Sprache als Basiskompetenz. Zweites Gespräch zur Kunstvermittlung

Ich hatte ja angekündigt, dass ich dranbleibe. Und hier ist es, das zweite Gespräch zur Kunstvermittlung. Diesmal mit Karin Rottmann vom Museumsdienst Köln. Wir kennen uns schon eine halbe Ewigkeit. (Ich hatte Ende der Neunziger ein paar Jahre ihre Stelle warmgehalten, als sie im Ausland war.) Und bis heute arbeite ich immer wieder projektbezogen mit ihr zusammen. Sie hat hier auch schon mal einen tollen Gastbeitrag geliefert.

Karin Rottmann ist ausgebildete Kunstlehrerin und seit 1996 beim Museumsdienst für die Schulprogramme zuständig. Ihre methodischen Ansätze haben mich in meiner eigenen Arbeit stark beeinflusst. So auch, wenn es darum geht, Kunstvermittlung und Sprachtraining miteinander zu verbinden. Ich hatte das Gefühl, dass es an der Zeit ist, dieses Thema einmal in den Fokus zu holen.

Anke
Gerade arbeiten wir ja gemeinsam in einem Projekt, wo es um den Herkunftssprachenunterricht geht. Da steht die Identität bestimmter Communities hier bei uns in der Stadt im Mittelpunkt. Darüber hinaus beschäftigst du dich auch mit dem Thema Mehrsprachigkeit. Sprache ist vor allem aus der Perspektive eines sozialen Miteinanders ein ganz wesentlicher Punkt. Welche Bedeutung kommt deiner Meinung nach der Sprache im musealen Kontext zu?

Karin
„Sprache anwenden“ verstehe ich als eine Art Basiskompetenz im Kontext von Bildungsarbeit im Museum. Das bezieht sich meiner Meinung nach in erster Linie auf die Museumsbesucher. Die Moderation, das heißt die Arbeit der Museumspädagoginnen, ist begleitend. Es ist ja leider immer noch so, dass Fachwissenschaftler ihr Wissen vor dem Publikum ausbreiten und das Publikum darf nicken und vielleicht mal eine Antwort geben. „Dialogische Führungen” (ist das nicht auch ein Widerspruch) kommen nur selten zustande, eigentlich nur dann, wenn Fachleute im Museum untereinander diskutieren.

Wenn das Publikum aber Sprache anwenden soll, dann muss es selber aktiv werden. Ich sehe meine Aufgabe darin, Impulse zu geben und die Leute auf Entdeckungsreise zu schicken. Die Beobachtungen und „Fundstücke“ können dann in der Gruppe diskutiert werden.

Ich nenne mal ein Beispiel aus der Arbeit im Museum für Angewandte Kunst. Kleine rote Holzscheiben dienen als Impuls für die Suche nach runden Designobjekten. Genauso kann man mit ihnen aber auch nach der Farbe Rot Ausschau halten. Oder nach dem Werkstoff Holz. Eigentlich brauche ich für diese Aufgabe gar keine Worte. Das Interessante ist aber, dass mein Publikum neugierig wird. Und die die Museumsobjekte anders anschaut. Es entsteht das Bedürfnis, die Entdeckungen mitzuteilen und darüber zu sprechen.

Ich habe bewusst dieses sehr niederschwellige Angebot zu Verdeutlichung meines Ansatzes gewählt, weil es geeignet ist, alle Bildungsniveaus zu bedienen. Vom Kind aus einer Förderklasse, über Deutschlernende, (z.B. Flüchtlinge fast ohne Deutschkenntnisse) und Fremdsprachenunterricht bis hin zu Design-Studierenden. Ich kann über die runde Scheibe beispielsweise eine „Untertasse“ in einer Museumsvitrine finden und anschließend das Wort mit Artikel vorstellen. Das funktioniert auch in der Fremdsprache. “Saucer“ oder „fincan tabagi“ – eine tolle Sprachübung! Ich kann das vom Publikum gewählte Objekt aber auch kulturgeschichtlich betrachten oder es unter Designgesichtspunkten diskutieren. Das Publikum wirft mir „Wort- oder Satzbälle“ zu und ich antworte zielgruppenspezifisch.

Anke
Das Sprechen über Kunst in den Dienst der Sprachvermittlung stellen – ich kann mir vorstellen, dass es da auch Kritiker gibt, die meinen, dass die Kunst hier für andere Zwecke missbraucht würde. Wie sehr interessiert dich auch die Kernaussage eines Kunstwerkes. Oder anders gefragt: wie stellst du die Verbindung her?

