Analog und interaktiv – anregende Neu-Präsentation im Museum Ostwall

Fast wie im echten Leben. Fast so, wie ich es mir immer schon gewünscht habe. Eine Ausstellung im Museum Ostwall, die ich diese Woche im Dortmunder U besuchte. Eine Ausstellung, die so viele tolle Anregungen gibt und die mich dazu noch sehr zum Nachdenken gebracht hat. Nicht so sehr, was die Inhalte angeht – da habe ich mich einfach nur voller Freude leiten lassen von den spannenden Werken und schön präsentierten Impulsen. Nein, mich hat vielmehr beschäftigt, wie schwierig es ist, solche Ansätze nicht auch im digitalen Raum fortzuführen. Bevor ich dazu ein paar Worte verliere, soll es hier aber erst einmal um die großartige Schau vor Ort gehen. Und was man davon hat, wenn man einen Abstecher ins U unternehmen kann.

Erlebe die Kunst! So steht es direkt vorne im Begleitheft und es folgt nicht nur ein Angebot zur Interaktion und persönlichen Auseinandersetzung mit der Ausstellung “Fast wie im echten Leben”, die bis zum 4. März dort gezeigt wird. Es gibt Aktionspunkte und einen eigenen KunstAktionsRaum, einen Audioguide, das Kunst-Set und das Fluxus-Set, Karten, mit denen man selber kreativ werden kann. Ich erwähne deswegen so dezidiert, dass dies schon am Anfang des Heftes beworben wird, weil sich hier schon die Haltung zeigt. Der Wille, das Publikum anders anzusprechen und zum Mitmachen zu bewegen. Das ist nicht halbherzig gemeint. Und so empfängt einen auch schon die erste Interaktion am Eingang. Man wird aufgefordert, ein Selbstbildnis im Stile von Henri Matisses reduziertem Frauenkopfes zu zeichnen. Das darf man dann mit einem Klebestreifen, den man an der Kasse erhält, an die Wand kleben. Am Eingang. Direkt da, wo alle es sehen können.

Das Museum Ostwall kenne ich von verschiedenen Besuchen und ich erinnere mich gerne an die Zusammenarbeit anlässlich eines IMT. Da haben wir mit den Herbergsmüttern eine besondere Form des Tweetups ausprobiert. Die Kunst des Fluxus hat dem Museum immer schon einen besonderen Auftrag in Richtung Partizipation mit auf den Weg gegeben. Jetzt ist seit Kurzem dort ein neuer Direktor zugange. Ein Niederländer. Da weht der Wind her. Die Holländer bringen einfach eine ganz andere Haltung mit. Und so lese ich auch der Homepage des Dortmunder U folgendes Zitat von Edwin Jacobs:

„Ein Museum ist eine ,Persönlichkeit’. Es ist die Verbindung von Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Zugangsmöglichkeiten, um interdisziplinär und transkulturell zusammen zu arbeiten. Mein persönliches Ziel ist die Ermöglichung kollektiver Kreativität auf der Basis individueller Kennerschaft. Mein berufliches Ziel ist die Entwicklung einer neuen Museumspolitik, die die Sammlungsbestände und die kuratorische Praxis im und außerhalb des Museums zusammenführt.“

Offensichtlich hält man in Dortmund viel von Jacobs und so hat er sinnigerweise auch die Gesamtleitung des Dortmunder U übernommen. Das ja bekanntermaßen mit dem Project Smartplaces auf einem Weg ins Digitale ist, von dem ich mir sehr viel verspreche. ((Allerdings scheint da ordentlich hinter den Kulissen gewerkelt zu werden. Man bekommt gerade so gar nichts mit im Netz und die Kommunikation via Social Web war mit denen auch schon mal geschmeidiger. Ich werde mich aber in Geduld üben. Doch eigentlich finde ich es super, wenn sich Institutionen bei solchen Transformationen nicht ins stille Kämmerlein zurückziehen, um dann wie Kai aus der Kiste irgendwann mit fertigen Sachen auf der Bildfläche zu erscheinen.))

Themen und Kontext

Alle Arbeiten, die in der aktuellen Präsentation gezeigt werden, stammen aus der Sammlung des Museum Ostwall (oder MO, wie man sich jetzt nennt). Und ja, man kennt Vieles davon. Aber es hat für mich einen ungeheuren Mehrwert gehabt, durch die thematischen Räume zu gehen, die mir ein Neu-Sehen von Altbekanntem ermöglicht haben. Und vor allem habe ich das Gefühl, dass sich mir die Kunst besser eingeprägt hat, so wie sie jetzt zusammengeführt wurde. Mag sein, dass ich auch eher der Typ bin, der sich durch eine kreative Collage inhaltlich passender Elemente einfangen lässt. Wenn hingegen chronologisch gehängt wird, steige ich ganz schnell gedanklich aus.

Du und Ich. Ausflug ins Grüne. Freund oder Feind. Kunst und Leben. Das sind Themen-Räume, die sich auch mit Fragestellungen an die Besucher wenden. Portraits, Selbstbildnisse beispielsweise. Wie oft schon gesehen in Ausstellungen rund um den Globus. Aber hier wird der Kontext über die Präsentation spannend erweitert. (Zum Beispiel auch mit der Kommunikation zwischen den Menschen. Beuys und sein berühmtes JaJaJa… oder das Dosentelefon geben wichtige Impulse.)

