Ich bin hier!

Beziehungsweise: ich war da! Letzte Woche reiste ich nach Karlsruhe, wo ich von der Kunsthalle zu einer Podiumsdiskussion eingeladen war, die im Rahmenprogramm der Ausstellung “Ich bin hier! Von Rembrandt zum Selfie” stattfand. Und das war das Thema: “Selfies, Emojis und die Verwendung von Bildern in den Sozialen Netzwerken”. Das Panel bestand aus Wolfgang Ullrich, Museumschefin Pia Müller-Tamm, Alexander Eiling, Kurator von „Ich bin hier“ und moi! Christian Gries hat moderiert. Es ist nicht das erste Mal, dass nach so einer Diskussion der Gesprächsbedarf noch gestiegen ist. Gut, wenn man ein Blog hat, auf dem man einige wichtige Dinge weiter besprechen kann.

Die Diskussion wurde mitgefilmt und die Kunsthalle Karlsruhe hat diesen Mitschnitt auf ihrem Youtube-Kanal veröffentlicht.

Wer möchte, kann auch schon einmal durch das Storify lesen, mit dem ich rasch die Tweets des Abends eingefangen habe. Es gab ein großes Interesse an dieser Veranstaltung in der Netzgemeinde – was bei dem Thema verständlich ist. Und für die Zukunft wäre ein Livestream solcher Veranstaltungen sicher ein tolles Angebot. Ich kann aber auch ein bisschen verstehen, wenn man Angst vor wackeligem W-Lan und ähnlichem Unbill hat. In jedem Fall kamen via Twitter sehr viele gute und wichtige Anregungen und Fragen zum Thema. Maria Männig, die vor Ort war, hat ihren Beitrag schon grandios verbloggt.

Die Sache mit dem Selfie

Ich muss gestehen, beim Thema Emoji bin ich reichlich leidenschaftslos. Für mich ist das eher ein Gimmick, mit dem man spielen kann. Das Phänomen “Selfie” scheint mir hingegen ein spannendes und komplexes Phänomen. Ich möchte da gerne weiter dranbleiben. Unlängst kam mir ein sehr guter Artikel der amerikanischen Journalistin Rachel Syme unter, den ich hier sehr gerne empfehle. Er ist aus einer soziologischen Perspektive geschrieben, die – ein bisschen lang und feministisch angehaucht vielleicht – mir gut gefällt.  Neben vielen spannenden Gedanken ist beispielsweise dies hier sehr erhellend:

At no point did Narcissus ever try to share this love with anyone else, to chat up any nymphs about it, to see which of the muses might also delight in his cherub cheeks. Instead, he dove deeper and deeper into his egoistic stupor, and choked to death because he couldn’t look away.”

An anderer Stelle schreibt die Autorin auch über Museumselfies. Beziehungsweise Artselfies. Sie führt aus, dass man solche Selfies wertschätzen solle (überhaupt geht es in dem Artikel sehr oft um diesen Begriff!). Wenn sich jemand im Kontext der Kunst zeige und auch noch gleichzeitig über die eigene Timeline seine Freunde in diesen Kontext hineinhole, dann zeuge das von einem gewissen Engagement.

Und jetzt? Ja, das ist die große Frage! Was fangen wir mit diesem Engagement an? Bewerten wir es? Sagen wir, dass es zu wenig ist, zu oberflächlich, zu banal? Oder haben wir ein Interesse daran, in den Selfies eine Sprache zu dekodieren? Dass es eine Sprache ist, wurde ja von Wolfgang Ullrich schlüssig ausgeführt. Ich habe mir von der Podiumsdiskussion erhofft, dass wir über die Decodierung sprechen können. Aber dafür gab es dann doch zu wenig Konsens in der Frage, ob wir uns überhaupt mit dem Selfie befassen sollten.

