Anselm Kiefer und die Literatur

Anselm Kiefer:„Elisabeth“
Ein Dialog mit Texten von Paul Celan und anderen Autoren als Beispiel für Kunstvermittlung und Intertextualität
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Die Installation “Melancholia” aus dem Jahre 2000
Es gibt Kunst, die sich ohne Wenn und Aber nur aus sich selbst heraus erschließen lässt, die nichts außer sich selbst thematisiert und den Betrachter alleine mit ihrem Sein beschäftigt. Die Identität von Form und Inhalt wird als ungebrochen angesehen. Dagegen steht das Kunstwerk, das nicht für sich alleine genommen werden soll, sondern in den unterschiedlichsten Kontexten gesehen werden muss. Das Bezüge herstellt, die auch und vor allem als Wesen dieses einzelnen Kunstwerkes gesehen werden müssen.
Anselm Kiefers Kunstwerke sind nicht nur Objekte, die jedes von einer ungeheuren materialen Präsenz sein können, sondern sie sind vielmehr Teil eines dichten Geflechtes von Bedeutungen und Verweisen in seinem gesamten bisher geschaffenen Œuvre. Das Arbeiten mit so vielfältigen Bezügen wurde ihm jedoch nicht selten als Oberflächlichkeit und Effekthascherei angekreidet. Hier soll nun einmal der Versuch unternommen werden, durch das unmittelbare Gegenüberstellen von einzelnen relevanten Textpassagen die Wirkung der Bezüge zu testen. So mag dann jeder für sich entscheiden, ob die Dinge, die Kiefer vorstellt, ein ästhetisches Eigenleben entwickeln oder ob sie nur leere, aneinandergefügte Hülsen bleiben.


Das Beispiel des 1990 geschaffenen Flugzeugs „Elisabeth“ zeigt, wie sich hier in einem Werk thematische Wege verdichten, die Kiefer immer und immer wieder beschritten hat. Auch ist diese so monumentale Skulptur keineswegs ein Einzelwerk, sondern wiederum Teil einer ganzen Armada von Flugzeugen – insgesamt sieben Stück –, die von ihm in die Kunstwelt geschickt wurde, beladen mit Assoziationen, Bezügen und Verweisen. Diese alle zu entdecken und zu entziffern setzt eine gewisse Bereitschaft des Rezipienten voraus, sich dieser Fülle überhaupt zu stellen.
Da Anselm Kiefer vor allem auch mit literarischen Versatzstücken arbeitet, ist die Annäherung an sein Werk mittels Rezitation der relevanten Texte eine naheliegende Herangehensweise. Der Begriff der Intertextualität, der in der Literatur- oder Sprachwissenschaft die Bezugnahme eines jeden neuen Textes auf ganze literarische Traditionen meint, kann auch bei Kiefer greifen. Er arbeitet nicht nur literarisch, sondern auch visuell ‚intertextual‘. Er schafft quasi mit seinen Anbindungen ein ‚imaginäres Museum‘, das alle ihm wesentlichen Aspekte vereint. Der Kiefersche Schaffensprozess zeigt sich vor allem in einer starken Korrespondenz zwischen Bild und Wort.
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Anselm Kiefer – im bedeutungsvollen Jahr 1945 geboren – hat sich der Verarbeitung von Geschichte verschrieben. Seine Kunstwerke entstehen unter diesem Stern und sind Formen des individuellen ‚Begreifens‘ von Geschichte. In dieser Idee steckt auch ein tiefsitzender Zweifel an der Gültigkeit der sogenannten Geschichtsschreibung. Mit seinen Arbeiten bringt Kiefer die Vergangenheit in die Gegenwart und gibt ihr so Räume, Szenen und Bilder. Dass er dabei auch und gerade nicht vor der jüngsten deutschen Geschichte und ihren bis heute festsitzenden Tabuthemen Halt macht, hat ihm verschiedentlich den Vorwurf eingebracht, er hege faschistisches Gedankengut. Andererseits wird er im Ausland als der deutsche Künstler rezipiert. Das Besondere an der Auseinandersetzung Kiefers mit historischen Situationen ist die Annäherung über die Sinne. Dabei spielt das verwendete Material eine wichtige Rolle, das hier eine Art Speicherfunktion übernehmen soll. Anselm Kiefer hat in den 70er Jahren viel mit Joseph Beuys kommuniziert und ist – wenn auch nicht über die Akademie direkt – als sein Schüler zu bezeichnen. Vor allem dann, wenn Kiefer in seinen Arbeiten das Hervorholen von lang Vergessenem thematisiert, wird dies spürbar. Die Rückkehr des Mythos in die Kunst ist von Beuys wie von Kiefer gleichermaßen verfolgt worden.
