Große Schaulust: Hans Baldung Grien in der Kunsthalle Karlsruhe

Der „Grienhans“ malte Bilder voller handfester Sensationen. Er brachte ungewöhnliche Motive in seine Bilder, die die damaligen Betrachter vor intellektuelle Herausforderungen stellten. Mit dem kühlen Blick aus den Augenwinkeln seiner Figuren entwickelte er ein unverwechselbares Markenzeichen, das jeden Betrachtenden in seine Bilder einbaute. Er liebte die Farbe Grün – daher auch sein Beiname. Und so könnte man eine ganze Reihe von Fakten aufzählen, die Hans Baldung Grien zu einem der spannendsten Maler der beginnenden Neuzeit machten. Warum er nach seinem Tod im Jahre 1545 immer mehr in Vergessenheit geraten ist, ist schwer nachzuvollziehen. Die Begegnungen mit seinen Werken sind auch heute noch ein aufregendes Erlebnis voller Augenlust.

Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zeigt 250 davon noch bis zum 8. März 2020 in der großen Landesausstellung „Hans Baldung Grien. heilig | unheilig“. Ich wurde zu einem Blogger-Event nach Karlsruhe eingeladen, über die Ausstellung zu schreiben. Den Impuls, mich mit diesem außergewöhnlichen Künstler zu beschäftigen, habe ich gerne aufgenommen.

Blatt: 22 x 16 cm; Feder und Pinsel in Schwarz, mit Feder rosa und mit Pinsel weiss gehöht, auf blaugrün grundiertem Papier; Inv. U.VI.36

Wer war Hans Baldung und was macht seine Kunst aus? Beim Rundgang durch die Ausstellung gab es so viele Entdeckungen, die ich erst einmal verarbeiten musste. Wieder zuhause habe ich mich dann an den fast 500 Seiten starken Katalog gesetzt, der mir Vieles noch einmal eingeordnet hat. Auch der Band zu einer begleitenden Tagung brachte zusätzlichen Input. Und je mehr ich mich eingelesen habe, umso stärker wurde mir bewusst, was Hans Baldung Grien für ein außergewöhnlicher Künstler war.

Messlatte Dürer

Wir schreiben das Zeitalter der Neuzeit und bewegen und zwischen Renaissance, Humanismus und Reformation – es war eine aufregende und von Umwälzungen geprägte Epoche, in die Hans Baldung hineingeboren wurde. Er erblickte 1484/85 wahrscheinlich in Schwäbisch Gmünd das Licht der Welt, seine Eltern waren wohl Akademiker. Die Datenlage gibt leider nicht viel her über seine Herkunft, so richtig auf der Bildfläche erschien der Maler erst, als er 1503 in die Werkstatt Albrecht Dürers nach Nürnberg kam.

Da hatte er schon das sensationelle Selbstbildnis geschaffen, das ihn als sehr selbstbewusst in den Spiegel blickenden 17-jährigen Schönling zeigt. Der keck in die Stirn gezogene Hut verweist damals schon auf einen gewissen Hang zur Exzentrik. Auch das grün eingefärbte Papier, auf dem die Pinselzeichnung angelegt wurde, ist auffällig. Und erst die rosa Höhungen, die das Gesicht modellieren. Hat er die Zeichnung wirklich schon vor der Begegnung mit dem Superstar Dürer angefertigt? Vieles spricht dafür, dass Hans Baldung sie um 1501 fertigte. Die Forschung ist sich einig, dass er kein „gewöhnlicher“ Schüler Dürers gewesen sein kann. Dennoch hat er sich Zeit seines Lebens mit diesem gemessen, sich auch an ihm abgearbeitet. Zu den sonderbarsten Ausstellungsstücken gehört eine Locke Dürers! Diese sei ihm zwei Tage nach dem Ableben abgeschnitten worden und an Hans Baldung nach Straßburg geschickt worden, schreibt ein Zeitgenosse. Was für eine Story!

Großes Herumreisen war des Grienhansens Sache nicht. Er blieb einige Jahre in Nürnberg, dann zog es ihn nach Freiburg, wo er 1516 das Hochaltar-Retabel malte, das heute noch im Freiburger Münster zu bestaunen ist. Diese Arbeit gilt als sein Hauptwerk und ist in der Ausstellung in einer von zwei gut integrierten Medien-Stationen zu bestaunen (bei der anderen blättert man durch das sog. Karlsruher Skizzenbuch, wodurch immerhin einige Kurztrips des Künstlers verbürgt sind).

