Art.Entfaltung – die Eröffnung

Was ist KUNST? Wer ist ein KÜNSTLER?
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Zentrale Fragen des Kulturbetriebes, die sich jedoch kaum jemand zu beantworten getraut. Zu sehr dem zeitgeschichtlichen Wandel unterworfen, ist es schwer möglich, eine allgemeingültige Definition von Kunst zu liefern. Dennoch gibt es Kriterien, anhand derer man sich der Frage nach dem Ursprung von Kunst zumindest annähern kann. Zwei Zitate mögen die Richtung angeben:
„Der Künstler ist der Ursprung des Werkes. Das Werk ist der Ursprung des Künstlers. Keines ist ohne das andere.“
Martin Heidegger
„Das Schöpferische erkläre ich als das Künstlerische, und das ist mein Kunstbegriff.“
Joseph Beuys


Von der großen weiten Welt der Kunstproduktion sehen wir heute im Kulturbunker Mülheim einen bestimmten Ausschnitt, den wir als spezifisches Beispiel einmal exemplarisch untersuchen und einordnen möchten. Zwei Künstlerinnen gewähren mit der Ausstellung „Art.Entfaltung“ Einblick in ihr künstlerisches Schaffen. Für unsere Eingangsfrage ist die Präsentation unterschiedlicher Positionen besonders an der Stelle interessant, an der sich Unterschiede und Überschneidungen bei den ausgestellten Kunstwerken zeigen.
Dreiecksgedanken%20Kopie.jpgEs ist nicht das erste Mal, dass Ines Braun und Katja Ploetz gemeinsam ausstellen. Auch nicht zum ersten Mal „bespielen“ sie die Räume des Kulturbunkers. 2004 zeigten sie mit „Trans-Formationen“ ihre ganz eigene Arbeitshaltung und beschrieben den Weg vom vorgefundenen Material zum spezifischen Kunstwerk als „Umformung“. Nun schreiben sie diesen Ansatz weiter und erklären den Schaffensprozess zur „Entfaltung“ einer spezifischen „Art“. In der Biologie bezeichnet „Art“ eine Gruppe von Lebewesen, die so viele Merkmale gemeinsam haben, dass sie anhand dieser von anderen abgrenzbar sind. Artefakte, also von Menschen geschaffene Werke – und hier besonders die Kunstwerke –, sollten ebenfalls einer solchen Klassifizierung unterzogen werden. Möglicherweise gelingt es so, das Wesen der Kunst exemplarisch näher zu beschreiben. Welche Merkmale lassen sich herausstellen, die spezifische Werke von anderen unterscheiden? Bei aller Vielfalt der Kunst: Lassen sich bestimmte Äusserungen in Systeme sortieren? Beispielsweise entsprechend den Klassifizierungen, die als Erstes von Aristoteles, später von Carl von Linné und dann von Charles Darwin genutzt wurden. Die genannten Forscher haben uns damit unsere Welt erklärt. Funktioniert dies auch für die Kunst? Versuchen wir doch einmal die Übertragung der Klassifizierungsmerkmale auf die Welt der Kunst. Sehen wir jedes einzelne Kunstwerk als ein spezifisches Ding, das in seinem Wesen einzigartig ist, in seiner Klasse jedoch zusammen mit anderen Werken eine „Art“ bilden könnte. So verstünden wir die Kunst als eine Art Fortschreibung der Evolution durch den Menschen, indem er die Schaffung neuer Formen nach ästhetischen Gesichtspunkten anstrebt.
„Reflexionen sind nicht originalgetreuer Ausdruck der Welt, sondern wirkliche Erzeugung einer Welt.“ Roland Barthes
Objekte sind das zentrale Thema der Künstlerin Ines Braun. Sie bringt sie in Bewegung und definiert in ihnen Fundstücke in neuem Kontext zu eigenständigen Dingen. Im Ursprung lässt sich diese Kunst – im Sinne einer Gemeinsamkeit der Merkmale – auf die Objektkunst der fünfziger Jahre zurückführen, die sich aus den Assemblagen der frühen Kubisten, der Dadaisten und der Surrealisten entwickelt hatte. Ines Braun lenkt durch die Wahl bestimmter Materialien und Gegenstände die Assoziationskette beim Betrachter, der ihr bereitwillig zu folgen beginnt, sobald die Objekte in den Blick kommen. Dabei fällt auf, dass den meisten Werken ein ganz besonderer „Vintage“-Charme zu Eigen ist. Nicht von ungefähr hat Ines Braun eine Zeit lang Bakelit verwendet, liebt sie alte Apparate und verrostete Bleche. So funktionieren ihre Objekte auf der einen Seite über haptische Reize – man meint sofort das softe Quetschgefühl der Parfümzerstäuber zu spüren –, andererseits über ihren ganz besonderen Charakter, ihre Wesenhaftigkeit, die oftmals wegführt von der reinen Materie. Als könnten sie Geschichten vergangener Tage erzählen; so präsentieren sich die kleinen Objekte dem Gegenüber. Jetzt bewegen sie sich teilweise auch noch und verstärken diesen Eindruck umso mehr.
