Wirkkunst. Hannah Ryggen und ihre gewebten Manifeste

Beitragsbild: © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2019, Foto: Norbert Miguletz

Wirkkunst – dieser Begriff bezeichnet textile Arbeiten, die am Webstuhl hergestellt wurden. Eine Technik, zu der die gelernte Malerin Hannah Ryggen in den zwanziger Jahren übergegangen war. Das Handwerkliche und physisch Präsente solcher Arbeiten motivierte sie dazu. Aber ihre Bildteppiche sind auch eine Wirk-Kunst im übertragenen Sinne. Die Schirn in Frankfurt zeigt eine große Anzahl ihrer monumentalen Wandteppiche noch bis zum 12. Januar 2020.

Bewusst mit Hannah Ryggen beschäftigt habe ich mich im letzten Jahr, als wir im Rahmen einer Pressereise mit NORLA auch Station im Nationalen Museum für Kunsthandwerk und Design in Trondheim gemacht haben. Das Museum beherbergt auch das Hanahh Ryggen Zentrum.

Auf den ersten Tagen der Reise hat uns Marit Paasche begleitet, die gemeinsam mit Esther Schlicht die Ausstellung für die Schirn kuratiert hat. Hannah Ryggen war mir bis dahin als Künstlerin der Moderne nicht so präsent – ich hatte also großen Nachholbedarf!!! An dieser Stelle noch einmal Dank an Marit für den tollen Vortrag über die Künstlerin und die spannenden Gespräche während unserer Bustour.

Der Besuch im Trondheimer Museum war schon sehr eindrücklich. Aber ich muss sagen, die Ausstellungspräsentation in Frankfurt war eine absolutes Erlebnis für mich. Jeder Bildteppich hat seine eigene Aura und durch die großzügige Ausstellungsarchitektur bekamen die Arbeiten den nötigen Raum, um das zu genießen.

Vi lever på en stjerne (Wir leben auf einem Stern), 1958

2012 hatte ich übrigens die documenta geschwänzt, wo Hannah Ryggen mir nämlich hätte begegnen können. Dort wurde ihr Wandteppich „Etiopia“ ausgestellt, von dem ich später noch berichten will.

Eines ihrer beeindruckendsten Werke und erstmals in Deutschland präsentiert ist der Bildteppich „Vi lever på en stjerne (Wir leben auf einem Stern) aus dem Jahre 1958. Hannah Ryggen hatte ihn als Auftragsarbeit für den Eingangsbereich des Regierungshochhauses Høyblokka in Oslo gefertigt. Ein Werk, das sich mit dem menschlichen Dasein beschäftigt und der Eingebundenheit in den gesamten Kosmos. Hannah Ryggen hatte voller Inbrunst lange an dem Bildteppich gearbeitet, besonderen Wert auf die Farben gelegt und war sehr stolz auf dieses Werk. Es erlangte später leider eine traurige Berühmtheit, weil es im Zusammenhang mit dem rechtsextremen Terroranschlag 2011 beschädigt wurde. Noch heute zeugt ein sichtbar restaurierter Teil des Teppichs davon. Eigentlich eine Ironie des Schicksals, wenn man bedenkt, wie Hannah Ryggen mit ihrer Kunst vor allem vor dem aufkommenden Faschismus gemahnt hat. Mich hat sehr berührt, was der Künstler Ingar Dragset gesagt hat: „Ich wünschte, sie wäre noch am Leben und könnte sehen, dass ihre Träume nicht untergegangen sind: dass Kunst, Menschlichkeit und Vernunft sich letztlich durchgesetzt haben.“ (Das ganze Interview ist im Ausstellungskatalog nachzulesen.)

Etiopia (Äthiopien), 1935

Den Beginn einer ganzen Serie antifaschistischer Bildteppiche machte ihre Arbeit „Äthopien“, die sich auf die Invasion Mussolinis bezog, der im sogenannten Abessinienkrieg das Land annektiert hatte. Hannah Ryggen hatte davon aus der Zeitung erfahren. Vor allem der vergebliche Ruf Kaiser Haile Selassies nach Unterstützung des Völkerbundes erschütterte die Künstlerin so sehr, dass sie innerhalb von nur einem Monat dieses monumentale Werk herstellte. In einem durchlaufenden Bildfries im oberen Drittel der Arbeit sieht man ganz rechts den Kopf Mussolinis, den ein äthiopischer Krieger auf einen Speer gespießt präsentiert. Links daneben ist Hailie Selassie zu sehen und am linken Bildrand erscheint eine afrikanische Frauenfigur. Neben aller Tagesaktualität, die dieser Teppich aufweist, ist vor allem die abstrakt-ornamentale Gestaltung des unteren Teils interessant. Auf diese Weise wird das Geschehen auf eine andere Ebene gebracht, wie auf einer Bühne der Weltöffentlichkeit präsentiert und zu einem kompromisslosen Werk, das zum Protest aufruft.

Die Arbeit wurde 1937 auf der Weltausstellung in Paris ausgestellt. Nur wenige Schritte von Picassos Guernica entfernt. Zwei Arbeiten, die sich gleichermaßen mit aktuellen Verstößen gegen das Völkerrecht beschäftigen, die aufbegehren gegen das Unrecht. Und welches wurde zensiert? Richtig, das der Künstlerin! Dort rollte man den Teppich so ein, dass das Konterfei von Mussolini nicht mehr zu sehen war!

