Bilder lesen lernen. 3. Gespräch zur Kunstvermittlung

Ich schaue ja gerne mal über den Tellerrand. Was gibt es an innovativen Formaten bei uns? Ehrlicherweise werde ich da nicht so oft fündig. Es ist noch viel Luft nach oben, was die Erweiterung der Methoden angeht. Umso mehr hat es mich gefreut, dass ich über den Kontakt von Karin Rottmann auf Angelika Jung gestoßen bin. Ja, so ein Netzwerk ist schon klasse! Und herrlich, wenn man einfach ganz unkompliziert anklopfen kann für ein Interview.

Angelika Jung betreibt das Institut für visuelle Bildung. Sie hat in den USA die Visual Thinking Stategies (VTS) kennengelernt und diese für den deutschsprachigen Raum adaptiert.

Nachdem Angelika Jung ihre Karriere als Kommunikations-Managerin für Swarovski beendet hat, studierte sie in den USA Kunstgeschichte und war u.A. für das Museum The Wolfsonian-FIU tätig. Im Zuge eines Auftrags für das Department of Education in Washington DC lernte sie das Konzept von Visual Thinking Strategies (VTS) kennen und entwickelte dafür in den folgenden Jahren Curricula im Bereich der visuellen Bildung für amerikanische Schulen. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie nun in Innsbruck und Köln und bietet berufsbegleitende Fortbildungen im Bereich der visuellen Bildung für Kulturinstititutionen, Unternehmen und Schulen an. Ich freue mich sehr, dass sie mir ein paar Fragen beantwortet hat.

6. Vorstellung von VTS im Kunsthaus Bregenz, 2014

Angelika Jung stellt VTS im Kunsthaus Bregenz vor. (Foto: Dorothea Neukirchen) Das Titel-Foto wurde im Tiroler Landesmuseum aufgenommen. (c) Isolde Schack.

Anke
Ich würde mich als eher visuell veranlagten Menschen bezeichnen. Ganz nach dem Motto „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich Ihnen einen gewissen missionarischen Geist unterstelle ? Deshalb meine Frage: Warum ist die visuelle Bildung Ihrer Meinung nach heute so wichtig?

Angelika
Wir leben heute in einer multimedialen, von Bildern und Bildfolgen dominierten Welt. Um das Leben erfolgreich gestalten zu können, sollten wir fähig sein, Bildinhalte inhaltlich wie formal schnell und effizient zu „lesen“ und für uns zu nutzen. Diese Fähigkeit des „Bilderlesens“ wird in der heutigen Zeit vorausgesetzt. In unseren Bildungssystem steht jedoch die Schulung des visuellen Denkens nicht auf dem Plan. Die mit dem Schulsystem eingeführte klassische Alphabetisierung (lesen, schreiben, rechnen) legt lediglich den Grundstein zum kognitiven Verständnis multimedialer Inhalte. Zwar hat die Schule mit der Medienpädagogik begonnen, auf die Macht des Visuellen zu reagieren, das Kernpotenzial von Bildern für eine nachhaltige bildende Erfahrung ist jedoch noch weitgehend ungenutzt.

Ich denke, die Hauptaufgabe der Visuellen Bildung im 21. Jahrhundert ist es, das Sehen (wieder) zu einem aktiven Akt der Wahrnehmung zu kultivieren – vielfältig, fantasievoll, erfinderisch. Wir haben die Gabe vernachlässigt, Dinge mit unseren Sinnen zu erfassen. Unsere angeborene Fähigkeit, etwas über die Augen ganzheitlich zu begreifen (zu sehen) wurde zugunsten des abstrakten Denkens vernachlässigt. Das müssen wir vor dem Hintergrund der beschleunigenden Multimedialisierung dringend ändern. Unser Leben ist von Bildern überflutet wie nie zuvor – es ist höchste Zeit, die Schulung der visuellen Kompetenz als hocheffiziente Wissensvermittlung zu begreifen.

2. VTS-Training im Walraff Museum 2015

VTS-Training im Wallraf-Richartz-Museum

Anke
Aus meiner Arbeit als Kunstvermittlerin weiß ich, dass die Besucher einem immer wieder sagen, dass sie ohne Erklärung zu den Werken verloren wären. Lassen Sie diesen Einwand gelten?

Angelika
Grundsätzlich hat jeder Mensch die Möglichkeit ein Kunstwerk zu betrachten und seine Schlüsse zu ziehen. In unserem System werden wir jedoch vordergründig nicht dazu angehalten, einem Bild/Werk einen eigenständigen Sinn zu geben. Wir sind vielmehr darauf programmiert, bereits vorgegebene Antworten/Erklärungen zu bekommen bzw. zu übernehmen. Im Vordergrund steht die Vermittlung von Wissen. Wir nehmen einfach an, dass es eine „richtige“ Antwort gibt, die nur der Experte bzw. die Expertin kennt. Das ist in der Tat fatal, denn so bleibt das große kreative Potenzial vieler Menschen ungenutzt. Man braucht schon großen Mut, um in einem Museum seine eigene Meinung (Sichtweise) zu vertreten.