Die digitale Repräsentation des Hochaltar-Retabels wird von den Ausstellungsbesuchern sehr gut angenommen (man muss sogar Schlange stehen, um auch einmal an den Medientisch zu gelangen). Man kann in die Details des Altars hineinzoomen und erläuternde Texte lesen. Klasse ist, dass man nachvollziehen kann, wie die Wandlung vom geschlossenen in den geöffneten Zustand des Altars wirkt.

Eine Entdeckung beim Zoomen ist der kleine Putto unten links unter den Füßen der die Krönung Mariens vollziehenden Christus-Figur. Für seine lebendigen und mit außergewöhnlicher Mimik auffallenden Putti ist Hans Baldung Grien bekannt. (Es soll schon Vergleiche mit Donald Trump gegeben haben!) Eine skurrile Szene, die einen besonderen Kontrast zu dem allerheiligsten Geschehen darüber setzt! Immer wieder entdeckt man solche Augenfälligkeiten in den Bildern Hans Baldungs.

Heilig und unheilig

Der Untertitel der Ausstellung führt zu einem weiteren spannenden Aspekt in der Kunst Hans Baldung Griens. Wie kaum ein anderer Meister aus dieser Zeit tastet er sich in höchst unkonventionelle Sphären vor und zeigt einen provokanten Umgang mit Themen, die nur wenige Jahre zuvor niemand gewagt hätte, zu einem Bildgegenstand zu machen. Man muss sich vor Augen halten, dass zu dieser Zeit die Bilderstürmer der Reformation die Kunst grundsätzlich verändert hatten, vielen Künstlern sogar auch die Existenzgrundlage entzogen wurde. In dieser Umbruchsituation findet Hans Baldung Grien zu seinen außergewöhnlichen Sujets. Allen voran die exzentrischen Hexendarstellungen. Ein Bildthema, das er von Dürer übernommen hatte, das er aber teilweise an Grenzen heran entwickelte, die einen auch heute noch beim Betrachten schamhaft zusammenzucken lässt.

Naturnahe Magie und ungezügelte Sexualität – Hans Baldung führt seine Hexen mit einer überbordenden Sinnlichkeit vor die Augen der Betrachter und führt diese in Versuchung. Seine Bilder haben ganz wenig von der moralinsauren Inquisition, die immer nur von Schadenszauber und Teufelsmacht schwadronierte. Was hinter solchen Bildideen steckt, hat Prof. Dr. Siegrid Schade in einem sehr lesenswerten Beitrag im Blog der Kunsthalle ausführlich erklärt.

Zwei Hexen. 1523. Städelmuseum
Zwei Hexen. 1523. Bez. u. dat. r. o. »HBG / 1523« Lindenholz, 65,3 × 45,6 cm Städel Museum

Wen haben wir denn da vor uns? Laut Bildtitel zwei Hexen, aber man könnte fast meinen, es sind zwei Göttinnen der Antike, der kleine Putto lugt wie ein Amor hinter der sitzenden Aktfigur hervor. In voller Schönheit präsentieren sich hier zwei Frauen, die vor allem durch die Attribute Ziegenbock und Phiole mit gefangenem Dämon als Hexen identifiziert werden können. Hat Hans Baldung Grien hier einen Diskurs anzetteln wollen, der über das Wesen der Hexerei damals durchaus auch geführt wurde? Wollte er vielleicht sogar die Sinnlichkeit und die lockende Verführung zum eigentlichen Thema machen – inklusive drohender Strafe in Form eines Flächenbrandes, den die Syphillis in den unteren Körperregionen verursachen könnte?

Neujahrsgruß mit drei Hexen, 1514 © Albertina, Wien

Neujahrsgruß an eine „Chorkappe“

Was treibt einen Künstler dazu, einem Geistlichen einen Neujahrsgruß zu senden, auf dem drei nackte Hexen in exponierten Posen sich den Blicken des Betrachters präsentieren? Wollte er den Chorherren, den er wahrscheinlich während seiner Arbeit am Freiburger Münster kennenlernte, foppen? Ihn ärgern? Oder ging es um eine spezielle intellektuelle Finte, die den lüsternen Blick an sich thematisierte und zur Reflexion einladen sollte. Ich stelle mir diesen Chorherren gerade vor, wie er Luis de Funès gleich „Oh“, „Ah“, „Nein“, „Doch“, „Ah“, „Oh“ ausstößt, als er das unglaubliche Blatt in den Händen hielt. Verkehrte Welt wird er wohl gedacht haben. Ganz so, wie es das Bild der durch ihre Beine blickenden Hexe vermittelt. Vielleicht wird es ihn geschüttelt haben beim Anblick der alten Hexe, bei der sich jedes einzelne Schamhaar genau betrachten lässt. Vielleicht hat es ihn auch ein wenig gekitzelt beim Schauen auf die junge Hexe, die ihre Scham vor lüsternen Blicken verbirgt.