Ab 1979 hat Anselm Kiefer immer wieder Flugobjekte geschaffen. Seit 1982 verwendet er das Material Blei. Er hat einmal erwähnt, dass er der Ansicht sei, die beste Perspektive auf das Weltgeschehen sei die eines Vogels, und in dem alten Traum vom Fliegen offenbare sich das Wesen jeden Voranstrebens der Menschheit. Kiefer malt seine Landschaftsbilder, die immer auch Geschichte verarbeiten, fast ausschließlich aus der Vogelperspektive.
Blei wiederum ist ein Material, dass eine so wesentliche kulturgeschichtliche Bedeutung hat, dass man es nicht nur objektbezogen betrachten darf. Neben den magischen Wirkungen, die ihm die Alchemisten zuschrieben, gibt es auch naturwissenschaftliche Eigenschaften des Schutzes und der Konservierung. Kiefer hat seine Bleibahnen vor dem Verarbeiten einige Zeit der Witterung ausgesetzt und gerne auch gebrauchtes Material verwendet (als das Dach des Kölner Domes restauriert wurde, hat er auch einige Bleistücke erstanden).
Und nun schafft Anselm Kiefer seit den späten 80er Jahren die Werkgruppe der flugzeugähnlichen Bleiobjekte. Augenfällig ist, dass er keine technisch funktionierenden Maschinen entwirft, sondern Flugzeuge, die nicht fliegen können.
Insgesamt sind es sieben Flugzeuge, die allerdings als Gesamtobjekt zu verstehen sind. Sie sind sozusagen in alle Welt verstreut und waren – auch aufgrund von Raum- und Transportproblemen – nie zusammen ausgestellt gewesen. Das größte Zusammentreffen fand 1989/90 in der Kölner Galerie Paul Maenz statt. Die Ausstellung, in der auch einige diesem Werkkomplex zugehörige Arbeiten auf Papier gezeigt wurden, steht unter dem Motto „Engel der Geschichte“.
Walter Benjamin: 9. Geschichtsphilosophische These, 1940
„Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wie eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“
Benjamin beschreibt hier ein Aquarell Paul Klees aus dem Jahre 1920 mit dem Titel „Angelus Novus“.
Anselm Kiefer, für den das geschriebene Wort in seinen Werken bereits das erste Aufzeigen eines Bedeutungsstranges ist, hat seinen Flugzeugen unterschiedliche Namen gegeben: MELANCHOLIA – MOHN UND GEDÄCHTNIS (2-mal) – JASON – ELISABETH – VOYAGE AU BOUT DE LA NUIT (2-mal).
Nun ist das langgezogene schmale ‚Kampfflugzeug‘ ELISABETH gelandet, das – beladen mit kulturellem Gut aus der Vergangenheit – der Entzifferung harrt. Wie bei einem antiken Palimpsest lässt sich nun Schicht für Schicht der Bedeutungen abtragen, die es mit sich führt.
Wir müssen uns durch verschiedene Zeitebenen arbeiten, die einerseits über die inhaltlichen Aspekte hervorgebracht werden können, zum anderen über die Materialien identifiziert werden. Wir gehen von der Gegenwart langsam zurück in die Vergangenheit.
Die erste Zeitebene ist die Zeit der späten 80er Jahre, in denen Kiefer an den Flugzeugen arbeitet. Er hat die Bleiplatten im Innenhof seines Ateliers im Odenwald abgelegt, damit sich auf ihnen die Spuren der Gegenwart, der Atmosphäre seiner unmittelbaren Lebens- und Arbeitswelt abzeichnen sollen.
Die zweite Zeitebene reicht schon etwas weiter zurück in die Nachkriegsjahre – genauer in das Jahr 1952, in welchem Paul Celans Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ erscheint. Kiefer nimmt konkret mit einem Objekttitel Bezug auf diesen Band und verstärkt die Verbindung noch durch das Einarbeiten von getrockneten Mohnkapseln in die Düsenaggregate. Die Assoziation des schlummernden Gedächtnisses, das aufgeweckt werden muss durch den Vorgang des Erinnerns, ist in seinem Werkkomplex präsent. Celan hat seine größtenteils im Pariser Exil entstandenen Gedichtsammlungen auf einer höchst assoziativen Ebene zu einzelnen Geschichten verwoben, in denen der Blick voraus und zurück geht durch Räume und Zeiten.
