Willkommen im Labyrinth. Eine Ausstellung mit Sog-Wirkung.

Teil eines Kunstwerks zu sein, in Räume einzutauchen, die einen mit allen Sinnen anregen. So ein Kunsterlebnis bleibt bei mir immer stark in Erinnerung und ich glaube, es geht nicht nur mir so. Vor Kurzem war ich zu einem Treffen mit Instagrammern ins Marta Herford eingeladen, die dortige Ausstellung “Willkommen im Labyrinth. Künstlerische Irreführungen” zu erleben. Ich bin mir sicher, dass schon einige von euch die spektakulären Fotos dieser Ausstellung im Netz gesehen haben. Ich war darüber auch schon extrem neugierig geworden. Der Besuch hat mich aber auch zum Weiterdenken angeregt und ich habe mir noch einmal den Guide angeschaut, der mit kurzen Texten in die künstlerischen Positionen einführt, die in dieser Ausstellung zu sehen sind. Einen sehr empfehlenswerten Blogbeitrag hat auch schon Lena drüben bei der Kulturflüsterin veröffentlicht. Ich habe hier noch einmal meine Gedanken zu der Ausstellung zusammengefasst. 

Bevor man in die sechs Räume eintritt, in denen sich die künstlerischen Irreführungen entfalten, erwartet einen am Eingang eine Art Denkraum mit Notizen, Büchern und Zeichnungen, die dem Labyrinthologen Herrmann Kern gehörte. Während meines Besuches im Marta hatte ich nicht die Ruhe, mich da einzusehen. Aber das Gute ist ja, dass man solche Museumsbesuche auch nachbereiten kann und ich mich jetzt nochmal auf die Fährte von Kern begeben habe. Der ehemalige Leiter des Hauses der Kunst hat 1982 “Labyrinthe” herausgegeben, ein Konvolut an Dokumenten zum Erforschung dieses schon 5000 Jahre alten Urbildes. Ich habe im Netz ein altes Interview mit Kern gefunden, in dem man sehr schön nachlesen kann, was für ihn das Besondere am Labyrinth ist und welchen Aspekten er in seinen Erforschungen nachgegangen ist.

“Als jahrtausendealtes Symbol steht das Labyrinth für den Weg zur Neuverortung und Selbstbegegnung.” So steht es im Begleitheft zur Ausstellung. Und ich finde genau an dieser Stelle den Faden, den ich aufnehmen kann. Es zeigt mir auf, warum diese Ausstellung hervorragend in den Reigen der Ausstellungen des Marta passt, die ich immer sehr gerne besuche. Einfach, weil sie mit Themen und Fragestellungen zu tun haben, die mich umtreiben. Ich finde aber in diesem Satz auch ein Leitmotiv dafür, wie ich die Installationen bewerten kann, die hier zusammengeführt wurden. Als Betrachter begibt man sich in Räume, in denen man zunächst ganz sinnliche Erfahrungen machen kann. Die einen aber auch zum Bewerten spezifischer Konzepte anregen.

Peter Kogler, 2018, Digitaldruck auf Vinyl, variable Dimensionen

Selbstbegegnung

Was heißt das eigentlich? Selbstbegegnung? Im Raum, der mit einer All-Over-Struktur von Peter Kogler gestaltet ist, bedeutet das auch: in welchem Maßstab verhalte ich mich zur Kunst. Ein bisschen gerät man sogar ins Wanken. Die Bilder vom Instameet zeigen das Bedürfnis, sich in diesem Raum zu positionieren und gemeinsam mit den Zeichnungen, die Boden, Wände und Decke überziehen, eine Einheit zu bilden. Kogler provoziert diese Art der Besucher, zu Akteuren der Kunst zu werden. Seine Motivwelt, die er übrigens am Rechner erzeugt, soll einerseits die monströsen Datenströme unserer Jetztzeit symbolisieren. Andererseits ist es aber auch einfach ein riesiges Ornament-Geflecht.

Wer sehen möchte, wie dieser Raum entstanden ist und wie Kogler seine Installation an die Architektur angepasst hat, der kann das hier im Marta-Blog verfolgen. Ja, natürlich fühlt man sich an die Matrix erinnert und fast hat man das Gefühl, gleich angehoben zu werden und im Raum zu schweben. Mir bleibt die Kunst aber zu sehr an der Oberfläche. Die Formen machen etwas mit mir, ich fühle auch einen kleinen Schwindel. Aber es stößt bei mir keine weitere Assoziationskette aus.

Chiharu Shiota, Secret Passage, 2018

Gedankenwelten

Ganz anders ist dies bei der Arbeit von Chiharu Shiota, bei der auch der gesamte Raum durch eine Linienstruktur eingenommen wird. Aber die japanische Künstlerin schafft eine haptische und sinnliche Ebene, die einen unglaublichen Sog entwickelt. Einen Sog in eine andere Welt, in einen Traum vielleicht. Die dichten Linienstrukturen wirken auf mich nicht grafisch, sondern wie ein lebendiges Gewebe. Durchzogen mit emotionalen Verbindungen. Die Farbe Rot steht in Japan tatsächlich auch für zwischenmenschliche Beziehungen.  Fundstücke, wie in diesem Fall die alten Türen oder auf der Biennale in Venedig die Schlüssel und das Boot – sie erzählen Geschichten und bringen mit ihrer Patina noch eine weitere Ebene.