Karin
Sprache ist unser Medium. Fachsprachen verstehen nicht alle. Wer eine Führung als Monolog gestaltet, der weiß gar nicht, ob er verstanden wird. Das Publikum muss sich sprachlich einbringen, sonst kommt keine Kommunikation zustande. Ich denke wir alle müssen sehr sensibel mit Sprache umgehen. Das heißt aber nicht, dass ich Sprachunterricht im Museum mache. Es gibt zwar sprachliche Übungen, die dienen aber der Wahrnehmung eines Kunstwerkes. Eine Frauendarstellung kann beispielsweise über Adjektive charakterisiert werden. Über Wörter wie erotisch, brav und gefährlich kann man die Figur charakterisieren und oft kann man beobachten, wie die Menschen anfangen, interessiert über Kunst zu diskutieren. Es kommt dann ja irgendwann die Frage, wie die Wirkung erzeugt wurde.

Erinnerst Du Dich an den Besuch des Konversationskurses aus dem Muslimischen Bildungswerk? Wir hatten die nackten Paardarstellungen von Hermann Scherer thematisiert und die Frauen meinten, dass Mann und Frau traurig seien. Wir haben dann eine Weile diskutiert und haben festgestellt, dass die Mimik durchaus mit dem Wort beschrieben werden könnte. Wir meinten aber, dass das Paar nicht wirklich traurig sei. Ich bat einige Kursteilnehmerin in ihrem Smartphone das Wort „ernst“ nachzuschlagen und in ihre Muttersprachen zu übersetzen . Danach stimmten alle zu, dass das Wort „ernst“ und „Ernsthaftigkeit“ genau die Aussage treffen würde. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass Herman Scherer die Ernsthaftigkeit der Liebe zwischen Mann und Frau zum Thema gemacht hat. Eines macht das Beispiel deutlich. Wir haben uns zwar mit Worten und deren Bedeutungen beschäftigt. Das Kunstwerk bleibt dabei aber im Zentrum der Aufmerksamkeit.

In meiner Arbeit als Kunstvermittlerin beschäftige ich mich eben auch mit der Vielsprachigkeit. Es ist ein interessanter Vermittlungsansatz, über die unterschiedlichen Bedeutungen mancher Wörter inhaltlich neue Ebenen zu eröffnen. Mir fällt da eine holländische Uni-Gruppe ein. Der habe ich den Auftrag gegeben, ein Museumsgraffiti zu Danh Võs „Armpit“ zu schreiben. Unter anderem kam das Wort „strange“. Wir haben lange über die Doppeldeutigkeit von „fremd“ und „komisch“ gesprochen.

Anke
Gut, dass du die Danh Võs Ausstellung erwähnst. Dazu haben wir hier ja schon mal ein gutes Gespräch gehabt. Du arbeitest häufig mit Schulen zusammen. Da findet man ja in den sogenannten Sprachintegrationsklassen eine geschlossene Gruppe. Aber es gab auch schon Projekte des Museumsdienstes mit Migrantenorganisationen oder sozialräumlichen Einrichtungen. Ich erinnere mich an die beiden spannenden Projekte „Madonnen“ oder „Helden“. Wie sind deine Erfahrungen mit unterschiedlichen Zielgruppen. Lass uns ruhig auch in die Zukunft schauen. Das Thema wird ja sicher nicht weniger wichtig werden.

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Karin
Mit Jugendlichen und Erwachsenen arbeite ich gerne mit inhaltlichen Fragestellungen. Das sind beispielsweise Fragen zu Geschlechterrollen, Identität, Heimat, Paarfantasien etc. Es ist erstaunlich, wie viele Kunstwerke zu diesen Themen in einem Museum wie dem Museum Ludwig aber auch dem Wallraf-Richartz-Museum zu finden sind. Das sind Fragen, die uns alle beschäftigen und wir deuten entsprechende Kunstwerke mit psychologischem Feingespür.

Nie werde ich vergessen, dass ein junger Mann aus einer Resozialisierungmaßnahme in unserem Projekt „Mannsbilder“ äußerte, dass die „Ritter-Transe“ (gemeint war Alexander der Große in Gaspar de Crayers Gemälde) Respekt hätte. Er hatte erkannt, dass der junge Herrscher dem alten Philosophen Diogenes Respekt zollte, indem er ihm aus der Sonne gegangen war. Man mag sich über die rüde Sprache mokieren. Aber der junge Mann sagte als Rückmeldung zum Projekt, dass er den Museumsbesuch niemals vergessen würde.