In der Mitte des Raumes steht eine Groß-Installation mit Portraitbüsten des aus Dortmund-Hörde stammenden Künstlers Bernhard Hoetger. Ich sehe den Alten Fritz, aber auch eine kleine anrührende Büste von Paula Modersohn-Becker. An allen Werken hängt -ein wenig prosaisch – das Depotschildchen. Hier, in diesem neuen Kontext liefert die Installation unglaublich viel Raum für Geschichten, die im Kopf des Betrachters ablaufen dürfen. Bei mir jagt ein Gedankenblitz den nächsten: Pathologie (wegen der Schildchen), Frankenstein (Köpfe, nur Köpfe), Ausdruck (Hoetger zählt zu den Erneuerern der Bildhauerei), Mimik, Identität (wieso ist Paula so klein?). Allein dieses rohe Regal mit der ungewöhnlichen Ansammlung bringt meine Synapsen in Schwung. Als ich mir noch einmal vergegenwärtige, dass Hoetger in genau dem Jahr gestorben ist, in welchem unter Gründungsdirektorin Leonie Reygers die Sammlung des Museum am Ostwall aufgebaut wurde (1949), dann schließen sich hier auch wieder der Kreis, der mir die Geschichte des Hauses erzählt. Später in der Ausstellung begegne ich dann einem weiteren thematischen Schwerpunkt dazu. In “Freund oder Fein? Wir und die Anderen” wird das Thema der Entstehung des Museums aus dem Geiste der Nachkriegszeit vorgestellt. Und man zieht gekonnt die Brücke in die Gegenwart.

Aktion und Kommunikation

Es gibt viel zu tun, der Besucher wird in jedem Raum an einer kleinen Station motiviert, sich nach kreativen Impulsen selbst zu betätigen. Es mag vielleicht in der Ansprache ein bisschen pädagogisch daherkommen, aber die Stationen sind für jeden geeignet. Auch Erwachsene sollten ihre Scheu überwinden und sich einfach mal kritzelnd vor den ausgestellten Macke setzen., Da kann man nämlich in eine Kopie der Studie von Mackes Zoologischem Garten eigene Tiere in Leerstellen einfügen. Oder – was mein Highlight war – eine eigene Handlungsanweisung für eine künstlerische Aktion mit Alltagsgegenständen schreiben. (Drei Gegenstand-Ereignisse: eine normale Tätigkeit mit dem Gegenstand, eine übertriebene, eigenartige Tätigkeit, etwas, Verrücktes, das man mit dem Gegenstand machen könnte). Ich finde solche Kleinigkeiten, wie die Tatsache, dass die Vorlagen wertig auf dicken Karton gedruckt sind, tragen dazu bei, dass man Lust bekommt, es auszuprobieren. Am Ende kann man in einem Aktionsraum sogar noch eine hübsche Hülle für seine gesammelten Karten aus dem Rundgang basteln.

Was mir auch sehr gut gefallen hat, sind die anregenden Fragen in den Wandtexten. Man merkt, es kommt dem MO auch auf die Kommunikation mit den Besuchern an. Und dafür hat man sich dann noch etwas Besonderes einfallen lassen. Mitten in der Ausstellung gibt es einen Schreibtisch, an welchem zu bestimmten Zeiten die Kuratorin Nicole Grothe oder eine ihrer Kolleginnen Platz nehmen. Man kann Ihnen dort bei der Arbeit zusehen und an einer Wand auch noch, falls gerade keine Ansprechpartner vor Ort sind, mit Post Its das loswerden, was einem gut gefallen hat oder was man kritisieren möchte. Was mich besonders interessiert hat, sind die ausgehängten Ausstellungsplanungen inklusive vieler kleiner Bemerkungen über Details – ein toller Blick hinter die Kulissen des Museums. Leider war gerade niemand da, als ich durch das Haus ging. Und hier komme ich zum Schluss nochmal auf meine eingangs erwähnten Gedanken zurück. Nämlich auf die Frage, wie man solch bewusste und gut konzipierte Besucherkommunikation vor Ort auch im Netz fortführen könnte.

Ortsbesuch

Was vor Ort so viel Anregung bietet und Angebote zum Gespräch bereit hält, zum Mitmachen und zum Austausch bietet, findet im Netz kaum eine Entsprechung. Auf Twitter hat sich das MO längst verabschiedet und die Facebook-Seite wird auch nur mit Push-Nachrichten befüllt. Ein Instagram-Account wird genauso genutzt. Klar, ich weiß schon, dass es die berühmte Ressourcen-Frage ist, die verhindert, dass man sich über den Transfer der analogen Impulse ins Digitale Gedanken machen kann. Weil ganz so banal ist das sicher nicht. Dennoch bin ich der Meinung, dass es auch ein Stück weit die Einstellung zum Digitalen ist, die Prioritäten setzt und mich beschleicht das Gefühlt, dass man sich dafür entschieden hat, vor allem den Besucher vor Ort im Fokus zu haben. Vielleicht bin ich aber auch zu voreilig und das Museum arbeitet längst an einer digitalen Strategie und kommt dann mit einem Paukenschlag, der uns alle überraschen wird. Das Zeug dazu hätten sie allemal. Vor allem auch, weil die Thematik “Kunst im Alltag” ja gewissermaßen eine Steilvorlage ist.

Ich war jedenfalls sehr froh, dass ich zufällig in Dortmund zu tun hatte und mir dann die Zeit für den Museumsbesuch genommen habe. Allen, die hingehen können, empfehle ich den Ausstellungsbesuch unbedingt und wünsche ganz viel Spaß beim Ausprobieren der Aktionspunkte. Und nehmt euch Zeit für den KunstAktionsRaum!

P.S. Ich habe während des Besuchs eine Insta-Story gemacht. Habe aber leider vergessen, das zu speichern. Mir wurde an der Kasse gesagt, dass ich gerne Fotos machen könne. Ich habe mich aber nicht so richtig getraut, weil doch sehr viele der ausgestellten Werke noch streng von der VG-Bildkunst bewacht werden.

 

 

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