Sneak Preview zur Digitalen Strategie der Kunstsammlung NRW

Letzte Woche hatte ich bereits von der Pressekonferenz im K21 getwittert. Eine Runde aus Print-Journalisten und Bloggern war von Alissa Krusch an einem Tisch versammelt worden. An diesem gab Direktorin Marion Ackermann einen Einblick in den Status quo auf dem Weg zur Umsetzung einer digitalen Strategie in der Kunstsammlung NRW . Der Termin war als offenes Gesprächsangebot gemeint und es gab sogar eine Vorstellungsrunde. (Solche Kleinigkeiten sind so wertvolle Signale und lassen mich viel für das Projekt hoffen.)

Im Moment können wir nur Absichten und Leitbilder beurteilen, aber da die Aufforderung zur Diskussion ein echtes Anliegen zu sein scheint, habe ich mir diese etwas genauer angesehen und meine Gedanken dazu verbloggt.

Ein Plan ist gemacht, die Umsetzung der digitalen Strategie erfolgt in mehreren Schritten. (Ich hebe jetzt schon mal die Hand, wenn es darum geht, bei weiteren Schritten in die Diskussion einzusteigen.) Zunächst soll in diesem Jahr die Website gelauncht werden. In einem weiteren Schritt ist ein digitaler Katalog der Sammlung geplant, für die die Kunstwerke mittels 3D-Scans in bestmögliche Digitalisate umgesetzt werden sollen.

Bereits seit zwei Jahren arbeitet das Team (quer durch alle Abteilungen) an den Voraussetzungen für ein – wie sie es selber nennen – gut gebautes digitales Haus für die Sammlung. (Ich mag solche bildhaften Vergleiche!) Jeder, der schon einmal Einblick in vergleichbare Projektprozesse nehmen konnte, wird wissen, dass alles damit steht und fällt, welche Struktur man aufbaut. Wenn die von Anfang an den richtigen Weg vorgibt, dann fließen die Formate einfach geschmeidiger aus den Ideen.

Haltung bewahren

Schon in ihrem Leitbild hat die Kunstsammlung NRW ganz deutlich gemacht: die Kunst steht im Mittelpunkt. Mit dieser Haltung geht man auch an die Strategie für den digitalen Raum heran. Marion Ackermann hat beim Pressegespräch betont, dass man sich bewusst auch von anderen Konzepten absetzen möchte. So sieht sie beispielsweise in Ansätzen wie dem Rijksstudio vorwiegend einen Marketingaspekt und auch einem Beispiel wie dem  digitalen Flaneur vom Städel will sie nicht unbedingt folgen.

Man habe in den Workshops zur Erarbeitung der Strategie auch die Außensicht auf das Museum beleuchtet und sich sehr mit der Aussage “Ihr seid immer nah an den Künstlern!” identifiziert. (Ackermann berichtet in diesem Zusammenhang auch von der Arbeit mit der Persona-Methode – Offenheit auch hier, indem Einblicke in den Arbeitsprozess gewährt wurden. Ich hätte auch gerne noch mal in das Workbook reingelinst, das für uns ausgelegt wurde, aber das war dann gleich belagert 🙂 )

Grundsätzlich finde ich es richtig, sich mit einer solchen Perspektive zu positionieren. Und wenn man die Diskussion zum digitalen Raum einmal um die Frage nach den Bedürfnissen der Künstler erweitert, so ist das gerade für ein Museum, welches mit lebenden Künstlern arbeitet, eine wichtige und logische Konsequenz.

Knoten im Netz

Ein Haus also, das auf 5 Pfeilern ruht. Qualität ist das Ziel. Nähe zu den Künstlern, Visualisierung komplexer Zusammenhänge, individuelle Zugänge und zum Schluss: “Wir schaffen mit unserem digitalen ‘Neubau‘ einen ‘öffentlichen Schutzraum’ “. Bei “Schutzraum” klingt mir zu sehr die Skepsis vor diesem Internet durch. Und was mit dem “medienpolitischen” Bewerten von privatwirtschaftlich orientierten Plattformen gemeint ist, kann ich mir noch nicht wirklich vorstellen.

