Die Künstlerkolonie Mathildenhöhe

„Und wo der ewige Glanz der Sterne durch blauen Äther zu uns strahlt, von dort und hier crystallene Helle uns durchdringt, der großen Ordnung klarer Geist in einem Demant uns sich offenbart, da erkennen wir in innerster Lust das Recht auf neues Leben.“ Das Bild, das in der Eröffnungszeremonie der wichtigsten Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie am 15. Mai 1901 gezeichnet wurde, machte deutlich: Diese Vereinigung unterschied sich von anderen Kolonien und Sezessionen. Hier offenbarte sich eine Utopie. Angestoßen von einem Menschen, der sämtliche künstlerischen Kräfte mobilisierte, um die neuen Ideen zu gestalten. Dieser Mensch war Ernst Ludwig, Großherzog von Hessen bei Rhein und Enkel der englischen Königin Victoria.

Darmstadt, Mathildenhöhe, Hochzeitsturm
Nikolaus Bernau, Nikolaus (Fotograf) –
Mediathek des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, Germany – CC BY-NC.
https://www.europeana.eu/de/item/626/item_WTNN4L7TADURGAOJZ5FFKSKKPV7ARFWU

„Mein Hessenland blühe und mit ihm die Kunst“

Gemeinsam mit dem Verleger Alexander Koch hatte der Großherzog die Notwendigkeit neuer Konzepte für eine nachhaltige Verbindung von Kunst und Industrie erkannt. Durch seine englische Verwandtschaft hatte er früh die Arts and Crafts-Bewegung kennen gelernt und sah in ihr das Potenzial für die Entwicklung eines kleinen Provinzstaates, den er zum Blühen bringen wollte. Das wilhelminische Deutschland empfand er als eng und muffig. Die Freiheit neuer Gedanken, so sein Ansatz, brauchte die Freiheit neuer Umgebungen. Er forcierte die Wiederbelebung alter deutscher Werkstoffe und verfolgte den mittelalterlichen Bauhüttengedanken.

Ernst Ludwig berief einen der Hoffnungsträger neuen Bauens nach Darmstadt: den Wiener Joseph Maria Olbrich. Dieser sollte ihm die Gebäude der neuen Kolonie auf der Mathildenhöhe schaffen, in denen der neue Geist wehen sollte. Der geistige Überbau des Konzeptes war die Einheit von Leben und Kunst. Und so zog er nach und nach mit Künstlern wie Peter Behrens, Hans Christiansen, Patriz Huber, Ludwig Habich, Rudolf Bosselt und Paul Bürck die Protagonisten einer neuen Ära an seine Seite. Sie bildeten den Kern der Künstlerkolonie.

Am 15. Mai 1901 wurde die rauschende Eröffnung einer weithin Aufsehen erregenden Ausstellung gefeiert. Während der als Theaterstück inszenierten Feier schritt eine in einen purpurnen Mantel gehüllte monumentale Gestalt die Stufen des von Olbrich errichteten Atelierhauses herunter und deklamierte unter dramatischen Tubaklängen: „Euch beginnt ein neues Leben: Fasst es und ihr seid glücklich.“ Der Ausstellungstitel hätte programmatischer kaum lauten können: „Ein Dokument Deutscher Kunst“.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Mathildenhoehe-ernst-ludwig-haus-076.jpg

Neue Architektur

Das auf Repräsentation ausgerichtete Gebäude, nach dem Mäzen „Ernst Ludwig Haus“ genannt, bot nicht nur den notwendigen Platz für Ausstellungen, sondern erlaubte im Sinne einer Künstlerkommune auch das gemeinsame Arbeiten und Leben. Zusätzlich zum zentralen Ateliergebäude, das mit den Figuren „Mann und Weib“ vom Bildhauer Habich geschmückt wurde, lieferte Olbrich noch die Entwürfe für weitere Künstlerhäuser, die sich locker um das Zentrum auf der Mathildenhöhe gruppierten. Der eigenwillige Behrens, sicher der einzige Künstler, der die Vormachtstellung Olbrichs in Frage zu stellen imstande war, lieferte mit dem Konzept für sein eigenes Haus eine symbolträchtige und durchdachte Architektur für dieses Darmstädter Jugendstil-Rund. Alles im Haus schien an den von Behrens verehrten Nietzsche zu erinnern: Überall begegnete einem der stilisierte Adler – ein versteckter Hinweis auf den Zarathustra.

Die Inszenierung der Architektur auf der Mathildenhöhe wurde von technischen Neuerungen begleitet, die möglich machten, dass nach einem ausgeklügelten Farbkonzept von Hans Christiansen die Häusergruppe abends in wechselndem Licht erschien. Die auf einigen der Gebäude angelegten Terrassengärten spiegelten die Beschäftigung mit den lebensreformatorischen Aspekten der Gartenstädte wider, und nicht zuletzt zeigte sich der Geist der Moderne in fortschrittlichen Details wie Mischbatterien im Bad und Warmwasser-Heizungen, wie sie zumindest das Behrens-Haus vorweisen konnte.

1905 feierte man den visionären Mäzen Ernst Ludwig, der zum zweiten Mal heiratete, und Olbrich schuf mit dem legendären Hochzeitsturm das stolzeste Merkmal der Künstlerkolonie. Dieses Bauwerk, Aussichtsturm und Denkmal in einem, wurde zum Stein gewordenen Symbol der Vereinigung: Wie zum Schwur erhoben, schien es die Gemeinschaft der Schaffenden für die Zukunft zu erhoffen. Allein diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Zu stark beharrten die unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten auf ihren Eigenheiten, zu schnell zog es die ersten sieben in andere Betätigungsfelder, kamen neue, weniger geniale Künstler hinzu. Und so hatte sich die Utopie zu Beginn des Ersten Weltkrieges schon in Bedeutungslosigkeit aufgelöst.

1868 wurde Ernst Ludwig als Spross der jüngeren Linie des Hauses Hessen geboren. Sein Vater starb 1892 überraschend früh, und so sah sich der junge Thronfolger unvermittelt in der Rolle des Landesfürsten. Im Jahre 1894 heiratete er seine Cousine Victoria Melita. Seine Schwester Alix heiratete noch im selben Jahr den Zaren Nikolaus II., den sie auf der Hochzeit ihres Bruders kennen gelernt hatte. 1899 unternahm der Großherzog mehrere Reisen nach England und pflegte intensive Kontakte zu den Künstlern der Arts und Crafts-Bewegung. 1901 ließ sich Ernst Ludwig von Victoria Melita scheiden und heiratete 1905 Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich, mit der er zwei Söhne bekam. 1907 gründete er die Ernst-Ludwig-Presse zur Förderung des Buchwesens. 1918 wurde er zur Abdankung gezwungen – Hessen-Darmstadt wurde Volksstaat. Ernst Ludwig starb 1937 in Schloss Wolfsgarten bei Frankfurt.

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