Ferienspaß mit Imagoras

Mir ist langweilig!!! Aufzeigen, wer diesen Satz vom Nachwuchs fürchtet. Gerade jetzt in der Ferienzeit gilt es, wieder jede Menge Ideen für die Kinderbespaßung aus dem Hut zu zaubern. Und da hab ich mich daran erinnert, dass ich unbedingt noch einmal etwas über die schöne App “Imagoras” schreiben wollte, die das Städel Museum vor einiger Zeit herausgebracht hat. Ein, wie ich finde, wirklich gut gemachtes Spiel, das sowohl den Kunstvermittlungsbedarf als auch die Erwartungen von Game-Erfahrenen mehr als erfüllt! Ich hab mich gestern mal drangesetzt und einige Ründchen gespielt. Hier mein Bericht.

Storytelling

Man hat sich großartig angestellt beim Entwickeln der Geschichte. Es beginnt mit einem schönen “Rabbithole”. Das ist so wichtig, dass das in den ersten paar Sekunden direkt fluppt. Gerade bei der Zielgruppe ab 8 Jahren (ab 2. Schuljahr also etwa) sind die Kids schon komplexere Zusammenhänge gewohnt und wollen auch entsprechend geködert werden. Da konnte man sicher auf die Erfahrungen des Spieleherstellers Deck13 zählen, der hier Kooperationspartner war. Beim Start des Spiels wird man in eine düstere Szene hineingebeamt und eine Stimme (Andreas Fröhlich fand ich super) berichtet davon, dass die Phantasie abhandengekommen ist und die Bilder ihre Farbe verloren haben. Das Ganze wird einem in einer Art “Graphic Novel”-Szenario serviert, das einen gewissen Mystery-Touch entwickelt. Ich finde das als Impuls keine schlechte Idee. Es ist eine Art von Klammer, die Erwartungen und Gestimmtheiten schürt, die dann mit den Geschichten auf den Bildern immer mal wieder aufgegriffen werden. Weiß doch jeder, dass ein bisschen Mystery bestens den Spannungsbogen nach oben schraubt.

Anfang

Begleiter

Natürlich braucht es eine Figur, die durch das Spiel leitet. Da ist dieser Flux sicher genau passend auf spielenden Kinder ausgerichtet. Er macht komische Geräusche (quäkt immer mal wieder zwischendurch. Das hat mich ein bisschen an den legendären Roadrunner erinnert!). Ist ein bisschen frech und man kann in seinem Bauch Sachen transportieren. Was noch sehr sehr wichtig wird im Laufe das Games. Wie sehr man sich in ihn verlieben kann, mag ich nicht so recht zu sagen – ich bin aber auch definitiv nicht die Zielgruppe 🙂 Es gibt noch so ein kleines Zusatz-Gimmick: man kann diesem Flux ein neues Aussehen verpassen. Mit Gegenständen, die man im Verlaufe des Spiels einsammelt. Das wiederum lässt sich dann via E-Mail ans Städel schicken und die setzen es dort auf eine Galerie. Okay, man soll den auch erst am Ende zusammenbauen, wenn man alles andere durchgespielt hat. War ich natürlich mal wieder zu neugierig. Aber hab’s nur testweise ausprobiert. Eigentlich wollte ich ja dringend meine Jobs erledigen, zu denen mich Flux angehalten hat. Überhaupt hat er eine wichtige Leitfunktion im ganzen Spiel. Zwischendrin gibt es ermunternde Sprüche von ihm. Und er kommentiert diverse Dinge auf den Bildern, die nicht unmittelbar wichtig für den Spielverlauf sind. Das ist aus Kunstvermittler-Sicht durchaus wünschenswert. Will man mit so einem Game eben auch einen gewissen Lerneffekt verbinden.

flux

Spielverlauf

Bevor es zu den Bildern geht, gelangt man noch auf einen Dachboden, auf dem diverses Gerümpel verstaut ist. Natürlich auch Bilder und andere Gegenstände, die als Portale (Harry Potter lässt grüßen) in eine andere Welt funktionieren. Hier habe ich es so verstanden, dass man sich einer gezielten Abfolge der Erlebnisse unterwerfen muss. Also: Als erstes gilt es, das Gemälde vom Staub zu befreien. Dann gerät man in eine Bilder-Welt, die aus drei miteinander durch einen roten Faden verbundenen Gemälden besteht.

