William Morris – der große Reformer

Wer hätte gedacht, dass aus dem kleinen Jungen, der voller Begeisterung durch die Wälder seiner Heimat nahe London ritt, einmal ein Avantgarde-Künstler werden würde, der mit seinen Ideen die Entwicklung des modernen Kunsthandwerks nachhaltig beeinflussen würde? Viele Erscheinungsformen, die später in der Epoche des Jugendstils von Bedeutung sein würden, hatten sich bereits bei William Morris als interessante reformerische Ansätze erwiesen. Die Ausstattung seines Wohnhauses ist nur ein Beispiel. Hier folgten ihm Künstler wie Henry van de Velde oder Franz von Stuck nach. Auch die Idee einer firmeneigenen Produktion von Kunsthandwerk nimmt bei Morris ihren Anfang und wird später noch viele Nachahmer finden.

Erste Kontakte

William Morris, der in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren wurde, bekam durch seinen Vater, der als Börsianer einigen Reichtum angehäuft hatte, die Gelegenheit, eine der besten Universitäten Englands zu besuchen: Oxford. Hier machte er eine Bekanntschaft, die zu einer lebenslangen befruchtenden Künstlerfreundschaft werden sollte. Er traf auf Edward Burne-Jones, der seine Begeisterung für Poesie teilte und mit welchem er über die Veröffentlichungen von John Ruskin diskutieren konnte, den beide bewunderten. Burne-Jones gehörte der Künstlergruppe um die  Präraffaelitische Bruderschaft an und brachte den Maler Dante Gabriel Rossetti mit in den Freundeskreis. Nach dem Studium ging Morris in die Lehre beim damals sehr erfolgreichen Architekten Georges Edmond Street, der vor allem durch neogotische Bauwerke in Erscheinung getreten war.

Gemeinsames Arbeiten

Ein Auftrag, der per Zufall an die Freunde Morris und Burne-Jones herangetragen wurde, stellte die Weichen für die Zukunft. Die beiden sollten den „Debating Room“ der Oxford Union gestalten und machten sich begeistert ans Werk, Szenen aus der Arthursage auszuwählen, um damit die Wände zu schmücken. Auch wenn sie aufgrund mangelnder Erfahrung – vor allem beherrschten sie die Freskotechnik nicht gut genug – den Auftrag nie fertigstellten, so war doch die Erfahrung, im Team an so einem Ausstattungsprojekt zu arbeiten, Gold wert. Das wollten sie unbedingt weiter betreiben. Morris, der inzwischen die wunderschöne Jane Burden geheiratet hatte, die er über Rossetti und Burne-Jones kennengelernt hatte, kaufte ein Haus auf dem Land, das zum nächsten Projekt auf diesem Gebiet avancieren sollte: das Red House. Philipp Webb, ebenfalls ein Freund der ersten Stunde, wurde beauftragt, das Haus ganz im Stil der alten englischen Cottages zu entwerfen – allerdings mit einem modernen Einschlag. Sämtliche Gäste, die natürlich alle künstlerisch tätig waren, wurden aufgefordert, sich an der Gestaltung des Hauses zu beteiligen, und so wurde durch die Gemeinschaftsarbeit, die regelmäßigen Treffen und das rege Treiben das „Red House“ alsbald zum kreativen Zentrum Englands.