Podiumsselfie

Von links nach rechts: Wolfgang Ullrich, Pia Müller-Tamm, Alexander Eiling, Christian Gries, Anke von Heyl

Noch ein Wort zum Konzept der Jungen Kunsthalle, die einen Parcour durch verschiedene Selfie-Stationen konzipiert hat. Ich finde die Idee charmant, das Selfie-Phänomen analog nachzubauen (es gibt ein echtes Netz, in welches man seine von sich gemachten Fotos hängen kann, diese werden mit kleinen Herzchen beklebt). Ich beobachtete auch eine Schulklasse, die mächtig Spaß mit den Fotohintergründen hatte, vor denen man Selfies machen kann (Boah, sieht voll echt aus!). Aber auch wenn die Wände mit vielen bunten Hashtags beklebt waren – ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man sich nicht wirklich in den digitalen Raum getraut hat. Die Schülerinnen schauten mich mit großen Augen an, als ich sie fragte, ob sie denn ihr Selfie auf Instagram teilen würden. Später in der Schule sollten sie eine Collage mit den Fotos machen. Für die Kunstvermittlung hätte ich mir ein paar mehr Ansätze wie die Wols-Station gewünscht. Dort wurde angeregt, die Mimik-Selbstbildnisse des Künstlers mit einem eigenen Ausdruck zu vollenden. Wenn man so ein Konzept jetzt noch in Digitalien weiterdenken würde …

Das Problem mit Buzzwords

Ich komme noch einmal zum Thema Sprache zurück. Irgendwie hat es etwas Belustigendes, dass alle in Hab-acht-Stellung geraten, sobald das Wort “Selfie” fällt. Entweder wird sofort dagegen geschossen. Oder es werden Erwartungen geweckt, die über das eigentliche Ziel hinausgehen. (Nein, nicht immer geht es um Kim Kardeshian und Duckfaces!). Im Falle der Ausstellung “Ich bin hier” kann man schon feststellen, dass die Presse manchmal etwas einseitig hingeschaut hat. Dabei ist das Selfie als Medium künstlerischer Selbst-Manifestation nur ein kleiner Aspekt der Ausstellung. (Mit Ai Weiweis berühmten Selfies nach seiner OP allerdings auch ein besonders bildkräftiger!)

Vielleicht sollten wir uns auch alle beim Thema Selfie ein bisschen locker machen. Es ist ein spannendes Phänomen, aber wenn der Kontext vor lauter Phänomenologie gar keine Rolle mehr spielt, ist das auch verkehrt.

Was ist eigentlich mit dem Selbstbildnis?

Keinesfalls ist das Selfie mit dem Selbstbildnis gleichzusetzen. Und umgekehrt. Oder so! Spannend wird es aber doch da, wo man bei aller Unterschiedlichkeit Verbindendes sehen kann. Stichwort: Identität, Repräsentation, Selbstbefragung. Dies ist der Weg, der eine gewinnbringende Auseinandersetzung bietet. Mit dem modernen Phänomen einerseits und der Tradition andererseits.

“Selbstbildnisse haben insoweit immer programmatische Bedeutung für die Selbstaussage des Künstlers, und sie sind ein wesentlicher Indikator für die Beziehung des Künstlers zu seinem sozialen Umfeld und zur Öffentlichkeit.” Im Vorwort des Katalogs wird ja schon die richtige Fährte gelegt. Und wenn der aufmerksame Betrachter sich beim Gang durch die Ausstellung auf das feine Gewebe von unterschiedlichen Bezügen einlässt, dann eröffnen sich ihm viele “Gesichter”.

Mein Lieblingsbild in der Ausstellung zeigt einen Handschuh! Ein Objekt wird zum Stellvertreter für Träume und Obsessionen des Protagonisten. Eine fantastische Geschichte, die Max Klinger in 10 Radierungen 1881 erzählt. Hier zeigt sich, dass sich ein Bild vom Selbst nicht im Medium, der Farbwahl oder dem Bildausschnitt erschöpft. Die Ausstellung liefert mit vielen unterschiedlichen künstlerischen Positionen jede Menge Stoff zum Nachdenken. Über das “Ich” ebenso wie das “Hier”. Und vor allem natürlich über das “Sein”!

 

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20 Comments

  1. Hallo und vielen Dank; ich wäre auch gespannt auf die Podiumsdiskussion!

    Mit dem Selfie habe ich mich noch nicht wirklich auseinandergesetzt, obwohl schon einige gesehen und wenige schon selbst gemacht.

    Beim Lesen Deines Blogbeitrags dachte ich an der Stelle, an der Du beschreibst, dass das Selfie auch auf Ablehnung stößt, an das alte Problem, dass bei mancher “Form” der “Inhalt” keine Rolle mehr spielt, da die Form bereits polarisiert und abschreckt. Wie schade für jede Art von Sprache, Auseinandersetzung!