dreiBilder

Ich fand es super, dass die Aufgaben und Lösungsmöglichkeiten nicht so schnell offenbart wurden. Man musste sich schon ein bisschen durch die Bilder bewegen und dann herausfinden, wo Hilfe gebraucht wird. Und vor allem, welche Dinge retten können. Das dürfen dann auch schon mal Gefühle sein, die man auf einem anderen Bild einsammelt. Ein bisschen Kombination ist erforderlich (ah, ich erinnere mich doch, da war noch was), da auch wieder eine bestimmte Reihenfolge eingehalten werden muss. Ich fand es wirklich gut gemacht, wie einzelne Informationen aus den Kunstwerken genutzt wurden, um in der Story bestimmte magische Fähigkeiten zu entwickeln. Sicher ist das eine Gratwanderung, bei der sich die Kunstvermittler immer wieder fragen mussten, wie weit sie gehen können, damit die ursprüngliche Bildaussage nicht verfälscht wird. Das ist hier super gelungen (ich hab da einen ganz feinen Detektor, der an keiner Stelle ausgeschlagen hat :-)) Mir gefällt auch die Umsetzung des Farbspiels. Da muss man nämlich die grauen Flecken aus dem Cross-Gemälde entfernen. Es entsteht so ein kleiner magischer Zaubernebel, der sich dann allmählich in die eigentliche Farbe verwandelt. Das ist schon eine andere Klasse, als wenn man das Gefühl hat, hier lediglich mit einem schnöden Bildbearbeitungstool einfach drüber zu wischen.

dachboden

So! Hat man die erste Runde geschafft (der Erzählerin am Lagerfeuer die Geschichten zurückgebracht, die Plünderer erledigt und auch noch ein paar andere Figuren auf dem Winterbild wieder auf den richtigen Weg gesetzt), dann kann man zurück zum Dachboden und entdeckt ein weiteres Portal: einen Fisch. Der führt einen wieder zu drei Bildern. Da bin ich allerdings stecken geblieben. Ich habe es nicht geschafft, bei der Krikett spielenden Dame die letzte Aufgabe zu lösen. Man musste wohl noch mal ein Gefühl einfangen. Kurz poppte auch das “mutige” Gesicht von Flux auf. Aber ich hab mich verklickt. Und weg war es. Jetzt kam ich aus der Nummer aber leider nicht mehr raus. Bzw. weiter. Aber ich bin mir sicher, dass die pfiffigen Kids das alle viel schneller und besser hinkriegen, als ich.

Wenn ich etwas kritisieren soll: Das fehlt mir ein bisschen – ein Eckchen, wo ich mir den Verlauf meiner bisherigen ruhmreichen Taten ansehen kann. Es ist natürlich so, dass man auf den Fortgang der Geschichte aus ist. Aber manchmal hätte ich es ganz gut gefunden, wenn ich meinen Weg hätte nachvollziehen können. Aber da ist das Verhalten der Kids vielleicht ein anderes. Und wer viele solcher Spiele spielt, der wird mit Sicherheit auch wissen, wie er oder sie aus der misslichen Lage des Feststeckens wieder herauskommen kann! Ich gebe auch zu: ich musste mich anderen Dingen widmen und hab dann nicht weiter versucht.

Fazit

Die kostenlose Lernspiel-App ist richtig professionell gemacht. Das Storytelling ist ausgefeilt und es gibt eine komplexe Struktur. Die Aufgaben sind nicht zu banal und es gibt über die gelungenen Motivationspunkte genügend Anreiz, diese zu lösen. Die Kunstwerke sind super ausgewählt. Es gibt viel zu entdecken. Hier steht also auch mehr der Gamification-Aspekt im Vordergrund, als dass man unbedingt die Highlights der Sammlung an den Mann bringen möchte. Es gibt halt Bilder, die mehr erzählen als andere 🙂

Ich war gestern eine gute Stunde beschäftigt (o.k. Kids, ihr seid schneller), aber ich habe auch nur zwei Runden gespielt. In der Pressemeldung hat das Städel 3-4 Stunden Spielspaß angegeben. Das dürfte doch erst mal reichen, um die Langeweile zu killen.

Auch wenn es bei mir noch bis Mitte August dauert: ich wünsche euch allen schon jetzt wundervolle Ferien!!!

 

 

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7 Comments

  1. Ging es nicht am Anfang der Diskussion um Kunstvermittlung im Internet !? Egal – .
    Dieses Beispiel scheint mir ein guter machbarer Weg zu sein , um spielerisch Kunst zu vermitteln !
    Ähnliche Neugier brachte Volljährige in meine Ausstellung . Sie lasen den Ausstellungstitel : BILDER OHNE FARBEN . Sehr erstaunt stellten sie fest , dass da tatsächlich Bildinhalte aus meinen Arbeiten erkennbar sind , ohne das auch nur ein Tropfen Farbe verwendet wurde !
    So nebenbei wurde an gesellschaftsbezogene Nachdenklichkeit erinnert .
    Welche erfolgreiche Bestätigung meines Bemühens .
    Schade , dass ein finanzieller Erfolg auf sich warten läßt… .

