Gute Gründe für ein Museumselfie

Goethe2_Selfie

“Es ist wohl angenehm, sich mit sich selbst zu beschäft’gen, wenn es nur so nützlich wäre.” J.W. v. Goethe, Torquato Tasso

 

Ich schreibe gerade an einen Beitrag zum Thema Selfie.” Mein Gegenüber verzieht das Gesicht. “Ich finde die furchtbar! Die gehen mir total auf den Geist“. “Mich interessieren vor allem auch die Museumselfies.” “Oh Gott“, seufzt meine Restaurantbegleitung, “dieses unreflektierte, gezierte Gehabe. Die schauen sich das Kunstwerk überhaupt nicht an! Halten einfach nur drauf, ohne sich damit zu beschäftigen!
Und? Hat sich in diesem Mini-Dialog jemand wiedererkannt? Ich habe ja schon an anderer Stelle darüber geschrieben, was ich von Museumselfies halte (ich finde die nämlich spannend). Jetzt gibt es aber jede Menge neuen Input, der motiviert, tiefer in das Thema einzutauchen. Die Kunsthalle Karlsruhe hat mich außerdem zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, die im Rahmenprogramm der Ausstellung “Ich bin hier. Von Rembrandt zum Selfie” stattfinden wird. Dieser Blogbeitrag wurde ebenfalls als Teil der digitalen Vermittlung der Ausstellung angefragt.


Ich bin hier

Der Titel der Ausstellung in der Kunsthalle Karlsruhe ist gut gewählt. Stellt er doch das Verbindende zwischen den Selbstbildnissen der Kunstgeschichte und diesem modernen Massenphänomen Selfie dar. Es ist sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner. Ob es das schon war, das ist eine der spannenden Fragen, die in diesem Zusammenhang diskutiert werden können. Das reizt mich. Ich möchte gerne über die Möglichkeiten diskutieren, mit einem populären Thema auch tradierte kunstgeschichtliche Genres zu vermitteln. Deswegen steht in meiner Betrachtung auch das Museumselfie im Vordergrund. Doch dazu später mehr.

Erscheinungsformen des Selfies

Fasziniert beobachte ich, dass in einem überraschend schnellen Takt immer neue Selfie-Kategorien entstehen. Anika Meier hat übrigens klargestellt , wen man unbedingt kennen muss, wenn man über das Thema redet: the one and only … Naaa? Wer ist es?

Nachdem Jerry Saltz sie zu einem neuen visuellen Genre erhoben hat, sieht Wolfgang Ullrich in den Selfies eine neue Kommunikationsform: “Wie Emoticons sind Selfies dabei, zu einer Weltsprache zu werden, mit der Stimmungen und Situationen überall verständlich kommunizierbar sind.” Passend zu meiner eingangs beschriebenen Situation macht er deutlich: “Man unterstellt denjenigen, die solche Bilder machen und posten, Oberflächlichkeit, Dummheit oder mangelnde soziale Kompetenz, übersieht dabei aber völlig, dass Selfies fast immer in einer bestimmten kommunikativen Situation aufgehen.

Anika schrieb auch über die tödliche Gefahr, die beim Selfie-Machen lauert. Doch was sie eigentlich interessiert, ist die Frage, in welche Richtung sich das Selfie entwickelt. “Narziss war sein Spiegelbild genug. Die Generation Instagram aber stellt der Blick in den Spiegel nicht mehr zufrieden. Sie will mehr.” Vor allem den Künstlern ginge es um mehr als um Likes.

Christian Gries hat sich die spezielle Variante des Künstlerselfies einmal genauer angesehen. “Dabei fließen überwiegend echte Werkfotos oder kleine Inszenierungen auf die Plattform, während man #Selfies meist noch suchen muß.” Jessica Koppe ließ uns an der Perspektive einer Künstlerin auf das Selfie-Phänomen teilhaben. “Ich vergewissere mich meiner Spuren, in dem ich künstlerische Arbeiten schaffe, die entweder so robust sind, dass sie lange halten, oder indem ich von vergänglicheren Arbeiten gescheit dokumentiere (meistens in fotografischer Form [sic, again!]).
Mikel Bower hat übrigens eine sehr schöne Idee zum Thema beigesteuert – er sieht auch in Texten eine Form des Selfies.

