Remembering Rembrandt

Remembering Rembrandt! Das kann kein Zufall sein! Ich habe mein Kulturtussi-Blog im Rembrandt Jahr 2006 begonnen! Und jetzt war er bei mir zu Besuch! Also natürlich nicht der echte 😉 Der ist ja immerhin schon vor 345 Jahren gestorben. Aber diese wundervolle Kopie, die mir von der Alten Pinakothek München überlassen wurde. Einzige Bedingung: ich sollte Rembrandt meine Welt zeigen. Was ich mit dem Kerl alles erlebt habe und warum aus meiner Sicht diese wundervolle Social Media Kampagne einen Preis verdient hat, lest ihr in diesem Beitrag.

Rembrandt

#myRembrandt

Meine persönliche Filterblase aus Kulturschaffenden und Museumsmenschen spülte mir Anfang Juni diese Aktion der Alten Pinakothe München in die Timeline:

Die momentane Teilschließung der Alten Pinakothek durch die Sanierung des Gebäudes zwingen Rembrandts Selbstbildnis jedoch über den Sommer 2014 zum Auszug. Wir nutzen die Gelegenheit und schicken das Bild als Reproduktion auf Reisen. Dabei sind wir vor allem auf Eure Hilfe angewiesen: ZEIG REMBRANDT DEINE WELT! Nehmt ihn mit auf Eure Reise! Egal ob mehrwöchiger Sommerurlaub, kurzer Städtetrip oder Trekkingtour durch Nepal: Rembrandts Wissensdurst macht alle Ziele möglich. Schickt uns Eure Fotos mit Rembrandt, egal ob „Selfie“ oder Beweisfoto vor dem Eifelturm. Mitmachen ist ganz einfach: Bewerben, Bild bekommen, Verreisen, Fotografieren, Markieren, Teilen.”

Ich habe mich sofort beworben und erfuhr, dass im Juli per Losverfahren die glücklichen Reisebegleiter von Rembrandt ausgewählt würden. Aufregend! Und diese Aufregung steigerte sich noch, weil die Aktion im Verlauf des Sommers richtig Fahrt aufgenommen hatte. Schuld waren ein paar Spitzenaktionen, die unvergessliche Bilder für die Kampagne brachten. Da gab es das Foto, auf dem Ai Weiwei den Rembi (mittlerweile hatte er sogar schon einen Spitznamen) in China in den Händen hält. Der Teufelskerl Marc Lippuner hat das fertiggebracht! Und – was für ein Coup – die Kulturkonsorten haben das Selbstbildnis des jungen Rembrandt doch tatsächlich auf die ISS gebeamt!

twitterPinakothekenrembi_erklärung

Preisverdächtig

Ein Storifying sammelt alle bisherigen Reiseziele von #myRembrandt ein. Eine fantastische Zusammenstellung von User-generated Content im Museumskontext. Und überhaupt ist die gesamte Kampagne ein Grund, über einen Preis für erfolgreiche Social Media Aktionen in der Museumslandschaft nachzudenken, oder? Wollen wir nicht etwas Vergleichbares wie den Virenschleuderpreis ausloben? Ich stelle mich gerne für die Orga zur Verfügung. Fehlt eigentlich nur noch der entsprechende Rahmen. Einen Sieger hätten wir schon mal 😉 Echt jetzt: das ist eine tolle Motivation für die Museen.

Warum ist #myRembrandt so erfolgreich? Zum einen ist die Idee dahinter einfach und charmant. Niemand ist ausgeschlossen, man muss kein Kunstwissenschaftler sein. In den Urlaub fährt jeder ;-)Ich fand auch die Anleitung auf der Rückseite des Bildes klasse. Es zeigt sich auch hier: gute Ideen brauchen immer auch eine klare und eindeutige Kommunikation. Dann klappt das am besten!

Sicher, die Kreativität der Teilnehmer ist ein entscheidendes Moment und da hat die Alte Pinakothek einfach auch ein sehr gutes Netzwerk. Das vor allem bereit zur Interaktion ist! Ganz toll fand ich auch die Präsenz von Bianca Henze und Antje Lange, die nicht nur über die offiziellen Accounts der Pinakotheken retweeteten und kommentierten, sondern sich auch als Person sichtbar zeigten. Das halte ich für unverzichtbar, wenn man eine Community aktivieren will. Super Job!!!

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Rembrandt in Köln

Doch nun zu meiner Reise mit #myRembrandt. Er kam ein paar Tage vor unserer Abfahrt in den eigentlichen Urlaub und so hatte ich die Freude, ihn noch ein bisschen in meiner Heimatstadt rumzuführen. Sehenswürdigkeiten angucken – klar. Aber eine Stadt lernt man erst wirklich kennen, wenn man die Menschen dort kennenlernt. Und als Kulturtussi schleppte ich Rembrandt gleich in drei Museen, wo er besondere Menschen traf. Das DOMID hat schon einen ausführlichen Blogbeitrag über unser Treffen geschrieben.