Erfolg als Unternehmer

Auf der Basis dieser Arbeit gründete man im April 1861 höchst euphorisch die Firma Morris, Marshall, Falkner & Co. Hier vereinte sich der mittelalterliche Werkstattgedanke des gemeinsamen Arbeitens mit der Vorstellung, die eigene kreative Tätigkeit ökonomisch sinnvoll umzusetzen. Schon im nächsten Jahr war die junge Firma erfolgreich auf der Internationalen Ausstellung in London vertreten und es gab Aufträge vor allem für Innenausstattung und Dekoration. Solche Arbeiten waren seit dem erprobten Zusammenspiel aller Kräfte im „Red House“ zur Spezialität der Truppe geworden. Man entwarf Tapeten, gab Muster für Teppiche in Serienproduktion und gestaltete die zu dieser Zeit äußerst beliebten Glasfenster. Die breite Anerkennung der künstlerischen Entwürfe der Firma bedeutete jedoch leider nicht deren wirtschaftlichen Erfolg. Hinzu kamen persönliche Querelen, die durch die dominante Rolle entstanden, die William Morris innerhalb der Firma einnehmen wollte. Ein sicherlich ebenso großes Problem war die mehr halbherzig vertuschte Liaison zwischen Jane Morris und Rossetti, die sich offensichtlich aus der Beziehung „Maler und Modell“ entwickelt hatte.

Dichter und Denker

Morris zog sich mehr und mehr zurück und widmete sich verstärkt seinen politischen Kontakten. Da schon seit langem die utopische Vorstellung einer besseren Welt der Motor für seine Arbeit gewesen war, fühlte er sich den Thesen von Marx und Engels nahe. Ganz durchdringen konnte er den kommunistischen Ansatz jedoch nie – er quälte sich mit dem „Kapital“ ab, und Engels sah in ihm eher einen Gemütssozialisten. Dennoch griff Morris einige der Ideen der beiden Urkommunisten auf und verarbeitete sie in seiner literarischen Arbeit – vor allem im Roman „News From Nowhere“. Im Jahr 1875 kam es dann zur Gründung der Firma Morris & Company, und tatsächlich schaffte es Morris, die Firma stärker in Richtung einer effektiven Produktion zu entwickeln. Erstmals hatte er finanziellen Erfolg.

Neue Ideen für Papier und Textil

„Der Poet und Tapetenmacher“ – so bezeichnete ihn der Schriftsteller Henry James und zeigte damit auf, wofür Morris in der Öffentlichkeit bekannt war. Die in Mode gekommene Papiertapete war wie geschaffen für die Möglichkeiten des neuen Designs, so wie Morris es verstand. Für ihn war die Aufgabe der Kunst untrennbar verbunden mit der Schaffung eines schönen und gemütlichen Heims. Die Tapeten und Teppiche, die Möbel und alle Dekorationselemente, die er entworfen hat, sind dieser Vorstellung unterworfen. Um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen, experimentierte er mit neuen Techniken, die komplizierte Farb- und Formeffekte zum Resultat haben sollten. Seine Arbeiten jener Jahre nach 1874 waren gekennzeichnet durch eine unglaubliche Fülle an Ornamenten, die oft einen dreidimensionalen Effekt hatten. Mit Entwürfen wie dem berühmten „Erdbeerdieb“, bei dem er Pflanzenfarben geschickt übereinander legte, erzielte Morris seine durchschlagenden Erfolge, die ihn über Jahre hinaus zu einem der wichtigsten Entwerfer der neuen Bewegung machten.

1881 übernahm Morris die Textilfabrik in Merton Abbey, und seine Stoff-Designs feierten große Erfolge in ganz Europa. Der Umzug in das Kelmscott Manor leitete eine weitere Entwicklung in der schier unerschöpflichen Kreativität William Morris ein. Die Beschäftigung mit der Kunst der Buchdrucker kam für den literarisch immer noch sehr aktiven Schriftsteller zwangsläufig, und er entwickelte mit seiner Kelmscott Press weitreichende Vorbilder für den Zusammenhang von Schrift und Bild. Doch davon später mehr.

Beitragsbild

„Pimpernel“, 1876, tapetmönster av William Morris. Rapporten omfattar avsnittet med två blomkalkar som vänts och upprepats. Inv nr  315667. von Landin, Mats – Nordic Museum Foundation, Sweden – CC BY-NC-ND.

https://www.europeana.eu/de/item/91625/nomu_photo_NMA0027748

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