Katja Ploetz’ Arbeiten sind eine besondere Form zwischen Malerei und Objektkunst. Sie arbeitet mit der speziellen Technik des Glasfusens, die ihre Kunstwerke zu mehrschichtigen Objekten werden lässt. Ausgehend von einer gestisch-ausdrucksstarken Malerei – oft auf Karton – überzieht sie die Bilder mit Glasschichten, in welche sie wiederum Zeichen und Muster einarbeitet. Innerhalb dieses Zeichenrasters – mal mehr, mal weniger transparent – lässt sie eine Dialektik zwischen versteckten Formen und konkreten Bedeutungen entstehen. Wortfetzen leuchten auf. Farbstrukturen scheinen durch. Durch den Wechsel von Innen und Außen, der die verschiedenen Schichten in einen schwingenden Rhythmus bringt, wird die Welt als pluralistisches, zufälliges und chaotisches Ganzes reflektiert. Die Interaktion von dinghaftem Material und Gedankenwelt der Künstlerin wird bei den Bildern von Katja Ploetz zu einer formalen Manifestation. Dabei verarbeitet sie alle Zeichen der sichtbaren Welt – von persönlichen Botschaften über urbane Abfälle bis zu Medienfetzen. Ganz in der Art der Pop-Künstler entdeckt sie die Großstadt, fotografiert beispielsweise „wilde“ Aushänge und Couchoir-Graffiti. Fast scheint es, als seien ihre Arbeiten seismografische Aufzeichnungen der urbanen Umgebung, in der wir leben.
Exkurs:
Das lateinische Wort „insecta“ bedeutet „eingeschnitten“. Somit weist die Bezeichnung der Art auf eine morphologische Besonderheit dieser Lebewesen hin: die auffällige Körpergliederung in Kopf, Brust und Hinterleib. Weiterhin sind diesen Lebewesen sechs Beine zu Eigen und sie haben in der Regel Fühler, die als Tast- oder Geruchsorgane dienen. Nun denken Sie vielleicht, jetzt wissen Sie schon alles, was es über Insekten zu sagen gibt. Wenn ich Sie jedoch mitnehme in die Welt der „insecta urbanica“, dann wird sich Ihnen ein ganz neuer Kosmos auftun, den zu entdecken ein echtes Abenteuer sein kann.
Die Forscherin Ines Braun gilt als Erste, die – auf ihren vielen Expeditionen in nahe und ferne Länder – diese neue Art entdeckt hat. Sie ist auch die Erste – ganz in der Tradition der großen Anna Maria Sibylla Merian –, die uns das Aussehen und die Klassifizierung der possierlichen Tierchen aufgeschrieben und gezeichnet hat. Sie lädt uns heute ein zur Weltpremiere, bei der diese Spezies erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden.
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Die „insecta urbanica“ sind Arten, die in der Evolution aus den Tiefen der modernen Großstadt entstanden sind. Sie haben sich den Bedingungen der Straße angepasst, leben auf den Müllhalden der Wegwerfgesellschaft oder den stillgelegten Bahngleisen vergangener Verkehrswege. Bislang entdeckte Braun 55 Arten, die jeweils durch ganz spezifische Verhaltensweisen voneinander unterschieden werden können. Auffällig ist die perfekte Co-Existenz mit den Menschen und ihren Gewohnheiten. Einige „insecta urbanica“ sind hervorragende Resteverwerter, wieder andere schaffen sich ihren Lebensraum im menschlichen Umfeld, nisten auf Auspuffrohren oder bauen Nester aus menschlichen Haaren.
Kommen wir noch einmal zu unserer eingangs gestellten Frage zurück: Was ist Kunst? Wer ist ein Künstler?
Diese Frage wird vor allem in Zeiten der Postmoderne noch dringender zu stellen sein, denn diese Zeit wird gemeinhin auch die Zeit des Verschwindens von Kunst genannt. Hat die Evolution hier schon dazu geführt, dass diese Art bald nicht mehr auf dem Globus zu finden sein wird?
Das schöpferische Moment, das der Natur innewohnt, erreicht seinen Höhepunkt in der Kreativität des Künstlers! Der homo aestheticus vollzieht im Grunde genommen die Prozesse des Lebens nach. Zwischen Evolution und Experiment ereignet sich die Geburt der Kunst, die Vielfalt ihrer Formen unterliegt der Selektion durch den Künstler. Im Falle von Ines Braun und Katja Ploetz haben wir zwei unerschütterliche Positionen, welche die Fähigkeit zur Entwicklung aufweisen. Kunst heißt Veränderung, Verwandlung und Neuordnung. Mit den Gegensätzen und Ergänzungen zur sichtbaren Welt – ob als Erfindung einer neuen Spezies oder mittels besonderer Zeichensysteme – immer haben die beiden hier ausgestellten Künstlerinnen etwas geschaffen, das ein Wesen hat, eine eigene Art darstellt.
Und das ist es, was Kunst letzten Endes ausmacht!

One Comment

  1. Trans-Formationen

    Ines Braun und Katja Ploetz mit einer Ausstellung im Kulturbunker Mülheim 11.9. bis 26.9.2004 Unter Transformation (Umformung) versteht man allgemein die Veränderung der Gestalt bzw. Form in eine andere – ohne Verlust der Substanz. So steht es im Lex…

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