives Zuhören im Netz, um maßvolles Moderieren, noch besser um gemeinschaftliches Gestalten mit den Nutzern im Netz. Überraschendes kann dabei für das Museum herauskommen. Was im Netz gilt, gilt aber auch im Analogen. Für mich sind analoge und digitale Formate Zahnräder in einem gemeinsamen Getriebe. Ihr Zusammenspiel ist gewinnbringend für alle Seiten.

    Kunst soll bewegen, in welcher Form auch immer. Was “angemessene Kunstrezeption” , die nur durch eine spezifische Begabung, dem Werk gegenüber ist, stößt bei mir auf Widerwillen. Geht diese Haltung doch wieder in Richtung des Zeit-Artikels: Das Genie, der Künstler, wird nur zur Gänze von wenigen “Auserwählten”, den “Elitären” erkannt. Gut. Bei Herrn Ullrich entspricht das Elitäre nicht der elitären Gesellschaftsschicht der letzten Jahrhunderte, leider jedoch der Ansatz.

    Mir gefällt sehr gut, was Herr Nachtigäller hinsichtlich des “Sehens” äußert. Genau hier sehe ich den Ansatz. Was nützen mir Theorien, Fach- oder Geschichtswissen, wenn der passive Zuhörer nach 45 Minuten ermüdet von dannen zieht und ihn das Werk nicht berührt hat, da ihm Interpretationen geboten wurden. Hier verhält es sich dann ähnlich wie in der Schule, einmal gehört, vielleicht noch für eine Prüfung wiederholt und dann dauerhaft vergessen. Wandelt sich der Zuhörer, aber zum aktiven Seher, der mit beobachtet, die Führung gar mitgestaltet, da der “Führer” sich als Mediator versteht, dann vermag er sich empathisch zum Werk, aber vielleicht auch empathisch zur Gruppe verhalten, dann wird die Führung für ihn individuell und nachhaltig, da er Emotionen mit ihr und dem Werk verbindet. Hier gibt es also den “Schutzraum des Museums”, eine Spielwiese für Erkenntnisse, Reflexionen und Emotionen sowie ein Gegenpol zum Arbeitsalltag. Lucie brachte den Kunstvermittler als Begleiter ins Spiel. Ein Begleiter hört zu, reagiert, kann aber auch Appetithappen bieten, die angenommen oder abgelehnt werden dürfen

    Für mich gibt es nicht die “EINE” Vermittlungsmethode für “ALLE”, sondern Angebote für unterschiedliche Bedürfnisse. Im Netz können Personen abgeholt werden, die vielleicht nicht unbedingt museumsaffin sind. Hier findet ein erster Kontakt statt. Bietet das Museum für diese Angebote im Museum zum zweiten Schritt, ist das prima. Dann muss es aber auch den dritten und vierten Schritt geben bzw. eine Strategie für verschiedene Dialoggruppen. Und jetzt könnte ich weiter und weiter schreiben, tatsächlich ruft die Diskussion nach vertiefenden Artikeln, die unterschiedliche Perspektiven einnehmen, bestenfalls aufeinander reagieren im Sinne eines “Blog-Tennis”.

    Liebe Anke, pardon für meinen Roman, der in manchen Punkten die Oberfläche nur ankrazt und weitergedacht werden muss. Habe ja, bald mehr Zeit dazu!

    Herzlich,
    Tanja

    • Liebe Tanja,
      ich bin dir sehr dankbar für deinen Roman 🙂
      Es ist in der Tat so, dass dieses Thema nicht mal eben in ein paar Tweets und auch nicht in einem einzigen Blogbeitrag besprochen werden kann. Da hängt viel zu viel dran. Ich finde es wichtig, dass man bei der Frage der Vermittlung eng bei der Sache bleibt. Man ist nämlich schnell über die eigentliche Sache hinaus.

