Das Museum als Filmstar

Dass das Museum eine wunderbare Kulisse für Filmgeschichten sein kann, wissen wir nicht erst seit dem grandiosen Tatort. Mein Favorit ist zum Beispiel eine Szene aus Skyfall, die in der National Gallery spielt. Zurzeit gibt es zwei neue Filme, in denen das Museum sogar eine Hauptrolle spielt. Auf unterschiedliche, aber sehr eindrückliche Weise wird einem in beiden Produktionen das Museum als magischer Ort vorgeführt. Zweimal Kinovergnügen für alle Kunstliebhaber. Ich habe die Vorführungen sehr genossen! Gleichzeitig ist mir in diesem Zusammenhang noch einmal bewusst geworden, wie wichtig Programmkinos sind. Hier folgen also gleich zwei Filmkritiken für euch!

Arteholic

Diesen Film habe ich gestern im Filmhaus angesehen. Hermann Vaske – ein auf intellektuelle Features mit Staraufgebot spezialisierter Filmemacher – hat mit dem genialen Udo Kier eine Reise durch insgesamt sechs Museen, eine Galerie und ein Künstleratelier unternommen. Angelpunkt der Reise, die keiner besonderen Dramaturgie folgt, ist der persönliche Kosmos des charismatischen Schauspielers. Ich wusste gar nicht,  wie tief er in der deutschen Kunstszene verwurzelt ist. Er ist Intimus von Rosemarie Trockel, WG-Kumpel von Marcel Odenbach und Michael Buthe. Er war natürlich auch dicke mit Kippenberger. Seine Geschichten über Warhol und Mapplethorpe kannte man schon eher. Nicht zuletzt war Udo Kier auch Protagonist von künstlerisch ambitionierten Film-Experimenten. Seine Erinnerungen und persönlichen Geschichten garnieren die Dokumentation. Man schmunzelt über seine Anekdoten und fühlt sich, als säße man beim Wein in den früher so typischen Künstler-Runden. Wo immer jemand abenteuerliche Geschichten zum Besten gab.

Der Film wird aber genau an den Stellen spannend, wo er sich hinausbegibt aus der üblichen Doku-Darstellung. Mein absolutes Highlight ist die Szene, in der Kier auf Socken durch das Museum Ludwig tänzelt. Vor den beiden blauen Ikonen von Yves Klein das Rattenlied aus Goethes Faust vortragend. Ein ähnlich performativer Kick findet sich auch beim Besuch des Bonner Kunstmuseums, vor dessen futuristisch anmutender Kulisse Kier Schillers Glocke rezitiert. Das ist großartig. Und so viel spannender als jede kunsthistorische Anekdote.

Es gibt weiter einige interessante Szenen im Film, die ich als eine Art Kommentar verstanden habe. Zum Beispiel sitzt Kier schweigend und Zeitung lesend mit Lars von Trier an einem Tisch in Kopenhagen. Klar, hatte der exzentrische Regisseur doch nach dem Skandal von Cannes ein provozierendes Schweigegelübde abgelegt, das sein Lieblingsschauspieler natürlich solidarisch mitträgt. Oder sehr schön auch die Szene im Atelier von Jonathan Meese. Kier macht sich unverhohlen lustig über das Trotzkind der Kunstszene und Mutter Meese blicket stumm! Wirklich herrlich entlarvend!

Eine Erwähnung wert ist auch der grandiose Soundtrack zum Film. Blixa Bargeld hat zusammen mit Teho Teardo eine “Arteholic Suite” komponiert, die den Pulsschlag liefert, der die einzelnen Stationen dieses Parforceritts zusammenhält.

Die Rahmenhandlung, die die Doku in ein Horrorszenario einbinden will, hätte man wegen mir ruhig weglassen können. Es gibt genug schöne Bildeinfälle. Und so gerät der Schnelldurchlauf durch einige der schönsten Museen zu einer sehr anregenden Reise zur Kunst und vor allem zu ihren Akteuren.

Das große Museum

Schon vor einiger Zeit zog es mich in die Filmpalette. Dort gab es die Preview eines weiteren großartigen Museums-Films. Im Zusammenhang einer ganzen Filmreihe, die die Jungen Kunstfreunde auf die Beine gestellt haben. Später an dem Abend gab es noch eine rege Diskussion mit Museumsdirektor Marcus Dekiert. Mir kam es so vor, als würden die meisten Zuschauer den Film als eine Art Abgesang auf das klassische Museum sehen. Viele der Diskussionsbeiträge hörten sich an, als hätten sie in dem Filmprojekt eine Art Majestätsbeleidigung gesehen. Hatte ich einen anderen Film gesehen? Scheint so!

