Guckst du!

Stellt euch einen komplett abgedunkelten Raum vor. Es riecht etwas muffig, weil lange nicht mehr gelüftet wurde und etwa 30 schwitzende Kunstgeschichts-Studierende auf einem Haufen hocken. Einige von denen werden gleich nach vorne gerufen und müssen eines der gefürchteten Referate halten. Hierfür haben sie in der Diathek Abbildungen auf Dias bannen lassen (man musste sich rechtzeitig anmelden, einen Haufen Bücher mit Lesezeichen hinterlegen und die fertigen Dias Tage später wieder abholen. Ein Wettlauf mit der Zeit!). Im hinteren Teil des Raumes standen zwei fette Projektoren und es galt, freundliche Helfer zu finden, die für die Referate die Dias entsprechend hin- und herschoben.

Jaaaaa, die Kulturtussi erzählt von früher 🙂 Ich habe in den 80ern studiert. Das Studium war damals sehr geprägt von wissenschaftlichen Grundbegriffen, die mir heute so weit weg erscheinen. Und bei denen ich damals schon oft über den Bezug zur Praxis nachgegrübelt habe. Aber dafür ist das Studium ja auch nicht da, oder?

Neulich wurde ich über einen netten Austausch in meinem geliebten Kulturblogger-Netzwerk auf den Aufruf einer Blogparade zu kunsthistorischen Methoden aufmerksam gemacht. Obwohl ich ja eigentlich ein Methoden-Spezi bin, fühlte ich mich zunächst nicht angesprochen. Denn meine berufliche Entwicklung hat sich meilenweit von den rein kunsthistorischen Sichtweisen entfernt. Das Methodenrepertoire kommt heute in erster Linie aus der Vermittlersicht zustande. Aber ich wurde sehr motiviert, doch noch etwas zu der Parade beizutragen und das will ich hier gerne tun. Allerdings wird das kein Beitrag zur kunstwissenschaftlichen Methodenkritik 🙂

Vergleichendes Sehen

Wenn ich mir kunsthistorische Methoden in Erinnerung rufen soll, dann kommt mir spontan der etwas hölzerne Begriff “Vergleichendes Sehen” in den Kopf. Eigentlich bin ich überhaupt kein Fan des Formalismus. Mir liegt die persönliche Wertung. Ich will Anekdoten aus der Entstehungszeit wissen und mich mit Geschichten über den Künstler dem Kunstwerk nähern. Dennoch liegt in der Methode des vergleichenden Sehens ein gewisser Reiz – jenseits kleinteiliger Faltenbeschreibung. Das Grundsatzprinzip eines Werkvergleichs ist die Frage: Was passiert zwischen zwei Bildern? Es geht in dieser Methode auch darum, unbewusste Erkenntnisse zu benennen und zu beweisen. Man kommt vom Sehen zum Erkennen. Spannende Sache eigentlich. Und wer hat’s erfunden? Die Schweizer! Äh, ein Schweizer. Nämlich Heinrich Wölfflin, der 1915 das Werk “Kunstgeschichtliche Grundbegriffe” verfasst hat (wird das eigentlich immer noch auf die Leseliste gesetzt?) Genialerweise ist das Werk auf archive.org online!

 

wölfflin

 

Vom Wahrnehmen zum Erkennen

Es muss endlich eine Kunstgeschichte kommen, wo man Schritt für Schritt die Entstehung des modernen Sehens verfolgen kann (…).” Wölfflins Überlegungen waren gespeist von der Entwicklung der Wahrnehmungspsychologie. Er verfolgte die Sinnesleistung und entwickelte daraus eine Kulturtechnik, die dann später keineswegs auf die Kunstgeschichte beschränkt blieb. Wölfflin ging es um das Herausfinden von allgemeingültigen Darstellungsformen, die sich auf bestimmte Sehgewohnheiten beziehen können. Er stellte Vergleichspaare einander gegenüber: Das Lineare und das Malerische, Fläche und Tiefe, Geschlossene und offene Form, Vielheit und Einheit, Klarheit und Unklarheit. Das war die Basis für weitere Überlegungen. Grundbegriffe halt. Wenn man sich weiter mit diesem Thema auseinandersetzt, kommt man in spannende Gefilde. Stößt dann im Verlauf der Recherche auch auf Aby Warburg – den Gottvater der modernen Geisteswissenschaften. Seine Pathosformel beispielsweise ist legendär. Da geht es um das kollektive Gedächtnis, man rührt an Archetypen. Und man nähert sich der entscheidenden Frage: Was löst Kunstbetrachtung in mir aus? Ich merke schon, wie ich in diese Geschichte hineinrutsche wie in ein Kaninchenloch! Ach ja, wenn man doch nur genügend Freiräume für die Verfolgung solch spannender Gedanken hätte. Nun denn, vielleicht holt mich das wissenschaftliche Arbeiten irgendwann einmal ab. Einstweilen gilt: keine Zeit … keine Zeit … keine Zeit!

