Stumme Musik

Andréa Bryan wurde 1966 in die Zeit der Militärdiktatur in Brasilien hineingeboren. Die Tochter einer gut situierten Familie mit europäischen Wurzeln studierte in ihrer Heimatstadt Sao Paulo Philosophie bevor sie 1986 nach Köln übersiedelte. Auch wenn sie mittlerweile seit Jahren in der rheinischen Kunstszene integriert ist, so spielen doch die geistigen Wurzeln ihrer Heimat eine entscheidende Rolle in ihrem künstlerischen Werdegang. Und in der Arbeit, die sie eigens für die Ausstellung in der Musikhochschule Köln geschaffen hat, gilt dies vielleicht mehr als bei allen anderen Arbeiten der Künstlerin.
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In Brasilien hatte sich seit den sechziger Jahren eine innovative Künstlerszene gegen die Unterdrückung durch das Regime entwickelt, welche die Protagonisten aus Kunst, Literatur, Architektur und Musik in einer künstlerischen Anarchie vereinte. Als eine Ausformung dieser Bewegung entstand der nach einer Ausstellung benannte „Tropicalismo“, dessen Hauptvertreter Hélio Oiticica in seinen neo-konkreten Kunstwerken eine Überwindung der Trennung von Kunst und Leben entwickelte. Die sozialkritische Komponente seiner Kunst fand sich auch in der brasilianischen Musik jener Jahre. Kunst wurde vor allem als Widerspiegelung einer bestimmten Lebenshaltung verstanden. Die Avantgarde war beeinflusst durch die konkrete Poesie von Literaten wie Augusto und Heraldo de Campos. Und Musiker wie Caetano Voloso oder Gilberto Gil standen für die Entwicklung eines eigenen Musikstils.
„Der Tropicalismo war nie ein bestimmter Stil, wie Bossa Nova, sondern eine Lebenshaltung, eine kulturelle Einstellung, ein Konzept. Wir wollten nur einige Aspekte der traditionellen Musik Brasiliens hervorheben, der ländlichen und der urbanen Folklore, und gleichzeitig die Türe offen halten für Einflüsse aus Amerika und Europa – all diese Dinge vermischen und daraus eine neue Musik entwickeln“ bemerkte Gil später.
Als eines der wohl interessantesten Phänomene der gesellschaftlichen Bedingungen in Brasilien gelten Favelas, die seit dem späten 19. Jahrhundert in den Randlagen der Mega-Cities entstandene illegale Siedlungen. Favela ist eigentlich eine Bezeichnung für eine bestimmte Kletterpflanze und gleich einer solchen wachsen die provisorischen Behausungen langsam an den Hanglagen empor – ohne Infrastruktur und ohne städtebauliche Regelungen. Die meisten der Behausungen sind aus Holzlatten und sonstigen Materialien der Armut gefertigt. Die Anfänge laufen immer nach demselben Prinzip ab. Auf einem mehr oder weniger ebenen Stück Land wird zunächst ein einfacher Unterstand errichtet, der dann nach und nach verbessert wird. Favela ist für die Brasilianer ein Faszinosum, eine alltägliche Präsenz und auch – mit all der unbändigen Kriminalität, die in diesen oft rechtsfreien Orten blüht – eine Bedrohung. Tatsächlich hat sich in den letzten Jahren jedoch noch ein weiterer Aspekt der Favelas herauskristallisiert: der der kulturellen Inspriationsquelle.