Das Museumselfie

Das Museumselfie ist mir einen genaueren Blick wert. Vor allem das, was in Kunstmuseen gemacht wird. Das unterliegt nämlich ganz besonderen Bedingungen, die einen großen Radius ziehen. Von rechtlichen Fallstricken bis hin zur Banalitätsdebatte, könnte man jetzt verschiedene Fässer aufmachen. Mich interessiert der Aspekt der Vermittlung.

Die Kunsthalle Bremen hat kürzlich darüber gebloggt , was sie für die besten Social Media Aktionen um Kunstwerke halten – und da gehört natürlich das Museumselfie dazu! Was sind eigentlich gelungene Social Media Aktionen in diesem Falle? Die, die möglichst viel Reichweite erzeugen?!

Der MuseumselfieDay liefert massenhaft Material zur Anschauung (und Evaluation). Ähnlich funktionierte auch #poseMW bei der #MuseumWeek.  Schaut man sich mal genauer um, so kann man zwei Varianten entdecken. Das originäre Selfie im Museum und die Inszenierung von Kunstwerken. Zu letzterem kann man Beispiele im Tumblr-Blog Museum of Selfies  entdecken. (Mein Beitragsbild hier ist übrigens bei einer Lehrerfortbildung für das Goethe-Institut im Wallraf-Richartz-Museum entstanden! Bin ziemlich stolz, dass wir das so hinbekommen haben. Das erfordert schon eine gewisse Übung!)

In ihrem Projekt Museumselfies sammelt Alli Burness alles, was Besucher mit dem Hashtag #Museumselfie (und auch #artselfie – das überschneidet sich in den meisten Fällen) liefern. Ein interessantes Feld für die Forschung! Spannend auch, dass sie quasi als Überschrift die Frage stellt: “Has art become wallpaper for selfies?” Steckt da ein bisschen Kulturkritik drin? Und führt sie so die von ihr gesammelten Museumselfies als Beweis für ein oberflächlich-dümmliches Verhalten vor? Ich will es nicht hoffen. Mir scheint dieser Zwiespalt aber immer wieder aufzutauchen. In letzter Konsequenz verhindert das dann ein kreatives Durchdenken der Chancen zur Vermittlung.

Arte startete übrigens diesen Aufruf: “Vous allez au musée ce weekend ? Profitez-en pour faire un #ARTEselfie!” Und hin und wieder regt ein Museum das Selfiemachen an. Ich fänd es übrigens klasse, wenn die Besucher damit nicht sich selbst überlassen werden. Mit ein paar Anleitungen und schönem Storytelling könnte sich dann eine gelungene Aktion für das Image des Museums entwickeln. Wichtig ist da auch, die entstandenen Selfies zu sammeln, zu würdigen und auf diese Weise feinste Besucherkommunikation aufzubauen. Da wird dann aus dem Selfie mehr als eine sich verflüchtigende Geste.

Für das Thema Museumselfie finde ich zwei Gedanken Ullrichs spannend, die er in seinem Aufsatz über Internet-Memes äußert. Der eine bezieht sich auf Warburgs Theorie der Pathosformel, die “starke” Gesten und Posen der Kunstgeschichte identifiziert. Und der andere betrifft die Idee der “Entlastung” bzw. auch der kritischen Distanz zur Kunstgeschichte. Das Bedürfnis nach Letzterem stelle ich übrigens auch bei kenntnisreichen Zeitgenossen fest, lieber Herr Ullrich.