Ein anderer Grund, warum wir oft den Bedeutungsinhalt dessen, was wir sehen, nicht erfassen können, ist der Umstand, dass wir die Gabe vernachlässigt haben, Dinge mit unseren Sinnen zu erfassen. In der Hektik unserer Zeit benutzen wir unsere Augen häufig wie einen Informationsscanner und verlieren dadurch den ganzheitlichen Zugang zu Bildern/Kunstwerken.

Anke
Eines meiner Vorbilder für Kreativitätstraining ist Vera F. Birkenbihl. Bei ihr spielt ja das gehirngerechte Lernen eine große Rolle. Sicher gibt es da auch Berührungspunkte zu VTS, oder?

Angelika
Die Grundlage von VTS ist die „Aesthetic Development Theory“ von Abigail Housen, einer amerikanischen kognitiven Psychologin, deren Forschungsziel es war, die Veränderung des Denkens zu verstehen, die stattfindet, wenn man sich regelmäßig über einen bestimmten Zeitraum mit Kunst/Bildern auseinandersetzt. Als Ergebnis ihrer Forschungsarbeit entwickelte Abigail Housen Mitte der 70er-Jahre eine 5-Stufen-Theorie zur ästhetischen Wahrnehmung, die bis zum heutigen Tag Gültigkeit hat und auch im Rahmen neuerer Forschungen auf diesem Gebiet rezipiert wird. Vor diesem Forschungshintergrund wurden Mitte der 80er-Jahre die speziellen VTS-Fragen sowie eine entsprechende Moderationstechnik entwickelt.

Vera Birkenbihl hat uns Zeit ihres Lebens aufgezeigt, wie man Lernen kreativ gestalten kann – ein Thema, das momentan nicht aktueller sein könnte. Birkenbihl wie Housen haben beide dem Phänomen Bild eine große Bedeutung beigemessen. In Bezug auf das Phänomen Lernen benutzen sie jedoch unterschiedliche Zugänge, die einander vermutlich nicht ausschließen, jedoch auf unterschiedlichen Referenzrahmen aufbauen.

5) VTS-Training im Kindergarten 2015

VTS-Training im Kindergarten

Anke
Was genau ist VTS und was macht es besonders?

Angelika
VTS arbeitet mit den Mitteln der Bildbetrachtung um die allgemeine Wahrnehmung (visuelle Kompetenz) zu schulen und Prozesse eines kreativen vernetzten Denkens anzuregen. Es geht in erster Linie darum zu sehen, was vor unseren Augen tatsächlich ist, und nicht darum, was wir darüber wissen. VTS wird immer in einer Gruppe angewandt und geht als solches über den individuellen kognitiven Prozess hinaus. Die Methode belehrt nicht, sondern regt eigenständiges Beobachten, selbstbewusstes Sprechen und freies Denken an. Im Mittelpunkt stehen die Betrachter und ihre Sicht. Eine „richtige Sicht“ gibt es nicht. Aus den Gesprächen der unterschiedlichen Wahrnehmung ergeben sich neue Ideen, eine expressive Sprache und kreatives Denken – für den Einzelnen, aber auch für die Gruppe.

Einmalig ist, dass es bei VTS keine Auflösung gibt. Der Moderator bleibt neutral und fungiert nicht als Überbringer von Wissen. Er begegnet den Betrachtern auf Augenhöhe. Verschiedene Menschen finden unterschiedliche und vielfältige Bedeutung in einem Werk, ohne korrigiert zu werden. Als solches ist VTS eine unendliche Quelle von Kreativität und Innovation. Es hat sich gezeigt, dass durch das eigene aktive Erleben von Kunstwerken das Interesse an kunsthistorischem Wissen um ein Vielfaches wuchs.

Anke
In unserem Gespräch sind wir sehr schnell auf das Stichwort „kulturelle Bildung“ gekommen. Mir hat es gefallen, dass Sie das Thema ganzheitlich begreifen. Nicht nur, weil mit VTS mehrere Sinne angesprochen werden, sondern auch eine elementare Kulturtechnik darin gesehen wird, die es zu erlernen gilt. Was bedeutet das Ihrer Meinung nach für die Museen, auch strukturell?

Angelika
Das unmittelbare, voraussetzungsfreie „Lesen“ (und Dekodieren) von Bildern sollte im 21. Jahrhundert genauso wie Lesen und Rechnen als elementare Kulturtechnik gelehrt werden. Von Abigail Housen wissen wir, dass ästhetische Entwicklung ausschließlich durch eine langfristige Auseinandersetzung mit komplexen Bildern/Kunstwerken stattfindet. Mit anderen Worten heißt das, dass eine Person, die keine Erfahrung im Umgang mit Kunst hat, sich unabhängig von Alter und Bildungsstand zwangsläufig in einem Anfängerstadium befindet.