    Ich würde sagen: nichts ist keine Selbstdarstellung, genau so, wie man nicht nicht kommunizieren kann. Aber nichts ist pauschal narzisstisch motiviert.Es kommt halt immer auf den Inhalt an.

    Viele Grüße,
    Sabine

    • Liebe Sabine,

      guter Hinweis auf den Watzlawick. Genau: der Inhalt zählt. Und auch die Bereichtschaft, sich einzulassen. Zu entschlüsseln. Zu analysieren. Erfordert nur auch ein gewisses Maß an Zeit. Das wird dann meistens zum Problem. Aber eigentlich weiß man, wie es geht. Es wird nur so selten gemacht 🙂

      Gruß von Anke

      • … hat die Nacht kürzer gemacht – dankeschön! 😉
        Gute Anregungen zum Weiterdenken; werde das Video ebenfalls zeigen.
        Viele Grüße und Gute Nacht,
        Sabine

        • … hoffe, du hast trotzdem genug Schlaf bekommen 🙂
          Ja, finde, die Diskussion lohnt sich weiterhin. Es gibt viele Positionen zu bedenken. Und ich finde es sehr gut, dass die Kunsthalle Karlsruhe diesen Schritt der öffentlichen Diskussion gegangen ist. Davon könnte es ruhig noch mehr geben…
          Lieben Gruß
          Anke

          • Es geht so, aber es hat sich ja gelohnt!
            Ich könnte noch ein bisschen Information zu etwas gebrauchen, das kurz angesprochen wurde… Boels…? Frans Boels? Ich hatte es so verstanden, dass erst im Zuge dieser Ausstellung private Dinge aus seinem Besitz in den Kunstzusammenhang gehoben worden sind… stimmt das soweit? Was sind das für Dinge; ich finde nichts dazu… kannst Du da helfen…?
            Liebe Grüße,
            Sabine

        • Liebe Sabine Pint,

          Sie hatten nach Wols gefragt, deshalb hier ein paar Infos zu ihm und seinen Werken.
          Nach einer kurzen Episode des Erfolges, in der Wols als Fotograf für den Pavillon de l`Elegance auf der Weltausstellung in Paris arbeitete, erfolgte nach dem Eintritt Frankreichs in den Zweiten Weltkrieg die Inhaftierung als „feindlicher Ausländer“ in unterschiedlichen Internierungslagern. Die Heirat mit Grety ermöglichte im Oktober 1940 seine Entlassung, das Ehepaar lebte bis zur Besetzung Sudfrankreichs 1942 in Cassis bei Marseilles und bemühte sich dort erfolglos um ein Visum für die USA.
          Erstaunlicherweise entstanden in diesen schwierigen Jahren zahlreiche Zeichnungen, Aquarelle und Fotografien, unter anderem eine Reihe von Selbstportrats, in der sich Wols offensichtlich mit Ausdrucksstudien beschäftigte. Laut einer erhaltenen Notiz aus dieser Zeit sah er sich im französischen Wörterbuch Larousse den Artikel „Expression“ an, in dem drei Illustrationen die Gefühlslagen „Calm“ (Gelassenheit), „Tristesse“ (Traurigkeit) und „Gaiete“ (Fröhlichkeit) wiedergeben. Offensichtlich regte diese Lektüre den Künstler zu Experimenten mit fotografischen Selbstportrats an, die zur vorliegenden Serie führten.
          Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien sind Abzuge der Originalnegative, die 2001 auf Initiative der Griffelkunst-Vereinigung Hamburg hergestellt wurden. Sie sind schon vor der Ausstellung als Bestandteil seines Werks anerkannt worden.

          Viele Grüße

          Ihr Kunsthallen-Team

          • Danke für die ausführliche Ergänzung, liebes Kunsthallen-Team! Die Wols-Fotos waren für mich auch eines der Highlights aus der Ausstellung!
            Lieben Gruß von Anke

  2. Liebe Sabine,
    es ging um Wols. Er hat ja diese Fotos mit den “Expressions” gemacht. Die früher nicht als Bestandteil seines Werkes anerkannt wurden. Ob das erst im Kontext der Ausstellung passiert ist, oder schon vorher, das kann ich nicht genau sagen.

    LG
    Anke

  3. Liebe Anke,

    vielen Dank für deine Perspektive auf die Diskussion – quasi also äh vom Podium aus! Ich fand es auch schade, dass die Diskussion eigentlich auf Grundsatzfragen hin abdriftete, obwohl insbesondere der Impulsvortrag von Wolfgang Ullrich eine gute Diskussionsgrundlage geboten hätte.