Museen sind für alle Menschen da und ich kann durch meine langjährige Erfahrung bestätigen, dass es möglich ist, allen Zugänge zu eröffnen. Schwierig ist es in der Tat, die Zielgruppen zu einer verbindlichen Zusammenarbeit in langfristigen Projekten zu bewegen. Da müssten sich die Strukturen vielleicht noch etwas ändern.

Anke
Ja, das Ressourcen-Problem gilt auch für solche Ansätze. Aber umso wichtiger, dass es gute Pilotprojekte gibt. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich die Fülle von Sprechanlässen im Museum vorzustellen. Wir sind uns einig, dass die klassische Führung hier nicht der einzige Vermittlungsansatz sein muss. Vor allem, wenn man es mit Besuchern zu tun hat, die von Hause aus nicht schon über einen größeren Wortschatz verfügen. Wir haben ja schon oft darüber diskutiert, dass die Kunst auf einer anderen Ebene als der rein intellektuellen Auseinandersetzung Impulse liefern kann. Diese zu lenken und den Betrachtern Möglichkeiten zu geben, ihre Eindrücke zu versprachlichen, halte ich für einen ganz entscheidenden Prozess. Dabei geht es auch um mehr, als die reine Sprachfertigkeit. Wie gehst du da methodisch ran? Hast du Geheimrezepte?

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Karin
Es gibt viele Rezepte, beispielsweise das chinesische Körbchen, das die Kulturpädagogin Heiderose Hildebrand schon vor mehr als 30 Jahren entwickelt hat. Die Teilnehmer ordnen intuitiv Gegenstände, die sie aus einem Körbchen genommen haben, einem Kunstwerk zu. Es ist erstaunlich, dass immer Zuordnungen gelingen.

Ich selbst habe auch ein Verfahren erfunden, das „Museumsgraffiti“. Das sind textile Schnüre, die zu Worten zu einem Kunstwerk oder Museumsraum gefunden und auf dem Museumsboden gelegt werden. Auch hier ist es erstaunlich, wie viele Bezüge zwischen Wort, Typographie und Kunst hergestellt werden.

Alle diese Dinge helfen dem Publikum das Museum zu erkunden und sich mit anderen auszutauschen. Anka Bolduan vom Überseemuseum in Bremen hat dafür eine wunderbare Bezeichnung eingeführt. Sie möchte, dass das Publikum eine ästhetische Feldforschung betreibt. Ich denke, das möchte ich auch durch meinen Ansatz umsetzen.

Neu und interessant finde ich den Ansatz, den Angelika Jung von Amerika mitgebracht hat. Sie beschäftigt sich mit den Visual Thinking Strategies. Das ist eine Methode, visuelle Botschaften schnell und effizient “lesen zu lernen”.

Vermittlungsarbeit an Museen ist ein spannendes Gebiet!

Anke
Ich weiß, dass es viele Einzelschritte sind, die zu einem gelungenen Konzept führen. Da ist zunächst einmal die Notwendigkeit, sich auf die Zielgruppe einzustellen und deren Bedarf zu ermitteln. Nicht unwichtig: man muss den zeitlichen Rahmen bedenken. Und natürlich geeignete Kunstwerke finden. Was gehört deiner Meinung nach noch in eine Check-Liste für solche Projekte?

Karin
Man kommt nicht an alle Zielgruppen heran. Wichtig ist, dass man Mitstreiter hat, die die Zielgruppe gut kennen. Und dass man sich über die Bedürfnisse der Menschen erkundigt. Ein zentraler Gedanke für meine Arbeit: symmetrische Kommunikation. Man muss sich nicht als allwissend darstellen.

Wir sind Begleiterinnen und nehmen unser Publikum an die Hand. Dabei spürt man manchmal, wie unsicher die Schritte sind, dann machen wir Mut und unterstützen. Erfolgreich sind wir, wenn es uns gelingt, dass die Teilnehmer an unseren Projekten ihre positiven Erfahrungen weitergeben und so am kulturellen Leben unserer Stadt teilhaben können. Das ist die beste Öffentlichkeitsarbeit, die wir kriegen können!

Anke
Vielen Dank für das Interview, liebe Karin.

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