      Ich mag sehr dieses Bild, das du gezeichnet hast. Wie ein Räderwerk greifen analoge und digitale Kunstvermittlung ineinander. Da gibt es natürlich auch immer wieder Sand, der ins Getriebe kommt. Die Ressourcen-Problematik spielt auch hier eine Rolle.

      Weiterdenken – am liebsten sofort 🙂
      Mal sehen, ob wir da irgendwann mal einen Schritt machen und über die Frage der Qualität von Kunstvermittlung sprechen können. Was macht Sinn? Was sind innovative Methoden? Hier habe ich große Lust, weiterzudenken.

      Herzlichst
      Anke

  8. Ich habe soviel Lust hier mitzumachen, muss erst einmal Zeit finden das bisherig Gesagte richtig zu lesen … Dann doch schon einmal ‘einen Satz’ von mir.
    Ich liebe Kunstvermittlung und schätze die ganze Bandbreite von Angeboten. Denn jeder der – sei es analog oder digital – Kunst betrachtet, hat unterschiedliche Bedürfnisse. Sogar bei einem einzigen Menschen wechseln die Bedürfnisse, je nach Stimmungslage, Zeitrahmen und Aufnahmekapazität. Was letztendlich keine Wissenschaft und keine Vermittlung diktieren oder inszenieren kann, ist der Moment worauf und die Gründe weshalb jemand von Kunst berührt wird. Diese so wesentliche Emotion kann manchmal auch komplett losgelöst und unabhängig von dem kunsthistorischen Kontext und auch von der Kunstvermittlung entstehen. Wer will den Anspruch erheben, diese diktieren zu können, wollen und sollen?
    Mich stört daher manchmal, dass die Frage nach dem Relevanz von Aktionen-im-Netz durch Museen zu eng gestellt wird. Es sollte nicht vorrangig danach gefragt werden, ob mehr (und jüngere) Besucher sich demzufolge ins Museum trauen, sondern vor allem danach, ob das Museum durch solche Aktionen das Leben von ‘Menschen vor Ort und im Netz’ bereichert hat – eine ‘Ziffer’ die sich kaum berechnen lässt. Dass gehört in unserem gemixt analog-digitalen Zeitalter (‘Zahnrad’) doch mit zum Bildungsauftrag eines Museums?
    Und wieviele Museen oder Kunsthistoriker haben sich schon zu der Idee durchgerungen, dass es mit zu ihren Auftrag gehört, die eigene Kreativität des ‘Publikums’ anzustacheln – auch wenn diese sich z.B. in Remixing von digitalisierten Kunstwerken äussert, wie z.B. die National Gallery “Statens Museum for Kunst” in Kopenhagen hemmungslos propagiert (vgl. http://www.slideshare.net/MereteSanderhoff/towards-open-participatory-cultural-heritage oder http://de.slideshare.net/petersoemers/das-gehrt-euch-dnische-museen-im-social-web-version-2 ).
    Die spezifische Professionalität der wissenschaftlichen Kunsthistorie, der wissenschaftlichen Kunstbetrachtung und sogar die professionelle Kunstvermittlung brauchen nicht geschmälert, sie behalten ihre Berechtigung und Notwendigkeit – aber der Rahmen wo sie hineingehören, ist doch soviel grösser: das alltäglich gelebte Leben von Menschen – im Prinzip von allen Menschen auf dieser Erde? Das Leben diktiert das Geschehen, nicht die Wissenschaft.
    P.S.: zum verfänglichen Gegensatz von analog und digital (Zahnrad?) siehe auch die vielleicht etwas abstrus wirkenden aber m.E. durchaus beachtlichen Ausführungen von Neal Stimler und Stéphane Vial: http://www.slideshare.net/reduplikation/tt-w14-c4vialstimler .