Der Museumsbesucher

Ich bin ja der Meinung, dass man noch längst nicht das Ende der Fahnenstange erreicht hat, was die Besucherforschung angeht. Zumindest in unserem Land ist die Motivation, möglichst viel über die Besucher zu erfahren, recht niedrig. Noch sehr oft hängt man einem Bildungsideal nach, das – verkürzt gesagt – gerne in Verbindung mit “die sollen” gedacht und nicht selten auch ausgesprochen wird. Museumsbesucher machen Selfies! Ich habe mal ein paar Gedanken gesammelt, die zeigen, in welchem Zusammenhang das interessante Informationen über die Besucher liefern könnte.

Selfies sind unter Umständen etwas, womit keiner gerechnet hat.“ Maria Männig macht in ihrem Blogbeitrag  deutlich, dass wir „wahrscheinlich unseren elitären Kunstbegriff ändern müssen, allein um den neuen Verhältnissen zwischen Produzent_innen und Konsument_innen gerecht zu werden.

Das ist der Gewinn an der Blogparade der Kunsthalle, dass durch so viel Input zum Thema „Selfie“ erst der Weg frei werden kann zu einer neuen Perspektive auf das Selfie – jenseits von „dämlich“.

An dieser Stelle finde ich auch den Essay von Adam Levin sehr lesenswert, der im Katalog zur Ausstellung „Ego Update“ abgedruckt wurde. Er betont die „intrinsische Spannung“, die Selfies innewohne. Das ist für mich ein sehr entscheidendes Moment. Weiter spricht er von einem „assoziativen Imperativ“ des Selfies und sieht sie als Teil eines Systems gemeinsamer Werte. Da wird es für mich spannend! Was wäre, wenn wir die Museumselfies der Besucher als eine Art Kommentar zu ihrem Museumsbesuch – auch zum Kunstwerk – werten würden. Levin weiter:

“In Prozessen des Knotenwachstums (die Anzahl der Verknüpfungen mit dem Selfie) und der Streuung (die Propagierung des Selfies innerhalb des Netzwerks) übersetzt und intensiviert das Selfie die mit ihm verbundenen Modalitäten, wie z.B. Veranstaltungsbesuche, Interessen, Einwohner einer bestimmten Stadt zu einer bestimmten Zeit, Mitglied bestimmter sozialer Netzwerke, Individuum mit bestimmten Alter, Geschlecht etc.

In einem sehr interessanten Artikel der LA Times wird Annalisa Stephan zitiert, die als Audience Engager im Getty Museum arbeitet. Sie äußert sich über das Museumselfie folgendermaßen: „It’s about observing what visitors are already enjoying, noticing what they’re noticing, and fascilitating that – showing them it’s not this stuffy quiet place you can’t have fun in.

Beim letzten Teil des Satzes habe ich kurz gezögert, ob ich ihn zitieren soll. Denn ich weiß, dass es viele Befürworter für die Stille im Museum gibt. Und es führt für mich ein bisschen am Kern des eigentlichen Problems vorbei, wenn man das eine gegen das andere ausspielt.

Übrigens, wer sich traut, kann ja gerne mal einen Blick auf ein Projekt werfen, das auf den fernen Philippinen entwickelt wurde. Ein Museum, das nur dazu dient, Selfies mit berühmten Kunstwerken zu machen. Nicht, dass ihr mich falsch versteht – das ist halte ich auch für zu sehr am eigentlichen Ziel vorbeigeschossen (und es macht ein kleines bisschen Angst). Aber es enthält einen Gedanken, den man weiterdenken kann. Kunstwerke mit der eigenen Realität abgleichen, sie ein bisschen vom Status der Erhabenheit – und somit auch Unerreichbarkeit – befreien. Im Sinne der Verständlichkeit.

