Dialog der Künste

Immer wieder begegnen mir literarische Texte, mit denen sich ein Dialog in Gang setzen lässt, der die bildende Kunst auf eine befriedigende und erschöpfende Weise vermittelt, wie sie kein Vortrag oder Frontalunterricht je vermitteln könnte.
In loser Folge möchte ich diese literarischen Fundstücke ausgewählten Kunstwerken gegenüberstellen und als Anregung für eine neue Form der Auseinandersetzung mit Kunst präsentieren.
Den Anfang macht ein Gedicht des expressionistischen Dichters Paul Boldt, welches 1913 erstmals in der Zeitschrift „Die Aktion“ veröffentlicht wurde. Dieses Gedicht begegnet einem Gemälde Ernst Ludwig Kirchners aus demselben Jahr: „Fünf Frauen auf der Straße“, das sich heute im Museum Ludwig, Köln befindet.


kirchner-fuenf_frauen.jpgFriedrichstraßendirnen
Sie liegen immer in den Nebengassen,
Wie Fischerschuten gleich und gleich getakelt,
Vom Blick befühlt und kennerisch bemakelt,
Indes sie sich wie Schwäne schwimmen lassen.
Im Strom der Menge, auf des Fisches Route.
Ein Glatzkopf äugt, ein Rotaug‘ spürt Tortur,
Da schießt ein Grünling vor, hängt an der Schnur
Und schnellt an Deck einer bemalten Schute,
Gespannt von Wollust wie ein Projektil!
Die reißen sie aus ihm wie Eingeweide,
Gleich groben Küchenfrauen ohne viel
Von Sentiment. Dann rüsten sie schon wieder
Den neuen Fang. Sie schnallen sich in Seide
Und steigen ernst mit ihrem Lächeln nieder.

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