Loïe Fuller – die Tänzerin des Jugendstils

Das Beitragsbild ist die berühmte Lampe von Raoul Larche, der Loie Fuller als Salome darstellte. Ich habe sie aus der Online-Sammlung des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg.

„It’s a butterfly – a butterfly“, sollen die Zuschauer bei einem der ersten Auftritte der amerikanischen Tänzerin gerufen haben. Diese spontane Begeisterungsäußerung zeigt, wie geschickt Loïe Fuller es verstand, ihre Auftritte so zu inszenieren, dass das Publikum ganz in ihren Bann gezogen wurde. Wie sehr sie den Jugendstil inspirierte, zeigt eine erstaunlich hohe Anzahl von Kunstwerken, die Loïe Fuller und ihren Tanz zum Thema haben.

Im komplizierten Irisdruck-Verfahren entstand 1893 eine Serie von faszinierenden Lithographien, mit denen Henri Toulouse-Lautrec versuchte, die spezielle Erscheinung von Loïe Fuller einzufangen. In zarten Farbverläufen bearbeitete er die Drucke und schuf so eine kongeniale Umsetzung der Bühnenauftritte. Es scheint, als sei er auch hier – wie so oft – ein aufmerksamer Beobachter hinter den Kulissen gewesen. Einen offiziellen Auftrag für ein Plakat erhielt er jedoch nie von der Fuller. Ganz der Mode der Zeit entsprach Jules Chéret mit seinem beschwingt-süßlichen, aber künstlerisch längst nicht so spannenden Plakat, das Loïe Fuller in den Folies Bergère ankündigt.

Loie Fuller, Lithographie von Henri Toulouse Laurtrec, 1893, Rijksmuseum

Sie kam, tanzte und siegte

Die amerikanische Tänzerin kam 1892 nach Europa und zeigte den Parisern eine Tanzdarbietung, die sie einige Jahre zuvor „erfunden“ hatte: den Serpentinentanz. Loïe Fuller, die eigentlich Marie Louise Fuller hieß, übernahm die Idee der Bewegung von Stoffen aus anderen Tänzen – wie zum Beispiel dem Cancan-Vorläufer „Skirt Dance“ – und entwickelte diese weiter. Um ihre Erscheinung mit den exzentrischen Bewegungen zu akzentuieren, hatte sich Fuller verschiedene Tricks einfallen lassen: Die Bühne war mit schwarzen Vorhängen und einem schwarzen Samtboden ausgestattet und lieferte so einen perfekten Hintergrund für ihren Auftritt, den sie von Kaltlichtscheinwerfern und – ganz neumodisch – elektrischen Lampen beleuchten ließ.

„La Loïe“ oder die „Fée de l’Electricité“, wie sie auch genannt wurde, war eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeit, deren Tanz und Bühnenperformances über den eigentlichen Beitrag zum modernen Tanz hinaus als Aspekt der künstlerischen Avantgarde gewertet werden muss. Der Dichter Mallarmé gewährt uns einen unmittelbaren Blick auf „La Loïe“ und beschreibt ihren Tanz adäquat poetisch:

„Im gewaltigen Bad der Stoffe schwindet die Tänzerin strahlend und kalt, die manches wirbelnde Thema ins Licht setzt, aus dem sie ein weitgespanntes Gewebe blühen lässt: Blütenblatt und Schmetterling, beide riesenhaft, eine Brandung, die doch durch und durch klare und erkennbare Ordnung ist. Ihr Schmelzen in raschen Übergängen entbindet phantasmagorisches Knallgas aus Dämmer und Grotte – wie rascher Wandel der Leidenschaften, Wonne Trauer Zorn: Um diese, gewaltsam oder verwaschen, in prismatisches Spiel zu versetzen, bedarf es des Taumels einer Seele, wie durch ein Kunststück ins Freie gebracht.“

Choreographie auf neuen Wegen

Loïe Fuller hatte eine Choreographie von verschiedenen Tänzen entwickelt: Serpentine, Veilchen, Schmetterling, weißer Tanz, Feuertanz, Lilie. Schon die Namen der Tänze sprachen eine ganz deutliche Sprache und fügten sich perfekt in den Formenkanon jener Jahre. Besonders beeindruckend muss der Feuertanz gewesen sein, in welchem sie mittels Lichtinszenierung in einer alles verzehrenden Flamme zu stehen schien. Ihre aus dünner Seide bestehenden Gewänder waren von unglaublicher Zartheit – an manchen Stellen auch mehr durchscheinend als verhüllend. Dennoch war das Spiel mit der Erotik, das viele ihrer Varieté-Kolleginnen inszenierten, nicht ihre Sache. Sie konzentrierte sich auf den künstlerischen Ausdruck der Stoffbahnen, die sie mittels überlanger Stäbe, die in den Enden der Ärmel steckten, hoch in die Luft schwang. Durch aufwendige Bemalung mit Schlangenmotiven und abstrakten Ornamenten bezog sie sie später noch unmittelbarer auf ihre Tanzinszenierungen.

