Storytelling in the street

Heute vor 20 Jahren starb Keith Haring. Er, der mit seinen bunten Männchen die pure Lebenslust von der Straße in die Kunsthallen gebracht hatte, war wie eine Kerze, die an beiden Enden zu brennen schien. Gerade mal 31 Jahre alt starb er an Aids. Er hatte eine beispiellose Karriere vom illegalen Sprayer in der New Yorker U-Bahn bis zum gefeierten Medienstar, der von der Berliner Mauer über Straßenflitzer bis hin zu Prominenten mit seinen archaischen Zeichen bemalte.


In Erinnerung an den großartigen Künstler Keith Haring hier ein paar interessante Auszüge aus seiner autorisierten Biographie von John Gruen
Die Zeit rückt naher für meine zweite Ausstellung bei Tony Shafrazi, und ich frage mich, wie ich die erste noch übertreffen könnte. Als erstes lasse ich mir einen Titel einfallen: Into 1984 (…) Wieder arbeite ich sehr flink (…) Wie bei meiner ersten Ausstellung mache ich auch hier im Keller eine Installation mit Schwazrlicht, bemale gemeinsam mit L.A. II die Wände mit Leuchtfarben. Nun hat die allgemeine Breakdance-Manie in New York gerade ihren Zenit erreicht, deshalb beschließe ich, den Kellerraum in eine Art Breakdance-Disco zu verwandeln. (…) Eines Abends erscheint Andy Warhol, geht runter ins Kellergeschoß, und sobald er ins UV-Licht tritt, leuchtet seine Perücke wie verrückt! Ich meine, es ist wirklich zum Schreiben, weil die Perücke aussieht, als würde sie in Flammen stehen. Nun, keiner von uns sagt einen Ton, keiner lacht, bis René Ricard zu ihm herüberschlendert und ihn total zum Ausflippen bringt mit der Bemerkung: „Andy! Ist ja nicht zu fassen! Dein Haar! Es glüht!“ Andy ist dermaßen pikiert, dass er auf der Stelle verschwindet. Immerhin für mich ist das Ganze ein gewaltiger Sprung nach vorn, mein Name wird immer bekannter, und 1984 wird zu einem meiner aktivsten und turbulentesten Jahre!
Die Arbei mit Kindern ist etwas, dem ich mich immer mehr widme – für mich eine der befriedigendsten Tätigkeiten. Ich nehme an, mein gutes Verhältnis zu KIndern hat sich vielleicht zu entwickeln begonnen, als ich zwölf war und meine kleine Schwester Kristen geboren wurde. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihr, wuchs mit ihr auf als Freund. Es hat viel damit zu tun. Ich war total verknallt in dieses kleine Mädchen! Und ich liebte es, ihr Dinge beizubringen, mit ihr zusammen zu sein, aus sie einzugehen. Aber es kam nicht allein daher. Es hat auch damit zu tun, wie unsere Eltern uns erzogen haben. Mein Vater kann wunderbar mit Kids umgehen, auch heute noch. (…) Es hat also mit der ganzen Atmosphäre in der Familie zu tun, in der ich aufwuchs, mit dem Vater, den ich hatte, und mit dem Vater, den er hatte.
Im Frühjahr 1984 inszeniere ich dann anläßlich meines Geburtstags ein Ereignis, das ich meine Party of Life nenne. Und ich will, dass es eine richtig grandiose Geschichte wird. Tatsache ist, dass ich mittlerweile eine gute Stange Geld verdiente und deswegen ein bisschen Schuldgefühle habe – und meine Freunde daran teilhaben lassen will, wissen Sie … ich will mein Glück mit ihnen teilen. Also plane ich diese große Party anlässlich meines Geburtstags (…) Ich frage Madonna, ob sie bei der Pary singen wird, und sie ist einverstanden. In der Tat hat sie mich gerade erst vor wenigen Tagen im Atelier besucht, um mir ein paar Aufnahmen von ihrem neuen Album Like a Virgin vozuspielen, das in Kürze erscheinen soll. „Dress You Up“ und „Like a Virgin“ gefallen mir auf Anhieb gut und wir einigen unsdarauf, dass sie diese beiden Songs auf der Party singen wird. Während wir uns diese Nummern anhören, bemale ich ihre Lederjacke, die sie zur Party tragen wird.

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