Vor diesem Hintergrund sind die Museen des 21. Jahrhunderts entschieden aufgefordert, mehr Verantwortung im Bereich der visuellen/ ästhetischen Bildung zu übernehmen. Da ein Kunstwerk meistens mehrdeutig ist, von leicht erkennbarer Bedeutung bis hin zu Doppelbödigkeit, Widersprüchlichkeit oder Bedeutungen, die unter mehreren Schichten versteckt sind, scheint die bildende Kunst und die allgemeine visuelle Wahrnehmung geradezu ideal aufeinander abgestimmt zu sein um die Fähigkeiten des visuellen Denkens zu erlernen. Es braucht Ambivalenz um Menschen zu aktivem Schauen und eigenständigen Gedanken anzuregen.

Für die Museen bedeutet das, die notwendigen Fähigkeiten und Ansätze zu entwickeln um eine zeitgemäße, kompetenzorientierte visuelle Bildung zu vermitteln. Ein erster Schritt wäre es, eine berufsbegleitende Fortbildung auf dem Gebiet des visuellen Denkens für das eigene Team im Museum anzubieten. Ebenso sollten entsprechende Studiengänge im Bereich der Museumspädagogik angeboten werden. Dem Museumbesucher auf Augenhöhe zu begegnen, bedarf nicht nur einer Haltungsänderung, sondern auch eines gezielten Trainings. Mit der Entwicklung gezielter Programme könnten im nächsten Schritt neue Zielgruppen angesprochen werden.

Zusätzlich sehr sinnvoll könnte die professionelle Zusammenarbeit mit den Universitäten sein. Jeder Student, nicht nur in Lehrberufen, sollte im Zuge seines Studiums kompetenzorientierte, methodisch-didaktische visuelle Konzepte in der Praxis kennenlernen. Die Lehrveranstaltung sollte in Zusammenarbeit mit den Universitäten im Museum angeboten werden. Curriculum-Material, bestehend aus Kunstwerken aus der internationalen Museumsszene, wurde bereits entwickelt und getestet. Ziel ist es, kulturelle/visuelle Bildung zu erleben, ohne dass darüber referiert wird.

Anke
Eine letzte Frage noch. Vor allem, weil das so schön zum Gespräch mit Karin passt. Obwohl es um Bilder geht, spielt Sprache bei der von Ihnen genutzten Methode eine zentrale Rolle. Da geht es auch um soziale Kompetenz, nicht wahr?
Sehen Sie vor allem Schulkinder als Zielgruppe oder funktioniert das auch mit Erwachsenen? (Ich finde ja eh, dass man viele – auch spielerische – Vermittlungsansätze auf den „normalen“ Museumsbesucher zuschneiden könnte.)

Angelika
VTS ist die perfekte Sprachförderung und kann in Gruppen jeden Alters und jeden Bildungsgrades angewandt werden. Mittels einer gezielten Fragetechnik werden die Betrachter aufgefordert, genau hinzuschauen, sich eine Meinung zu bilden und diese verbal zum Ausdruck zu bringen. Der Experte/Moderator versichert sich, dass er den Betrachter richtig verstanden hat, indem er jede Wortmeldung in guter Sprache und Grammatik paraphrasiert. Dabei bietet sich ihm die Möglichkeit, den sprachlichen Ausdruck der Betrachter zu verbessern bzw. eine Fachsprache einfließen zu lassen – ohne zu korrigieren. Da VTS vom Visuellen ausgeht eignet es sich hervorragend für heterogene Lerngruppen (Integration, Inklusion, Interkulturalität).

Das permanente Verändern der Perspektive führt zudem zu der Erkenntnis, dass wir je nach Prägung unterschiedliche Sichtweisen haben und dass keine davon besser oder schlechter ist. Gefördert wird gegenseitiges Verständnis und Toleranz sowie die Erkenntnis, dass Unterschiedlichkeit ein Reichtum sein kann. VTS-geschulte Betrachter sind in der Regel selbstbewusste Teamspieler. Sie sind fähig sich eigenständig etwas zu erarbeiten und das Ergebnis in guter Manier und Sprache ihrem Umfeld mitteilen. Kurz – sie erlernen alle Aspekte sozialer Kompetenz, die man braucht um in der heutigen globalen Welt erfolgreich zu sein.

Anke
Vielen Dank, liebe Angelika Jung. Das war eine Menge Input, der für die Kunstvermittlung sicher wertvolle Anregungen liefert. Ich denke, dass VTS gerade in der jetzigen Situation für die Aufgaben der Integration spannend ist.

 

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