Aber die Idee einer eigenen Plattform, eines Versammlungsortes oder Knotenpunktes im Netz hat sich mir vermittelt. Hier wird das Museum nicht nur in der Funktion zur Kanon-Bildung gedacht, sondern auch als sozialer Raum, in welchem interagiert werden kann. Das ist ein sehr wichtiger Impuls für eine digitale Strategie, vor allem dann, wenn man die sozialen Netzwerke in diese  einbeziehen möchte.

Ich bin sehr gespannt, was die Umsetzung angeht. Vor allem die Übertragung der Idee “Künstlerräume” ins Digitale klingt toll. Und so, wie ich es verstanden habe, wird es mehrere “Orte” für den Austausch geben. Auch zum Beispiel einen für Teilnehmer an den Vermittlungsangeboten. Großartig! Allerdings kann ich mir das nur mit einem relativ hohen personellen Einsatz vorstellen. Ich hoffe sehr, dass dafür auch die notwendigen Ressourcen bereitstehen. (Leider, leider kommen wir ja am Ende des Tages immer wieder zu diesem Punkt. Dieser Schuh drückt einfach immer noch zu sehr!)

Mir hat übrigens sehr imponiert, dass Marion Ackermann den Begriff Partizipation nicht einfach als Phrase benutzt. Sondern auch kritisch befragt. Sie hat eine Vorstellung davon, dass echte Partizipation sehr viel weiter geht als der gelegentlich inflationäre Gebrauch vermuten lässt. Konsequente Partizipation steht aber auch der Idee einer gezielten Kuratierung gegenüber, die von der Kunstsammlung angestrebt wird. Da muss man wahrscheinlich schauen, in wieweit da unterschiedliche Gewichtungen vorgenommen werden. Die Forderung nach Qualität klingt in meinen Ohren übrigens eher “akademisch”. Kompetente Wegweiser – da höre ich schon lieber hin.

Zugang gestalten

Wenn ich beim Leitbild auf der Website weiterlese, dann lese ich von einer “Offenheit und Neugier eingebrachten Impulsen gegenüber” – das kann ich dann sicher auch für die digitale Strategie annehmen. Bei dieser stellt die Kunstsammlung eine Förderung der Diskussionskultur in Aussicht. Ja, die vielbeschworene Diskussion, der erhoffte Austausch. Das ist keine leichte Aufgabe. Denn Austausch und Diskussion wollen auch entsprechend in Gang gesetzt und befeuert werden. Meistens sind das keine Selbstläufer-Prozesse. Das wird dann sehr von den unterschiedlichen Formaten und Aktionen abhängen, wie gut das funktioniert. Ich plädiere ich hier sehr für das Experiment! Denn solche Dinge lassen sich meist nicht am grünen Tisch skizzieren.

Die Kunstsammlung betont ihren Auftrag, sich grundsätzlich an alle Menschen zu richten. Und dementsprechend ist der Plan, individuelle Zugänge zu ermöglichen. Ich persönlich finde es großartig, wenn man von den Zielgruppen her denkt. An dieser Stelle fehlen zum jetzigen Zeitpunkt noch die konkreten Beispiele, an denen man dann festmachen könnte, wie und ob das funktioniert. Aus unserem Pressegespräch habe ich mitgenommen, dass man zeitgenössische Künstler durchaus auch als eine wichtige Zielgruppe ansieht.

Durch die Verknüpfung von aktuellem Weltgeschehen (Globalisierung ist ein wichtiges Thema) sollen überdies Inhalte entsprechend zusammengestellt werden, so dass man die Kunst/das Museum auch mit dem verknüpfen kann, was die Menschen im realen Leben umtreibt. Im Januar fand bereits eine Konferenz statt, auf dem man “Multiple Perspektiven auf die Kunst” diskutierte. Das ist leider ein wenig an mir vorbeigegangen. Obwohl es den Hashtag #mglobal16 gab. Ich war allerdings auch nicht aufmerksam genug!

Der digitale Katalog

Im digitalen Katalog wird dann eine Visualisierung unterschiedlicher Zusammenhänge angestrebt. Klar, vergleichendes Sehen ist mit dabei. Und die Möglichkeit, sich Kunstwerke bis in die winzigsten Details hinein anzusehen. Inweiweit das mit dem komplexen vernetzen Wissen (Zeitgeschehen, Kunstorte etc.) für die breite Öffentlichkeit interessant ist, bleibt abzuwarten.

