Carmen Herrera – Lines of Sight

“I was happy to be ignored because I was interested in painting.” So ein Satz haut mich um. Zum einen, weil ich nicht verstehen kann, wieso die wunderbare Künstlerin Carmen Herrera über fast die gesamte Zeit ihres Schaffens hinweg unbeachtet blieb. Zum anderen, weil es mich unglaublich berührt, wie sehr sie für die Kunst gelebt hat und immer noch lebt. Sie hat die 100 längst hinter sich gelassen. Und ist immer noch voller Schaffenskraft. Von der ich mich in ihrer Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen überzeugen konnte. Eine starke Frau, die von ihrer Kunst sagt, dass sie aus ganz vielen Möglichkeiten der Darstellung genau die eine heraussucht, die ihrer Meinung nach hundertprozentig passend ist. Dann ist sie glücklich und dieses Glücksgefühl überträgt sich auch auf den Betrachter ihrer Bilder!

Jedes Bild ist ein Abenteuer, sagt sie in einem Video (ich habe mir bei Youtube mehrere angehört und meine Bewunderung für diese Frau wuchs stetig!) und sie beschreibt das Malen auch als einen Akt der Einsamkeit. Ihre abstrakten Bilder sind komplexer, als es bei einem ersten flüchtigen Blick vielleicht scheinen mag. Herrera besteht darauf, dass sie ein eigenes Leben haben und man sich nicht daran abarbeiten muss. But it’s not so simple. Es geht bei den minimalistischen Farbfeldern nicht darum, zu identifizieren, welche Gegenständlichkeit möglicherweise dahinter steht. Diese Art konzeptioneller Malerei hat die Künstlerin mit kubanischen Wurzeln zur Pionierin der geometrischen Abstraktion gemacht. Seit geraumer Zeit erfährt sie auch die Beachtung, die sie verdient.

Noch bis zum 8. April präsentiert die Kunstsammlung NRW die bisher größte Ausstellung mit Werken von Carmen Herrera, die ihr erstes Bild erst im Alter von 89 Jahren verkaufte. Mittlerweile ist sie 102 und lebt und arbeitet in ihrem New Yorker Atelier. In Havanna wurde sie 1915 in eine Intellektuellen-Familie hineingeboren und studierte später zunächst Architektur (was man ihren Arbeiten teilweise auch anmerken kann). Nach der Heirat mit dem deutschstämmigen Amerikaner Jesse Loewenthal zog sie 1939 nach New York und studierte Malerei. Die Nähe zu dem dort in den vierziger und fünfziger Jahren aufkommenden Abstrakten Expressionismus sieht man ihren Arbeiten an. Ich habe in der Ausstellung auch zwei kleinere Arbeiten entdeckt, die ein bisschen aus dem Rahmen fallen und sehr an Pollock erinnern.

Besonders gefesselt haben mich die Arbeiten der Serie “Blanco y Verde” (1959 – 1971), die sie nach einem mehrjährigen Paris-Aufenthalt begonnen hat. Auf weiß grundierten Leinwänden entstehen grüne Farbfelder und Linien, die eine unglaubliche Sogwirkung haben. Herrera arbeitet meist mit Farbrollen und klebt bestimmte Partien auf der Leinwand ab. So dass am Ende Linie und Fläche zu einem visuellen Reiz vereint werden, der keine Gedanken mehr an die Hand der Künstlerin zulässt.

Installationsansicht der Ausstellung “Carmen Herrera. Lines of Sight” im K20. Foto: Achim Kukulies, © Carmen Herrera © Kunstsammlung NRW

Ich bin nicht in den Bildern, versichert Herrera. Und erzählt eine herrliche Anekdote von Miró. Der wurde einmal zu der Bedeutung einer Form in einem seiner Bilder gefragt. Ein Hund? Miró bejahte dies. Ebenso wie mehrere andere Vorschläge, was es zu bedeuten habe. Darüber kann sich Carmen Herrera heute noch amüsieren. Einen tollen Humor hat sie. Beim Gang durch die Ausstellung bin ich an vielen Stellen versucht, Vergleiche zu anderen Werken der Kunstgeschichte zu ziehen. Malewitsch lässt grüßen, oder? Herrera selber hat auch einmal die Analogie zum japanischen Haiku-Gedicht gezogen. Das gefällt mir. Aber jedes Bild in der Ausstellung scheint ein eigenes Kraftfeld zu entwickeln, das bei längerer Betrachtung immer mehr Raum einnimmt. Da werden plötzlich sämtliche Vergleiche egal.

Interessanterweise sind es dann aber immer wieder Serien, in denen Herrera über die Bildtitel auch Geschichten erzählt. Ich mochte sehr ihre “Wochentage” (zwischen 1975 und 1978) beginnend mit dem Blue Monday, daneben der Saturday. Es mutet fast wie eine eigene Sprache an, die sie nutzt, um eine neue Realität erfahrbar zu machen. Als sie in Paris auf den Salon des Réalités Nouvelles stieß, empfand sie es als eine Offenbarung. Genau so wollte sie immer malen.

Installationsansicht der Ausstellung “Carmen Herrera. Lines of Sight” im K20. Foto: Achim Kukulies, © Carmen Herrera © Kunstsammlung NRW

Man mag es kaum glauben, aber das Internet verhalf ihr 2009 zum Durchbruch! (Schade, das man in der Ausstellung nicht fotografieren darf!) Eigentlich suchte der Kurator der Ikon-Gallery in Birmingham nach einem lateinamerikanischen Künstler mit Nachnamen Herrera, als er auf ihre Bilder stieß. Er war sofort begeistert. Es folgte eine Ausstellung und der darauf folgende späte Ruhm. Eine Genugtuung wird es trotz des oben erwähnten Satzes sicher auch für sie gewesen sein. Denn Herrera erzählte in einem Interview, dass ihr einst eine Galeristin ganz offen gesagt habe, dass sie ihre Bilder fantastisch fände. Aber sie würde sie trotzdem nicht ausstellen. Weil sie eine Frau sei. Das muss für die Tochter einer bekannten kubanischen Feministin sicher ein Schlag ins Gesicht gewesen sein. Aber wenn ich mir ihr Porträt anschaue, das Ralph Llerena ca. 1961 von ihr gemacht hat, dann sehe ich eine sehr selbstbewusste Frau, die genau weiß, was sie will.

Was für ein Glück, dass sie entdeckt wurde. Möge sie noch lange so eine Gesundheit haben, dass sie weitermalen kann. Die Ausstellung in der Kunstsammlung müsst ihr euch unbedingt ansehen!

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