Tiefer hängen! Eine Rezension

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In seinem Buch „Tiefer hängen“ hat Wolfgang Ullrich den Umgang mit der Kunst pointiert analysiert.Am Anfang steht jedoch eine hübsch erzählte Anekdote, die den kritischen Unterton der nachfolgenden Betrachtungen auf angenehme Weise ‚erdet‘. „Live is great“ ruft da jemand nach dem Besuch eines Kunstmuseums aus und Ullrich hat recht: wenn Kunst solche Reaktionen hervor zu rufen imstande ist, kann noch nicht alles verloren sein. Es führt allerdings direkt ins Thema ein: Erwartungen an den Kunstbetrieb, Aufgaben der Kunst und das sensible Gefüge Kunstszene – Künstler – Rezipient.

Das Postulat Schopenhauers, sich vor Kunst hinzustellen, „wie vor einen Fürsten, abwartend, ob und was es zu ihm sprechen werde“ scheint Ullrich die falscheste aller Möglichkeiten, denn sie bringt einen Hang zur Kritiklosigkeit. Und gleich setzt er auch noch einen Seitenhieb in Richtung Kunstkommentatoren nach, die allzu oft „kunstgläubige Selbstvergewisserung“ sei. Ullrich steht hier durchaus in der Tradition der Diskussionen, die schon in den 70er Jahren geführt wurden.

Doch auch in dem Weg, sich mit radikalen Äußerungen als revolutionärer Geist den müden Zivilisationserscheinungen entgegen zu stellen, sieht Ullrich nicht immer die Lösung der Frage nach dem Umgang mit Kunst. Denn schon Schiller forderte hier zuviel und hing die Kunst zu hoch. Der Künstler sollte „sein Jahrhundert“ reinigen und mit neuen Lebensordnungen füllen. Dieser Geniekult und die damit verbundene Ansprüche an die Kunst sieht der Autor als von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Zu große Erwartungen stünden der Realisierung entgegen und letzten Endes liefe dieser Kult Gefahr, zum Selbstzweck zu werden – „eine bloße Gewohnheit und keine lebendige Reaktion mehr auf ein Erschrecken über die herrschenden Verhältnisse.“

Wie aber verhält es sich mit der Kunst in der „Spaßgesellschaft“, die plötzlich innehalten muß angesichts der Ereignisse des 11. September 2001. In einer Art Zeitraffer diskutierte die Kunstszene damals Fragen, die bereits in der depressiven Stimmung nach dem 2. Weltkrieg aufkamen. Ullrich stellt ein wenig entsetzt ein abgeklärtes Verhalten fest, das dazu führt, dass sich niemand wirklich die Frage stellt, ob man genauso wie vorher weiter Kunst machen könne. Der Ruf nach „real art“ ist aus seiner Sicht nichts anderes als ein spätbildungsbürgerliches Klischee. Wir amüsieren uns auch in der Kunstszene zu Tode und mit der Erweiterung des Kunstbegriffs in den Eventbereich sieht Ullrich die Gefahr, dass Kunst „laut und läppisch“ werden kann. Er weint dann auch ein bißchen den großen Weltverbesserern à la Beuys nach, die immerhin „etwas ‚Eigenes‘“ zu bieten hatten. Obwohl dieser Ausverkauf des Künstlerbegriffs in den ganzen Inszenierungen seiner Meinung auch etwas Gutes habe. Es entlastet die Kunst und ist ein erster Schritt in Richtung „tiefer hängen“. Leider ginge dies mit einer allseitigen Beliebigkeit einher und bei allen menschlichen Zügen, die die Kunst nunmehr angenommen habe – „Sie ist jedoch zu wohlfeil.“

Von der Spaßgesellschaft zur Informationsgesellschaft, die mit einer nie dagewesenen Bilderflut auf den Rezipienten einstürmt, ist es nur ein kleiner Schritt. Ullrich vergleicht kulturpessimistische Äußerungen hierzu mit den Klagen von Kunstkritiken in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die bedauerten, dass nun alles und jedes als Bildmotiv gewählt würde und eine Entwurzelung der Kunst befürchteten. Es wurden schon früher die Fragen nach Meisterwerken und Originalen und der damit verbundenen der Aura eines einzelnen Bildes gestellt. Und die Veränderungen im Zeitalter der technischen Reproduktionen diskutiert. Ullrich sieht bereits bei Walter Benjamin den Ansatz, die Sinn-Entleertheit vieler Bilder zu kritisieren. Die Tatsache, dass viele Agenturen ihre Models extra danach aussuchen, inwieweit ihr Anblick möglichst keinen Eindruck beim Betrachter hinterläßt vergleicht er mit dem sfumato in Leonardos Werken. Dieses rührt daher, dass er mehrere Typen übereinander projiziert, um ein allgemeingültiges Gesicht zu erreichen. Neutralität in seinen beiden – zugegebener Maßen sehr weit voneinander entfernten – Möglichkeiten. Ullrich konstatiert als neue Aufgabe der Kunst, sich der Fülle von Bildern gegenüber zu behaupten und sieht darin durchaus eine Chance, sich zu befreien von dem allzu hohen Erwartungsdruck.

Von den Bildern nun zu denen, die sie produzieren und jenen, die sie kaufen. Wie eng die Kunstrezeption mit den Vorgängen ausgeklügelter Strategien, die auch marktwirtschaftlichen Gesetzen unterworfen sind, beschreibt Ullrich mit einer Szene, die fast zu gut ist, um wahr zu sein. Der Künstler, der den unabhängigen Provokateur gibt und der Industriemanager, der darauf voll einsteigt und kauft! Hier zeigt der Autor nur die Spitze eines Eisberges an Klischeevorstellungen und entsprechenden „Dienstleistungen“. Fragt sich, wo die Kunst bei all dem bleibt. Sie ist Statussymbol und Luxusgut ohne konkrete Funktion. Ullrich beschreibt die Bedingungen des Kunsthandel als sensibles Gefüge, in welchem einmal mehr die Unabhängigkeit der Kunst in Gefahr geraten kann.