Trojansk hest /Picassoteppet (Trojanisches Pferd /Picasso-Teppich), 1949–1956

Apropos Picasso. Hannah Ryggen gilt als Vertreterin der Moderne und selbstverständlich arbeitet sie sich auch an ihm ab: Picasso, der wie kaum ein anderer Meister die Avantgarde in der Kunst verkörperte. Die Idee mit dem trojanischen Pferd zeigt, dass sie sehr pointiert und ironisch auch auf die künstlerische Entwicklung ihrer Zeit rekurrierte. Wie ein trojanisches Pferd, so nutzt beispielsweise Picasso die Klassik, um neue Sichtweisen in der Kunst zu verdeutlichen. Hannah Ryggen präsentiert den Künstler hier an der Seite einer mythologischen Gestalt. Ganz ohne Seitenhieb auf seine dominierende Rolle scheint sie dabei aber nicht auszukommen. In einem weiteren Picassoteppich zeigt sie den Meister, nach dessen Pfeife alle tanzen müssen. Die Verbindung von collagehaften Bilderfindungen mit Inspiration durch die Volkskunst sowie die Vereinfachung der Motive bis hin zur Abstraktion – in solchen Ansätzen zeigt sich Ryggen als moderne Künstlerin, die die Entwicklungen der Zeit aufnimmt.

Die Bildteppiche werden als gewebte Manifeste verstanden und bei fast allen fängt es im Kopf an zu arbeiten. Unwillkürlich zieht man Parallelen zum heutigen Geschehen, befragt die eigene Haltung und auch den Mut, sich zu engagieren. An dieser Stelle möchte ich ein ganz großes Lob für die Gestaltung des Meetup aussprechen, zu dem ich in die Ausstellung eingeladen wurde. Wie dort zur Diskussion vor den Bildern angeregt worden ist, fand ich großartig. Auch die anschließende gemeinsame Aktion mit kreativen Methoden zur Kommentierung hat mir sehr gefallen!! Vielen Dank nochmal an das ganze Schirn-Team!

Neben der tatsächlich aufrüttelnden Aktualität der Bildteppiche hat mich auch die ganz spezielle Ästhetik der monumentalen Werke gefangen genommen. Besonders die leuchtende Farbigkeit hat mich beeindruckt, die die Künstlerin durch spezielle Färbetechniken erzielte. Dabei hat sie anscheinend auch das Verblassen der Farben durchaus mit einkalkuliert – ein natürlicher Alterungsprozess, den die Arbeiten durchlaufen.

Hannah Ryggen lebte mit ihrer Familie auf einem Selbstversorger-Bauernhof – ein Umstand, der auch ihre naturverbundene Lebenseinstellung bestimmte. In vielen Dingen merkt man eine Verbundenheit mit der Arts-and-Crafts-Bewegung, die die angewandte Kunst des 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusste. Das Weben war in diesem Zusammenhang eine sehr zentrale Technik, die hohen Stellenwert genoss. Hannah Ryggen wollte möglichst viele Farben aus der Natur gewinnen, in der sie lebte. Im Laufe der Jahre hatte sie sich eine große Kenntnis erworben und wusste genau, wie man welche Farben am besten erzielte. Ein Wissen, dass sie auch an ihre Tochter weitergeben hat. Sehr skurril mutet übrigens die Anleitung an, wie man das sogenannte Pottblau am besten erzielen könnte: man muss Indigo mit dem Urin trunkener Männer mischen!!

En fri (Ein freier Mensch), 1948

Hannah Ryggen ist eine wunderbare Künstlerin, die es lohnt zu entdecken. Sie hat sich mit den Strukturen der Machtpolitik ebenso auseinandergesetzt wie mit ihrem eigenen Leben auf einem autarken Bauernhof oder der Rolle der Frau in ihrer Zeit. Unglaublich vielschichtig sind ihre Assoziationen und die Motive, die sie daraufhin entwickelt. Oft nimmt sie auf aktuelle und dramatische Ereignisse Bezug, durch den bedächtigen Herstellungsprozess schwingt in ihren Bildern jedoch immer etwas Überzeitliches mit.

Das Lateinische »textura«, Gewebe, ist der Ursprung unserer Worte Textil
und Text. Ryggen machte das Textil zu ihrem Text, zu ihrer Schrift. Auf
dem Webstuhl reihen sich Kette an Kette und Schuss an Schuss – ein solidarisches Dicht-an-Dicht, das die Künstlerin nach jedem Schuss mit
dem Kamm zusätzlich verdichtete. Die Kette, meist aus Leinen, liefert den Untergrund, der Schuss, meist aus Wolle, liefert die Schönheit: Formen, Farbe, Muster, Kompositionen.

Marie Luise Knott im Ausstellungskatalog, S. 63

Ich empfehle den Ausstellungsbesuch sehr – es ist ein schönes Event als Start in das neue Jahr. Wer sich darauf vorbereiten möchte, der kann sich zum Beispiel auch hier durch Audiostücke durchhören.

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