Da ich ein großer Fan der Künstlerin Käthe Kollwitz bin, war es natürlich klar, dass wir auch hier vorbeischauten. Im Übrigen gibt es viele Berührungspunkte zwischen beiden Künstlern. Nicht nur, dass Käthe sicher in ihren Selbstbildnissen auch an Rembrandts Vorbild gedacht hat. Auch die besondere Behandlung von Licht und Schatten, die man in manchen Arbeiten der Kollwitz sieht, ist sicher eine gewissen Verehrung des Meisters geschuldet!

Der Höhepunkt seines Köln-Besuchs war aber sicher die Begegnung von #myRembrandt mit seinem zukünftigen Ich! Der junge Künstler vor seinem Altersporträt war für mich ein berührender Moment. Denn wir wissen heute um das Schicksal Rembrandts, das ihn am Ende seines Lebens nahezu mittellos und einsam dastehen ließ. Umso erstaunlicher, dass er auf seinem späten Porträt dem Betrachter mit einem hintergründigen Lächeln entgegensieht. Ich hab die ganze Zeit einen bestimmten Film im Kopf gehabt, der die Begegnung der beiden mit einem Dialog ausgeschmückt hat. Den möchte ich euch nicht vorenthalten.

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Junger Rembrandt: Bist du wirklich Ich?
Alter Rembrandt: Ja, sieht so aus?
JR: Ich muss dich das fragen: habe ich alles erreicht, was ich mir im Leben vorgenommen habe? Bin ich reich?
AR: (lächelt in sich hinein) Nun mal langsam mit den jungen Pferden, mein Lieber. Reichtum! Jaaaaa, was heißt denn eigentlich Reichtum? Gold, Schmuck, teure Kleider, prächtiges Haus. Tja, all das wirst du besitzen.
JR: (macht die “Becker-Faust”) Jaaaa! Das ist ja geil!
AR: Geil. Ts. Ts. Ts. Reichtum wirst du haben. Aaaaaber …
JR: (macht ein bestürztes Gesicht)
AR: Was wird es dir nützen. Du wirst alles verlieren.
JR: Waaaas? Wie das?
AR: Zunächst wird alles wunderbar laufen. Du wirst nach Amsterdam umziehen …
JR: Aber in Leiden läuft es doch gerade so gut …
AR: Lass mich ausreden! Du ziehst nach Amsterdam, der Kunsthändler van Uylenburgh wird dir viele Aufträge bescheren. Die reichen Kaufleute beauftragen jede Menge Porträts bei dir. Du wirst riesige Erfolge feiern. Doch dann wird dich deine Frau zu einem großen Fehler verleiten.
JR: Warte! Meine Frau? Ich werde also heiraten? Wen, wie sieht sie aus? Wer ist sie? Kenn ich sie?
AR: Sie ist eine Patrizierin namens Saskia! Du wirst ihr aber erst in vier Jahren begegnen! Sie wird viel Geld mit in die Ehe bringen. Ihr werdet glücklich sein. Doch hör mir gut zu: Prunksucht und Verschwendung sind böse Fallen. Denk an meine Worte.
JR: Aber meine Kunst. Wird man meiner Kunst die Anerkennung erweisen, die ihr gebührt? Oftmals denke ich, dass ich farbenfroher malen sollte. Mit viel Fleisch. Strahlend ausgeleuchtet. So wie Rubens, den sie alle verehren. Hörst du mich? Soll ich meinen Stil ändern? Soll ich mich anpassen und so malen, wie es Mode ist?
AR: (lächelt weiter hintergründig und schüttelt unmerklich mit dem Kopf)
JR: Danke. Das muss ich jetzt alles erst mal verarbeiten (zieht mit nachdenklichem Gesichtsausdruck weiter)

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Rembrandts Schweiz-Reise

In den Urlaub ist #myRembrandt dann natürlich auch mit uns gefahren. Als Holländer war er natürlich vollkommen hin und weg von den Bergen im Unterengadin! Wir haben ihn überall mit hingenommen. Auf jede Wanderung! Und wißt ihr, was passiert ist? Der Kerl ist mir ans Herz gewachsen. Er wurde tatsächlich zu einer Art Reisekumpel. Mein Liebster hat ihn dann auch brav immer im Rucksack getragen. Und wir überlegten ständig, was wir ihm noch unbedingt zeigen sollten. So kam es auch zu einem eher verunglückten Kurzstopp auf der Rückreise. Weil ich ihm uuuuungedingt Schloss Neuschwanstein präsentieren musste. Es goss aus Kübeln, überall verstopften fotografierende Japaner die Straßen. Und ich wie ein aufgescheuchtes Huhn mittendrin. Immer nach einem Blick auf das Schloss fahndend. Aber ansonsten war es einfach herrlich in der Schweiz. Schaut selbst.

