Peter Behrens

Beitragsbild: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)
Teile der Trinkglasserie mit rubinroten Füßen in der Ausstellung zum 150. Geburtstag von Peter Behrens im Museum für Angewandte Kunst Köln (2018), gefertigt 1901 in der Rheinischen Glashütte Ehrenfeld

Er gilt als der erste Industrie-Designer. Peter Behrens ging über die Ansätze des gleichaltrigen Henry van de Velde hinaus und gab die wesentlichen Impulse zur Entwicklung der ästhetischen Gestaltung der Moderne. Wie der belgische Kollege war er Autodidakt, und wie er konnte auch Behrens sich einen Namen als weithin bekannter Architekt machen. Von Anfang an setzten Freunde und Mitstreiter große Erwartungen in die Entwicklung des Gestalters, von dem sie glaubten, er sei derjenige, der die erhoffte Synthese aller Künste in einen einheitlichen Stil bewerkstelligen könnte. Mit seinen Entwürfen begleitete er einen durchgreifenden Geschmackswandel in Deutschland, der mit dem Jugendstil um die Jahrhundertwende seinen Anfang nahm.

Der Vater des modernen Designs

Mit einem beträchtlichen Erbe ausgestattet, machte sich der junge Behrens nach dem Beginn eines Studiums der Malerei an der Hamburger Kunstgewerbeschule und der Düsseldorfer Kunstakademie auf den Weg nach München. 1890 traf er im Zentrum der deutschen Jugendstilbewegung ein und knüpfte erste Kontakte zu August Endell, Bruno Paul und Richard Riemerschmid. Mit ihnen gründete er 1897 die Vereinigten Werkstätten für Kunst und Handwerk. Vier Jahre zuvor war Behrens bereits eines der Gründungsmitglieder der Sezession gewesen. Nachdem er in den ersten Jahren eher mit mäßigem Erfolg als Maler gearbeitet hatte, gelangen ihm jetzt einige achtbare Holzschnitte und Ornamente, mit denen er vor allem in der Zeitschrift Pan auf sich aufmerksam machte. Entscheidend für die Wende zum kunsthandwerklichen Arbeiten war aber die Zusammenarbeit mit anderen Kunsthandwerkern in den Werkstätten. Ab diesem Zeitpunkt lassen sich Entwürfe für Möbel, Geschirr, Gläser, Teppiche und Stoffe verzeichnen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Behrens_Der_Kuss.jpg

In den Jahren 1898 und 1899 veröffentlichten  Friedrich Carstanjen im Pan und Julius Meier-Graefe in der Dekorativen Kunst wichtige Aufsätze über Behrens, begleitet jeweils von einer Fassung des Druckes Kuss. In diesem Blatt offenbarte Behrens auch seine grafische Begabung. Eine klare Ordnung der Fläche zeichnet die grafischen Entwürfe von Behrens aus. Der Kuss mit seiner Betonung der schwingenden, schlangenhaften Haare zeigt die Idee des Jugendstils in seiner Reinform.

Große Chance in Darmstadt

1899 war das Jahr, das einen entscheidenden Wendepunkt für die spätere Karriere des Architekten Behrens darstellte. Der hessische Großherzog berief ihn nach Darmstadt, wo er an dessen ehrgeizigem Projekt einer Künstlerkolonie mitwirken sollte. Das Konzept für die erste Ausstellung der Künstlerkolonie sah vor, dass alle beteiligten Künstler sich mit dem Entwurf eines eigenen Hauses vorstellten. Als Autodidakt in Sachen Architektur, aber voller Begeisterung, machte Behrens sich daran, ein Haus zu entwerfen, das etwas völlig Neues vorstellen sollte.

Das Haus Behrens, das 1901 auf der Mathildenhöhe entstand, ist Ausdruck seiner großen Verehrung Nietzsches und geprägt von Zitaten vor allem aus dessen Buch Also sprach Zarathustra. Behrens zeigte sein Haus als Ausdruck einer großen Seele im Sinne Zarathustras, den Nietzsche ausführlich über Farbwahl und Symbolik sprechen lässt. Mit gelbem Boden und leuchtend roten Möbelbezügen folgte Behrens akkurat den Beschreibungen aus der literarischen Vorlage, und an vielen Stellen im Hause finden sich „Adler“ und „Diamant“ als unmittelbare Bezüge zum Text. Der Diamant, der als „Edelstein“ alles bestrahlt mit den „Tugenden einer Welt, welche noch nicht da ist“, findet sich in vielen ornamentalen Details im Hause wieder. Die hell verputzte Fassade spiegelte die großzügige Raumaufteilung und unterstützte mit Backsteingliederungen einen auffallenden Vertikalzug. Die Idee des Gesamtkunstwerks beeinflusste die Innenausstattung und zog sich konsequent durch alle Details der Gestaltung. Noch deutlicher verfolgte Behrens die neue Harmonie aller Künste in seinen Konzepten eines neuen Theaters. Er wollte, dass „Raum … Musik und Vers, Farbe und Form“ zusammenwirken sollten, und entwarf ein Rundtheater, in welchem der Zuschauer eine völlig neue Erfahrungswelt kennen lernen sollte.