Über die Texte, die der deutschstämmige Paul Celan dort 1952 veröffentlichte, wird die Verbindung zu einer dritten Zeitebene offenbar – der des Nationalsozialismus. Diese wird nicht nur in der Verdichtung von Celans persönlichem Schicksal als Jude, der Rezeption seiner Gedichte – allen voran die „Todesfuge“ – sondern auch bei Kiefer objekthaft erinnert durch die Assoziationen, die sich einem beim Anblick der schwarzen Haare in den ‚Vitrinen‘ aufdrängen. Denn nicht nur die Idee der Reliquie wird hier evoziiert sondern auch das Erinnern des Holocaust, der in einigen Gedenkstätten mit ganz ähnlichen Exponaten präsent gemacht werden soll.
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Dein goldenes Haar Margarethe – Textzeile aus der Todesfuge in einem Gemälde von Kiefer
Die Veröffentlichung im Jahre 1932 bringt den Roman des Schriftstellers Louis-Ferdinand Céline „Voyage au bout de la nuit“ ebenfalls mit der Zeitebene der Naziherrschaft in Verbindung. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Céline (der Klang des Namens!!!) als ein Mann galt, der faschistischem Gedankengut nicht fern stand und der die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland begrüßt hat. Die Reise des Protagonisten dieses Romans ist in vielerlei Hinsicht mit den zentralen Themen der Kieferschen Flugzeug-Armada in Verbindung zu bringen. Interessant ist auch die Tatsache, daß dieser Roman, in Frankreich als „Weltklassiker“ rezipiert, in der Bibliothèque de Pleiades veröffentlicht wurde – vom Sternbild der Pleiaden wird noch zu berichten sein.
Über die Haare, ihre besondere Ausstrahlung – die ja auch bei Paul Celan nicht nur Totengedächtnis thematisieren, sondern auch als Chiffre für Geliebte gelten sollen –, gelangen wir über die Verbindung mit den beiden Frauennamen, die das Flugzeug zieren, gleich zu zwei weiteren Zeitebenen.
Zunächst verfolgen wir die Zeitebene der Antike, die über die Verbindung mit dem Namen „Berenice“ zu konstruieren ist. Berenice ist eine ptolemäische Königstochter. Als ihr Gemahl unmittelbar nach der Hochzeit nach Syrien in den Krieg ziehen muss, weiht sie eine Locke ihres Haares der glücklichen Heimkehr des Gatten. Die antike Legende erzählt, dass diese Locke aus dem Tempel verschwunden sei und sich später in ein Sternenbild verwandelt habe. Die Themen des Auszugs in den Krieg und die Verbindung zu den Gestirnen leiten hier weitere Verstrickungen mit der Antike ein. Mit einer Fotographie des Sternbildes der Pleiaden webt Kiefer in seiner „Geschichtsdarstellung“ den Mythos der von Orion verfolgten sieben Schwestern ein. Auch hier wird ein ruheloses Jagen, Verfolgen als zentrales Motiv hervorgehoben. Orion, selbst auch zum Sternbild geworden, setzt nun allabendlich die Verfolgung der Pleiaden am Himmel fort. Eine der Pleiaden heiratete den Sterblichen Sysiphos. Das Thema des Vergeblichen, des immer wieder Bemühens ist durchaus auch in der Geschichtsauffassung Kiefers enthalten, der diese Aspekte im „Echo der Legenden“ nachklingen läßt. Jason, als unmittelbares Zitat in der Werkgruppe der Flugzeuge eingeflossen. Jason, der Führer der Argonauten, wird mit seiner Suche nach dem Goldenen Vlies zum Sinnbild der Sehnsucht des Menschen, an seine Grenzen zu stoßen.
