Literaturland Norwegen

So langsam machen sich alle bereit für die Frankfurter Buchmesse und ich registriere in den sozialen Netzwerken die vielen Aktivitäten von NORLA, die ihre Mission verfolgen, die norwegische Literatur im Ausland bekannt zu machen. In Wiesbaden, wo ich jetzt häufiger jobtechnisch unterwegs bin, steht bei mir auf jeden Fall der Besuch der Ausstellung „Mittsommernacht. Harald Sohlberg – ein norwegischer Landschaftsmaler“ an. Sohlberg war ein Wegbegleiter Edvard Munchs und er hat dieses besondere Licht Norwegens eingefangen, das mich auch bei meiner Reise letztes Jahr fasziniert hat. (Vielen Dank NORLA noch einmal für die Einladung.) Noch gespannter bin ich allerdings auf die Ausstellung „Hannah Ryggen“ in der Schirn. Eine außergewöhnliche Künstlerin, die mit textilem Material äußerst bewegende Bilder schafft. Ich habe sie im Museum in Trondheim schon bewundert und bin sehr gespannt, wie die Ausstellung in Frankfurt sein wird. Der Knaller wird aber sicherlich die Ausstellung in der Kunstsammlung NRW: Edvard Munch – gesehen von Karl Ove Knausgård. Und hier kommen wir dann auch schon zur norwegischen Literatur!

Knausgård hat mit seinem mehrbändigen autobiografisch angelegtem Roman ziemlich Furorer gemacht. Ich schrecke bislang noch vor den 6 Bänden noch zurück. Es klingt monumental und fundamental.
„Sterben“, „Lieben“, „Spielen“, „Leben“ „Träumen“ – der letzte Band heißt „Kämpfen“. Das wirkt schon ganz schön erdenschwer. Aber mich reizt es auch, nachzuspüren, ob der Weltruhm dafür berechtigt ist – in über 20 Sprachen ist das mittlerweile übersetzt, was Knausgård ironisch „Mein Kampf“ nannte. Die ersten fünf Bände hat er innerhalb eines einzigen Jahres geschrieben (2009). Allein das macht einen im Kopf schon fertig! Dennoch: es kommt auf die Leseliste!

Maja Lundes wunderbare „Geschichte der Bienen“ habe ich auch sehr gerne gelesen. Man bekommt fast die Idee, dass das Epische in der literarischen DNA Norwegens liegt. In Lunds Roman wird man als Leserin über mehrere Jahrhunderte hinweg mitgenommen und erfährt auf verschiedenen Ebenen von der Geschichte der Bienen. Lunde verfolgt zudem das Projekt eines „Klima-Quartetts“ – mittlerweile erschien schon „Die Geschichte des Wassers“ und bereits angekündigt ist „Die Letzten ihrer Art“. Auch Maja Lunde führt die Bestseller-Listen an.

Nun aber zu Tomas Espedal, von dem ich schon zwei Bücher gelesen habe. Ich konnte ihn letztes Jahr bei einer Tour durch Bergen persönlich kennenlernen. Auch er schreibt autobiografisch. Unter anderem unterrichtete an der Universität in Bergen in einer mittlerweile legendären Schreibakademie. Einer seiner Schüler: Knausgård.

Bergen – die Heimatstadt Espedals ist ein sehr spannendes Städtchen.( Sein Band „Bergeners“ steht auch noch auf meiner Leseliste.) Fast hat es den Anschein, als sei hier der Nukleus der norwegischen Literatur zu finden. Hier habe ich gerade einen sehr guten Zeit-Artikel gefunden, der die literarische Bewegung Bergens wunderbar porträtiert. (Mit Bergsveinn Birgisson hatten wir eine sehr nette Begegnung abends in einer Kneipe!) Sehr lesenswert ist übrigens auch dieser Artikel von Claudia Schumacher, der nach der männlichen Domäne der norwegischen Literatur fragt.

