Zwischen Tradition und Moderne – die Arts and Crafts-Bewegung

Rauchende Schlote und im Takt der Maschinen arbeitende Menschen – so zeigte sich die industrielle Revolution in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Für Friedrich Engels war sie das Ereignis der Weltgeschichte. Das Ergebnis neuer Techniken war die Massenproduktion. Sie raste durch Europa wie eine alles verschlingende Maschine. Auf der Strecke blieben Kreativität und Lebensqualität. Wie so häufig brachten solche Veränderungen jedoch auch Gegenbewegungen auf den Plan, und so fühlte man sich berufen, nach neuen Mustern für das Leben, die Arbeit und vor allem für die Kunst zu suchen. Die Situation entwickelte sich sogar dergestalt, dass man allein der Kunst die Lösung für die Lebenskrise zutrauen wollte.

Wie alles begann

England gab den Anstoß – die Forderung nach einer Übereinstimmung von Kunst und Leben, die nach einer bewussten Gestaltung des Lebensraumes verlangte, ging eindeutig von hier aus. Eine Bewegung entstand, die vor allem das Kunsthandwerk in einem völlig neuen Licht dastehen ließ. Die Gründung der Arts and Crafts Exhibition Society im Jahre 1888 gab ihr den Namen, und die Ideen des Kunsttheoretikers und Sozialreformers John Ruskin lieferten bereits um die Jahrhundertmitte eine wichtige Grundlage. Seine Ansichten erscheinen heute simpel, betrachtet man die zentrale Forderung nach einer Neubewertung handwerklicher Fähigkeiten. Zudem war die Entfremdung der Arbeit, die Versklavung der Menschen durch die rasende Maschine zu dieser Zeit ein durchaus drängendes Problem. In seinen Publikationen beschrieb Ruskin die ideale künstlerische Arbeitsvoraussetzung. In der Form der mittelalterlichen Werkstätten sah er die Möglichkeit zu selbstbestimmter Arbeit und vor allem eine Freiheit der Gedanken, die für ihn unabdingbar für das kreative Arbeiten war. Eine solche Sichtweise entstand zwangsläufig als Reaktion auf die verheerenden Folgen der Industrialisierung, die in England mehr als anderswo in Europa ihre negativen Auswirkungen gezeigt hatte. Vor allem die Effekte, die diese Entwicklung auf das Kunsthandwerk und die Herstellung alltäglicher Güter hatte, wurden von den Kritikern als symptomatisch angesehen. So wurde allenthalben der Ruf nach dem „Einfachen“ laut, nach ehrlicher Handarbeit und einer Neubewertung des Materials.

Gemeinsam  für ein neues Design

Ruskins Worte waren Balsam für die geschundenen Seelen der demoralisierten Künstler, und so folgten immer mehr seinen Ansichten – allen voran die Schriftsteller und Kunstkritiker. Mit seinem Werk „Die Steine von Venedig“ (1853) legte Ruskin auch den Grundstein für eine neue Auseinandersetzung mit der Gotik, welche von der Arts and Crafts-Bewegung dankbar aufgegriffen wurde. In der Folge solcher Gedanken bekam eine gezielte Ausbildung zentrale Bedeutung, und so entstanden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts immer mehr Schulen, die ähnliche Ansätze und vor allem eine darauf ausgerichtete handwerkliche Fähigkeit unterrichten sollten. Eine der wichtigsten war die Central School of Art and Crafts, die 1896 in London unter der Führung von W. R. Lethaby eröffnet wurde. Wie früh diese Tendenzen in England begannen, für die Entwicklung einer neuen Kunstrichtung wichtig wurden, zeigt ein Experiment, das Henry Cole im Jahr 1847 konzipierte. Mit der Felix Summerly’s Art Manufactures wollte er die Einheit von bildender Kunst und Handwerk anstoßen. Dafür lud er zahlreiche Künstler ein, die für ihn eine bestimmte Anzahl von alltäglichen Objekten entwerfen sollten – Senfgläser, Salzfässer, Rasierschalen … Auf diese Weise war ein Anfang gemacht, der in den folgenden Jahren immer mehr dazu führte, dass sich Maler und andere bildende Künstler berufen fühlten, als Designer für eine neue Zeit aufzutreten.

Eines der Hauptcharakteristika der Arts and Crafts-Bewegung war das Eintreten für die Einfachheit des Designs auf der einen Seite und die Qualität des Materials auf der anderen. Die Materialien sollten für sich selbst sprechen, das Design sollte frei von allem überflüssigen Schmuck sein. Gerade in dieser Hinsicht gab die Bewegung einen der entscheidenden Impulse für das moderne Gestalten. So einfach die Gestaltung, so komplex waren die theoretischen Ansätze und die Gründung verschiedener Gruppierungen innerhalb der Bewegung. 1882 gründeten die Architekten Arthur Heygate Mackmurdo und Herbert P. Horne die Century Guild – eine Vereinigung, die radikal mit der historisierenden Kunstpraxis brechen wollte. „Im Handwerk liegt die wahre Wurzel der Kunst“, postulierte Walter Crane, der 1884 die Art Workers Guild gründete – ganz nach dem Vorbild mittelalterlicher Gilden. Man zog aufs Land und lebte das einfache Leben mittelalterlicher Handwerker in Interessengemeinschaften, die sich vor allem in ihrem Wunsch einig waren, aus der Industriegesellschaft auszusteigen.

Verbreitung des neuen Gedankens

Bereits 1883 wurde die Zeitschrift The Studio gegründet, die maßgeblich an der Verbreitung des Arts and Crafts-Gedankens beteiligt war. Eine ganz eigene Sprache hatte sich entwickelt, die die neuen Ideen begleitete, und so wurden Begriffe wie „Einheit des Designs“, „Wahrheit des Materials“, „Ehrlichkeit in der Konstruktion“ „demokratisches Gestalten“, „Freude an der Arbeit“, „Einfachheit des Lebens“ vielerorts aufgegriffen und zum allgemeinen Vokabular um 1900 transformiert. Die Entstehung zahlreicher Werkstätten nach englischem Vorbild in ganz Europa bis hin nach Nordamerika zeigt die weitreichende Rezeption der Bewegung. Die Einwanderer in der Neuen Welt brachten die alten Handwerkstraditionen über den Atlantik, und genau dort, wo man einerseits die Ureinwohner verdrängte, erhielt man sich andererseits eine gewisse Begeisterung für die Volkskunst und das Handwerkliche.  Aber auch im fernöstlichen Japan gelangte die Arts and Crafts-Bewegung innerhalb der sogenannten Mingei-Periode zu einer gewissen Blüte, allerdings hier erst in den späten zwanziger Jahren, als man vor allem die Schönheit von Alltagsgegenständen betonte und die handwerklichen Traditionen vor allem der Keramikkunst feierte. Bedeutend für die Entwicklung des modernen Designs zeigt sich vor allem die Weiterentwicklung der Arts and Crafts-Gedanken, die zur Gründung des Deutschen Werkbundes führte.

Beitragsbild:

M. H. Baillie Scott: Empfangsraum (Kamin-Partie), c. 1904 Mackay Hugh Baillie Scott – Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 10.1902

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