Zurbaráns Inszenierungen

Noch vor Weihnachten war ich im Museum Kunstpalast, um mir die opulente Schau mit Bildern des spanischen Meisters Zurbarán anzuschauen. Nicht nur die religiösen Themen, besonders die üppigen stofflichen Details schienen mir eine perfekte Weihnachtsstimmung zu verbreiten. Eigentlich wollte ich schon früher darüber bloggen. Aber weil die Feiertage so schnell vorüber geflogen sind, kommt der Beitrag jetzt erst. Ein zweiter Besuch der Ausstellung soll folgen. Ich bin gespannt, wie sich meine Sichtweise auf Zurbarán verändert haben wird. Die geballte Ladung von Heiligen- und Andachtsbildern ist schon gewöhnungsbedürftig. Aber es gibt eine Fülle spannender Details zu entdecken, die einen in eine faszinierende Welt entführen. Ein Augenschmaus der besonderen Art.

Der Maler der Mönche

Francisco de Zurbarán wurde 1598 in die Zeit der Gegenreformation hineingeboren und erlebte seine Blütezeit als vielbeschäftigter Maler für die Kirchen und Klöster in und um Sevilla. Seinen Höhepunkt erreichte er mit marianischen Themen (die Marienbilder mit ihren Haufen aus Puttenköpfen sind noch mal eine ganz eigene Liga, mir aber definitiv zu süßlich geraten) und eigenen Bilderfindungen wie dem gefesselten Opferlamm. Davon gibt es gleich mehrere Varianten in Düsseldorf zu sehen. Was für ein extravagantes Motiv.

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Agnus Dei, um 1635 – 1640 San Diego Museum of Art, Schenkung von Anne R. und Amy Putnam

Das Höfische überließ Zurbarán übrigens lieber seinem Freund Diego Velasquez. Zwei Jahre am Königshof in Madrid waren für ihn nur eine kurze Episode. Danach zog es ihn wieder in die Nähe der Kirchen und Klöster (für einen Auftrag quartierte er sich sogar für längere Zeit in einem solchen ein.)

Beim Besuch der Ausstellung hat mich vor allem die Serie mit Porträts verschiedener Ordensbrüder in weißem Habit in den Bann gezogen. 50 Shades of White … eine unglaubliche Lebendigkeit, die der Maler dieser Nicht-Farbe abringen konnte. Gesteigert werden diese Bilder von einer Folge mit Darstellungen des Heiligen Franziskus, die in einem der Ausstellungsräume zu einer spannenden Sequenz zusammengeführt sind. Allein 50 Mal hat Zurbarán seinen Namenspatron dargestellt. Hier präsentiert man neben einer Fassung aus eigenen Beständen nun verschiedene Haltungen des Heiligen (Kapuze auf, Kapuze ab :-). Der Totenschädel ist ein interessantes Attribut. Es existiert anscheinend auch eine Fassung mit dem Zusatz “Hamlet” – dazu hätte ich im Katalog gerne mehr gelesen, weil es mir sehr ungewöhnlich vorkommt, diese Verbindung zur Literatur.

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Heiliger Franziskus in Meditation, 1630 – 1635, (c) Museum Kunstpalast, Düsseldorf

Für Eingeweihte spricht die Kleidung des Heiligen Bände. Wir sehen ein deutlich zerschlissenes Gewand, dessen Kratzigkeit man unmittelbar zu spüren meint. Und bemerken eine hohe spitze Kapuze, die dereinst einem berühmten italienischen Heißgetränk ihren Namen geben wird 🙂 Zu beobachten ist die innere Einkehr des Franziskus, der über die “letzten Dinge” sinniert. Dieser in tiefer Meditation und Anbetung verhaftete Typus entsprach anscheinend sehr der damaligen Vorstellung. Askese und einsames Zwiegespräch mit Gott geben hier den Tenor an.