    • Lieber Peter, deine Gedanken sind sehr wertvoll. Wir sind ja auf die Betrachtung von außen angewiesen, wenn wir mal ordentlich reflektieren wollen. Deswegen schätze ich dich zum einen als Vertreter der “Besucher” und zum anderen tut einfach immer der Blick aus Holland, Dänemark oder auch England auf unsere deutschen Praktiken gut. Weil ich der Überzeugung bin, dass wir Deutschen noch zu sehr an konservativen Bildungsidealen hängen. Natürlich gibt es hier und da auch andere Beispiele. Aber am Ende des Tages (ha! da ist es! ) kommen wir einfach zu schnell zur Banalisierung und ähnlichen Begrifflichkeiten. Die nichts mit Transparenz, Offenheit und Partizipation vereinbar sind. Letzteres halte ich aber weiterhin für den Weg in die Zukunft.

      Du beschreibst sehr schön die emotionale Berührtheit, die einen in der Begegnung mit der Kunst ergreift. Das kann keiner steuern. Mich interessiert, was man darauf aufbauen kann. Und ich bin überzeugt, dass weiterführende Angebote gerne angenommen werden.

      Die Präsentation zu digital/analog muss ich mir nochmal genauer durchlesen. Das ist schon auch ein interessanter Aspekt! Danke fürs Teilen!

      Herzliche Grüße von Anke

  9. Liebe MitdiskutantInnen,

    es sind wieder einige bedenkenswerte, die Debatte weiter differenzierende Beiträge geschrieben worden – hier und auf anderen Blogs. Und ich habe mir, davon angeregt, auch nochmal ein paar Gedanken gemacht, habe vor allem versucht, meinem eigenen Misstrauen, gelegentlich sogar Missbehagen gegenüber der Kunstvermittlung besser auf die Spur zu kommen.

    Sie, lieber Herr Nachtigäller, erinnern in Ihrem Beitrag an Rilkes Erlebnis mit dem Torso von Apoll, das in der Einsicht mündet „Du mußt Dein Leben ändern“. Sie gehen in Ihrer großartigen Rede zum 10. Geburtstag von Marta Herford noch ausführlicher darauf ein (http://marta-blog.de/momente/). Und dabei scheint mir ein Satz von Ihnen besonders wichtig: „Es ist für mich nach wie vor eines der großen Geheimnisse der Kunst, wie sie jenseits der sprachlichen Beschränkungen unmittelbar wirken und jähe Momente der Erkenntnis produzieren kann.“ In diesem Satz scheint mir wiederum ein Wort von besonderer Bedeutung zu sein: „unmittelbar“. Das heißt: unvermittelt. Im Sinne von ‚plötzlich‘, aber auch im Sinne von ‚ohne Vermittlung‘. Tatsächlich fällt die Vorstellung schwer, Rilke habe erst eine Führung mitgemacht, selbst im Museum aus Ton einen Torso geformt oder sich mit anderen Museumsbesuchern, unter Leitung von Kunstvermittlern, über die Antike oder über Körper- und Genderfragen ausgetauscht, bevor er in der Lage war, eine innige Erfahrung zu haben und darüber ein Gedicht zu schreiben. Und auch wenn Rilkes Fähigkeit, ein Erlebnis im Museum in Worte umzusetzen, alles andere als repräsentativ ist, so ist vielleicht doch die Unmittelbarkeit der Begegnung mit Artefakten nicht nur für einen Dichter wichtig. Um es ganz hart zu formulieren: Um diese Chance auf Unmittelbarkeit bringt uns jede Form der Kunstvermittlung. Ich meine es aber gar nicht ganz so hart und relativiere gleich: Natürlich ist auch die Inszenierung eines Exponats im Raum – durch Licht, Konstellation etc. –, ja sogar bereits sein Ort in einem Museum eine Form von Vermittlung. Auch eine höchst wichtige, jedoch zugleich eine dezente Form, die die Besucher alleine mit den Werken lässt. Die keine Reaktion verlangt, keinem bestimmten Plan oder Programm folgt.