Performance

Jerry Saltz hat darauf hingewiesen, dass es für das Selfie von Bedeutung ist, wen man als Zuschauer vermutet. In dem ein oder anderen Zusammenhang ist auch immer wieder erwähnt worden, dass Selfies eine Art von Inszenierung innewohnt. Diesen Gedanken weiterzuspinnen, erscheint mir reizvoll. Was zum Beispiel erzählen die Hashtags: #lifeimitatesart #artselfie #museumhumor #partsofpainting? Es ist auch spannend, die Texte unter den Bildern zu lesen: “Another piece by one of my favorite artist.”  “Me and this bitch.”  “Just me and Mona.” (Beides zur Mona Lisa).

Das Centre Pompidou hatte zur Jeff Koons Ausstellung Sticker auf dem Fußboden angebracht, um die Besucher zur optimalen Fotoposition für ein Selfie mit dem Hanging Heart zu dirigieren. Es ist eine gute Idee, selfiefreundliche Stationen im Museum einzurichten. Die Kunsthalle Bremen hat da mit der Idee zur Emile Bernard Ausstellung schon einen interessanten Ansatz geliefert. Ich finde es gut, wenn mit dem Selfie spielerisch umgegangen wird. Zur Cindy Sherman Ausstellung „Untitled Horrors“ brachte das Kunsthaus Zürich eine App heraus, mit der man sein Selfie mit dem Sherman-Look designen konnte.

Ich bin der Meinung, dass je mehr kreative Möglichkeiten zu einer reflektierenden Gestaltung des Selfies angeboten werden, desto gewinnbringender es für die Vermittlung der Inhalte werden kann. Ganz im Sinne von Nina Simons Idee des Angebotsdesigns liegt es also in der Hand der Vermittler, sich Gedanken zu machen, wie man mit didaktisch klug reduzierten Impulsen die Besucher verführen kann. Da spielen natürlich auch die Parameter Medienkompetenz, Selbstreflexion und die Erschließung der Welt eine Rolle.

Es liegt also bei uns, dass mehr passiert als die geschönte und wenig authentische Selfie-Welt, wie sie Michael Kröger vom Marta Museum befürchtet. Wir befinden uns im Feld des vom Besucher erstellten Inhalts, den Möglichkeiten zur Co-Creation und Partizipation – will heißen: es geht um das Beteiligen der Besucher. Und um das Interesse an dessen Äußerungen. Auch in Form von Selfies. Hier möchte ich gerne weiterdiskutieren. Wie das im Einzelfall aussehen kann, kommt immer auf die Kunst an!

 

 

 

FacebookTwitterGoogle+Empfehlen

12 Comments

  1. Liebe Anke von Heyl,

    danke für diesen inhaltsreichen Beitrag, der mich aber an zumindest einer Stelle doch zum Widerspruch reizt – oder dazu, unsere Debatte vom Frühjahr wieder aufzugreifen. Sie schreiben über Kunstvermittlung via (Museums)selfies. Tatsächlich fällt auf, dass das Selfie-Thema in der Kunstvermittlung enorm eingeschlagen hat – so sehr, dass ich mich frage, warum eigentlich.

    Der Blog der Kunsthalle Bremen, den Sie auch erwähnen, gibt da einen ganz guten Hinweis. Hier wird u.a. das Projekt #museumofselfie vorgestellt, bei dem es darum geht, sich oder andere zusammen mit Smartphones so vor Kunstwerken zu fotografieren, dass es aussieht, als würden deren Protagonisten gerade ein Selfie machen. Dazu heißt es dann: „Das sieht bei manchen Werken nicht nur real aus, sondern bietet dem zeitgenössischen Betrachter auch einen neuen Zugang zur Kunst. Denn wer denkt nun bei Max Liebermanns Portrait von Adele Wolde nicht an seine Großmutter und bei dem melancholischen Mädchen von Théodore Chassériau nicht an seine eigene Pubertät? Gleichzeitig wird deutlich, dass digitale Selfies an die Stelle von altehrwürdigen Selbstporträts treten.“ (http://www.kunsthalle-bremen.de/blog/kunstwerke-zum-leben-erwecken-die-besten-social-media-phaenomene-rund-ums-museum/)