1900 erläuterte er seine Theorien in der Publikation Feste des Lebens und der Kunst. „Eine Betrachtung des Theaters als höchstem Kultursymbol“ nahm er im Zusammenhang einer neuen Ästhetik vor. Als sich seine Pläne in Darmstadt nicht realisieren ließen, strebte er nach neuen Aufgaben. Zunehmend empfand er die Künstlerkolonie als zu eng. Er war der Meinung, dass „der einzig gangbare Boden zur Verwirklichung meiner erträumten aesthetischen Kultur Berlin ist“. Im Herbst 1902 beteiligte er sich an einem Wettbewerb des Warenhauses Wertheim,  die Ausstattung moderner Wohnräume betreffend. Im Folgenden erhielt er kleinere Aufträge und einen Lehrauftrag an der Kunstgewerbeschule in Nürnberg.

Düsseldorfer Jahre

1904 wurde er zum Direktor der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule berufen, an der er neue Maßstäbe setzen konnte. Innerhalb weniger Jahre verhalf er dem Institut zu einem ausgezeichneten Ruf. Ein einziger Auftrag der Stadt Düsseldorf, die Gestaltung eines Lesesaals auf der Weltausstellung in St. Louis, wurde begleitet von zahlreichen Aufträgen für Sonderschauen. Herausragendes Projekt dieser Jahre war die Konzeption des „alkoholfreien Restaurants“ Jungbrunnen auf der Düsseldorfer Kunst- und Gartenausstellung 1904. Das Restaurant stand ganz unter dem Einfluss der Wiener Werkstätte, zu der Behrens Kontakt hatte – unter anderem berief er von dort Josef Bruckmüller als Lehrer nach Düsseldorf. Behrens zeigte sich beeindruckt von den klaren Linien der Formen, die im Umfeld Koloman Mosers und Josef Hoffmanns entwickelt wurden. Sein Stil zeigte zunehmend Züge einer gestalterischen Auffassung, die das Kunsthandwerk und die Architektur auf geometrische Einzelformen zurückführte.

Erfolgsgeschichte AEG

1907 kündigte Behrens seine Stellung in Düsseldorf, um einer neuen Herausforderung zu folgen: der Berufung zum künstlerischen Beirat der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft in Berlin. Dort schuf er 1909 eine Halle für große Turbinen, die bei AEG seit 1902 hergestellt wurden. Für die meisten Architekturhistoriker stellt diese Turbinenhalle der AEG einen Meilenstein in der Entwicklung moderner Architektur dar: eine Halle für die Quelle der modernen Energie. Mit ihrer signifikanten Frontansicht wurde diese Halle zum „Gesicht“ der Firma AEG und insgesamt zum Ausdruck einer neuen Industriekultur. In den folgenden Jahren entstanden für die AEG nicht nur weitere Gebäude, sondern auch zahlreiche Entwürfe für die Geschäftspapiere des Unternehmens und vor allem für die große Produktpalette. Hier ist der legendäre Wasserkessel ein hervorragendes Beispiel dafür, wie modernes Industriedesign funktionieren sollte: In einer Serie von drei Grundformen stellte Behrens drei verschiedene Materialien (reines, vernickeltes und verkupfertes Messing) sowie drei verschiedene Oberflächenstrukturen (glatt, gehämmert und geflammt)vor, kombinierbar in drei verschiedenen Größen. So ergaben sich insgesamt 27 verschiedene Produktvariationen.

Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit einem Unternehmen sollte die Arbeit des Designers Peter Behrens auch in den kommenden Jahren bestimmen. 1920 setzte er mit der Gestaltung des Verwaltungsgebäudes der IG Hoechst in Frankfurt erneut architektonische Maßstäbe. In seiner kongenialen Umsetzung der Firmenprodukte mittels eines avantgardistischen Farbkonzepts und in der kathedralartigen Gestaltung der Eingangshalle stellte dieses Gebäude einen Höhepunkt modernen Bauens dar.

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4 Comments

  1. Sehr informativer Artikel!

    Weitere Informationen und Anschauungsobjekte zu Peter Behrens findet man in der 5. Etage des Behrens-Bau in Oberhausen:
    LVR-Industriemusem
    Peter-Behrens-Bau
    Essener Straße 80
    46047 Oberhausen

    Im Erdgeschoss ist momentan die sehenswerte Ausstellung über die Fotografie in der Weimarer Zeit zu sehen. Also ein Besuch lohnt sich!

    • Vielen Dank für den Hinweis! Ich war vor einiger Zeit auch dort zu einem Insta-Walk eingeladen. Das war wirklich lohnenswert!!

  2. Ich liebe diese Gläser!!
    Den Kuss hatte ich als Jugendliche (irgendiwe aus einer Zeitschrift), lange in meinem Zimmer an der Wand hängen. Hat mich total fasziniert.

    • Bei den Gläsern find ich auch besonders toll, dass sie aus Ehrenfeld stammen!!!! Die hätte ich auch gerne! Und ja, den Kuss fand ich auch immer schon genial!

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