    Und genau das Geplante und Programmhafte stört mich an den expliziten Formen der Kunstvermittlung. Sie spannen mich in etwas ein, nehmen mir viel an Freiheit – nicht zuletzt die Freiheit, gleichgültig gegenüber dem Gesehenen zu bleiben und mich davon auch abzuwenden.

    Vielleicht bin ich prüde, wenn ich Kunstvermittlung als etwas empfinde, das meine Intimsphäre verletzt. Was zwischen einem Kunstwerk und mir passiert, will ich ohne Einmischung von außen erleben. Will ich auch nicht von Dritten ermöglicht bekommen. Das wäre mir peinlich. Das wäre schrecklich unerotisch.

    Rilkes Gedicht macht gerade deutlich, wie sehr ein inniges Kunsterlebnis erotisch-intim sein kann. Sehr bemerkenswert finde ich, dass er zu Beginn der Begegnung mit dem Torso noch von „wir“ spricht, gleichsam von der Gemeinschaft der Interessierten, dann aber in den Singular wechselt – in den Singular dessen, der unmittelbar berührt wird von dem Werk und dann ganz alleine mit ihm ist.

    Vielleicht sympathisiere ich daher auch eher mit manchen Formen digitaler Kunstvermittlung. Hier ist der Einzelne stärker sich und seiner individuellen Aneignung eines Werks ausgesetzt als im Museum selbst, wo Kunstvermittlung fast immer in einer Gruppe stattfindet und daher zwangsläufig vorgegebenen Regularien zu folgen hat. Wo man mehr mit den anderen Menschen beschäftigt ist als mit den Werken. Wo es viel eher um ein soziales als um ein intimes Erleben geht. (Ja, liebe Frau von Heyl, da hatten Sie mit Ihrer Vermutung in Ihrer Antwort auf meinen früheren Beitrag durchaus recht – danke für die Anregung!)

    Aber es ist nicht nur der Mangel an Intimität, der mich an vielen Formen der Kunstvermittlung stört, es ist auch ein Erwartungsdruck, der davon ausgeht. So als müsse jetzt etwas Besonderes passieren, eine starke Erfahrung, ein lebensverändernder Moment. Doch muss das wirklich sein? Kann man es denn überhaupt ernsthaft erwarten? Rilke hätte sein Gedicht sicher nicht geschrieben, wenn das, was er mit dem Apoll-Torso erlebte, für ihn alltäglich gewesen wäre. Und dabei war er sicher in besonderer Weise disponiert für starke Empfindungen gegenüber Kunst. Nein, der Regelfall ist doch, dass gar nichts Besonderes passiert, wenn man in ein Museum oder eine Ausstellung geht. Und das ist auch alles andere als schlimm oder problematisch. Manchmal kommt es immerhin vor, dass man sich über etwas freut, eine kleine Erkenntnis mitnimmt, einen atmosphärisch dichten Moment. Aber ganz, ganz selten geht es weiter – und es ereignet sich etwas, das man nicht wieder vergessen kann, ja das etwas im eigenen Leben ändert oder auch nur änderbar erscheinen lässt. Eine solche Erotik des Moments, ein Glück des Unmittelbaren, ein Kairos ist auch deshalb überwältigend, weil er so selten ist.

    Gerade bei weniger routinierten Museumsbesuchern jedoch scheint mir die Kunstvermittlung einen enormen Erwartungsdruck aufzubauen. Suggeriert wird, nun könne sich wirklich das Leben ändern, ein Schlüsselerlebnis stattfinden etc. Der Erwartungsdruck wird direkt zum Leistungsdruck für die TeilnehmerInnen an Vermittlungsprogrammen, und wenn das große Erlebnis ausbleibt, redet man es sich entweder ein oder ist enttäuscht oder fühlt sich als Versager. Doch sind das drei gleichermaßen unerfreuliche Alternativen.

    Vielleicht sollte man einfach akzeptieren, dass die meiste Kunst für die meisten Menschen die meiste Zeit nicht sonderlich viel bedeutet – und dass die gelegentlichen Erlebnisse mit einzelnen Werken unvermittelt – plötzlich, unerwartet, ohne externe Hilfestellung – stattfinden.

