Jugendstil: viele Wege – ein Ziel

Dies ist der erste Beitrag einer Serie zum Jugendstil, die ich hier auf meinem Blog veröffentlichen werde. 2008 habe ich ein Buch bei ullmann publishing veröffentlicht. Da es den Verlag in dieser Form nicht mehr gibt, gingen die Rechte an den Texten an mich zurück. Dies nehme ich nun zum Anlass, sie hier zu veröffentlichen. Und komme damit zum Beginn meines Blogs zurück, denn 2006 hatte mich genau dies motiviert, zu bloggen: Texte, die ich in anderen Zusammenhängen geschrieben hatte, für alle zugänglich zu machen. Daraus ist dann über all die Jahre die „Marke“ Kulturtussi geworden, mit all den anderen Aktivitäten in den sozialen Netzwerken. Ich hoffe, ihr habt Freude an den Beiträgen. Ich werde versuchen, einen wöchentlichen Rhythmus einzuhalten. Allein die Bebilderung macht mir ein bisschen Probleme, denn bei vielen der Jugendstil-Werken sind die Nutzungen nicht frei verfügbar. Deswegen seht es mir nach, wenn es nicht so üppig viele Abbildungen zu den Texten gibt. Nun aber viel Spaß mit dem ersten Beitrag, der sich mit dem Phänomen Jugendstil allgemein beschäftigt und den Begriff kurz in den Blick nehmen wird.

Was wird unter Jugendstil verstanden?

„So viel Jugend – so viel Stil“. Mit diesem Zitat war eigentlich Richard Riemerschmid gemeint, ein Vertreter des Münchener Jugendstils. Gleichzeitig bildet diese Charakterisierung aber einen schönen und leichten Auftakt zu einer Auseinandersetzung mit jenem Begriff, der schnell und selbstverständlich eine Fülle von Bildern vor dem geistigen Auge evoziert. Wer denkt nicht automatisch an schwellende Formen, schwingende Details, wallende Haare und extravagante Ausstattungen? Bei näherer Betrachtung ist jedoch kaum ein anderer Begriff der Kunstgeschichte so schwer greifbar und so wenig an klar umrissenen Fakten festzumachen wie der Jugendstil. Was ist genau gemeint, wenn man von Jugendstil spricht?

Die Vielfalt der Begriffe

Streng genommen handelt es sich um eine Kunstrichtung, die allein in Deutschland verfolgt werden kann. Dennoch werden viele Begriffe wie Art Nouveau oder Sezessionsstil als Synonyme für Jugendstil angesehen. Vollends Verwirrung schafft eine schier überbordende Menge von Stichwörtern, die ebenfalls mit dieser Kunstrichtung in Verbindung gebracht werden. Begriffe wie der italienische Stile Floreale (auch Lilienstil oder Wellenstil)  oder der belgische Style Nouilles (Nudelstil) bis hin zur französischen Variante Style coup de fouet (Peitschenstil) sind dabei auf rein formale Aspekte zurückzuführen. Die Bezeichnung Stile Liberty setzte sich in Italien durch, nachdem der englische Handelshausvertreter Sir Arthur Lasenby Liberty die Erzeugnisse der „Arts and Crafts“-Bewegung nach Italien importiert hatte. Er wurde in der Folge auch häufig als Stile Inglese bezeichnet.

Unter dem Stichwort Modern Style wird die Entwicklung der Kunst um die Jahrhundertwende in England zusammengefasst – davon abgeleitet tauchen in Spanien die Begriffe Stile modernista und Modernismo auf. Die Nieuwe Kunst in Holland ist ebenso eine Umsetzung der allgemeinen Aufbruchstimmung wie der Style 1900 auf die Bedeutung der Zeitenwende zu weisen scheint. Die Verbindung mit einem der wohl bedeutendsten Zentren der Bewegung in Wien führt zu den Bezeichnungen Wiener Stil oder Sezessionsstil. Interessante Varianten sind der Style Metro, der auf die Kombination von Kunsthandwerk und neuen technischen Errungenschaften verweist, oder der Yachting Style, eine hin und wieder verwendete Benennung der innenarchitektonischen Ansätze Henry van de Veldes. Beim seltener verwendeten Begriff Style Jules Verne tun sich Zusammenhänge auf zu den utopischen Entwürfen des Literaten, der in seinen Science-Fiction-Romanen um die Jahrhundertmitte die Moderne gleichsam vorwegzunehmen schien.

Das Ende des Jahrhunderts

Diese und viele weitere Stichwörter führen dazu, dass man sich immer mehr in einer unendlichen Auflistung von Erscheinungsformen eines kunstgeschichtlichen Phänomens verliert, von dem die einen sagen, es sei die erste wirklich moderne Kunstrichtung der Neuzeit, und andere meinen, es sei eine Flucht ins rein Ästhetische gewesen, und die Nähe zum Kitsch sei durchaus vorhanden. L’Art pour l’art  ist eigentlich eine unter Victor Hugo in den 1830er Jahren angestoßene Bewegung, in der die Autonomie der Kunst gefordert wurde, wie sie sich in den folgenden Jahren dann auch in den Strömungen um den Jugendstil durchaus als ein zentrales Thema entwickelte. Dem gegenüber steht der Ausdruck der Décadence, der ebenso oft mit den Erscheinungen der Zeit in Verbindung gebracht wird. Hier wird mit der Epoche eine gewisse Endzeitstimmung verbunden. In seinen Ausdrucksformen schwankt dieser Begriff zwischen sinnlicher Raffinesse auf der einen Seite und einem gewissen Ekel vor dem Verfall auf der anderen.