    Was aber ist mit diesem letzten Satz gemeint? Inwiefern sollten Selfies an die Stelle von Selbstporträts treten? So unterschiedliche Zwecke mit Selbstporträts auch verfolgt worden sein mochten, so wenig ging es bei ihnen doch jemals um eine Sofort-Kommunikation. Künstler reflektierten vielmehr ihre Rolle in der Gesellschaft, inszenierten ihren Ruhm oder ihre besondere Begabung, klagten an oder stilisierten sich als Genies. Selfies hingegen sind aus der Situation heraus entstehende Statusmeldungen; sie signalisieren, wo man gerade ist und was man erlebt, sie zeigen – oft in zugespitzter Art und Weise – den aktuellen Gemütszustand an. Allein dass sie, anders als Kunstwerke der Vergangenheit, im Nu gemacht und verschickt werden können, lässt es unwahrscheinlich sein, dass eine zusätzliche subtile Intention, ja ein allgemeingültiger, über die Situation hinausgehender Anspruch mit ihnen verbunden ist.

    Die Aussage auf der Website der Bremer Kunsthalle ist aber insofern repräsentativ, als es in der Kunstvermittlung generell darum geht, motivierend auf die Besucher zu wirken und ihnen zu suggerieren, sie seien selbst auch kreativ und könnten viele tolle Sachen machen. Deshalb muss jedes noch so situativ entstandene Selfie gleich in die lange Tradition großer Selbstporträts eingereiht werden oder umgekehrt jedes Porträt der Kunstgeschichte als Vorform eines Selfies erscheinen. Der Vergleich dient also eindeutig und einseitig einer Aufwertung des selfiemachenden Besuchers, und Selfies sind so attraktiv für die Kunstvermittlung, weil sie eines der simpelsten Mittel darstellen, eine solche Aufwertung zu vollziehen!

    Mit nichts anderem gelingt es offenbar sicherer, verschiedenen Zielgruppen unter den Besuchern – etwa Jugendlichen und Paaren – das Gefühl zu geben, sie könnten sich im Museum individuell ausleben. Der Hashtag #museumselfie ist international erfolgreich, und bezeichnend für heutige Besucherpolitik ist, was man im Helsinki Art Museum antrifft. Dort liegen Zettel aus, auf denen die Besucher sogar eigens zu Selfies aufgefordert werden, mit der Begründung „Make yourself part of art by taking a #museumselfie“. Selfies verheißen also eine Teilhabe an der Kunst, mit ihnen darf sich jeder für einen Moment als Künstler und Porträtist fühlen.

    Das ist schön und nett, aber hier habe ich wieder ein Problem damit, dass das Kunstvermittlung sein soll. Denn es wird ja gerade keine Kunst, sondern nur Selbstbewusstsein an die Besucher vermittelt. Ich kann und soll bei einem alten Gemälde eben an meine Oma oder an mich selbst denken, aber über Liebermann oder Chassériau (um beim obigen Beispiel zu bleiben) bekomme ich gerade nichts vermittelt. Das ist vielleicht auch nicht so schlimm, und andererseits kann es gute Gründe geben, Menschen zu motivieren und ihnen das Gefühl zu geben, sie seien auch irgendwie kreativ, doch man sollte es dann bitte nicht Kunstvermittlung nennen, sondern Motivationstraining oder Individualitätsschulung 😉

    Herzliche Grüße

    Wolfgang Ullrich

  2. Lieber Herr Ullrich,

    ich wusste es: Sie sind ‘pro’ Kunstvermittlung 🙂

    Vielen Dank für Ihren “Widerspruch” – denn er macht mir deutlich, dass man noch genauer entwickeln muss, wo die Potenziale für die Kunstvermittlung liegen. Es geht um Qualität!
    Ich will gerne zugeben, dass ein einfaches Selfie nur um des Selfies willen nicht der Weisheit letzter Schluss ist. (Wobei ich auch ein Fan von ganz niederschwelligen Angeboten bin).