    • Hallo Peter,
      das hier ist ein völlig neuer Blogbeitrag zu einem weiteren Thema. Die Diskussion zur Kunsvermittlung fand unter einem anderen Beitrag statt.
      Ich habe jetzt den Zusammenhang deines Kommentars mit dem, was ich hier geschrieben habe, nicht wirklich erkannt. Ich hoffe, es geht dir nicht nur um Werbung in eigener Sache. Dazu sollten Blogs nicht dienen!
      Freundliche Grüße
      Anke

  2. Liebe Anke,

    das Spiel scheint interessant, danke für den Tipp.

    Aber – das Wort „Kinderbespaßung“ jagt mir einen Schauder über den Rücken. Ja, Ferien sind bisweilen anstrengend, vor allem für berufstätige Eltern von Kindern, denen heute an allen Ecken und Enden maximales Entertainment geboten werden muss, damit bloß keine LaWA aufkommt.

    Ich frage mich, wie wir das eigentlich durchgehalten haben, 6 Wochen Ferien, maximal drei Fernsehprogramme, ohne Apps, ohne Chats usw. Ich meine mich an dicke Bücher zu erinnern, Huck Finn z. B., dessen Abenteuer dann in abgespeckter Form nachgespielt wurden, im Garten oder noch lieber im Wald. In den durfte man als Kind in den 60ern und 70ern ja noch alleine gehen. Wenn ich das heute befreundeten Eltern vorschlage, schauen die mich an, als ob es im Wald zuginge wie im Gaza-Streifen. Also wird auch der Waldbesuch straff durchorganisiert und prozessoptimiert. Maximales Erleben möglichst ohne aufgeschürfte Knie und zerrissene Hosen.

    Was tun? Ich meine, Bespaßung runterfahren und die Kinder auch mal sich selbst überlassen, ohne Games, und wenn’s sein muß auch dem Gefühl der Langeweile.

    In diesem Sinne: Schöne Ferien!

    Norbert

    • Lieber Norbert,

      ich habe schon überlegt, ob ich die Argumentationskette von Apps, Tablets vs. draußen spielen und früher schon in meinem Beitrag aufnehme. Denn mir war klar, dass das kommen würde 🙂 Übrigens ist natürlich die “Kinderbespaßung” so ein kleines ironisches Augenzwinkern. Versteht man doch hoffentlich.

      Was die romantische Sicht auf die 60er und 70er Jahre angeht (ja, auch ich war damals Kind :-)), so muss ich doch sagen, dass nicht jedes Kind einen Wald oder Garten vor der Tür hatte und ich kann mich auch sehr gut an Situtationen erinnern, in denen es mir unendlich langweilig war!

      Was die Eltern von heute angeht, so gibt es sie sicher, die ständig und immer um ihre Kinder helikoptern. Und denen nicht mal ein bisschen Freiraum gönnen. Das ist sicher ein anderes Faß. Und ich kenne auch durchaus die Eltern, die ihre Vierjährigen unbedingt in einen Museumskurs stecken wollen, der erst ab 6 Jahren ausgelegt ist. Die sind ja schon soooo weit!

      Übrigens sehe ich so eine App durchaus nicht als Konkurrenz zu tollen Büchern. Die sollen die Kids weiterhin lesen. Aber es darf eben auch mal so eine Spiele-App sein, finde ich!

      Herzliche Grüße
      Anke

  3. Liebe Anke,

    Du hast natürlich Recht. Dogmatismus hat noch nie besonders gut getan. Es darf auch mal ‘ne App sein (schau ich mir mit unserem Sohn auf jeden Fall an) und Wald hat leider nicht jedes Kind vor der Tür.

    Wo wir grad dabei sind: Wirklich empfehlen kann ich: Solar Walk über das Sonnensystem, Sterne 3D+ zum Sterne bestimmen (wenn man länger aufbleiben darf in den Ferien) und Frax (Fraktale wie Kunstwerke).

    So arg romantisch waren natürlich die 60er und 70er als Kind nicht, die Eltern hatten vielleicht auch einfach nicht die Zeit, um 24/7 zu helikoptern.

    Herzliche Grüße aus Tübingen

    Norbert

    P.S. Dein Blog ist echt anspruchsvoll UND unterhaltend! Chapeau!

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