Das legendäre Café Opera, Treffpunkt der Literaturszene Norwegens.

Ich las zuerst „Wider die Kunst“ von Tomas Espedal, das mich sehr bewegt hat. Wie nah der Autor seine Leser an sein Innerstes heran lässt, ist schon bemerkenswert. Wahrscheinlich ist eine gewisse Selbstbezogenheit typisch für die norwegische Literatur? Hat es auch damit zu tun, dass man lange um die nationale Identität ringen musste und immer wieder die Frage stellte, wer sind wir, wer bin ich? (Bis heute unterscheidet man übrigens in der Schriftsprache zwischen Neu-Norwegisch und Bokmål, der sog. Buchsprache.) Espedal beschreibt die inneren Zustände seiner Hauptfigur, dessen Mutter und Frau kurz nacheinander verstorben sind und die alleine mit der Tochter zurückbleibt. Die Geschichte der Familie verquickt er mit der Entwicklung des Schriftstellers.

Jeden Morgen, wenn meine Tochter zur Schule gegangen war, setzte ich mich an den Schreibtisch. (…) Die Stille zog im Haus ein, und im Laufe weniger Wochen war sie auch ein Teil von mir geworden, sie zog in das ein, was ich schrieb.

Auch wenn sich ein sehr melancholischer Grundton durch Espedals „Wider die Kunst“ zieht, war das Lesen ein großer Genuss. Ich liebte die Art, wie die inneren Zustände an fast haptisch nachvollziehbaren Orten festgemacht werden. Diese Verschränkung zwischen Innerem und der äußeren Welt, das scheint mir eine besondere literarische Kraft zu sein, die Espedal beherrscht. An keiner Stelle hatte ich dabei das Gefühl, dass ich mich in der Selbstgespiegelung des Autors verliere. Ein bisschen nur in der immer wiederkehrenden Frage, was Leben und was Fiktion ist.

Nach „Wider die Kunst“ musste ich direkt „Wider die Natur“ lesen. Normalerweise stoßen mich Geschichten von alternden Männern ab, die sich in junge Frauen verlieben. Ich kann dem Lolita-Mythos so gar nichts abgewinnen. Aber in „Wider die Natur“ war ich unglaublich gefesselt von der Gefühlswelt des Protagonisten, dass mir das egal war – und es spielte letzen Endes auch keine Rolle. Alle Emotion des Protagonisten kommt echt und pur rüber, dabei wenig aufgeregt, aber dennoch voller Schmerz. Immer mit einer gewissen Freude an der sprachlichen Ausarbeitung des Erlebten.

Tomas Espedal


Er ist achtundvierzig Jahre alt, er wirkt älter, an den Schläfen ergrautes Haar, kurzgeschnittener, grauer Bart. Ein breiter Mund, fleischige Lippen, da sind Schnitte in den Lippen und Narben um den Mund wie nach Kämpfen oder Verletzungen, er hat ein grobes, faltiges Gesicht. Es mag von Einsamkeit oder zu vielen Genüssen verwüstet sein, was genau in seinem Gesicht wohnt, lässt sich nicht sagen, aber das Verwüstete macht ihn schön; sie fand gleich, er hat ein verwüstetes und schönes Gesicht. 

Ich kann leider in diesem Jahr nicht zur Buchmesse kommen, möchte euch, die ihr vor Ort seid, aber diese Veranstaltung ans Herz legen: Freitag, 18.10. geht es um 12.30 Uhr auf der Hauptbühne des Gastland-Auftritts um die Literaturstadt Bergen. Da kann man Tomas Espedal, Cecilie Løveid und Gunnhild Øyehaug treffen, die alle Spannendes über das literarische Zentrum Norwegens erzählen können.

Ich begebe mich derweil auf eine erneute Reise nach Norwegen – zumindest literarisch gesehen. Und irgendwann will ich auch noch einmal das Land besuchen!

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