Die Mechanismen des Kunstbetriebs, die Diskussionen um Begriffe und Bedeutungen scheinen Ullrich manches Mal wie die unersättliche Fischersfrau Ilsebill. So werden seiner Meinung nach immer neue Kontexte akkumuliert ohne jedoch wirklich neue Sichtweisen aufzutun. Scheint es nun also auch noch die Wirtschaft zu sein, die mittels neuen Vokabulars in den Kunstbegriff integriert werden sollte. Doch die vieler Orts versprochenen Wechselwirkungen von Kunst und Wirtschaft wollen sich nach Ullrichs Meinung nicht so recht einstellen. Schwierig wird es vor allem da, wo Kunst sich mit der Wirtschaft auseinander setzen möchte. Lieber genommen wird von den meisten Unternehmen die auratische und weiterhin autonome Kunst („existentiell und kompromißlos“). Diese könnte allerdings in die Falle bloßer Akademismen geraten. Kunst läuft so den Marketingstrategien moderner Imagekampagnen ins offene Messer.

Wer die Kunst tiefer hängen möchte, der kommt an Karl Valentins berühmten Spruch „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ nicht vorbei. Ullrich diskutiert diese Aussage im Vergleich zum Geniekult des 18. Jahrhunderts, der ja weite Strecken der Entwicklung des Kunstbegriffs beeinflußt hat. Vor allem jedoch in den Idealen der sozialistischen Kunst und auch in manchen Strömungen der Moderne, die wie in den 60er Jahren Leben und Kunst miteinander zu verbinden trachteten, ist die Trennung vom Kunstbegriff und dem Begriff der Arbeit aufgehoben. Und die neuere Kunstszene bringt mit den Vorstellungen vom Künstler als wahlweise „Manager, Unternehmer, Aktionär oder Dienstleister“ eine neue Variante dieser Vermischung mit sich. Doch laut Ullrich gehen alle diese Versuche mit der Negierung der Rolle des Künstlers einher und der Kunstbegriff wird nicht autonomer sondern kaum noch auffindbar. „Nicht Kunst als Arbeit, sondern Kunst wie Arbeit zu verstehen – das allein dürfte, so unspektakulär es klingt, ideengeschichtliche Folgen zeitigen.“

Bei der Komplexität, mit der Ullrich den Umgang mit Kunst diskutiert, fehlt nur noch in Zeiten von gender mainstreaming die weibliche Sicht. Ein nicht so einfaches Feld, muß man doch um so manche Tretmine herum schreiben und so sieht er sich auch mit einem Aufsatz in der ZEIT über die Tatsache, dass immer mehr Studentinnen die Akademien bevölkern ganz schnell der Kritik der Frauenfeindlichkeit gegenüber. Die Kunst war – das ist Fakt – ja immer eine Männerdomäne. Und nun fragt sich Ullrich, ob da nicht ein gewisser „Imagewandel“ der Kunst in Richtung „freundlicher, offener, wärmer als ehedem“ eine Art „Geschlechtsumwandlung“ zur Folge haben könnte. Auf die Kritik seiner Studentinnen hin, er habe die Zunahme weiblicher Akademie-Kandidatinnen mit dem Aufgeben künstlerischen Ehrgeizes in Zusammenhang gebracht, betont Ullrich, dass er die wachsende Bedeutung von Künstlerinnen in der Szene für einen wichtigen Sieg der Emanzipationsbewegung halte. So ganz kann er jedoch nicht überzeugen, dass nicht doch ironisch-kritische Hintergründe ihn dazu bewegen, in gleichem Atemzug von „Bequemlichkeit und Psychologisierungsluxus“ zu sprechen. Vielleicht hätte er hier zwei Phänomene deutlicher voneinander getrennt diskutieren sollen.

An den Schluss seiner Textsammlung zum Umgang mit der Kunst setzt Ullrich das Szenario eines Gespräches unter Künstlern, die sich – müde des aktuellen Kunstbetriebs – überlegen, in einen Streik zu treten. Nach einem heftigen Hin und Her und der Äußerung von radikalen Positionen endete dieses Unternehmen jedoch in der Erkenntnis: die Künstler streiken und keiner guckt hin! Dies zeigt deutlicher als jede philosophische Diskussion den aktuellen Stellenwert der Kunst in unserer Gesellschaft. Und so tief will wohl selbst Ullrich die Kunst nicht gehängt sehen. Da er jedoch seine Aufgabe weniger darin sieht, der Kunstszene Lösungsmöglichkeiten aus diesem Dilemma aufzuzeigen als vielmehr darin, ihr den Spiegel vorzuhalten (manchmal ja die heilsamere Methode), endet sein spannendes Unternehmen mit den prosaischen Worten: „Na, wie sieht’s aus? Bist Du noch interessiert an dem Streik?“ Und genau hierin liegt die besondere Qualität der Texte von Wolfgang Ullrich. Sie brechen neben den vielen Bezügen zum kunsttheoretischen Diskurs immer wieder auf ganz alltägliche Beobachtungen runter und hängen die Frage nach dem Kunstbegriff somit in erreichbare Dimensionen. Das macht das Lesen zum Vergnügen.

Sein neues Buch „Was war Kunst?“ ist ebenso lesenswert und beschreibt die „Formeln“ oder Definitionsversuche von Kunst in der bewährten leicht ironischen Art.

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