Der Film von Johannes Holzhausen hat einen Hauptdarsteller – das Kunsthistorische Museum in Wien – und zahlreiche Nebendarsteller. Er ist die zauberhafte Vorstellung eines Mikrokosmos hinter historischen Gemäuern. Sehr ungewöhnlich, wie nah die Kameras herangelassen werden. In die heiligen Hallen, die für die meisten Augenen verschlossenen Depots und Restaurierungswerkstätten. Aber auch an die Prozesse neuer Markenbildung oder Diskussionen über finanzielle Ressourcen. Respekt! Wie man hört, gab es auch durchaus Abteilungen im Museum, die sich verweigert haben. Umso höher ist der Einblick zu werten, der uns hier gewährt wird.

Die Kritiker mögen beklagen, dass in manchem ein anachronistischer Aspekt vorgeführt wird. Dass in den verschroben daherkommenden Mitarbeitern das Unzeitgemäße eines solchen Museums-Urgesteins zutage kommt. Mir geht es da anders. Vielleicht liegt es an meiner persönlichen Vorliebe für das Skurille. Aber nach dem Film empfinde ich eine gewisse Zuneigung diesem Museums-Schlachtschiff gegenüber. Ich bin auch irgendwie erneut begeistert von meinem Beruf als Kunsthistorikerin, wenn ich die vor einem Rubens versammelten Experten sehe, die wie Sherlock mit seinem Watson über ein Gemälde sinnieren.  Und mich ergreift es, wenn ich die akribischen Restauratoren an unfassbar kostbaren Kunstwerken hantieren sehe.

Museum heute

Der Film zeigt wunderbare Kamerafahrten, ermöglicht eine Nahsicht auf Schätze und erzählt die Geheimnisse einer solchen Institution, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Ein bisschen rühren mich die Marketingaktionen und hier scheint der Film durchaus auch seine kritischen Momente zu haben. Köstlich, wenn in einer Szene der sehr kultige Direktor der Jagd- und Rüstkammer kommentiert, dass alles schöne Marketingsprech im Grunde auch zu einer Zahnpasta passen würde! Die Frage, wie ein Museum sich angesichts der Herausforderungen heute verhalten sollte, wird nicht unbedingt in diesem Film beantwortet. Allenfalls könnte man in ihm ein Plädoyer für das Öffnen der in weiten Teilen immer noch hermetisch abgeschotteten Museumswelt sehen.

Am Ende sieht man das wohl berühmteste Werk aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien, den Turmbau zu Babel von Pieter Bruegel d. Ä. Ein Gleichnis der Unvereinbarkeit von Museum und moderner Gesellschaft? Ja, das würde allen Kulturpessimisten wohl auf der Zunge liegen. Ich hingegen sehe in dem Schwenk über das Bild vor allem eine ästhetische Lust. Es juckte den Filmemacher in den Fingern, dieser unglaublichen Komposition mit zahlreichen erzählenden Details auf den Leib zu rücken. Dass es am Ende von der Wand genommen und davontransportiert wird, mag man als Hinweis auf eine Leerstelle sehen, die es zu füllen gilt. Aber in positivem Sinne.

2 Comments

  1. Liebe Anke,
    danke für diese Kritik der neusten Filme zum Thema Kunst und Museum. Beide stehen noch auf meiner Liste und jetzt habe ich noch mehr Lust sie endlich zu schauen. Ich finde die Verbindung von Museum und Film, genau wie die von Museum und Theater ganz wunderbar, da ich glaube, dass gerade das Medium Film besonderes Potential hat den Ort Museum zu erkunden oder zu thematisieren. Egal ob es in einem Tatort, Blockbuster oder in einer Dokumentation geschieht. Museen eignen sich einfach so wunderbar als Schauplatz von Geschichten, sind sie doch selbst Kulturgeschichte und thematisieren Geschichte auf verschiedene Weise durch ihre Gebäude, Orte oder Exponate.
    Lieben Gruß
    Michelle

    • Liebe Michelle,
      ja, geh unbedingt hin! Und ich empfinde das Museum auch als einen besonderen Erlebnisort. Es ist schön, wenn dort mehr zugelassen wird, als die rein kontemplative Betrachtung. Vielleicht gelingt es auch über diese Filme, ein breiteres Publikum für das Museum zu begeistern! Da die Filme jedoch meist in Nischen-Programmen laufen, wird dies wohl eher nicht der Fall sein 🙁
      Auf der anderen Seite will ich natürlich eine Lanze brechen für die engagierten Programm-Kinos!! Wir müssen einfach schauen, dass die Welle der Museums-Lovers immer größer wird. Eine Bewegung, die andere mit sich reißt 🙂
      Herzlichst, Anke

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