Germanys next Top Model

Abgesehen davon, dass auch mir, die ich sonst nicht in die Jammereien über Anglizismen einstimme, dieser englische Titel auf die Nerven geht, zeigt uns diese Show doch wieder einmal eindringlich, welche Art von Schönheitsideal unsere Gesellschaft gerade pflegt. Meine Teenietochter hängt mit großem Interesse vor dem Fernseher und mir als gestandene Frau im besten Alter geht diese Parade magerer Einheitstussis schon sehr gegen den Strich! Deswegen muss ich hier mal aus gegebenem Anlass zum Gegenschlag ausholen und in der Kunstgeschichte nach vergangenen Schönheitsidealen wühlen. Art History Top Models sozusagen!!
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Die Venus von Milo macht den Anfang und entspricht sicherlich einem absolut klassischen Schönheitsideal. Ob sie aber (auch mit Armen, die bislang nie gefunden wurden) eine Chance hätte bei Heidi Klums Truppe? Im Jahre 100 v. Chr. jedenfalls war sie der Inbegriff einer schönen Frau und auch 1820, als sie gefunden wurde, galt ihre Schönheit unantastbar.
Nummer zwei ist die Venus von Willendorf, ein urzeitliches Fruchtbarkeitsidol, das vor ca. 25.000 Jahren angebetet worden ist und mit Sicherheit als schön galt.
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Überhaupt ist Venus bzw. Aphrodite immer wieder dargestellt worden im Gewand des jeweiligen Zeitgeschmacks – von Botticelli bis Tizian.
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Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus, Florenz, 1486
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Tizian, Venus von Urbino, 1538
Geradezu klischeehaft wird ja auch immer wieder gerne der Begriff der „Rubensfrau“ ins Feld geführt, wenn es um die Frage nach dem Schönheitsideal geht. Voilà!!
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P.P. Rubens, Die drei Grazien, 1639
Die Geschichte der Schönheit ist von Umberto Eco eingängig beschrieben worden, mit allem nötigen Theoriebegriff von Ästhetik und so. Aber mir gefällt besonders gut, was er einmal in einem Interview gesagt hat:

„Wenn Sie mich fragten, mit welcher Frau in der Geschichte der Kunst ich gerne essen gehen und einen Abend verbringen würde, wäre da zuerst Uta von Naumburg, ich finde sie hat eine sehr hübsches Gesicht. Die zweite wäre die Dame mit dem Hermelin von Leonardo. Mit der wohl eher einen Whiskey nach dem Essen.“

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Ein Kommentar

  1. Makellos werden sie wieder aussehen, die Flaneure, die sich am Sonntag auf dem Boulevard der Strassen und Parks präsentieren. Keine Flecken auf der seidig schimmernden Haut, keine Schweißperlen und keine hässlichen Runzeln, die im gleißenden Licht zutage treten. Dank eines Schönheitsprogramms, das vor Wochen begonnen hat. Hautärzte, Fitnesstrainer, Masseure, Friseure, Visagisten und Stylisten… Laserbehandlungen zur Beseitigung bräunlicher Altersflecken und Besenreisern und Injektionen, die Lippen voller und Lider straffer machen, sollte man besser nicht in allerletzter Minute vornehmen lassen. Auch sieht es nicht gerade attraktiv aus, wenn an den Mundrändern noch die blauen Flecken vom Aufspritzen der Lippen zu sehen sind. Es ist einfach die Fortsetzung einer Realsatire, die das Leben schreibt, inszeniert. Die Dekadenz auch einer collagierten Celebrity löst sich immer von selbst auf. Die Frage wäre dann nur noch, welche Reize wen erreichen sollen. Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Die komprimierte Vielfalt der Strukturen von Raum, Form und Farbe, ihre Offenheit, besitzt eine unerschöpfliche Metapher. Präzision, Harmonie und sinnlich empfundene Schönheit sind die Konsequenz ihrer kreativen Freiheit – einer gestalterischen Freiheit als Symbol für andere Freiheiten.
    Die Schönheit ist viel wirkungsvoller als jegliches Empfehlungsschreiben.
    Aristoteles

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