Unabhängig von diesen Gedankenspielen kann man dieser Zeichnung nicht genug Bewunderung entgegenbringen ob der plastischen Gestaltung der Körper, die mit gezielten Weißhöhungen auf dem braunen Papier äußerst lebendig wirken. Das Blatt begründet den Ruf Baldung Griens als Meister der erotischen Hexendarstellungen!

Der rätselhafte Hans Baldung Grien

Es heißt, die Expressionisten hätten das künstlerische Genie Hans Baldungs wiederentdeckt. Besonders seine Holzschnitte hatten es ihnen angetan und im Blauen Reiter waren seine exzeptionellen Wildpferde abgebildet. Otto Dix erhielt den Spitznamen Hans Baldung Dix – seine Feinmalerei auf Holztafeln und Bilder wie die „Sieben Todsünden“ motivierten das wahrscheinlich. Am Spannendsten finde ich aber die Auseinandersetzung Picassos mit einem rätselhaften und deswegen besonders faszinierenden Holzschnitt Baldungs.

Der behexte Stallknecht | um 1534, bez. auf einem Täfelchen r. u. »HB«;
auf der Rückwand Baldungs Wappen, Holzschnitt, 33,8 × 19,8 cm
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Kupferstichkabinett

Baldung ist gefährlich. Die Verführung seiner Bilder liegt mitunter darin, dass man glaubt, in ihnen Anspielungen zu finden, die vollgültig zu entschlüsseln seien. Der späte Holzschnitt aber, dem die Forschung den Titel Der behexte Stallknecht gegeben hat und der heute überwiegend in den Zeitraum um 1534 datiert wird, bleibt enigmatisch.

Oliver Jehle im Ausstellungskatalog

Nur wenige Tage nach dem Angriff der Deutschen auf die Stadt Guernica entstand eine Skizze, in der Pablo Picasso die Greueltat verarbeitet und sein späteres Meisterwerk vorbereitet. Er greift darin die Komposition des behexten Stallknechts auf und verwandelt ihn in einen sterbenden Soldat mit ebenfalls sterbendem Pferd. Die Hexe wird zu einer Lampenhalterin, die das schreckliche Geschehen ans Licht bringt. Picasso greift die Magie des Bildes auf und deutet das Ungeheuerliche um auf das unbegreifliche Geschehen 1937.

Zurück aber zum behexten Stallknecht, in dem manche Interpreten den Künstler selbst sehen wollen, seinen Tod vorausahnend. Es mag aber auch eine Volkssage als literarische Vorlage eine Rolle gespielt haben. Wie dem auch sei, das Spannendste an diesem Bild ist seine ungewöhnliche Komposition. Wie der Künstler hier den Raum beherrscht und in die Konstruktion ein Geflecht magischer Hinweise einschreibt, das ist wirklich bemerkenswert. Der arme Stallknecht liegt lang hingestreckt und zieht die Blicke der Betrachtenden in die Tiefe. Dort treffen sie auf den bösen Blick des Pferdes. Die Fackel der Hexe scheint in jedem Moment den Stall abbrennen zu können.

Tolle Inszenierung: ein Mitmach-Angebot in der Jungen Kunsthalle. Dort können Kinder und Jugendliche auf Spurensuche gehen! Der Fall im Stall ist ein gut gelungenes Vermittlungsangebot! Dazu gibt es ein Begleitheft mit vielen Anregungen (als PDF zum Download) zur kreativen Auseinandersetzung mit Hans Baldung Grien.

Sündenfall

Bei all seinen erotischen Hexenbildern und seinen außergewöhnlichen Bilderfindungen – was trieb Hans Baldung Grien wirklich um? Er war in jedem Fall ein Künstler, der intensiv über den Sündenfall nachgedacht hat. Ein Thema, das an der Schwelle zur Neuzeit an Bedeutung gewonnen hatte, denn nun stand der Mensch im Mittelpunkt des Weltbildes. Gleichzeitig sind die Denkmuster des Spätmittelalters noch wirksam. Der Tod lauert an jeder Ecke und die Strafe Gottes trifft jene, die sich sündhaft verhalten – ein wiederkehrendes Sujet, das Hans Baldung Grien variantenreich behandelt.

Die Sintflut, 1516, Museen der Stadt Bamberg

Was für ein Bild! Alles ist ins Wanken geraten und nichts deutet auf eine mögliche Rettung hin. Die Menschheit versinkt in einem grausamen Strudel – sogar kleine unschuldige Babies! Von oben dräut Gottes Zorn. Kann das Kind im grünen Leibchen sich retten? Ist dies ein Hinweis auf den Grienhans? Übrigens frage ich mich, ob nicht die in der Sintlut untergehenden Pferde auch ihren Einfluss auf Picasso gehabt haben? Das Kreatürliche steht hier wie auch bei Guernica im Vordergrund der Bilderfindung.