Ich glaube, das Kunst ganz unterschiedlich auf die Besucher wirkt. Bei den Arbeiten von Shiota gibt es sicher einige, die sich sehr dafür interessieren, wie das unglaublich feine Netz gesponnen wird. Für mich ist das uninteressant, denn ich springe gleich wie Alice in das Kaninchenloch und folge den Abenteuern, die es zu erleben gilt.

Song Dong, Everywhere, 2018

Bei der Arbeit des chinesischen Konzeptkünstlers Song Dong sehe ich Alice hinter den Spiegeln. Der Eintritt in die Parallelwelt muss durch die Überwindung einer Mauer geschehen, innen erwartet einen das Wunder. Das Spiegelmotiv ist Selbsterkenntnis! Je mehr man aber über die Materialien erfährt, die Dong hier verwendet, desto komplexer wird die Geschichte. Es sind Fenster, die er gesammelt hat, als die traditionelle Wohnbebauung Pekings abgerissen wurde, um glänzenden Wolkenkratzern Platz zu machen. Gemeinsam mit der Form einer traditionellen Jurte wird die temporäre Architektur zu einem Symbol für den Verlust der traditionellen Kulturen. Auf mich wirkt diese Behausung, als wolle der Künstler etwas heilen, es hat etwas von schamanischen Schwitzhütten. Und tatsächlich war es eine unglaublich berührende Atmosphäre, als wir mit allen Teilnehmern das Gruppenbild in der Installation geschossen haben.

Anne Hardy, Fieldwork, 2014

Und dann bin ich in das Objekt/in die Architektur/ die Installation von Anne Hardy geklettert. Weil ich leicht klaustrophobisch bin, habe ich mich extrem unwohl gefühlt. Wollte die Künstlerin das? Sie spielt mit dem Verlust der Orientierung heißt es im Begleitheft. Zwei Mädchen, die gleichzeitig mit uns im Museum waren, betraten die Installation mehrmals. Vielleicht mögen Kinder dieses Gefühl des geheimen Ortes, der Höhle. Sehr spannend fand ich auch den Sound-Teppich, den die Künstlerin ihrer Installation hinzugefügt hat. Der trug allerdings weiter auch zu einer beklemmenden Stimmung bei mir bei. Interessant zu lesen, dass für Anne Hardy die Literatur von Haruki Murakami eine Rolle spielt. Dazu würde ich gerne mehr erfahren. So spontan kann ich keinen konkreten Faden aufnehmen. Aber vielleicht gibt es Parallelen zum magischen Realismus in Murakamis Werk.

Magisch ist auch das Stichwort, das mir zu der Arbeit von Christian Odzuck einfällt. Aber es ist auch so, dass es nicht ganz einfach ist, die unterschiedlichen Bedeutungsschichten dieser Installation aufzudecken. Ein Interview mit Odzuck auf dem Marta-Blog gibt weitere Hinweise. Beim Versuch, mehr über den Mythos von Nietleben herauszufinden, bin ich bislang gescheitert. Spannend ist die Vorstellung von Orten, die bislang noch nie jemand gesehen hat. Und die Orte, die in der Göttlichen Komödie beschrieben wurden, beschäftigen die Menschen seit Jahrhunderten. Das Jenseits? Die Hölle? Wie mag man sich die konzentrischen Kreise dieses Trichters, den der italienische Dichter damals literarisch erscheinen ließ, bildhaft vorstellen. Hier im Marta hat der Künstler eine Landschaft entworfen, die aus drei Teilen besteht. Sudeltherme, Clapsmuhle und Kaiser. Auch Bezeichnungen, die jede ein komplettes inhaltliches Konzept heraufbeschwören, das mir aber bis jetzt auch noch ein Rätsel bleiben. Was ich in jedem Falle mitnehme von dem Erleben dieser Installation ist dieses Rätselhafte. Auch eine gewisse körperliche Anstrengung und Unsicherheit, die einen beim Übersteigen des Schuttberges befällt. Das will Odzuck – so lerne ich – beim Betrachter auch erreichen.

Raumerfahrungen

Zwischen den beiden All-Over-Installationen von Kogler und Shiota ist klugerweise Royden Rabinowitch platziert. Beim Rundgang hat mir hier die Chance, sich noch einmal neu zu sortieren. Und noch einmal über das Labyrinth-Thema nachzudenken. Irgendwie hat man das Bedürfnis genau an dieser Stelle. Chaos oder Ordnung. Verwirrung oder Orientierung. Mir hat diese bewusste Raumabfolge sehr gut gefallen. Überhaupt sind es oft auch diese Qualitäten von Ausstellungen, die bei mir wirken. Wenn man das Gefühl hat, dass einem eine besondere Raumerfahrung im Zusammenspiel mit der Kunst ermöglicht wird. Wenn besonders starke Sinneseindrücke sich mit strukturgebenden Installationen abwechseln. Rabinowitchs Metall-Skulpturen ergeben ein labyrinthisches Muster auf dem Boden. Die Arbeiten, die übrigens aus der Sammlung des Marta stammen, sind so arrangiert, dass man an jeder Stelle einsteigen kann und sich eine eigene Ordnung überlegen möchte. Hat man das abgespeichert, betritt man den nächsten – sehr emotional wirkenden – Raum mit neuer Konzentration.

Ich brauche jetzt nicht sagen, warum ich diese Ausstellung unbedingt für den Besuch empfehle, oder? Ihr könnt das noch bis zum 23.9. tun und euch in den Sog dieser bildstarken Ausstellung hingeben.

 

 

 

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