Maison Losseau

Von außen kommt man erstmal nicht auf Jugendstil – die Maison Losseau in Mons ist ein klassizistischer Bau, der mit einer sehr verspielten Eingangstür auftritt. Aber sein ehemaliger Besitzer, der Anwalt Léon Losseau hatte den unbedingten Willen, hier in der Rue de Nimy einen kulturellen Salon zu etablieren. Und zu dieser Idee gehörte im Fin de Siècle eben auch, dass man sich den neuesten gestalterischen Trends verpflichtet fühlte. Die Maison Losseau ist also eines dieser Gesamtkunstwerke, wie ich sie aus dieser Zeit einfach immer wieder so genial finde.

1899 beauftrage Losseau den belgischen Architekten Paul Saintenoy, sein Elternhaus nach seinen Vorstellungen umzugestalten. Saintenoy war sehr von Victor Horta und Paul Hanka inspiriert worden, galt aber auch als Experte für die Restaurierung gotischer Bauten – englischer Stil kam mir irgendwie an der ein oder anderen Stelle im Haus auch in den Sinn.

Saintenoy wiederum holte sich Henri Sauvage und Charles Sarrazin an seine Seite. Die beiden hatten enge Kontakte zur Schule von Nancy und waren stark beeinflusst von Louis Majorelle. Sauvage war auch der Erbauer des legendären Theaters, in dem Loie Fuller bei der Weltausstellung aufgetreten war. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist eine spannende Mischung französischer Einflüsse gepaart mit ein wenig Historismus.

Als Leitmotiv kann man in der Maison Losseau den floralen Jugendstil verfolgen – mit der Orchidee und Disteln als wiederkehrenden Ornamenten. Ursprünglich hatte man Losseau die Verwendung von Rhabarberblättern als Motiv vorgeschlagen, was dieser aber ablehnte. Ein wenig exzentrisch vielleicht – aber ich hätte das schön gefunden. M. Losseau hatte indes sehr klare Vorstellungen davon, wie das Haus auszusehen habe. Anscheinend nicht sonderlich interessiert an seinem eigentlichen Job, sammelte er Kunst und Bücher und richtete sich im Keller ein Fotostudio ein. Am Ende lebte er mit seiner Mutter in der Maison Losseau und lud sich Gäste ein, die auch in einer veritablen Bar ihren Spaß haben konnten. Leider ist die ursprüngliche Ausstattung hier nicht mehr vorhanden. Aber allein das Garderobenzimmer ist sehenswert. Gesellschaften geben, sich über Kunst und vor allem Literatur austauschen – das war Losseaus Leidenschaft. In diesem Haus fanden zahlreiche Soireen, Bälle aber auch Kulturkonferenzen statt – man spürt dieses lebendige Treiben auch heute noch aus jeder Ritze der Möbel, Tapeten und sogar alten Lichtschalter.

Arthur Rimbaud spielte übrigens eine wichtige Rolle im Leben von Losseau. Und wie der Zufall es wollte, stieß er 1901 auf ein Konvolut von gedruckten Ausgaben von „Une saison enferne“, eine Textsammlung, die Rimbaud 1873 verfasste und für die er die Druckkosten nie bezahlt hatte. Somit galt das Werk als verschollen. 500 Ausgaben lagern heute also in Mons in der Maison Losseau. Rimbaud hatte ja bekanntermaßen eine Amour fou mit Paul Verlaine und selbiger war zwei Jahre in Mons inhaftiert, weil er im Wahn auf Rimbaud geschossen hatte. Drama!!!! Heute befindet sich in der Maison Losseau auch das Literaturzentrum der Provinz Hainot.

Spannende Geschichten, die sich um die Maison Losseau ranken. Und es ist wirklich grandios heute durch die weitestgehend erhalten gebliebene Ausstattung des Hauses zu gehen. So viele Details, die mich fesselten, die Holzintarsieren, da Böden aber auch die interessanten Heizkörper. Das Haus wurde mit allem modernsten Schnickschnack ausgestattet. Es gab elektrische Fensterheber und einen Aufzug. An der ein oder anderen Stelle ist der überdekorierte florale Stil nicht so ganz meins – ich mag den fortschrittlichen und kühnen Peitschenhieb-Stil lieber. Aber was soll’s. Diese Zeitreise hat mich sehr begeistert.

Das Städtchen Mons hat noch einiges mehr zu bieten, vom dem wir euch noch erzählen werden. Sicher kann man dort auch auf Jugendstil-Safari gehen und bei meinen Besuchen in der Wallonie wird mir immer wieder vor Augen geführt, welche führende Rolle Belgien bei der Entwicklung der Art Nouveau innehatte. Da gibt es wirklich noch viel zu entdecken.


Transparenzhinweis: Die Reisekosten wurden vom Tourismusverband Belgien-Tourismus Wallonie übernommen, inklusive Anreise und Auslagen. Herzlichen Dank für die schöne Vorbereitung und Betreuung während der Reise.

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7 Kommentare

    1. Mir hat das auch gefallen, man sieht ja immer unterschiedliche Dinge und im Austausch über die Details kommen nochmal andere Perspektiven hinzu. Ich mag das sehr. Und man hätte sich am liebsten mit einem Glas Sekt und ein paar Schnittchen bequem gemacht!!! Genug Geschirr war ja vorhanden 🙂

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