Der Tod und die Frau | um 1520/25, bez. r. u. »HBG«, Lindenholz, 29,8 × 17,1 cm
Kunstmuseum Basel

Noch deutlicher vor Augen führte Hans Baldung seinen Mitmenschen die Vorstellung des Todes, der nach dem blühenden Leben greift. Die Begegnungen von jungen schönen Frauen mit dem Tod stellte er mehrfach dar – mit immer neuen Ideen zur Kontrastierung. Gerne frontal nach außerhalb des Bildes gerichtet sendet er die Botschaft, dass Verführung durch Schönheit nur Verderben nach sich zieht. In dieser Tafel hier treibt er das Motiv auf die Spitze, indem er den Tod gleichsam als Verführer präsentiert, der zärtlich neckend in die Wange des Mädchens beißt. In ihrem Entsetzen spiegelt sich die Empfindung des Betrachters.

Typische Maniera

Der Bilderkosmos des Hans Baldung Grien ist unerschöpflich, es tauchen immer neue Gedankengänge auf, die es zu verfolgen lohnt. Der Katalog und ein begleitender Tagungsband fächern die Breite seines Schaffens auf und liefern viele Einsichten. Wenn ich mich jetzt an den Rundgang durch die Ausstellung zurück erinnere, läuft ein innerer Film ab. Hexen, Madonnen und witzige Putti, nacktes Fleisch, edle Stoffe. Es sind viele Bilder, die mir in Erinnerung bleiben.

Eines aber ganz besonders, das ich hier zum Schluss vorstellen will. In seiner Exzentrik macht es noch einmal deutlich, welche Stellung der Künstler in der Kunstgeschichte einnimmt. Wir sehen hier eines der wohl häufigsten Motive der mittelalterlichen Tafelmalerei: Die Madonna mit dem Kinde. Doch wenn man genauer hinsieht, kriegt man den Mund vor lauter Staunen nicht mehr zu! Ich meine, schaut euch bitte den exzentrischen Putto an, der den Schleier Mariens lüftet (ein kleiner Wink aus der Antike, erinnert er doch eher an einen Amor). Oder den Blick aus den Augenwinkeln, den das Jesuskind einem zuwirft. Vom merkwürdigen Saugen an der exponierten Brustwarze (hatte Baldung hier einen Fetisch, ich sah so viele betonte Brustwarzen in der Ausstellung!?!) mal ganz abgesehen.

Das Verrückteste aber ist dieser Papagei, der mit seinem Schnabel am Hals der Madonna knabbert. Hier muss man viel Wissen aktivieren, um so ein extravagantes Motiv zu deuten! Wissen, das der Humanismus verbreitete und das mit Quellen vor allem auch aus der Antike belegt werden konnte. Wer ist nun in der Lage, zu entschlüsseln, dass Papageien wegen ihrer Fähigkeit, Schmutz und Wasser am Gefieder abperlen zu lassen, ein Sinnbild der Reinheit Mariens sind? Der wird ganz sicher in den Kreisen humanistisch Gebildeter aufgenommen werden. Wer dann noch zu sagen weiß, dass Papageien mit ihrer Fähigkeit, sprechen zu lernen, auf die Verkündigung deuten, der steigt noch mehr in der Achtung der Wissenden. Und letzten Endes auch der Künstler, der dies alles in einer Bilderfindung lebendig werden lässt.

Maria mit Kind und Papageien | 1533, bez. l. u. »BALDUNG/15 FECIT 33«,
Lindenholz, 91,5 × 63,3 cm
Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Wer dem Grienhans übrigens mal so richtig nahe kommen möchte, dem empfehle ich sein Skizzenbuch. Da erlebt man die Hand des Künstlers, blättert sich mit seinen Augen durch die Welt, die ihn damals umgab (auf Seite 39, 92, 140 findet man Zeichnungen eines Papageienvogels). Ein wahrer Genuss, der durch die Digitalisierung möglich wurde – denn natürlich kann man nicht einfach durch das Original blättern! Wer nochmal auf einen schnellen Blick die besondere Stellung von Hans Baldung Grien in der Kunstgeschichte wissen will, dem sei diese Zusammenfassung anempfohlen.

Allen, die bis zum 8. März in die Kunsthalle Karlsruhe fahren, wünsche ich viel Spaß beim Betrachten der Bilder! Wer das geballte Wissen um Hans Baldung Grien nach Hause tragen möchte, dem empfehle ich den sehr schön gemachten Katalog, der mit über 500 Abbildungen die Schaulust verlängert!

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer bezahlten Kooperation mit der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.

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