 

Die Zeit mit #myRembrandt hat mich unser Lieblings-Wanderreiseziel noch einmal ganz anders wahrnehmen lassen. Natürlich durfte er auch hier interessante Menschen kennenlernen. (Kann das Netzwerken halt auch im Urlaub nicht lassen, ich Kulturtussi). Gisela Göttmann zum Beispiel vom Nairs – Zentrum für Gegenwartskunst hat ihn mal auf den Arm genommen. Bei Nietzsche wollte #myRembrandt auch kurz anklopfen. Da war aber niemand zuhause 😉 Nun gut, haben wir halt noch mehr frische Luft genossen, ein paar abenteuerliche Touren unternommen und hier und da ein wenig die Seele baumeln lassen.

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Dann nahte der Abschied. Und es war schon ein bisschen traurig, wie ich ihn dann in seine aufwendige Verpackung zurückbeförderte. Er guckte auch irgendwie bedröppelt. Ich glaub, er mochte mich. Und ich werde ihn ganz sicher vermissen! Ich hoffe, er ist auch gut wieder zuhause angekommen.

13 Comments

  1. Liebe Anke,

    danke für den schönen Beitrag. Ich habe deine Zeit mit Rembrandt bereits auf Facebook gespannt verfolgt. Die Aktion #myrembrandt ist außer Frage bisher die spannendste Aktion im Social Media Bereich dieses Jahr und zeigt mit ihrer Reichweite hoffentlich wie gut partizipative, digitale Projekte funktionieren und begeistern können. Deine Forderung nach einem Preis finde ich super! Ein Preis würde Kulturinstitutionen vielleicht nochmal richtig motivieren, solche Projekte selbst umzusetzen. Könnte auch ein Preis für Konzepte sein, die dann mit dem Preisgeld umgesetzt werden können. Vielleicht sollten wir uns mal auf Sponsoren und Förderersuche begeben 😉

    Liebste Grüße
    Michelle

    • Liebe Michelle,

      das ist doch ein hervorragendes Thema, das man bei einem #drinkingaboutmuseums diskutieren könnte. Wir sehen uns ja am 17.9. Aber vielleicht auch beim stARTcamp. Lass uns das mal gerne konkreter durchdenken. Ich würde so etwas sehr gerne anleiern.
      Liebe Grüße von Anke

  2. Fabelhafter Artikel.
    Und der Dialog der beiden. Herrlich!
    Die Idee mit dem Preis finde ich auch super. Hoffentlich lässt sich sowas geschmeidig und unbürokratisch realisieren.

    • Liebe Ute,

      geschmeidig ist das Stichwort. Da müssen wir mal schauen, ob das in der Museumsszene machbar ist.

      Lieben Gruß

  3. Wundervoller Beitrag!

    Die Zeit mit dir und Rembrandt war wirklich sehr schön. Jederzeit wieder!

    Deine Idee, einen Preis für erfolgreiche Social Media Aktionen in der Museumslandschaft zu gründen finde ich übrigens toll. Auf einem StARTcamp sowas zu verleihen ist schon eine gute Idee, aber vielleicht motiviert es die Museen nicht genug. Wenn Museen sowieso bei solchen Aktionen nicht mitmachen, dann nehmen sie die StARTcamps auch nicht wahr (und ernst), oder? Aber vielleicht toll für den Anfang!

    Last but not least: Daumen hoch für Bianca Henze und Antje Lange, die wirklich mit der ganzen Seele mitgemacht haben!

    • Danke, Sandra,
      ja, was die Wahrnehmung der Museen angeht, so muss man da halt noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Und sie da abholen, wo sie schon Vertrauen entwickelt haben. Und das sind eben Veranstaltungen aus der eigenen Branche. Da müsste man Verbündete finden.

      Liebe Grüße
      Anke

  4. Danke, liebe Anke, für diesen Beitrag. Ich habe die #myRembrandt auch ganz fasziniert verfolgt. Storytelling, Emotionalisierung, Social Buzz – ach, man kann so schön alle Bullshit-Bingo-Begriffe zur Beschreibung dieser Aktion einsetzen. Unterm Strich ist es eine super Idee für eine Social-Media-Kampagne gewesen, die durch die Leute (sprich dich und all die anderen Rembrandt-Paten und natürlich der Alten Pinakothek) perfekt umgesetzt wurde und auch den „Zuschauern“ extrem viel Spaß gebracht hat. Danke dafür!
    Liebe Grüße, Kristine

    • Liebe Kristine,

      ja, die “Zuschauer” haben auch einen nicht unwesentlichen Teil ausgemacht. Das war schon toll, dass man da eine Reichweite über die eigene Filterblase hinaus erzielen konnte!

      Lieben Gruß
      Anke

    • Spitze, Matthias, das sag ich mal direkt weiter. Vielleicht sollten wir irgendwo alle ähnlichen Möglichkeiten sammeln. Und es wäre schon super, einen eigenen Preis in Deutschland zu haben. Ich weiß nicht, wie viele Kollegen tatsächlich zu solch internationalen Konferenzen gehen. Eigentlich sollte man aber 🙂

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