    Deine Kritik an der Juku überrascht mich etwas, aber bin froh, deine Perspektive zu hören. Ich denke, dass ich deine Bedenken teilen kann. Ich hatte es mir auch technisch-versierter vorgestellt, also die Möglichkeit, in die Bilder einzusteigen noch auf erweiterter medialer Ebene.

    Insgesamt habe ich den Eindruck, dass man – obwohl man das Selfie nun als Aufhänger gewählt hat – immer versucht, auf Distanz zu gehen. Das ist ein offenes Tor für die Kritik. Leider gehen dann dadurch positive Aspekte der Schau verloren.

    Viele Grüße,
    Maria

    • Liebe Maria,

      ja, das Distanz-Problem sehe ich auch. Da wird dann irgendwie die vorweggenommene Kritik an der Banalisierung zur Self-fulfilling-prohecy. Es läuft immer wieder darauf hinaus, dass ohne ein Perspektivwechsel auch der Mut zum Experiment fehlt.
      Ich hoffe, es geht weiter und es tritt nicht eine Müdigkeit ein, weil alles nicht so ganz einfach ist.

      Liebe Grüße
      Anke

  4. Hallo Anke, hallo alle Mitlesenden,

    ich hänge mal meinen Fazit-Auszug aus meinem Blog-Beitrag an, zu dem Du und die Diskussion mich angeregt haben:

    Ist es nicht so, dass der Wille oder Wunsch zur Decodierung voraussetzt, dass man etwas der Decodierung wert hält, dass man überhaupt etwas „dahinter sehen“ mag? Nach meinen Erfahrungen wird im Kunstbetrieb diesbezüglich nichts wertgeschätzt, was es auch neben diesem, in der freien Wildbahn sozusagen, gibt. Der Betrieb um die Kunst lebt vom Ausschluss, von der Abgrenzung seiner Dinge zum Rest; das hält mich ja gerade in ständiger Distanz zu ihm, deswegen betone ich so wohlwollend, wenn Öffnung stattfindet. Wäre man so auf „Selfies“ eingegangen, wie man auf „Selbstbildnisse“ auf dem künstlerischen Parkett eingeht, dann würde man den eventuellen Beweggrund der sich so Portraitierenden, den Inhalt ihrer Lebenswelt, auf ein Niveau heben, das Einiges in der Kunstwelt deklassieren würde – wobei ich das nicht als ein „sogar besser gemacht als“ verstanden wissen mag, sondern lediglich als ein „gleichwertig existent“. Der Betrieb, der Markt aber muss es so verstehen, als Konkurrenz zu seiner Idee, zu seiner Berechtigung. Das wiederum setzt die „Sprache“, den allgemeinen kreativen Ausdruck in egal welcher Transformation, herab, was in der Folge mit verhindern hilft, dass Menschen mit einem natürlichen Zugang zu „Kunst“ heranwachsen dürfen.

    Liebe Grüße,
    Sabine

  5. Hallo Sabine,
    danke für die Verschränkung mit deinem Blogbeitrag, den ich drüben auch schon kommentiert habe.
    Es lohnt sich ja immer, etwas differenzierter über die Dinge nachzudenken.
    Herzliche Grüße auch hier
    Anke

  6. Liebe Anke von Heyl, Maria Männig und liebe Teilnehmer/innen der #selfierade,

    unsere Ausstellung hat schon ein schönes Stück ihrer Lebensspanne hinter sich, und die Kommentare in den Blogs sind überaus erhellend – danke an alle, die sich daran beteiligen. Nimmt man noch die vielen Reaktionen hinzu, die uns auf anderen Kanälen erreichen – mündlich, schriftlich, gedruckt, gesendet, gepostet – so kann man die Zwischenbilanz ziehen: Das Feld der Leidenschaften für und gegen die Ausstellung Ich bin hier! ist immens breit, es wird immer breiter und bunter, letztlich unübersichtlicher. Für uns eine höchst interessante Erfahrung! Hoffen wir mit Anke von Heyl, dass es weitergeht und so bald keine Müdigkeit eintritt. Nun aber zu den aufgeworfenen Inhalten der Reaktionen auf die Podiumsveranstaltung.

