Der Museumsheld und die StreetArt

Sebastian Hartmann ist gelernter Kunsthistoriker und hat mittlerweile eine klassische Karriere im Museum gegen die aufregende Herausforderung als Social Media Manager getauscht. Ich fand schon während seiner Zeit am Neanderthal Museum sehr spannend, was er dort mit dem Web 2.0 unternahm und sein Wechsel in die Agentur-Szene hält ihn Gott sei Dank nicht von einem regen Austausch über die Kunst ab. Mit besonderer Begeisterung folge ich ihm regelmäßig über die üblichen Kanäle wie Facebook und Twitter. Bringt er doch immer wieder wahre Schätzchen der Streetart ans Licht und ist auch sonst für interessante Tipps aus der Kulturwelt eine gute Bank. Erfreulicherweise konnten wir den vielbeschäftigten Neu-Hamburger zu einem kleinen Interview überreden:

L.E.T., I LIKE GILRS BECAUSE BOOBS

Anke: Sebastian, du bist auf Twitter als @Museumsheld unterwegs. Ich bin ein Anhänger der sogenannten Heldenreise und da ist es immer so, dass der Held einen weisen Begleiter hat. Wenn wir jetzt mal das Thema Streetart nehmen, gibt es da jemanden, der dich in diese besondere Welt gezogen hat? Wer hat dich „angefixt“, wenn ich das mal so despektierlich sagen darf?

Sebastian: Darfst du, natürlich. Erst mal vielen Dank für die Einladung zum Interview! So, nun aber zur StreetArt. Eigentlich bin ich ein „Neuling“ auf dem Gebiet, da ich mich erst knapp 2 Jahre damit beschäftige. Doch wie es bei den meisten Themen bei mir ist, braucht es manchmal nur einen bestimmten unerwarteten Auslöser, um mich für etwas zu begeistern. Beim Thema StreetArt war es ein Stencil/Pasteup vom Künstler Decycle in Düsseldorf, das ich in der Innenstadt entdeckte. Ein Mädchen mit Sprühdose, das auf dem Boden saß. Ein tolles Motiv! Seitdem halte ich eigentlich immer die Augen nach StreetArt offen. Ja, und so hat das alles angefangen.

Anke: Du bist ja auch immer mit der Kamera unterwegs. Wie ist das, wenn du etwas Neues entdeckst? Recherchierst du sofort, wen du da gesehen hast? Oder kannst du auch einfach mal nur ein Bild schön finden, ohne vielleicht zu wissen, von wem es ist?

Sebastian: Anders geht es gar nicht. Im Allgemeinen ist es ja so, dass die meisten Graffiti-Künstler und StreetArtists anonym unterwegs sind. Schließlich ist das alles ja meistens illegal. Mich interessieren aber auch als erstes die Motive, dann diejenigen, die es gemacht haben. Oft ist ja irgendwo am Kunstwerk ein Tag vermerkt, der ein bisschen was verrät, wer der Urheber der StreetArt ist. Bei anderen bleibe ich aber – auch trotz meinem Drang nach Recherche – im Dunkeln. Das ist aber auch ok so, ich muss ja nicht alles wissen. Wichtig ist für mich nicht nur, dass ein Werk die Straßen verschönert, sondern auch, dass sie besonders ist und eine Aussage hat.

Anke: Graffito, Pasteup, Stencil … Es gibt jede Menge unterschiedliche Arten von Streetart. Gibt es einen Stil, den du besonders magst? Welche Künstler gehören zu deinen persönlichen Street-Art-Helden?

L.E.T., I LIKE GILRS BECAUSE BOOBS

Sebastian: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Es ist ja auch gerade das besondere an Streetart, dass es so vielfältig ist. Ich bewundere den Ideenreichtum und die Kreativität, mit der die Künstler/innen unterwegs sind. Da werden auch mal Werke aus Bügelperlen gemacht, Dinge eingestrickt und eingehäkelt, Tiere aus bunter Klebefolie an Stromkästen geheftet, Fliesen werden zweckentfremdet,… Aber ich mag schon besonders die Stencils und Pasteups, da sie die StreetArt als solche stark geprägt haben und jeder StreetArtist, der damit arbeitet, eine besondere Art und Weise hat, mit genau diesen Techniken Themen umzusetzen. Das gefällt mir sehr. Zu meinen „Helden“ in Düsseldorf gehören mehrere Künstler, die immer wieder im Stadtbild auftauchen: L.E.T., Decycle, kurznachzehn, Naegeli, MDCR,.. von Ihnen gibt es viele schöne Sachen. Hier in Hamburg habe ich vermehrt StreetArt von Alias, Tona, mittenimwald, El Bocho oder Fatal gefunden. Echte Highlights! Aber auch die Smileys von Oz mag ich gerne.

Anke: Einer der wohl bekanntesten Künstler ist Banksy. Ich finde es manchmal etwas befremdlich, wenn ich seine Bilder als gefällige Postkarten sehe. Wie viel „Straße“ braucht richtige Streetart deiner Meinung nach? Oder anders gefragt, was hältst du von Galerien und Festivals?