Mit voller Pracht gegen die Reformation

Francisco de Zurbarán Santa Casilda, ca. 1635 Öl auf Leinwand, 171 x 107 cm, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid Francisco de Zurbarán

Santa Casilda, ca. 1635 Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid
© Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid Francisco de Zurbarán

Durch fromme Volkstheater-Stücke ist die Heilige Casilda im Spanien zur Zeit Zurbaráns sehr beliebt gewesen. Der Legende nach brachte sie verfolgten Christen Brote in ihre Kerker. Als sie entdeckt wurde, verbarg sie die Brote in ihren Gewandfalten, wo sie augenblicklich zu Rosen wurden. Eine schöne Geschichte, die einen Fokus auf das Kleid der Heiligen lenkt und die Zurbarán, der Meister des Details deswegen sicher gerne aufgegriffen haben mag. Man kann sich gar nicht sattsehen an der Pracht des Kleides und an der Finesse, mit der die Falten, der Perlensaum und der Glanz der Taftschleppe gemalt sind. Ein Fest der malerischen Fähigkeiten, für die Zurbarán zu Recht bis heute gefeiert wird.

Hier – aber auch bei anderen Gemälden – fällt mir die Besonderheit des Hintergrundes auf. Was für eine virtuose Monochromität. Es kommt mir fast radikal vor. Keine Ablenkung durch unwichtigen Krimskrams oder uninteressante Raumdefinitionen. Einfach nur ein samtiges Braun, das den Schmelz der prächtigen Kleider und des zarten Heiligenantlitzes zum Strahlen bringt.

Rahmenhandlung

Zwei Geschichten aus den Bildern Zurbaráns werden in der Düsseldorfer Präsentation weiter erzählt. Mit einem interessanten Modedesign-Experiment hat sich die Düsseldorfer Akademie Mode & Design auf die Rezeption der Gewänder auf den Gemälden eingelassen. Die Studierenden schienen von der skulpturalen Erscheinung der Gewänder Zurbaráns beeindruckt und entwickelten eigene Vorschläge in diese Richtung. Einige der Ergebnisse sind richtig klasse!

Die Ausstellung setzt auch einen Fokus auf die Stillleben, mit denen auch Zurbaráns Sohn Juan seinerzeit sehr erfolgreich war. Seine Blumen- und Obstpracht vor dunklem Hintergrund sind wahre Kleinode. Auch Vater Francisco brachte es auf diesem Gebiet zu einer beachtlichen Könnerschaft. Ein Funke, der von diesen Meisterstücken übergesprungen ist, setzte die Fantasie von Evelyn Hofer in Gang. Und sie fotografierte Stillleben, die den Zauber der barocken Werke noch zu steigern vermögen. Ich liebe besonders ihre Arbeiten, bei denen die Zitronen oder das Obst auf den mattschwarzen Keramiken aus dem mexikanischen Oaxaca präsentiert werden. Damit schlägt sie übrigens auch einen Bogen zum Wirken Zurbaráns, dessen Arbeiten schon damals in die “Neue Welt” nach Mittel- und Südamerika exportiert wurden.

Ihr seht, es gibt nicht nur einen Grund, sich die Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast anzusehen. Das könnt ihr noch bis zum 31. Januar tun.

 

 

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3 Comments

  1. Liebe Anke !

    Einer meiner ersten Kunstgeschichte-Vorlesungen war die Ikonographie-VO – wo auch viele Werke von Zurbarán gezeigt und behandelt wurden – vorallem das gefesselte Lamm – faszinierte mich sofort. Schade, dass ich die Ausstellung selbst nicht sehen kann, aber herzlichen Dank für den Beitrag !

    Einen guten Rutsch und alles Liebe für 2016 !

    Liebe Grüße
    Alex & Eva

  2. Liebe Alex, liebe Eva,

    ja, man erinnert sich immer noch an die ersten Begegnungen, nicht wahr (bei mir ist das ja schon soooo ewig her…).
    Ich bin auch froh, dass wir die Ausstellung hier hatten. Es gibt ja kaum Zurbarán-Werke in deutschen Sammlungen.

    Euch auch einen wunderschönen Jahreswechsel. Kommt gut rüber und habt einen fantastischen Start in 2016.

    Alles Liebe.
    Anke

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