    Das bedeutet nicht, dass man nicht möglichst vielen Menschen die Chance geben soll, das Besondere des Orts ‚Museum‘ kennenzulernen. Ja, natürlich sollten alle grundsätzlich darum wissen, dass es Kunst gibt und was sie bedeuten kann. Aber im letzten sollte man Museen als Orte der Unmittelbarkeit schätzen.

    Herzliche Grüße

    Wolfgang Ullrich

  10. Lieber Wolfgang Ullrich,

    zunächst ganz herzlichen Dank für Ihre Wertschätzung meiner Rede zum 10-jährigen Marta-Jubiläum. Sie hat für das Museum noch einmal ein wichtiges Zeichen gesetzt und ist auch hier vor Ort nicht ohne Wirkung geblieben. Ich muss gestehen, dass darin auch Gedanken eingeflossen sind, die erst vor dem Hintergrund dieser „Vermittlungsdiskussion“ konkrete Gestalt angenommen haben.

    Und um ein letztes Mal noch Rilke zu bemühen – für mich ist heute der Satz vor dem emphatischen Schluss fast noch bedeutsamer geworden: „da ist keine Stelle, die dich nicht sieht.“ Sie beschreibt einerseits genau diese Intimität der Kunsterfahrung, die Sie auch in Ihrem letzten Kommentar benennen – und andererseits ist sie auch ein Argument gegen Ihre beklagte Grenzüberschreitung der Kunstvermittlung. Denn diesen Schritt hat – im besten Falle – die Kunst schon selbst übernommen.

    Nach einer meiner letzten Rundgänge mit einer Gruppe durch unsere aktuelle Ausstellung sprach mich eine ältere Dame an und wollte wissen, ob wohl eine kleine Zeichnung an der Wand auch zu erwerben wäre. Die aus farbigen Schraffuren aufgebaute Darstellung einer Treppe habe sie immer wieder anschauen müssen und sie ließe sie nicht mehr los, weil sie immerzu der Gedanke beschäftige, wo diese Treppe wohl ende. Wir hatten in dem Ausstellungsgespräch nicht bei dieser Werkgruppe Halt gemacht, ja, ich hatte sogar den gesamten Beitrag des Künstlers aus Zeitgründen weggelassen. Aber die Zeichnung hatte sie gesehen, unabhängig von meinen Erläuterungen und gerade während meiner Vermittlungsarbeit.

    Was ich damit nur noch einmal sagen will: Gute Kunstvermittlung drängt sich nicht auf, baut keine Erwartungen auf und versteht sich selbst nur als Türöffner, ein Angebot, das man wahrnehmen KANN, aber keinesfalls MUSS. Es sind so (erschreckend?) viele Menschen, die danach fragen, ein paar Hinweise für das Sehen zu erhalten, die so festgefahren sind in dem Glauben, dass es bei der Begegnung mit Kunst um Wissen und richtig/falsch geht, die ihrer eigenen Unmittelbarkeit nicht mehr vertrauen.

    Vielleicht liegt genau hier die große Aufgabe: Momente der Intimität im Museum wieder zu ermöglichen, indem man die Besucher darin bestärkt, dass in diesen Räumen gerade KEIN Erwartungsdruck herrscht, KEIN Gruppenzwang, KEIN Erfolg gemessen wird – wie sonst mittlerweile fast überall. Ein Augenblick der Intimität in der Öffentlichkeit ist ein Augenblick der Verletzbarkeit, ein Zeigen der eigenen Verletzlichkeit nach außen – und dies wird im sozialen Raum nicht nur immer weniger wertgeschätzt, sondern bisweilen geradezu geächtet. Es ist unsere Aufgabe, das Museum als einen Ort zu verteidigen, an dem diese Infragestellung, diese Berührbarkeit und diese Öffnung des Menschen nicht nur noch möglich ist, sondern geradezu Bedingung, condicio sine qua non, ist – „Zeige Deine Wunde“ (Joseph Beuys). Deshalb begleite ich nach wie vor Besucher sehr gerne auch als Vermittler durch die Ausstellungen.