    Für mich wird das Selfie in der Tat dann spannend, wenn darüber ein Vermittlungsaspekt in seiner didaktischen Reduktion entwickelt werden kann. Das will ich gerne mal an einem Beispiel deutlich machen:
    Nehmen wir mal die von Ihnen ja auch angesprochenen Messerschmidt-Büsten. Hier kann man als Kern-Idee beispielsweise diesen Aspekt herausarbeiten: das Gesicht als Spiegel der Seele. Das ist spannend für die Vermittlung der außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit. Aber auch für die Frage, wann generell solche Motive in der Kunstgeschichte auftauchen. Bei Rembrandt gibt es ja z.B. auch eine ganze Reihe von Studien mit gerunzelter Stirn etc. Das ließe sich in einer produktionsorientierten Methode (Begrifflichkeiten sind manchmal schwierig …) vermitteln, bei der dann das Selfie ein Teil sein könnte. Wichtig ist der Input, d.h. dass man für die Akteure genügend Hintergrundinformationen liefert und das Selfie in ein entsprechendes Vermittlungskonzept einbindet.

    Beim Museum of Selfies muss man wieder mit einem neuen Ansatz überlegen, was hier an Vermittlung möglich wäre. Ich sehe beispielsweise einen Erkenntniswert in dem Perspektivwechsel, der einem einen besonderen Blick auf den Porträtierten erlaubt. Da liefert die inszenierte Selfie-Haltung einen kreativen Impuls.

    Das kann jetzt alles hier nur sehr verkürzt rüberkommen (an dieser Stelle ein komplettes museumspädagogisches Konzept inkl. der Idee, dieses in den digitalen Raum zu entwickeln, führt zu weit. Das will wohl auch niemand lesen…). Ich hoffe, dass ich die Richtung deutlich machen konnte, in die sich so etwas entwickeln ließe.

    Es gehört für mich sehr viel mehr zu so einem Vermittlungskonzept, als einfach nur die Aufforderung “mach mal nach”. Das eigentliche “Selfie” sollte dann aus meiner Sicht auch nur ein Baustein sein. Sozusagen der Motivationsschub. Den halte ich für notwendig und gewinnbringend. Und ich finde übrigens den Gedanken an die “Aufwertung” des Besuchers im Museum sehr schön.

    Als Kunstvermittlerin stehe ich eben zwischen der Kunst und den Rezipienten. Ich fühle mich beidem verpflichtet. Museumselfies sind keine Kunst. Es geht auch nicht darum, irgendwelchen Aktionismus zu betreiben. Wie schon in meinem Artikel dargestellt, sehe ich diese als Kulturtechnik. Das ist der Ansatz, mit dem ich mehr arbeiten möchte.

    Ich würde gerne aus der Praxiserfahrung heraus argumentieren. Bislang gab es aber noch nicht die Gelegenheit, dass ich mir mehr Zeit für entsprechende Konzepte nehmen konnte. Und ich habe auch in der Museumslandschaft noch nicht so wirklich ein überzeugendes Beispiel gesehen. Da ist noch Luft nach oben.

    Ich bin sehr froh, wenn man hier Diskussionen führen kann, die mir auch wieder neuen Stoff zum Nachdenken geben. Dafür sei Ihnen an dieser Stelle noch einmal gedankt. Und ich bin natürlich schon mächtig gespannt auf unsere Podiumsdiskussion. Da können wir sicher auch mit dem Publikum noch viele neue Aspekte besprechen.