Die Entwicklung des modernen Tanzes in der Zeit um die Jahrhundertwende ist maßgeblich von amerikanischen Tänzerinnen beeinflusst worden. Allen voran ist Isadora Duncan zu nennen, die Vorreiterin des Ausdruckstanzes, den sie bewusst in Abgrenzung zur strengen Körperbeherrschung des klassischen Balletts zu entwickeln begann. Duncan orientierte sich an den Vorbildern der Antike, kleidete sich bei Aufführungen entsprechend und tanzte barfuß – damals noch eine kleine Sensation. Mary Wigman schließlich führte die Ansätze des neuen freien Tanzes zum expressionistischen Ausdruckstanz. Durch ihre Freundschaft zu den Künstlern dieser Epoche gab es auch bei ihr spannende Wechselwirkungen zwischen Tanz und bildender Kunst.

Erfolg auf der Weltausstellung

Doch zurück zu Loïe Fuller. Wo Duncan eher die Vorbilder der Antike nachtanzte und Wigman eine Kombination aus freier Gymnastik und Körperbewegung entwickelte, war ihr Tanz gekennzeichnet von einer lyrischen Beschwingtheit. Darüber hinaus setzte Miss Fuller auch Maßstäbe technischer Art. Mit ausgiebiger Bewunderung kann man heute auf die damaligen Experimente blicken, die sie mit verschiedenen Schablonen, geätzten Glasscheiben und anderen strukturgebenden Materialien betrieb. Das gelenkte, gefärbte und lebendige Licht war ihr Thema, und damit war sie natürlich ganz auf der Höhe der Zeit, in welcher die Wunder der Elektrizität gefeiert wurden. Bei allem Mut, den sie dabei zeigte: Wenn sie gewusst hätte, wie gefährlich es ist, Radium zu verwenden, und dass das helle, grelle Licht ihre Augen später nachhaltig schädigen würde, dann wäre ihr bestimmt nicht so viel Ungewöhnliches gelungen. Mit ihrem Theater, das gleichzeitig auch als eine Art „Loïe-Fuller-Museum“ fungierte, reüssierte sie auf der Weltausstellung 1900. Den Pavillon zierte ein Gipsrelief, welches wie eine Momentaufnahme ihrer tanzenden Stoffbahnen wirkte. Hier inszenierte Fuller ihren Tanz und die bühnentechnischen Raffinessen meisterlich. Interessanterweise genügte ihr das nicht. Durch Beiträge von japanischen Tänzern aus dem Nô-Theater reicherte sie ihr Programm an und lieferte einen weiteren Beweis für ihre avantgardistische Natur – die Einflüsse des Japonismus finden sich also auch im Bereich des Tanzes.

Loïe Fuller und die Avantgarde

Loïe Fuller pflegte intensive Freundschaften zu vielen Geistesgrößen ihrer Zeit. Rodin gehörte dazu, sein Schüler Raoul Larche schuf die legendäre „Loïe Fuller“-Lampe. Mit drei verschiedenen Skulpturen, die durch Leuchtmitteln zu einer lebendigen Umsetzung der Tanzperformance gerieten, machte der Rodin-Schüler Furore. Die in kleiner Stückzahl produzierten Lampen avancierten schnell zu den begehrtesten Objekten für die moderne Inneneinrichtung und stellten einen Höhepunkt der neuen Stilkunst dar.

Der Tanz war ihre Domäne, doch nicht nur auf diesem Gebiet und in der Bühnentechnik war „La Loïe“ innovativ. Sie gilt auch als eine extrem interessante Pionierin des neuen Mediums Film. Die enge Freundschaft Fullers zur Königin von Rumänien, die Fuller pflegte, brachte zwei Filme hervor, die auf der Grundlage von Märchen der unter dem Pseudonym Carmen Sylva schreibenden Königin entstanden. Im Jahre 1919 entstand „Le Lys de la vie“, ein filmisches Projekt, das Fuller in Zusammenarbeit mit ihrer Lebensgefährtin Gab entwickelt hatte und in dem sie vor allem die Ausstattung übernahm.

Wie modern die Tanzgöttin ihre Karriere plante und vorantrieb, zeigen zwei Dinge: Zum einen schrieb sie mit „Fifteen Years of a Dancer’s Life“ ihren eigenen Mythos fort. Sie machte ein großes Geheimnis um biographische Angaben und ganz besonders um Details ihrer Kostüme, was natürlich die Aura des Außergewöhnlichen unglaublich steigerte. Auf der anderen Seite erwies sie sich als clevere Geschäftsfrau, die schon sehr früh an die Patentierung ihres Bühnenequipments und auch ihrer Tanzideen dachte. Das war sicher nicht übertrieben, denn kurz nach ihrem ersten Auftritt in Paris tauchten zahlreiche Nachahmerinnen auf. Jedoch erreichte keine von ihnen je das Original.

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