Mit dem Ausdruck Fin de Siècle wird gerne die Gesamtheit der verschiedenen Stilrichtungen im ausgehenden 19. Jahrhundert beschrieben. Die 1888 in Paris uraufgeführte Komödie, in der auf selbstironische Art die Stimmung der Jahrhundertwende und der Bourgeoisie beschrieben wurde, war hier Namensgeber. Geprägt vom spannungsgeladenen Gegensatz des verarmten Proletariats und der Dekadenz eines überfeinerten Lebensstils spiegeln sich im Begriff Fin de Siècle viele der geistesgeschichtlich bedeutsamen Ansätze des Jugendstils. Da die Bourgeoisie den „schönen Dingen“ einen besonders hohen Stellenwert einräumte, wurde diese Zeit auch als Belle Epoque bezeichnet. Überhaupt ist der Begriff der Schönheit oder, anders gesagt, der Ästhetik ein wichtiger Impuls für die Auseinandersetzungen mit dem Stil der Epoche. Nicht nur die zusammenfassende Bezeichnung Aesthetic Movement (meist für die englischen Erscheinungen), sondern ganz generell auch die Erziehung zum guten Geschmack der Menschen und zur schönen Gestaltung der Welt, in der man lebte, waren Themen, mit denen sich die Künstler der Jahrhundertwende auseinandersetzen wollten.

Und jetzt genau: Jugendstil

Doch noch einmal zurück zum eigentlichen Begriff: dem Jugendstil. Festzuhalten ist, dass die Bezeichnung „Jugendstil“ zum ersten Mal anlässlich der Ausstellung für das Grafische Gewerbe 1897 in Leipzig benutzt wurde. Wie sollte es anders sein: natürlich spöttisch gemeint von Kritikern, die kein Verständnis aufbrachten für die neuartigen und geschwungenen Details, mit denen die Zeitschrift Jugend reüssierte. Zu dieser Zeit hatten sich die Erscheinungen, die heute unter Jugendstil subsumiert werden, allerdings schon längst etabliert.

Will man sich auf eine Zeitspanne festlegen, so lässt sich der Einfachheit halber der Zeitraum von 1880 bis 1910 als fester Kern der Bewegung festlegen. Erste Tendenzen und weitergehende Ausläufer sind selbstverständlich auch davor und danach vorhanden. In relativ wenigen Jahren entwickelte sich ziemlich genau um die Jahrhundertwende eine Sprache der Kunst, die als eines der spannendsten geistesgeschichtlichen Phänomene unserer Zeit gelten darf. Das Prinzip der Erneuerung und die Verbindung von Kunst und Leben sind die Koordinaten, innerhalb derer man sich dem Phänomen Jugendstil nähern sollte. Hierzu gilt es die gesamtgesellschaftliche Situation jener Jahre im Blick zu haben, die mit der Jahrhundertwende eine nie vorher so erlebte Veränderung der Lebensumstände erfahren hat. Neue Strukturen in der Gesellschaft führten zu neuen Aufgaben für die Kunst, die nun nicht mehr den alten religiösen oder herrschaftlichen Themen verpflichtet sein musste. Gleichzeitig zog die industrielle Entwicklung ein rasantes Wachstum der Städte nach sich, eine neue Urbanität, die den Nährboden für technische Entdeckungen bildete.

Betrachtet man die kunstgeschichtlichen Phänomene kurz vor dem Einsetzen dieser neuen Bewegung, die im Grunde bereits mit den ersten Strömungen der Arts and Crafts-Bewegung um 1870 begann, so stellt man fest, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine gewisse Resignation hinsichtlich neuer Ideen in der Kunst vorherrschte. Nach Romantik und Naturalismus war kaum mehr als ein schwächelnder Eklektizismus vorhanden. Jedoch konnte das Wiederholen der alten Formen, das oft auch mangels stringenter Ideen zu einer schwülstigen Überladenheit führte, nicht die Lösung sein in einer Zeit, in der die Welt sich in eine neue Ära aufmachte. Hier wurde von der Kunst ein entscheidender, ein neuer Impuls gefordert. Ob als romantisch-utopische Reaktion auf die Macht der Maschine oder als Wegbereiter moderner Formgebung, als Gegenargument gegen den Eklektizismus oder als Ausdruckswillen des modernen Menschen: Der geistesgeschichtliche Zusammenhang bringt die Konturen des Jugendstil hervor und erlaubt Einblicke in den Zeitgeist, der sich in dieser Kunst manifestiert.

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