    Titelfragen
    Ja, wir stehen zu dem gewählten Titel, und: Ja, es ist ungut, wenn ein Catchword im Untertitel – Selfie – die gesamte Ausstellung übertönt, Komplexität abbaut und die sinnvolle Diskussion torpediert. Der werbliche Aspekt ist nur der eine – ganz und gar erfolgreiche – Punkt; der wird gern als etwas fadenscheinige Verkaufsstrategie kritisiert. Der andere Aspekt wurde von Anke von Heyl in dem schönen Stichwort „Hab-Acht-Stellung“ angesprochen. Das Selfie polarisiert immer noch, auch wenn manche das Sterbeglöckchen schon geläutet haben („Thema ist längst durch …“). Stichwort Distanz: Das Museum ist in zweifacher Distanzlage, einmal durch das Wording zur Ausstellung, hinterlegt von dem Katalogaufsatz von Wolfgang Ullrich, den man als geladenen Autor mit der Auffassung des Hauses identifizieren darf => Selbstdarstellung ist nicht gleich Selfie und umgekehrt, auch wenn es Ebenen der Betrachtung gibt, die Vergleiche erlauben; das Podium hat hier gute Punkte gebracht. Die durchgängige Linie (Von Rembrandt zum Selfie), die der Untertitel für manche bedeutet, bezieht sich konkret auf den Inhalt der Ausstellung, also auf die Praxis des Künstlers Ai Weiwei.

    Distanznahmen
    In der Jungen Kunsthalle wird die populäre Praxis zum Thema gemacht, wobei ein wenig Ironie darin steckt, dass man es nicht dort ansiedelt, wo es alle eh schon kennen, in der digitalen Welt. Distanz zweitens aufgrund des Status, den alle Einlassungen des Kunstmuseums zu Phänomenen der Gegenwartskultur haben: Wir agieren auf symbolischer Ebene, d.h. wir propagieren nicht die Selfie-Kultur, sondern öffnen Plattformen für das Nachdenken über Selfies – vor der Folie der Kunstgeschichte der Selbstdarstellungen, wie sie sich mit den Werken dreier europäischer Sammlungen darstellen lässt. Es geht nicht nur um Medienkompetenz, sondern auch um Medienreflexionskompetenz, epochenübergreifend.

    Nach dem Podium …
    Und hier eine Frage als Impuls für das weitere Gespräch: Kann es gelingen, aus dem frenetischen Insistieren auf dem Selfie eine neue Debatte zu entwickeln? Eine Debatte, deren Thema lauten könnte: Warum sind die Emotionen der Dargestellten auf den historischen (Selbst-)Porträts für heutige Betrachter/innen ebenso schwer zu entziffern wie für die neueste Decodierungssoftware? (Vgl. dazu z.B. den Artikel von Fridtjof Küchemann, FAZ, 14.11.2015, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/microsoft-oxford-project-zeigt-emotionserkennung-13909132.html). Dies als Zwischenruf aus dem Museum, das mit kritischer Empathie auf die Medienpraxis und die Alltags- und Wahrnehmungserfahrungen seiner (jugendlichen) Besucher/innen schaut.

    Übrigens
    Vor wenigen Jahre, 2012, haben wir eine Ausstellung in Kooperation mit Wolfgang Ullrich und der HfG erarbeitet – “Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis Youtube”. Der Untertitel hat nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert, die Linie wurde in die Gegenwart gezogen, die Werke epochen- und medienübergreifend präsentiert; unnötig zu betonen, dass es Unterschiede zwischen Dürer und den Wiederholungsgesten der Netzkünstler auf Youtube gab. Keine vergleichbaren Reaktionen, sondern viel Anerkennung für ein originelles, vom Blick der Gegenwart aus konzipiertes Projekt …

    Bis auf weiteres herzlich

    Pia Müller-Tamm

    • Liebe Frau Müller-Tamm,
      ganz herzlichen Dank für Ihren Kommentar, der einige Impulse zum Weiterdenken enthält. Ich bin für zwei Tage in Wien und will gerne am Wochenende aufgreifen, was Sie angemerkt haben. Die Diskussion ist es auf jeden Fall wert, weiter geführt zu werden.