In diesem Gedanken wenden wir uns dem Phänomen der Melancholie zu – dieser Gemütshaltung, die vor allem in der beginnenden Neuzeit unter vielen Aspekten auch das des Forschens und Strebens beschreibt. Kiefer zitiert dieses in seinem Flugzeug Melancholia und referiert auch auf Dürers Kupferstich, in dem der Künstler als einer der ersten die ausführliche Verbundung zwischen Melancholie und Saturn aufzeigt, dem Gestirn der intellektuellen Eingebungen und des forschenden Geistes. Der schwarze Saft der Galle – auch hier muss man wieder alchemistisches Geheimwissen aktivieren – spielt in diesem Zusammenhang eine nicht unwesentliche Rolle. Und nicht zuletzt die Ausstrahlung des Materials Blei trägt zu einem Sinnbild bei, das über Todessehnsucht, unendlichem Wissen und kollektivem Erinnern, Zukünftigem und Vergangenem auch das Bild des Künstlers hervorbringt, der all diesem anheim gefallen ist. Der Blick auf die Geschichte und auf die Zukunft im Zeichnen des Saturn, der Engel der Geschichte, der zurückblickt und gleichzeitig nach vorn. In seiner „Anatomie der Melancholie“ hat im Jahre 1612 der englische Mönch Robert Burton das Wesen der Melancholie beschrieben und natürlich auch das Schwermütige und Ruhelose der Melancholiker nicht ausgelassen.
Und nun schlagen wir einen weiten Bogen von der Zeitebene der beginnenden Neuzeit in das 19. Jahrhundert, nehmen die Verbindung zu einer historischen Figur dieser Epoche auf, die uns vom Künstler durch die Erwähnung des Namens „Elisabeth“ nahegebracht wird. Dies gelingt uns nicht zuletzt auch durch die langen schwarzen Haare, die uns schon in die anderen Zeitebenen geleitet haben. Elisabeth von Österreich war eine Ikone ihrer Zeit, schon zu Lebzeiten zum Mythos geworden. Vor allem über ihre außergewöhnlichen Haare, die sie immer wieder zu aufregenden Frisuren gestalten ließ und die zu ihrem wichtigsten Attribut wurden, tauchen wir in die Geschichte dieser Frau ein. Sie, die als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit galt, ging mit fortschreitenden Alter zunehmend dazu über, den eigenen Mythos zu pflegen. Sie verbat Fotos von sich und zeigte sich in der Öffentlichkeit hinter Fächern verborgen. Durch mehrere Schicksalsschläge depressiv geworden, irrte sie nach dem Selbstmord ihres Sohnes Rudolf ruhelos durch Europa umher, in schwarze Gewänder gehüllt, ein Schatten ihrer selbst. Was die wenigsten wissen, ist, dass sie gedichtet und ihre Sehnsüchte und Ängste in lyrische Sprache verdichtet hatte.

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2 Comments

  1. Ich danke Ihnen für den Versuch das Werk A. Kiefers Kunstinteressierten nahe zu bringen. Interpretationen sind immer eine Gratwanderung.

  2. Ihr Blogpost stammt aus dem Jahr 2006, begegnet mir aber erst heute – freut aber deswegen nicht weniger!
    Auf der Suche nach Beiträgen im Internet zum Werk des Künstlers an seinem heutigen Geburtstag fiel es mir als erstes auf.
    Auch ich möchte mich für Ihre Ausführungen bedanken.
    Für mich ist der “Wert”, also das Maß für die Bedeutung eines künstlerischen Werkes, ganz gleich in welchem Bereich der Schaffende tätig ist, unmittelbar mit der Wirkung auf mich, den Betrachtenden, verbunden:
    wenn es berührt, zur Reflexion anregt und sich nicht selbst genügt, sondern Bezüge zur Realität herstellt, ob in der Geschichte oder Gegenwart und diese auch noch kritisch hinterfragt, dann ist es meiner Meinung nach tatsächlich wertvoll, weil es etwas bewirkt.
    Diese Wirkung muss nicht notwendigerweise Zustimmmung oder Begeisterung heißen.
    Reflexion und konstruktive Kritik sind immer gut.
    Das Ergebnis eigener Betrachtung und Interpretation darzustellen, verstehe ich als Angebot und Einladung, sich darüber auch ein eigenes Bild zu machen.
    Ein Zitat von Jonathan Meese zum Schluss:
    “Ich glaube, wir müssen in der Philosophie, in der Literatur, in der Kunst so dermaßen radikal sein, dass es in der Realität nicht mehr möglich ist, das zu toppen. Das ist sozusagen mein kindisches Bild……”
    Beste Grüsse,
    Cara

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