„Wenn diese Armutsviertel einerseits Brutstätten des Verbrechens sind, dann sind sie andererseits auch ergiebige Felder kultureller Produktion. Aus der Favela beziehen nicht nur Samba, Karneval und Fußball ihre ungebrochene Kraft, son-dern auch Hip-Hop, Funk und andere musikalische Genres. Theater, Tanz und Bildende Kunst experimentieren dort. Im Kino ist nicht erst mit dem in Brasilien schon legendären Film „Cidade de Deus“, …, ein eigenes Favela-Genre entstanden, häufig mit Schauspielern aus diesen Stadtteilen. Für Politiker, Ökonomen und Soziologen mag die Favela ein Alptraum sein, für Künstler ist sie eine Fundgrube. Sie ist der Blick in den Abgrund, aber auch ein Raum, den nur wildeste Vorstellungskraft zu füllen vermag.“ Alfons Hug, Leiter des Goethe Instituts in Rio de Janeiro
Und die Favelados machen ihre spezielle Lebenssituation auch hörbar. Heutzutage gibt es zum Beispiel Lautsprecher-Installationen in den Favelas, die den ganzen Tag über Musikbeschallung liefern, mindestens eine Radiostation, Fernsehkanäle, Zeitungen und sonstige Möglichkeiten der modernen Kommunikation. Den ganzen Tag läuft der Fernseher und die Bewohner selber produzieren nicht gerade wenig Lärm. Das ganze verschmilzt zu einem enormen Klang-Teppich, der die wuchernden Strukturen der Favela zu untermalen scheint.
„Der Samba bin ich/ Die Stimme des Morro/ In eigener Per¬son/ Genau, Senhor// Ich will der Welt zeigen/ Dass ich auch etwas wert bin/ Ich bin der König des Quartiers//Der Samba bin ich/ Ich bin aus Rio de Janeiro/ Ich bringe das Glück/ Für Millionen brasilianischer Herzen// Noch einmal Samba/ Wir wollen Samba/ Der uns sagt, dass er die Stimme des Volkes ist// Es lebe der Samba/ Diese Melodie/ Lasst sie uns singen/ Für ein Brasilien im Glück“Liedtext ‘A Voz Do Morro’ von Zé Renato, 1955
Auf dem Morro ist alles anders/ Jeder Nachbar ist unser Freund/ Jede Trommel klingt so vertraut/ Jeder Mulatte gehört zur Familie/ Auf dem Morro ist alles besser als in der Stadt/ Sowohl der Schmerz wie das Glück“Liedtext ‘Vida no Morro’ von Anibal Cruz, 1942
„Von oben betrachtet/ Scheint es wie der Himmel auf Erden/ Ich weiß / In Mangueira lebt die Poesie/ Die sich wie das Meer ausbreitet/ Und die Schönheit dieses Ortes/ Um dies zu verstehen/ Muss man sie sich erst mal vorstellen können/ Das Leben ist nicht nur das, was man sieht/ Es ist ein bisschen mehr/ Was die Augen nicht erfassen können/ Was die Hände nicht anzufassen wagen/ Was die Füße nicht betreten wollen/ Ja, ich kenn‘ das oder doch nicht“Liedtext ‘Sei là Mangueira’ von Paulinho da Viola e Hermínio Bello de Carvalho, 1970
Die aus Sao Paulo stammende Andréa Bryan präsentiert mit 20 Leinwänden und 8 Holzschnitten die Installation „Stumme Musik“, die ihren Ursprung in der Auseinandersetzung mit den eben geschilderten Situationen in den Favelas hat. Diese stellen für die Künstlerin ein Synonym für Musik dar. Nicht nur die verschiedenen musikalischen Stile, von denen man zum Teil behauptet, dass sie genau dort erfunden wurden – wie zum Beispiel die Samba – sondern auch der schnelle Rhythmus aus Materialien, Behausungen und Menschengewusel, der die spezielle Ästhetik der Favelas ausmacht, geben ihr die Anstöße zum künstlerischen Arbeiten. Stumm ist hier im Sinne von Äquivalenten zur Tonkunst gemeint – die Musik wird sozusagen in bildhafte Sequenzen überführt.