Auf meine Nachfrage hat Marion Ackermann zumindest auch die Möglichkeiten des Crowdsourcing in diesem Zusammenhang nicht ausgeschlossen. Da alles noch nicht durchgeplant ist, kann man sicher noch viel erwarten. Mir persönlich würde zu diesem Thema auch ein Gamification-Aspekt gut gefallen.

Ein Statement unter vielen, die ich spannend, richtig und gut finde: “Wir beteiligen uns an der aktuellen und nicht abgeschlossenen Diskussion um die Urheberrechte im Internet und geben politischen Akteuren mit unserer Expertise – wann immer möglich – Anstöße. Die Interessen der Museen und ihrer “Besucher” (warum das in Anführungszeichen steht, habe ich nicht ganz verstanden) müssen ebenso berücksichtigt werden wie die berechtigten Interessen der Künstler als Urheber.” Am Tisch entbrannte sofort eine lebhafte Diskussion. Eine Lösung konnte natürlich keiner präsentieren. Aber ich finde es großartig, wenn ein Museum das Problem aktiv angeht. Und es nicht am Ende dem Besucher überlässt, die Rechte zu klären.

Das wird …

Die Kunstsammlung NRW ist auf einem guten Weg. Waren sie ja auch schon mit der Einrichtung einer gezielten Stelle plus Volontariat, die sich um das Digitale kümmert. (Derzeit ist das Volontariat wieder zu besetzen. Bis zum 10. Juni kann man sich noch bewerben. )

Ich habe gerade gestern in den Mitschnitt von Christian Gries’ Vortrag auf der DICO reingehört. Er fasst noch mal gut zusammen, was vor allem internationaler State of the Art in Sachen Digitalstrategie ist. Wenn man das mit den Ansätzen vergleicht, die von der Kunstsammlung vorgestellt wurden, dann ist man da vorne mit dran. Ich werde auf jeden Fall den weiteren Weg gerne mitverfolgen. Natürlich mega gespannt, unter welcher Leitung das dann in Düsseldorf weitergehen wird. Ich bin mir aber sicher: das wird!

 

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4 Comments

  1. Liebe Anke, sehr schöne Zusammenfassung der jüngst kommunizierten “digitalen Strategie” der Kunstsammlung! Ich halte es für wesentlich, dass Museen auch her Ihre Position bestimmen und darüber offensiv kommunizieren. Das kann dann auch in sehr komprimierter Version erfolgen (bei der Tate waren das am Beginn ja auch einfach “10 Principles”). In der Strategie der Kunstsammlung sind eine ganze Reihe sehr guter Ansätze zu finden und ich hoffe, dass das “Kennenlernen des digitalen Publikums” auch über eine fundierten Analyse echter “digital metrics” läuft. Bin dann sehr gespannt auf die nächsten Schritte und hoffe, dass der Prozess ähnlich offen läuft wie beim Historischen Museum in Frankfurt. Den Seitenhieb auf die “Algorithmen” im ersten Absatz der Strategie habe ich nicht verstanden. Er wirkt wie eine Metapher und ein gewollter Antipode zu einem “intelligenten Gegenüber”: der vom Experten durchdachten, kuratierten Vermittlung. Dabei sollten man diese Strukturen doch nicht in Konkurrenz verstehen, sondern kreativ nutzen und entwickeln. Wär doch mal spannend gerade diese beiden Positionen – Algorithmus und die kuratierte Organisation von Inhalten – aufeinander zu werfen. Gibt ja auch Kilometer sehr nützlicher Algorithmen ….

  2. Lieber Christian,

    ja, es wird spannend bleiben.

    Derzeit ist unheimlich viel Bewegung in der Sache und ich finde es großartig, dass die Museen sich mit ihren Strategien so offen zeigen. Das ist eine neue Kommunikationskultur, den bislang habe ich bei Museen eher das Gegenteil erlebt. Auch aus Angst vor Kritik.

    Je mehr Museen – ja, das Historische Museum ist weit vorne – sich in diesem Sinne öffnen, umso besser. Dann kommen in deren Sog vielleicht auch die anderen aus den Puschen und es wird ingsesamt mehr passieren.

    Du hast natürlich recht, dass man da dann auch mit professionellem Rüstzeug unterwegs sein muss. Der kreative Umgang mit all den Daten ist das, was den Mehrwert des Digitalen ausmachen kann.

    Viele Grüße
    Anke

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