Picasso kennt kein Alterswerk

Picasso ist für mich sowieso der größte Künstler aller Zeiten. Wieso? Vor allem, weil ich keinen anderen kenne, der so voller Energie bis ins hohe Alter war, der mit seiner Kunst immer wieder neue Wege beschritten hat. Er hat das gesamte 20. Jahrhundert beeinflusst mit seiner Kunst, die er immer wieder zu erneuern wusste. Er ist der einzige Künstler, dessen Spätwerk nicht schwächelt. Nein im Gegenteil: es strotzt nur so vor Lebensenergie und gerade die schwindende eigene körperliche Energie bringt ihn zu immer neuen kompensatorischen Meisterleistungen.
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Eine Ausstellung in der Wiener Albertina zeigt rund 200 Werke aus der späten Zeit.
Aus Anlass dieser von Werner Spies eingerichteten Ausstellung präsentiere ich einen weiteren Dialog der Künste. Denn, was die wenigsten wissen, Picasso war auch als Schriftsteller tätig.

Picasso, Melonenesser, 1967
Pablo Picasso: Wie man die Wünsche beim Schwanz packt
Dritter Akt
Erste Szene
(Im Hintergrund ein schwarzer Vorhang. Schwarze Kulissen, ein schwarzer Teppich)
Der Plumpfuss:
Wenn ich mir das so richtig überlege: Nichts geht über Hammelragout! Wobei ich allerdings meiner noch größeren Vorliebe für Rindfleisch mit Zwiebel- oder Burgundersauce durchaus eingedenk bleibe – zu verspeisen vornehmlich an Tagen schneeerfüllter Glückseligkeit. Zubereiten muß es natürlich meine peinlich-genaue, meine bedachtsame, meine mir slavisch-sklavisch ergebene spanisch-maurische, aber auch eiweißharnende Köchin, meine von schönverteilten Küchtdüften durchwehte, mir dienende Gebieterin. Sieht man von ihren pech- und leimtriefenden Betrachtungen ab, so gibt es nichts, was ihrem Blick und dem Fleisch gleichkäme, das sie über der Gelassenheit ihrer königlichen Bewegungen kleinhackt. Ihr zuweilen sich regender Unmut, ihr mit Haß farciertes Heiß oder Kalt – all das ist beim Mahle nichts anderes als der mit Süßem versetzte Stachel der Begierde. Die Kälte ihrer einwärts gekehrten Fingernägel, das Feuer, das von ihren eisigen Lippen auf das Stroh ihrer allen Blicken preisgegebenen Kerkerzelle niederzüngelt: Sie beeinträchtigen die Narbe der Wunde in keiner Weise. Das hochgeschürzte Hemd der Schönheit, ihr verbrämter, an ihrem Mieder vor Anker gegangener Charme, ihre wellenschlagenden Reize: Sie beuteln den Goldstaub ihres Blickes in alle Eckchen und Winkelchen des Ausgusses, der da stinket von der Wäsche, die sie zum Trocknen ausgebreitet hat vor dem Fenster ihres am Wetzstein des Haarschopfes scharfgeschliffenen Blickes. Und sobald die Äolsharfe ihrer unflätigen Rede und ihr Lachen die Spiegelfläche ihres Antlitzes krausziehen, verdankt sie dem Übermaß dieser neuen Größenverhältnisse und der Ergriffenheit ihrer Anträge eine Lawine von Huldigungen. Im Fluge noch pflückt sie die Lanze des heransausenden Blumenstraußes, und diese, da sie sie nun in Händen hält, vermeldet die königliche Anbetung des Opfers. Ein Kristall, der an die Wand des Gedankens anschießt; gestrafft im Galopp ihrer Liebe; ein Morgengespinst, aus dem frischen Ei ihrer Nacktheit geschlüpft: So kommt sie über die Hürde gesprungen und sinkt keuchend aufs Bett. Mein Körper weist noch diese Spuren auf: Voller Leben sind sie, sie schreien und sie singen, ihretwegen versäume ich den Zug um 8 Uhr 45. Die Rosen ihrer Finger riechen nach Terpentin. Ich lege mein Ohr an das Ohr der Stille, ich sehe ihr zu, wie sie die Augen schließt und den Duft ihrer Liebkosungen verströmen läßt und entzünde mit dem Streichholz ihres Zurufs die Kerzen der Sünde. Die elektrische Kochmaschine hat ein dickes Fell.

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Ein Kommentar

  1. Auf seiner äußerst umfangreichen Homepage beschreibt der Sammler und Kunstkenner Dr. Karl Kreuzner einige Zeichnungen Picassos aus dem Spätwerk und stellt dabei fest, wie ungeheuer sicher und erfindungsreich der Künstler den Zeichenstift führt.
    Es lohnt sich darüber hinaus, auch die ausführlichen Forschungen zum Thema „Jugendstil“ und weitere kenntnisreiche Texte von Kreuzner zu durchstöbern.

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