vergleichsmodus

Aufschlag Digital

Die Tradition des Bildvergleichs – im Netz kann sie ihre volle Schlagkraft entfalten. Denn hier kann man die Gegenüberstellung perfekt inszenieren. Ganz im Sinne der ehemaligen Doppelproduktion im dunklen Seminarraum. Nur, dass man sogar noch viel mehr Möglichkeiten hat. Der Blick lässt sich lenken, man kann weitere Informationen hinzufügen und kreativ mit dem Vergleichsprozess umgehen. So geschehen in der Digitalen Sammlung des Städel (ich hatte ja in meinem letzten Post mit dem Interview bereits angekündigt, dass das noch einmal Thema werden würde). Mir gefällt die Kombination der altbekannten Kulturtechniken mit neuen kreativen Ansätzen, wie zum Beispiel dem Mindmapping. Der Erkenntnisgewinn durch das Sehen wird sofort nachvollziehbar. Besonders, wenn man mehrere Vergleichsbeispiele hat. Ich hätte das übrigens auch gerne öfter in der Inszenierung von Ausstellungen, dass man mal entsprechend vergleichbare Motive nebeneinanderstellt. Durch die Wiederholung bestimmter Elemente versteht man ihre Funktion viel besser als jede abstrakte Erläuterung das könnte.

 

vergleichendesSehen

 Vermittlungsstrategie

Meine kleinen grauen Zellen fangen sofort das Verarbeiten solcher Ideen an. Wie würde ich das in meinen Vermittlungsideen nutzen? Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man so einen Bildvergleich auch mal auf Facebook ausprobieren könnte. Zwei Bilder. Sehen. Erkennen. Kommentieren. Bei meinen Kreativmethoden kam mir auch gleich eine in den Sinn, die hier andocken könnte. Ich hab ja schon verschiedentlich das Loblied auf die ABC-Liste gesungen. Damit kann man ein wenig rumspielen. Mit dem Prinzip der Bisoziation ergäbe das eine unschlagbare Kombi. Man erstellt zu jedem Bild eine ABC-Liste und legt sie später nebeneinander. So sucht man nach Verbindungspfaden. Das wäre auch spannend: Bilder vergleichen, die auf den ersten Blick vielleicht gar nichts miteinander zu tun haben. Perspektivwechsel ist interessanter Ansatz im Hinblick auf die Erkenntnis der Besonderheit jedes einzelnen Kunstwerks. Zugegeben, hier geht es weniger wissenschaftlich, als vielmehr spielerisch zu. Vielleicht ist das sogar banal? Womit wir wieder einen feinen Kreis geschlagen hätten zu einer gerade heiß diskutierten Vokabel. Hab ich doch gut gemacht 🙂 Denn das ist mein Weg: von der kunsthistorischen Methode zum Spiel! In diesem Sinne: darf ich bitten …

 

 

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3 Comments

  1. Liebe Anke !

    Vielen Dank für deinen großartigen Beitrag zu unserer Blogparade #KuGeMethode !

    Besonders wichtig finde ich deinen Bezug zum Digitalen / zur Digitalen Kunstgeschichte, die derzeit ein heißes Eisen ist sowie gleichzeitig die Überlegung der Anwendung in die Kunstvermittlung (derzeit auch heiß diskutiert).

    Der Vergleichsprozess des Städel ist wirklich mehrere Blicke wert.

    Fraglich ist, ob heute noch genau gesehen wird. Ich denke da jetzt an das letzte Telefonat, das ich mit meinem Professor geführt habe. Wir haben uns über die Methoden unterhalten und er meinte, dass das viele Kunsthistoriker (Studierende, Absolventen etc.) das Vergleichende Sehen, das Sehen selbst, nicht mehr können. Er nannte mir hier einige Beispiele von Bildern, deren Beschriftung im Museum schlichtweg falsch sei und dies von der Literatur einfach blind übernommen werde, ohne selbst auf das Bild zu schauen, wo sich dann so mancher toter Baum als Weinstock entpuppen könnte.

    Daher ist in erster Linie das Sehen selbst – was sehe ich auf dem Kunstwerk (ohne auf ein Schild zu achten) – wichtig.

    Viele liebe Grüße und nochmals Danke für deinen Beitrag !

    Liebe Grüße
    Alexandra

    • Liebe Alexandra, das freut mich, dass dir mein Beitrag gefällt. Es macht auch wirklich Spaß, wenn man aus der Praxis wieder mal back to the roots gezogen wird. Da eröffnen sich dann wieder neue Gedanken und man reflektiert das eigene Tun auf einer anderen Ebene.
      Ein schönes Blogparaden-Thema in jedem Fall.
      Freue mich über weiteren Austausch über die Blogs hinweg.
      Herzliche Grüße von Anke

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