Sebastian: Stimmt. Auch die Kunstdruckabteilung mancher Möbelhäuser macht mir da echt Angst, da wird das schnell alles sehr willkürlich.. Die StreetArt braucht die Straße, ganz klar. Ohne sie funktioniert die Kunstform sehr oft nicht. Auf Festivals bietet sich denjenigen, die nachts unterwegs sind, auch mal die Möglichkeit auf freigegebenen Wänden tolle Straßenkunst „offiziell“ zu machen und damit die Stadt ein wenig bunter und schöner zu gestalteten. Deswegen bin ich ein großer Fan dieser Festivals und freue mich, dass diese 2013 wieder in mehreren Städten wie auch in Düsseldorf stattfinden. Aktuell in Hamburg gab es eine Mischung aus Festival und Galerie. Am Millerntor St. Pauli konnten 50 Künstler ausstellen und auch komplette Wände der Stadiongänge bemalen. Ich war dort und fand es wirklich klasse! Es gab auch ein wenig was zu kaufen, aber fast überall fanden sich QR-Codes mit Links zu Kontakten, die man anschreiben kann, wenn man sich für „käufliche StreetArt“ interessiert. Ich persönlich finde es gut, wenn man die Möglichkeit hat, von seinen Lieblingskünstlern „ein Stückchen mit nach Hause nehmen kann“. Da kann man sich jeden Tag dran erfreuen und die StreetArtists verdienen somit auch Geld mit ihrer Kunst. Das Thema an sich ist aber kein leichtes und die Meinungen gehen hier sehr auseinander. Das ist aber auch in Ordnung so. Ich mag Kontroversen.

Anke: Du bist Kunsthistoriker und arbeitest jetzt als Social Media Manager bei der Agentur elbkind. Ist deine Beschäftigung mit der Streetart nur reines Privatvergnügen oder nimmst du von deinen Entdeckungen auch Erkenntnisse mit ins Berufsleben?

Sebastian: Immer! In der Kunst- und Kreativbranche kommt es darauf an, Dinge des Alltags, die man wahrnimmt und die einem auffallen, in gute Ideen umzusetzen und sie für neue Kreationen zu nutzen. Egal ob textlich oder bildlich. Es geht immer irgendwie um die Lebenswelten des Menschen. Und da kann man sicherlich auch aus der StreetArt einiges mitnehmen. In erster Linie ist aber speziell das Thema ein Privatvergnügen. 😉

Anke: Mit deinem Blog www.streetartmag.de berichtest du über Düsseldorf, Hamburg und den Rest der Welt. Gibt es städtische Unterschiede zu beobachten? Oder sind Streetart-Künstler sowieso immer Reisende und bemüht möglichst an vielen Orten ihre Spuren zu hinterlassen?

Sebastian: Genau wie die Kunstform als solches ist die StreetArt-Szene von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Da ich immer gut in Deutschland unterwegs bin, sehe ich manche Künstler wie Alias, Tona oder El Bocho häufiger an verschiedenen Locations. Aber das, was ich zum Beispiel in Oldenburg oder Bochum vorgefunden habe, ist komplett unterschiedlich als zu der StreetArt in Dresden oder Lübeck. StreetArtists sind häufig in einer bestimmten Region unterwegs, doch wenn sie irgendwo „auf Reise“ sind, hinterlassen sie auch sicherlich ihren Spuren. Eines haben alle Städte jedoch gemeinsam (wenn es nicht gerade Köln, Hamburg oder Berlin sind): StreetArt ist oft gut versteckt und nicht sofort als solche identifizierbar. Das Auge muss gut geschult sein. Das muss man trainieren, das merkte ich auch bei den paar StreetArt-Touren, die ich 2012/2013 veranstaltet habe. Eines der meist geäußerten Kommentare nach einer Führung war: „Wenn du mir das jetzt nicht gezeigt hättest, wäre ich glatt daran vorbeigelaufen.“ Auch das ist ein Grund, warum ich StreetArt dokumentiere und im Internet für diejenigen, die Spaß daran haben, auf dem Blog oder auf Facebook bereitstelle.

Anke: Vielen Dank für das spannende Interview. Zum Schluss haben wir noch eine Bitte: Du bist von Düsseldorf unlängst nach Hamburg umgezogen. Sicher hast du die Stadt schon gut im Griff. Es wäre toll, wenn du unsere Lieblingsfragen beantwortest …

  1. Meine Lieblingsecke tagsüber ist … am Elbufer
  2. Meine Lieblingsecke nachts ist … Schanzenviertel
  3. Die Stadt ist am Schönsten in … St.Pauli
  4. Einen Spaziergang mache ich immer gerne in …Hafen City
  5. Zum Entspannen bin ich gerne im … Planten en Bloomen
  6. Mein Lieblingsgebäude ist … die Elbphilharmonie
  7. Mein Lieblingskulturort ist … die Deichtorhallen
  8. Mein Geheimtipp ist … die ganze Stadt
  9. Ich sitze gerne ein paar Minuten in … bzw. auf der Fähre

 

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Kommentare

Eine Antwort zu „Der Museumsheld und die StreetArt“

  1. […] wie kam es eigentlich dazu: Vor einigen Monaten gab ich dem 11punkt Verlag ein kleines Interview zum Thema StreetArt. Anscheinend kam das Thema so gut an, dass ich kurze Zeit später von Anke und Lucas vom 11punkt […]

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