      Herzliche Grüße
      Anke von Heyl

    • Liebe Frau Müller-Tamm,

      soeben komme ich vom stARTcamp in Wien zurück, wo wir mit vielen Kolleginnen und Kollegen (aus Museen, Theatern, der Kulturszene) über das Digitale diskutiert haben. Mir gefällt ihr Begriff von der kritischen Empathie. Denn Kritik muss sein – auch im positiven Sinne des Wortes. Man muss sich über Maßstäbe unterhalten und sich dann der Beurteilung nähern.

      Ihre Aufforderung, weiter über das Phänomen des Selfies nachzudenken, finde ich wunderbar. Den Aspekt der Selbstdarstellung und die Frage des Lesens von Gesichtsausdrücken – das ist spannend. Und mir hat die Anleitung zur Reflexion, wie sie die Junge Kunsthalle angeboten hat, auch gefallen. Als ein Aspekt!

      Für mich ist nun die Frage, ob wir mal ins Netz schauen wollen. Ob man sich da Zeit nehmen kann für eine Analyse. Ob man über einen längeren Zeitraum mal beobachtet, wann, wie und wo die Selfies gemacht werden. Und im nächsten Schritt käme dann die Umsetzung von Aktionen, die das Selfie vielleicht auch im Digitalen als Kunstvermittlungskontext sieht.

      Ich weiß, das klingt abstrakt. Die Debatte kann sich natürlich nur mit den bereits vorhandenen Selfies auseinandersetzen. Ich werde es jedenfalls weiter verfolgen. Auch wenn das Selfie für mich nur ein Phänomen von vielen ist, die ich im Zusammenhang der Kommunikation in den sozialen Netzwerken verfolge.

      Herzliche Grüße von Anke von Heyl

  7. Hallo Anke, hallo Frau Müller-Tamm, hallo alle Mitlesenden,

    ich finde es ganz wunderbar, diese Bandbreite von Beteiligung in diesem Blog über den Eingangsartikel und dieses Thema zu erleben; das ist nicht selbstverständlich! (Frau Müller-Tamm, Sie bringen gerade ein paar meiner Eindrücke vom etablierten Kunstbetrieb ins Wanken; auch dafür herzlichen Dank!)

    Gegen Ende des angesprochenen faz.net-Artikels schreibt der Autor

    “[…] und kommt so zu einer durchaus komplexeren Deutung.

    Wer das Geheimnis des Lächelns der Mona Lisa mit maschineller Hilfe lüften will, steht sogar schnell vor einem nur noch größeren Rätsel: Der Anteil der erkannten Glückseligkeit steigt, je näher man dem Gesicht kommt. In voller Größe hochgeladen, weist Leonardo da Vincis Porträt das Glück als vorherrschendes Gefühl mit einem Anteil von 44 Prozent aus, der Bildausschnitt vom Hals bis zum Scheitel erkennt bereits knapp 47 Prozent, der von Kinn bis Stirn bringt es sogar auf knapp 51 Prozent Glück. […]”

    Liegt nicht in diesem Textausschnitt schon ganz viel Ansatz zur Beantwortung, warum auch neueste Decodierungssoftware Schwierigkeiten mit Gefühlsentschlüsselung hat? Für mich führen sämtliche Wege (beinahe egal, zu welchem Grundthema) immer zum Stichwort “Komplexität”. Man erfasst einen Menschen nun mal nicht im Vorübergehen, nicht virtuell, nicht im sogenannten “real life”, und in diesem nicht heute und noch weniger gestern, auf historischen Portraits.

    Auch, wenn das natürlich nicht immer (und in der Summe viel, viel zu selten) gelingt, fühle ich mich immer angehalten, hinter die Dinge zu sehen; ich denke, dass das gerade in der Kunst, im so persönlichen Ausdruck, in der so individuellen Handschrift in der künstlerischen Verschlüsselung DER Anspruch schlechthin ist (den man, wie gesagt, vielleicht viel zu selten selbst erfüllen kann).

    Herzlich,
    Sabine

    • Hallo Sabine,

      absolut klasse, was hier an Ideen und Meinungen zum Thema entstand in der letzten Zeit. So macht das richtig Spaß.

      Tja, das Geheimnis des Lächelns der Mona Lisa – es ist schon eine eigene Geschichte, wie man es seit Jahrhunderten zu ergründen sucht. Genau, man muss das Ganze sehen. Und sich auch auf seine eigenen Eindrücke verlassen. Ob man die Mona Lisa je entschlüsseln wird? Vielleicht will ich das gar nicht 🙂

      Viele Grüße von Anke

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