    Vor vielen Jahren hatte ich einmal vor einer Madonna von Bellini in Venedig unvermittelt Tränen in den Augen. Ich weiß bis heute nicht warum, aber ich habe trotz aller Vorbildung eine Weile dafür gebraucht, mich dessen nicht zu schämen. Sie sah mich. Es war das pure Glück …

    P.S.: Wir konnten dann tatsächlich einen erfolgreichen Kontakt zwischen dem südkoreanischen Künstler und der Besucherin (keine Sammlerin!) herstellen – und die „Treppe“ hängt nun ab Juli bei ihr zuhause.

  11. Liebe Mitdiskutanten! Danke für das Thema und die Debatte. Nach dem Lesen der Beiträge von Herrn Ullrich und anderen hieße Kunstvermittlung dann also: Stille, Zurückgenommenheit, Sensibilisierung, Kontemplationsermöglichung. Und dies wiederum würde als Apell bedeuten: “LiebeR KunstvermittlerInn, lasst mich in Ruhe und allein.”

    Wenn ich nun in den Beiträgen von KunstvermittlerInnen nach konkreten Konzepten der Kunstvermittlung suche, dann werden diese merkwürdig diskret, verschwommen, suchend. Das freut mich, der ebenso eher in Ruhe gelassen werden will, zutiefst, aber ich denke da artikuliert sich auch ein Unbehagen einer Berufsgruppe, die nun ihre eigene Abschaffung entdecken und meditieren muss, stimmt das?

    Kurz und grob meine Position: Ich denke Kunstvermittlung sollte keine Pädagogik sein. Pädagogik heißt: Das Kind in die Welt des Erwachsenen holen. Kunst ist aber kein Raum der Alten, des Reifen, der Vernunft, des Erwachsenen, in den dann Kunstvermittler den Besucher (Kind) holen muss. Daher kann und muss Kunstvermittlung, die sich als Pädagogik versteht, scheitern. Das reagiere stets giftig gegen so ein Schiller-Ideal, in dem Kunst als Mittel zur Erziehung des Menschen zu einem vernunftbegabten Menschen erklärt wird. Aber dann nochmals: Wie weiter mit Kunstvermittlung?

    Liebe Grüße,
    Stefan Schulz

  12. Ergänzung/Korrektur: Schiller ging es um die Erziehung des Menschen zu einem ästhetischen, empfindsamen Wesen. Aber wer/was soll das auch anderes sein als ein Mensch der Schiller liest?

  13. Liebe Frau Anke von Hey. Danke für den Hinweis auf Frau Rottmanns Beitrag, den ich gern gelesen habe und der mir noch einmal zeigt, wo Kunstvermittlung tätig wird.

    Frau Rottmann hat zu Beginn u.a. sehr schön beschrieben was passiert, wenn Menschen Kunstwerke ganz unbedarft erfahren (das 9jährige Kind, der 18jährige Jugendliche). Das ist mir jedoch in Bezug auf Kunstvermittlung noch zu unspezifisch.

    Spezifisch für Frau Rottmanns Kunstvermittlung schienen mir fast am Ende des Beitrags dann endlich drei konkrete Punkte zu sein: Erstens, ein logistisches Problem, wo sie davon erzählt dass sie einlädt, Leute anlässlich eines Projekts, eines Schwerpunkts ins Museum holt, seien es Jugendliche, Kinder oder Mütter. Das beträfe also die Frage nach der Schwellenangst und dem Zugang. Damit verknüpft ist der zweite und damit auch inhaltliche Punkt: Der der Programmatik und Schwerpunktsetzung. Der dritte den ich markieren möchte ist der für Frau Rottmann so wichtige Punkt der Kommunikation. Das heißt also die Bedeutung des Gesprächs bzw. die Frage nach der Art und Weise des Sprechens über Kunst.