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Die Installation für die Musikhochschule ist so, wie wir sie heute bewundern können, das Ergebnis eines langen Arbeitsprozesses, der damit begonnen hat, dass Bryan in ihrem Atelier eine Favela-Hütte gebaut hat. Ganz so, wie die Favelados es auch machen würden: aus einfachen Holzlatten, Plastiktüten, Dichtungen aus Klebeband und Zeitungspapier. Zum Teil brachte sie sich Materialien sogar von einem Brasilienaufenthalt im letzten Sommer mit, um die Authentizität zu steigern. Unterschwellig, sozusagen von unten nach oben, wachsen die Favelas in den Hanglagen der Großstädte heran. Und auch die Hütte in Bryans Atelier in der Dünnwalder ArtFactory wuchs heran. Erfahrungen und Erinnerungen wurden in die Konstruktion verarbeitet und so zu einer räumlichen Annäherung an das zu bewältigende Phänomen geschaffen, die begehbar und begreifbar geworden war.
Andréa Bryan ist als Künstlerin nicht auf ein bestimmtes Genre festgelegt: sie arbeitet als Malerin, als Bildhauerin und als Performance-Künstlerin immer im Sinne der Aneignung von Welt. Oft spielt eine dezidierte Materialästhetik in den zahlreichen Installationen eine große Rolle. Ganz so, als könne sie über diese das Verhältnis zwischen dem Selbst und den äußeren Erscheinungen der Welt erfahrbar machen. Hier arbeitet die Künstlerin ganz im Geiste der theoretischen Ansätze der 60er Jahre und spiegelt die Konstruktion und Performanz von Subjektivität. Alles immer auch mit dem Ziel der Veränderung des Realitätsbewusstseins beim Betrachter. So arbeitete auch der von ihr sehr bewunderte Hélio Oiticica, dem es immer auch um die Herstellung von Kontexten für verschiedene Verhaltensexperimente ging. So schuf er beispielsweise Kleider, die mit dem Betrachter zu Skulpturen verschmelzen sollten. Diese frühen Ansätze leben heute weiter in Künstlern wie dem zuletzt sehr gefeierten Ernesto Neto.
Andréa Bryan erweitert diesen Ansatz jedoch noch um eine strukturalistische Variante. In dem Moment, wo die atmosphärische Verdichtung der gebauten Favela-Hütte in ihrem Atelier ihr einen entsprechenden Impuls gibt, verarbeitet sie diese zu neuen Werken, indem sie die einzelnen Versatzstücke auf eigens hergestellte Keilrahmen überträgt und so die Favela-Hütte auf das klassische Format von Gemälden umarbeitet.
Der strukturale Mensch nimmt das Gegebene, zerlegt es, setzt es wieder zusammen. (…) Das Objekt wird erneut zusammengesetzt, um Funktionen in Erscheinung treten zu lassen, und das ist, wenn man so sagen darf, der Weg, der das Werk hervorbringt; (…)“ Der französische Philosoph Roland Barthes hat so die Wege zur Erkenntnis beschrieben, nach welchen Regeln die Dinge funktionieren.
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Eine weitere ästhetische Variante dieses Vorgehens in der Arbeit von Andrea Bryan ist die Verarbeitung der inhaltlichen Aspekte zu Holzschnitten. Im Gegensatz zu den gebauten Installationen, die in der besonderen Atmosphäre eines Ateliers entstehen, sind die Holzschnitte am heimischen Küchentisch in einer vergleichsweisen intimen Situation geschaffen. Bryan hat sie mit starken dunklen Linien als Verstärkung der konstruktiven Elemente ihrer Installation nachempfunden und über farbige Fotos der Favelas gedruckt. So entstehen in letzter Konsequenz formale Substrate der ursprünglichen Assoziationen zum Thema Favela.
Und in letzter Konsequenz beschreibt Andrea Bryan mit ihrer Kunst das Wesen der Musik, die nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten aus einem gewissen akustischen Material eine Melodie, eine Harmonik und einen Rhythmus schaffen kann. Was das bedeuten kann, das kann man sicher an keinem Ort besser erfahren als genau hier in der Musikhochschule Köln.

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