Trans-Formationen

Ines Braun und Katja Ploetz mit einer Ausstellung im Kulturbunker Mülheim 11.9. bis 26.9.2004
Unter Transformation (Umformung) versteht man allgemein die Veränderung der Gestalt bzw. Form in eine andere – ohne Verlust der Substanz. So steht es im Lexikon.

Die heute gut ausgeleuchteten Galerieräume sind das Ergebnis einer „Umformung“. Sie sind in einem ehemaligen Schutzbunker entstanden, der einst in einem der größten zweckgebundenen Bauprogramme der Menschheitsgeschichte entstand – im Führer-Sofortprogramm nach den ersten Bombenteppichen auf deutsche Großstädte. Ein Bunker – das englische Wort für bombensicherer Unterstand – erinnert an den Krieg. Etwas besseres, als dieses Denkmal in einen lebendigen Kulturstandort umzuformen, kann man sich kaum vorstellen.


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Lernen Sie heute zwei Künstlerinnen kennen, die mit ganz unterschiedlichen Ansätzen Leben in den Bunker bringen.
Ines Braun hat in Trier ein Design-Studium absolviert und arbeitet „im wirklichen Leben“ als Art-Directorin einer Werbeagentur. Die Anforderungen dieses Jobs bringen es mit sich, dass sie auf der einen Seite konzeptionell denken muss, sich selbstverständlich aber auch strukturell an den Vorgaben diverser Auftraggeber orientiert.
Ihre Arbeit als Künstlerin ist für Ines Braun das Experimentierfeld, bei dem sie als „Sachensucherin“ unterwegs ist, die keine Zweckgebundenheit kennt. Ob bei ebay oder bei einem Waldspaziergang – immer hat sie die Augen offen für die den Dingen und der Natur innewohnenden Geheimnisse. Mit dadaistischem Witz gestaltet Braun dann ihre Skulpturen. Objekte, die ein eigenes Leben entwickeln und oftmals mit geheimnisvollen Titeln noch einen weiteren Akzent setzen. Oft abends nach einem anstrengenden Tag in der Agentur entstehen so ganz neue Welten, in die die Künstlerin einzutauchen vermag und die in der künstlerischen Freiheit und Fabulierlust angesichts des stressigen Alltags-Jobs wie kleine Fluchten wirken. Wer Ines Braun in ihrem Atelier besucht, der wird allerdings in dieser „Wunderkammer“ mit Fundstücken von rostigen Schrauben bis blankgeputzten Tierschädeln eine gewisse Tendenz zum Ordnen und Sortieren erkennen.
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Das spiegelt sich auch in manchen Arbeiten wider, die mit Wiederholungen und Reihungen von Formen das skurille Eigenleben der Dinge noch verstärken. Ines Braun, selbst Jahrgang 1964 – spiegelt hier die legendäre Objektkunst der 60er Jahre und man fühlt sich unwillkürlich an Arman, Yves Tanguely und andere „Nouveau Realistes“ erinnert. Den Reiz erhalten die Arbeiten durch die Kombination scheinbar unvereinbarer Gegenstände und durch die Kombination von Materialien mit unterschiedlicher haptischer Qualität.
Katja Ploetz ist fasziniert von den Möglichkeiten der Malerei. Und in Zeiten, in denen der Kunstbegriff immer stärker gedehnt zu werden scheint, kehrt sie zum klassischen Tafelbild zurück. Jedoch gelingt es ihr, diesem ganz neue Dimensionen zu geben.
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Katja Ploetz hat eine Ausbildung zur Glasmalerin mit anschließendem Studium der freien Glasgestaltung absolviert. Sie gestaltet Glasfenster für Kirchen – z.B. 1998 in der evangelischen Trinitatiskirche in Neubrück – und hat auch interessante Beiträge für Kunst am Bau realisiert.
Doch möchte sie nicht nur in den Zusammenhängen der angewandten Kunst arbeiten und es zieht sie immer wieder zur freien Malerei. Diese verbindet sie allerdings mit dem ihr so vertrauten Material Glas. Durch die sogenannte Technik des „Fusing“, bei der zwei Glasplatten miteinander verschmolzen werden, hat sie ein spannendes Experimentierfeld entdeckt.
Dass sich hier bei dieser Ausstellung Ines Braun und Katja Ploetz zusammengefunden haben, geht wie so oft auf ein gut funktionierendes Netzwerk in der Kulturszene zurück, ist aber nicht nur purer Zufall.
Denn auch Katja Ploetz verarbeitet wie Ines Braun die berühmten „objects trouvées“ in ihren Bildern – Zeitungsausrisse als Sprachfetzen, Blechdosen, Drahtgeflechte. An manchen Stellen blitzt das künstlerische Vorbild eines Jasper Johns durch. Wie der berühmte Amerikaner ist auch Katja Ploetz in erster Linie an ästhetischen Grundsätzen interessiert. Sie erkennt Formen und Muster und komponiert und arrangiert die Objekte zwischen den Glasplatten. Dann überlässt sie diese dem Prozess der starken Hitzeeinwirkung beim Fusing. Und so entstehen plötzlich Farbreaktionen im Kupferblech oder verändern sich manche Dinge unvorhergesehener Weise.
Katja Ploetz beherrscht das Material Glas perfekt und nutzt den ursprünglich ‚jungfräulichen‘ Werkstoff für sensible Ideen und schafft Ein- bzw. Durchblicke.
Ines Braun liebt Materialien mit Gebrauchsspuren. Materialien, die ihre eigene Geschichte mitbringen und von ihr ebenfalls arrangiert und zu neuen Erlebnissen komponiert werden.
Ich darf Sie – sehr verehrte Besucher der Ausstellung „Trans-Formationen“ – nunmehr einladen, sich neuen Eindrücken und Erlebnissen mit der Kunst von Ines Braun und Katja Ploetz zu öffnen.
Entdecken Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede und machen Sie sich vor allem Ihre eigenen Gedanken.

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