    Das sind in meinen Augen ganz basale wichtige Punkte, bei denen Kunstvermittlung schalten kann, aber dennoch wird mir das Bild von Kunstvermittlung noch immer nicht deutlich, denn die Aufgabenteilung ist ja nicht so eindeutig. Ich hätte also lieber etwas davon erfahren, wie es einem Kunstvermittler ergeht in Beziehung zu den ganzen anderen Bereichen und Akteuren in einem Kunstmuseum (PR intern, Kuratoren, Künstler, Direktor, Besucherdienst, öffentliche Presse, Wissenschaft, programmatische Ausrichtung des Museums, Bürger, Politik usw.). Was gibt es da für Kämpfe, Fragen, Irritationen, Streit, Debatten? Wo fängt Kunstvermittlung an und wo hört sie auf? Wir sind also irgendwie wieder am Anfang.

    Und: Sollte man Kunstvermittlung nicht lieber Museumsvermittlung bezeichnen? Denn wenn Kunstvermittlung sich von Kunst her denkt und positioniert, so ist sie gerade dann und immer schon problematisch. Denn eigentlich muss und kann Kunstvermittlung nur eine Seite der Kunst erlebbar machen, nämlich – fast schon zu banal – das was sich vermitteln lässt. Kunst ist aber nicht einfach bloß Schauplatz “kreativen Denkens“”, des “Perspektivwechsels”, der “Geschichte”, von “Sprachvermögen”, “Gesellschaft”, all das was Sie liebe Frau von Hey in Ihrem Beitrag ja ganz richtig schreiben, was eingeübt, trainiert etc. werden kann. Kunst ist immer auch das Andere, welches sich jeder Vermittlung und jedem Bildungsauftrag, den ja laut Frau Rottmann die Bildungspolitik kontrolliert, verschließt, ja verschließen muss: Das Destruktive, die Schwelle zum Unsagbaren, die Sexualität des Kindes, das Zaudern, die Ohnmacht der Mutter, der unsichtbare Vater, Angst vor Gesellschaft und Isolation, Nichtverstehen, Unbestimmtheit, Sprachversagen und die ganze Komplexität dieser Welt.

    Liebe Grüße,
    Stefan Schulz

    • Lieber Herr Schulz,
      sicher wäre ein Austausch über die Arbeitsbedingungen der Kunstvermittlung nicht schlecht. Wäre super, wenn wir eine Plattform hätten, wo man alle themen behandeln könnte. Von der Frage, wie man in den einzelnen Abteilungen zusammenarbeiten kann bis hin zu Begrifflichkeit. Da eiern wir ja auch immer noch zwischen Bildung, Vermittlung, Pädagogik und sonstigen Umschreibungen herum.
      Ich meine aber weiterhin, dass die Kunstvermittlung eben zwischen Kunst, Institution und Betrachter angesiedelt ist. Insofern denken wir weder nur von der Kunst her und auch nicht nur von der Zielgruppe. Professionell und gut gemacht ist es eben Vermittlung. Eine Brücke bauen zwischen allen Bedürfnissen.

      Ich sehe durchaus, dass noch so viel zu diskutieren wäre. Welche Aufgaben hat die Kunstvermittlung, welche Methoden gibt es. Es ist allerdings schier unmöglich, da allgemeingültige Ansätze aufzuzählen. Weil es jedes Mal wieder von neuem zu überlegen gilt, wie ein gutes Konzept für genau diese eine Ausstellung oder jenes Kunstwerk aussehen kann. Wenn ich wieder etwas mehr Zeit habe, will ich mir dazu noch einmal weiterführende Gedanken machen. Vielleicht kann man dann auch mal gute Ansätze sammeln und diskutieren.

      Viele Grüße
      Anke von Heyl

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