    Herzliche Grüße von Anke von Heyl

  3. Liebe Anke von Heyl, lieber Wolfgang Ullrich,

    es interessiert mich eigentlich weniger, warum man überhaupt von einer scheinbar so eindeutigen Unterscheidung zwischen Kunst einerseits und einem „gesteigertem Selbstbewusstsein von Besuchern“ andererseits ausgehen sollte. Ist die Möglichkeit der ständigen Erweiterung ästhetischer Wirklichkeiten nicht immer schon ein Schritt weiter als der kunstwissenschaftliche Diskurs? Das Selfie erscheint bei Wolfgang Ullrich als aktueller Agent Provocateur, der das Versenden eines plötzlichen Lebensmoments so einfach nicht zu überzeitlich relevanter Kunst erheben kann. Doch ob raffinierter Kunstdiskurs oder gut gemeinte „Individualitätsschulung“: je unwahrscheinlicher es ist, dass heute ein Selfie eine “zusätzliche subtile Intention” versendet, desto wahrscheinlicher wird es wohl, dass zukünftig auch Formen von Kunstkontexten entstehen, die ohne Anschlüsse an Selfie-Kommunikationsweisen nicht auskommen werden. Untersuchungen etwa zur sozialen und technischen Veränderung von Kunsterfahrung durch Celebrity-Effekte (http://www.koljareichert.de/artikel/die-kamera-als-akteur-anlaesse-fuer-eine-theorie-des-celebritive-turn/ ) scheinen bereits in diese Richtung zu weisen.

    Geht also man von der Wahrscheinlichkeit aus, dass zukünftig jede Form von digitaler Kommunikation einen mehr oder weniger subtilen oder nicht-subtilen Selfie-Charakter besitzt, erfordern oder aktivieren wird, kann und muss man sich die Frage stellen, wie diese Entwicklung sich dann auf die jetzt sich verändernden “Statusmeldungen” von KUNST auswirken werden. In diesem Sinne würde ich vermuten, dass jede zeitgenössische Auseinandersetzung mit Kunst gerade nicht mehr unmittelbar Kunst generiert wohl aber Besucher/Leser dazu sensibilisiert, an Vermittlungsprozessen von Kunst aktiv teilzunehmen. Es ist aber unmöglich Kunst als Kunst zu differenzieren, ohne nicht gleichzeitig deren aktuell veränderte soziale Funktion, das kommunikative Vermitteln von Annäherungen an Erfahrungen von und mit Kunst (inklusive heutiger Selfie-Erfahrungen) zu thematisieren.

    Ein Selfie ist wie ein Mantra der Jetztzeit. Indem man es einfach macht, glaubt man an seine weiter reichenden Wirkungen. Es (ent-)steht in der langen Tradition der Selbstvermittlung einer Autorposition/ierung und damit mitten im Problem der Frage, ob man überhaupt (noch) die Grenzen zwischen der historisch vergleichenden Betrachtung von Kunst und der systematischen Vermittlung von kunstorientierten Ausdrucksweisen genauer ziehen kann. Ein Selfie ist abstrakt gesprochen ein Bild gewordener Ausdruck eines Vergleichs – zwischen instrumenteller Anwendung und kritischer Problematisierung, zwischen den Traditionen eines Selbstportraits und einer immer noch und gerade jetzt vermittlungsbedürften Form der Annäherung von Erfahrungen mit Kunsterfahrungen. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

    Michael Kröger

    • Lieber Michael Kröger,

      ich finde ihren Kommentar unglaublich spannend. Vor allem, weil er die Selfie-Debatte auf eine neue Meta-Ebene bringen. Dass Kunst eine soziale Funktion hat und dass es in diesem Zusammenhang auch um die Vermittlungsfrage geht – da rennen Sie bei mir offene Türen ein.

      Es zeigt sich auch ihren Gedanken, wie komplex das alles ist. Aber auch, wie wichtig es in Zukunft sein wird, die veränderten Kommunikationsgewohnheiten – auch und vor allem in den sozialen Netzwerken – genauer unter die Lupe zu nehmen.

      Herzliche Grüße
      Anke von Heyl

Kommentar verfassen